Können Frauen die Erleuchtung erlangen?

Alle Menschen besitzen gleichermaßen das Potenzial und das Recht zur Erlangung der Buddhaschaft und sind fähig, den Zustand des höchsten Glücks zu genießen.

0028Darauf antwortet das Lotos-Sutra mit einem ganz klaren „Ja“. – In seinen frühen Sutras lehrte Buddha Shakyamuni, Frauen könnten niemals Buddhas werden. In einem Sutra heißt es sogar: „Selbst wenn die Augen aller Buddhas der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu Boden fallen sollten, könnte eine Frau niemals die Buddhaschaft erlangen.“ In dieser Aussage spiegelt sich noch die vorherrschende Meinung der indischen Gesellschaft fünfhundert Jahre vor unserer Zeitrechnung wider. In anderen Schriften aus jener Zeit wimmelt es nur so von Beschimpfungen und böswilligen Äußerungen über das weibliche Geschlecht. Frauen wurden extrem herabgewürdigt und als Eigentum ihrer Männer betrachtet. Ihr sozialer Status entsprach beinahe dem von Sklaven.

Im Lotos-Sutra, Buddha Shakyamunis letzter und höchster Lehre, findet sich nicht die leiseste Spur von Diskriminierung. Ganz im Gegensatz zu den früheren, als vorläufig bezeichneten Lehren des Buddha versichert das Lotos-Sutra allen Lebewesen, die Buddhaschaft aus sich hervorrufen zu können.

Ungefähr sechs Jahre, nachdem Shakyamuni den ersten Mönchsorden gegründet hatte, entstand auf Bitten seiner Tante Mahaprajapati in Vaishali der erste buddhistische Nonnenorden. Somit konnten auch Frauen die klösterliche Praxis ausüben. Zu den ersten Nonnen gehörten sowohl Mahaprajapati als auch Yashodhara, Shakyamunis Frau aus der Zeit, bevor er sich auf die Suche nach der Erleuchtung begab. Dr. Hajime Nakamura, ein Experte der indischen Geschichte, sagt dazu: „Das Erscheinen eines Nonnenordens im Buddhismus war eine erstaunliche Entwicklung in der Religionsgeschichte der Welt. In Europa, Nordafrika, Westasien oder Ostasien existierte zu dieser Zeit kein weiblicher religiöser Orden. Der Buddhismus war die erste Religion,die einen solchen Orden hervorbrachte.“

Allerdings zeichnete sich bereits etwa hundert Jahre nach Shakyamunis Tod der Verfall des Nonnenordens ab. In den darauf folgenden Jahrhunderten setzte sich wieder die weit verbreitete Ansicht durch, Frauen müssten zuerst als Männer wiedergeboren werden und dann endlose, mühselige Praktiken ausüben, bevor sie die Buddhaschaft verwirklichen könnten. Infolgedessen verlor der buddhistische Nonnenorden an Bedeutung und verschwand fast ganz.

Was den Glauben an die Verwirklichung der Buddhaschaft von Frauen betrifft, änderte sich die Lage im 13. Jahrhundert mit Nichiren Daishonin in Japan grundlegend. Nichiren war von der Gleichheit von Männern und Frauen absolut überzeugt. So schrieb er: „Ob Mann oder Frau, es sollte kein Unterschied gemacht werden zwischen all jenen, die die fünf Zeichen von Myoho-Renge-Kyo in der Endzeit des Gesetzes verbreiten.“ Für die japanische Gesellschaft war das eine revolutionäre Aussage, da Frauen zu jener Zeit zuerst ihren Eltern, dann ihrem Ehemann und im Alter ihrem Sohn zu gehorchen hatten. Nichiren schrieb vielen seiner Schülerinnen aufmunternde Briefe und bezeichnete einige von ihnen sogar als „Heilige“ (jap. shonin). Die Kraft ihres Glaubens und die Unabhängigkeit ihres Geistes beeindruckten ihn sehr. An Nichimyo Shonin schrieb er: „Niemals habe ich […] von einer Frau gehört, die 1000 ri weit reiste, um den Buddhismus zu finden, so wie Sie es taten. […] Zweifellos sind Sie die bedeutendste Verehrerin des Lotos-Sutra unter den Frauen Japans.“


