Interreligiöser Dialog in Bingen zum Thema Sterbehilfe

Vertreter der Weltreligionen und Zivilgesellschaft diskutierten am 16. April 2015 zum Thema Sterbehilfe.

Es war der 10. interreligiöse Gesprächsabend, der von der Evangelischen Johanneskirchengemeinde und der Volkshochschule Bingen veranstaltet wurde. Pfarrer Olliver Zobel begrüßte die 90 Teilnehmer im Stefan-George-Haus in Bingen. Es war der bisher am besten besuchte interreligiöse Dialog in Bingen, was zeigt, wie sehr das Thema Sterbehilfe die Menschen beschäftigt.

Barbara Schoppmann vom Malteser-Hospiz-Dienst berichtete aus ihrer langjährigen Erfahrung mit der Hospiz-Arbeit und vor dem Hintergrund ihrer persönlichen christlichen Werte als Katholikin. Der Leitgedanke sei heute leider häufig, dass man anderen nicht zur Last fallen wolle. Ein assistierter Suizid sei ihrer Meinung nach problematisch, denn es bestünde dann die Gefahr, dass dieser Weg schneller gewählt wird, weil er einfacher und wirtschaftlicher ist. Sie plädierte dafür, dass jeder Einzelne Menschlichkeit lebt und damit die gesellschaftliche Kultur mitprägt.  Dadurch wird ein Klima erschaffen, in dem ein Leben und Sterben in Würde möglich ist.

Udo Teßmer, Beisitzender der Internationalen Gesellschaft für Sterbebegleitung und Lebensbeistand e. V. (IGSL), lehnt Tötung auf Verlangen und Suizid ab. Es gehe seiner Meinung nach vielmehr um die Auseinandersetzung mit der Frage, was einen Menschen dazu bewegt, den Weg in den Tod zu wählen. Er sieht hier vor allem die Politik in der Pflicht. Seiner Meinung nach müsse die Palliativmedizin dringend vorangebracht werden.

Pfarrerin Ulrike Windschmitt, evangelische Klinikseelsorgerin aus Mainz, betonte, dass nicht nur der Leidensweg von Jesus in den Tod zu bedenken sei, sondern auch sein Umgang mit den Menschen davor. Die Ausgangsposition für Christen sei daher immer der Schutz des Lebens und die Zuwendung zu leidenden Menschen. Es gehe zunächst darum zu verstehen, warum ein Mensch leidet, was ihn leiden lässt. Man könne allerdings niemals von einer individual-ethischen Situation auf eine sozial-ethische Ebene schließen, weshalb eine einheitliche Regelung schwierig ist.

Als eine der abrahamischen Religionen vertritt der Islam ähnliche Standpunkte wie das Christentum und das Judentum, so Dr. Hüseyin Kurt. Er arbeitet in einem Pflegeheim, das Pflege für Muslime anbietet. Das Leben und die Gesundheit der Menschen ist nach dem muslimischen Glauben ein Geschenk oder eine Leihgabe Gottes. Somit ist jeder Mensch dazu verpflichtet, sein Leben und seine Gesundheit zu pflegen und zu schützen. Alleine Gott, der dieses Leben gegeben hat, darf es auch beenden. Muslime fördern auch die Palliativmedizin.

Der Buddhismus war vertreten durch Yoshiharu Matsuno von der Soka Gakkai International-Deutschland. Herr Matsuno stellte zunächst fest, dass es im Buddhismus keine Dogmen gäbe, sondern die Weisheit des Buddhas lediglich als Inspiration für die individuelle Entscheidung diene. Es geht seiner Meinung nach darum, einerseits körperliche Schmerzen zu lindern, aber vor allem soziale und psychische Hilfe zu leisten, um den Schmerz über die Einsamkeit zu überwinden und den Schmerz zu lindern, wenn dem Menschen seine Vergänglichkeit bewusst wird. Es sei für den Sterbenden wichtig, nicht sinnlos zu sterben. Entscheidend sei daher das Mitgefühl der Mitmenschen.

Dr. Peter Waldmann vom Landesverband der Jüdischen Gemeinden Rheinland-Pfalz sagte, dass es im Judentum Vorstufen der Hospizbewegung gibt, aber es schwierig für ihn sei, über den Tod zu sprechen, weil im Judentum nicht klar definiert ist, was nach dem Tod kommt. Jedoch gehört die Totenpflege, Sterbende und danach die Trauernden in ihrer Trauer zu begleiten, zur „höchsten guten Tat“ im Judentum.

Alle Referenten waren sich darin einig, dass es wichtig sei, die Palliativmedizin zu fördern und dem Menschen ganzheitlich und mit Menschlichkeit auf allen Ebenen beizustehen. Dann würden die meisten Patienten keinen Suizid erwägen. Im Anschluss an die Erläuterungen der Referenten gab es eine rege Diskussion, geleitet von Dr. Ralf Kohl vom Kuratorium der VHS Bingen.

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