Kommentar von SGI-Präsident Daisaku Ikeda zur aktuellen Krise im Nahen Osten

Am 2. April 2012 veröffentlichte der Inter Press Service (IPS) einen Kommentar von Daisaku Ikeda.

Nur der Pfad des Dialogs führt zu einer atomwaffenfreien Zone im Nahen Osten
Von Daisaku Ikeda (*)
 
TOKYO, (IPS) – Das nukleare Entwicklungsprogramm in Iran hat in den letzten Monaten zu anwachsenden Spannungen in der ganzen Region Nahost geführt.
 
Bei meinen Bemühungen zu verstehen, worum es hier geht, musste ich an die Worte des britischen Historikers Arnold Toynbee denken, der davor warnte, dass die Gefahren des nuklearen Zeitalters einen "Gordischen Knoten bilden, der mit geduldigen Fingern gelöst werden muss und nicht mit dem Schwert durchschlagen werden sollte".
 
Mein Eindruck ist, dass diese Spannungen drohen, zu einem bewaffneten Konflikt zu eskalieren. Deshalb rufe ich die politischen Führungen in allen relevanten Staaten zu der Einsicht auf, dass die Zeit gekommen ist, Mut zu zeigen, sich zurückzuhalten und die gemeinsame Basis zu suchen, um aus der Sackgasse herauszukommen.
 
Die Anwendung militärischer oder anderer Gewalt kann niemals eine nachhaltige Lösung schaffen. Selbst wenn es möglich erschiene, eine bestimmte Bedrohung mit Gewalt zu unterdrücken, so bleibt stets ein noch tödlicheres Erbe, geschürt durch Wut und Hass.
 
Es ist eine traurige Konstante der internationalen Politik: Wenn Spannungen ansteigen, steigt gleichzeitig auch der Pegel gegenseitiger Bedrohungen und Unterstellungen. An dieser Stelle sollten wir uns kurz an das Treffen zwischen US-Präsident John F. Kennedy und dem sowjetischen Premierminister Nikita Chruschtschow in Wien beim Höhepunkt der „Berlin-Krise“ 1961 erinnern. Damals wurde Letzterer mit dem Ausspruch zitiert: „Gewalt wird mit Gewalt beantwortet. Wenn die USA Krieg wollen, dann ist es deren Problem. Die Kalamitäten eines Krieges werden beide Seiten gleich schwer zu tragen haben.“
 
Wir sollten aber nicht vergessen, dass im Krieg unzählige normale Bürgerinnen und Bürger die schwerste Bürde des Leidens zu tragen haben. Das ist jedenfalls die schmerzliche Erfahrung, die ganze Generationen von Menschen in den Kriegen des 20sten Jahrhunderts machen mussten. Ich persönlich habe einen meiner älteren Brüder auf dem Schlachtfeld verloren und wir haben zweimal unser Heim verloren. Ich habe noch ganz klar in Erinnerung, wie wir als Kinder mit meinem jüngeren Bruder an der Hand vor den Bomben bei einem Luftangriff geflohen sind.

Jeglicher Einsatz von Massenvernichtungswaffen würde das Sterben und das Chaos unermesslich vergrößern und das alles wäre nicht mehr gut zu machen. Nuklearwaffen im Speziellen sollten endgültig als Waffen der Unmenschlichkeit erkannt und als solche behandelt werden.

Beide Male, während der „Berlin-Krise“ und der „kubanischen Raketenkrise“ 1962, gaben die Führer der beiden Supermächte erst nach, als der Konflikt unmittelbar vor dem Ausbruch stand. Mitten in unerträglich aufgeheizter Spannung haben sie offensichtlich die Verwüstungen erkannt, die ihr Versagen bei der Lösung der Situation anrichten würde.

In der gegenwärtigen Situation wissen wir, dass ein militärischer Schlag gegen die nuklearen Einrichtungen in Iran eine intensive und weitreichende Destabilisierung zur Folge hätte. Ein Vergeltungsschlag wäre unvermeidlich und die Folgen in einer Region, die gerade umfassende Veränderungen durchmacht, unvorhersehbar.

Auch wenn die Dynamik der internationalen Politik in einer Spirale von Drohungen und Misstrauen verfangen ist, dürfen wir die zahllosen Stimmen der Menschen in der Region nicht überhören, die sich wünschen, frei von allen nuklearen Waffen zu leben. Diese öffentliche Einstellung lässt sich in einer Studie vom „Brookings Institute“ der USA verifizieren, die im Dezember veröffentlicht wurde. Darin wurde festgestellt, dass die israelische Bevölkerung in einem Verhältnis von 2 zu 1 sehr wohl ein Abkommen unterstützt, das den Mittleren Osten zu einer nuklearwaffenfreien Zone, einschließlich ihres Landes und Iran, machen würde.

Die internationale Konferenz, die in diesem Jahr einberufen wird, um eine Zone frei von Massenvernichtungswaffen im Nahen Osten zu schaffen, ist also eine Initiative, die den Bestrebungen der Völker in der Region gerecht zu werden versucht. Es müssen daher alle Anstrengungen unternommen werden, damit diese Konferenz erfolgreich wird. Die Beseitigung aller Massenvernichtungswaffen aus der Region ist ein Weg, um die gemeinsamen Sicherheitsinteressen beider Länder, Iran und Israel, sowie aller anderen Länder in der Region zu befriedigen.
Präsident Kennedy, der in seiner Amtszeit mit zwei Krisen apokalyptischer Ausmaße konfrontiert wurde, meinte in einem Satz, der in die Geschichte des Kalten Krieges eingegangen ist: „Unsere Hoffnungen müssen sich an den Warnungen der Geschichte ausrichten.“ („Our hopes must be tempered with the caution of history.“)

Die heutigen Friedensbestrebungen nach einer „nuklearwaffenfreien Welt“ sind von Menschen entfacht worden, die sich unerschütterlich den Prüfungen konkreter Krisen gestellt haben. So ist der Prozess, der zum „Abkommen von Tlatelolco“ in Lateinamerika führte und der die erste atomwaffenfreie Zone in einer bevölkerten Region geschaffen hat, aus der besonderen Situation der kubanischen Raketenkrise entstanden.
Auch damals hat es nicht an zynischen Herabwürdigungen gefehlt, dass solche Anstrengungen nichts als Zeitverschwendung wären. Es hagelte Kommentare, dass es niemals zu einer Einigung über einen derartigen Vertrag kommen könnte. Trotzdem ließen sich die Unterhändler nicht beirren und bestanden auf ihrem Vorhaben.

Heute sind alle 33 Staaten in Lateinamerika und der Karibik so wie die fünf deklarierten Nuklearmächte Mitglieder des Abkommens von Tlatelolco!

Um die Krise, die gegenwärtig bedrohlich über dem Nahen Osten schwebt, zu lösen, muss es zu einer erneuerten Verpflichtung innerhalb der internationalen Gemeinschaft kommen, nämlich auf dem Pfad des Dialogs zu beharren. Die Überzeugung sollte wieder hochgehalten werden, dass alles, was jetzt noch unmöglich erscheint, bald Wirklichkeit werden kann.

 

(*) Daisaku Ikeda ist ein japanischer buddhistischer Philosoph und Friedensaktivist. Er ist Vorsitzender der Soka Gakkai International (SGI).
 
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