„Interreligiöser Gesprächsabend: Weltreligionen – Kriegstreiber oder Friedensstifter“

Am 10. April 2014 luden die VHS Bingen und die Evangelische Johanneskirchengemeinde zu einem interreligiösen Gesprächsabend in das Stefan-George-Haus ein.

Seit sechs Jahren treffen sich die in Bingen ortsansässigen Religionsgemeinschaften, um nicht übereinander, sondern miteinander zu reden. In diesem Jahr gab der Erste Weltkrieg, der sich 2014 zum 100sten Mal jährt, Anlass zum Themenschwerpunkt des interreligiösen Abends.  Der „Große Krieg“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts mobilisierte weltweit 65 Millionen Soldaten und forderte in vier Jahren 20 Millionen Opfer. Welche Rolle spielten in der Vergangenheit und spielen bis heute Religionen in kriegerischen Auseinandersetzungen? Dieser Frage spürten Vertreter von vier Weltreligionen nach:

Alois Bauer (Katholische Kirche/Bistum Mainz), Dr. Peter Waldmann (Judentum), Dr. Kurt Hüseyin (Islam),  Pfarrerin Erika Mohri (Evangelische Kirche) und Yoshiharu Matsuno (Buddhismus/Soka Gakkai International). Die Moderation übernahm Rainer Oschewski.

Dr. Waldmann von der Jüdischen Gemeinde sprach über das persönliche Schicksal seiner  Familie, die in Ausschwitz  ums Leben kam. Nach Dr. Waldmanns Ansicht spielt es für die Gesellschaft eine geringe Rolle, ob Religionen Friedensstifter sind, weil sie schließlich politisiert werden. Die Hauptaufgabe sieht er daher in der Zähmung der Religionen.

Frau Mohri von der evangelischen Kirche warf die Frage auf, ob die eigene Religion Ansatzpunkte liefert, gewalttätig zu werden und ob sie zu Gewalt aufrufen kann. Jede Theologie müsse sich in diesem Punkt selbstkritisch prüfen. Sie sprach unter anderem von ihrer persönlichen Erfahrung in Zusammenarbeit mit anderen Religionen, über deren gegenseitige Akzeptanz sowie dem positiven Miteinander. Religionen sollten ihrer Meinung nach mehr aufeinander hören.

Dr. Hüseyin, Vertreter des Islam, betonte, dass die Religion eine wichtige Rolle in der Gefühlswelt der  Menschen spielt. Das Wort „Islam“ komme von „Salem“, was „Frieden“ heiße. Unter Prophet Mohammed habe es zwar viele Kriege gegeben, diese hätten aber nur wenige Opfer (150-200 Menschen) auf beiden Seiten gefordert, wogegen die Kriege, die sich seit der Trennung zwischen Schiiten und Sunniten ereigneten, viele Todesopfer (10.000-70.000 Menschen) gefordert hätten. Im Krieg wurde immer wieder proklamiert: Gott sei groß. Wie bei den Christen im Mittelalter waren die meisten Kriege in islamischen Ländern konfessionelle Kriege. Aus Gründen des Machterhalts prophezeite man stets, Märtyrer kämen ins Paradies.

Für Herrn Matsuno, Vertreter des Buddhismus, reicht das häufig in seiner Religion angestrebte Ziel „Ich bin glücklich“ nicht aus. Friedfertigkeit heiße auch, Krieg nicht zuzulassen. Hierfür sei der erste Präsident der Soka Gakkai, Tsunesaburo Makiguchi, ein gutes Beispiel. Im Zweiten Weltkrieg zwang die japanische Militärregierung alle Religionsgemeinschaften dazu, den Staats-Shintoismus (Kaiserverehrung) anzunehmen, um ihren Aggressionskrieg verherrlichen zu können. Makiguchi blieb jedoch bis zu seinem Tod standhaft in seiner pazifistischen Haltung. Als buddhistische Gemeinschaft hat sich die Soka Gakkai nach seinem Beispiel entschieden, bedingungslos für den Frieden zu arbeiten.

Alois Bauer vom Bischöflichen Ordinariat berichtete, dass sein Großvater der Familie viel über Verdun erzählt hatte, wo er als Soldat in Gefangenschaft kam. Herrn Bauers Vater fiel im Zweiten Weltkrieg. In beiden Kriegen wurde die Bevölkerung ideologisch mit Begriffen wie Tapferkeit, Heldentum, Vaterlandstreue und gerechtem Krieg manipuliert. Auf allen Seiten wurden Waffen gesegnet und der Märtyrertod verherrlicht. Pax Christi, dem sich Herr Bauer anschloss, ist in der Tradition des Friedensbundes deutscher Katholiken angesiedelt. Der neue Name für Frieden heiße Entwicklung. Dabei spielten Gewaltprävention, Deeskalation, Nachsorge und Gewaltfreiheit eine entscheidende  Rolle.

Die ehemalige Bürgermeisterin von Bingen, Brigitte Giesbert, stellte an alle Religionsvertreter die Frage, wie die Religionen in dem Dilemma einlenken können, sich einerseits jeweils vergrößern zu wollen und die jeweils alleinige Wahrheitsgültigkeit für sich zu beanspruchen und andererseits friedvoll zusammen zu leben.

Aus Sicht von Alois Bauer sollten Religionen davon absehen, mehr Macht, Größe und Anerkennung erlangen zu wollen. Ihre Mitglieder sollten sich für diejenigen einsetzen, die für sich selbst nicht einstehen können, und Menschen in den Blick nehmen, die Hilfe brauchen. Yoshiharu Matsuno stellte dazu fest, dass Menschen  Freundschaften miteinander öffnen sollten - unabhängig von ihren Konfessionen. Kurt Hüseyin rief dazu auf, dass Menschen versuchen sollten, die Vorurteile, die durch die Medienwelt verbreitet würden, zu korrigieren und sich durch persönlichen Kontakt mit Menschen in anderen Ländern genauer zu informieren. Peter Waldmann meinte, man sollte nicht unbedingt nach einem gemeinsamen Konsens zwischen den Religionen streben, sondern ihre unterschiedlichen Identitäten stehenlassen und die damit einhergehenden Differenzen aushalten. Erika Mohri schlussfolgerte aus dem Abend, dass man sich für humanitäre Ziele einsetzen und akzeptieren sollte, dass andere Religionen auch eine Wahrheit haben dürfen.

hek
 

 

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