Das Naga-Mädchen

Im Kapitel Devadatta des Lotos-Sutra demonstriert Shakyamuni, wie es sogar für Frauen möglich ist, die Buddhaschaft sofort zu verwirklichen. Dort wird berichtet, die achtjährige Tochter des Naga-Königs habe, nachdem sie die Lehre des Lotos-Sutra gehört hatte, die Buddhaschaft erlangt. Dieses Naga-Mädchen erscheint und zeigt auf dramatische Weise, wie schnell sie die Buddhaschaft verwirklicht und beweist damit die Gültigkeit des Prinzips die Erleuchtung erlangen so wie man ist. Damit widerlegt sie den vorherrschenden Glauben, man könne die Buddhaschaft nur als Mann und durch schmerzhafte Übungen über einen äußerst langen Zeitraum hinweg erlangen. Die Tochter des Naga-Königs ist sehr jung. Die Tatsache, dass gerade sie als erstes Lebewesen die sofortige Verwirklichung der Buddhaschaft beweist, ist für die Anwesenden eindrucksvoll, ja geradezu schockierend.

Nichiren war von der Bedeutung der Lehre, dass Frauen die Buddhaschaft verwirklichen können, vollständig überzeugt. Für ihn war es sogar die wichtigste Lehre des Lotos-Sutra. In einem Brief schreibt er: „Wenn ich, Nichiren, andere Sutras […] lese, dann wünsche ich mir nicht im geringsten, eine Frau zu werden. Ein Sutra verdammt Frauen als Boten der Hölle. Ein anderes beschreibt sie als große Schlangen.[…]. Nur im Lotos-Sutra können wir lesen, dass eine Frau, die dieses Sutra annimmt, sich nicht nur gegenüber allen anderen Frauen auszeichnet, sondern auch alle Männer übertrifft.“ Nichiren schwor, diese hoffnungsvolle Botschaft des Lotos-Sutra mit allen Frauen Japans zu teilen.

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Alle sind Manifestationen der endgültigen Wirklichkeit

Aus der Sicht des Buddhismus bestehen die vielen Unterschiede zwischen den Menschen (Geschlecht, Rasse, Alter und andere) nur deshalb, um individuelle Erfahrungen zu machen und damit die menschliche Gesellschaft insgesamt zu bereichern. Das Lotos-Sutra wird bisweilen als Lehre der Nicht-Diskriminierung bezeichnet. Ihm zufolge ist der Lebenszustand der Buddhaschaft in allen Phänomenen enthalten. Deshalb gibt es auch keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen in Bezug auf ihre Fähigkeit, die Buddhaschaft zu erreichen, da beide Manifestationen der endgültigen Wirklichkeit sind. Mit Blick auf die Ewigkeit des Lebens wird auch klar, dass wir in einer Existenz als Mann und in einer anderen als Frau geboren werden können. Sowohl Frauen als auch Männer können als Menschen glücklich werden. Dies ist einzig und allein von Bedeutung. Glücklich sein ist das Ziel; alles andere sind nur die Mittel, die dorthin führen. Alle Menschen besitzen demnach gleichermaßen das Potenzial und das Recht zur Erlangung der Buddhaschaft und sind fähig, den Zustand des höchsten Glücks zu genießen. Das ist der entscheidende Punkt der „Erklärung der Gleichberechtigung von Frauen“, die aus dem Lotos-Sutra hervorgeht.

 

 

 

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Entnommen: Der Schlüssel zum Glück. Prinzipien der buddhistischen Philosophie auf der Grundlage der Lehre Nichiren Daishonins, ISBN: 783937615127

Fotos: Mit freundlicher Genehmigung von S. Hast

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