Klimawandel: der Mensch im Mittelpunkt

Artikel von Daisaku Ikeda erschienen am 19. September 2019 in InDepthNews (IDN)

TOKIO (IDN)

„Das, was den Meisten gemeinsam ist, erhält oft am wenigsten Beachtung“, beobachtete Aristoteles und machte damit auf eine allzu verbreitete menschliche Tendenz aufmerksam. Seine Warnung hat nichts an Aktualität eingebüßt – insbesondere, was unseren Kampf gegen den Klimawandel betrifft.

International verpflichtend ist das Pariser Abkommen von Dezember 2015. Es geht darum, mehr Anstrengungen zu unternehmen, um die globale Erwärmung zu begrenzen. Allerdings „schreitet der Klimawandel schneller voran als unsere Bemühungen, ihn zu stoppen“, warnt UN-Generalsekretär António Guterres. Das gefährdet das Überleben der Menschheit schlechthin.  Allein in diesem Jahr wurden Europa und Indien von starken Hitzewellen heimgesucht, und in der Arktis brachen die Temperaturen selbst in Regionen wie Alaska und Sibirien alle bisherigen Rekorde.

Der Zusammenhang zwischen dem langfristigen globalen Temperaturanstieg und den extremen Wetterverhältnissen auf der ganzen Welt ist völlig unbestreitbar, so die Weltorganisation für Meteorologie (WMO). Das wird voraussichtlich so weitergehen.

Die Ausdrücke Klimakrise und Klimanotstand werden immer unüberhörbarer. Am 23. September diesen Jahres fand in New York der UN-Klimagipfel statt. Unsere Welt steht am Scheideweg: Werden es die Regierungen schaffen, durch vereinte Bemühung den Ursachen der globalen Erwärmung, wie beispielsweise dem Ausstoß der Treibhausgase, entgegen zu wirken? Gelingt es ihnen, effektiv zu reagieren auf die Auswirkungen des Temperaturanstiegs und das Leid und die Zerstörung, die dieser mit sich bringt?

Der Anstieg der Meeresspiegel durch die schmelzenden Eismassen in Antarktis und Grönland, die Hitzewellen, sintflutartigen Regenfälle und anderen extremen Wetterereignisse haben bereits schwere Auswirkungen auf Wirtschaft und Unternehmen. Überdies zwingen die Auswirkungen des Klimawandels mehr und mehr Menschen zur Umsiedlung.

An dem von mir 1996 gegründeten Toda-Friedensinstitut gab es in den letzten Jahren ein Forschungsprojekt zu Klimawandel und Konflikt mit dem Schwerpunkt Zwangsmigration. Die extrem ernste Lage der Menschen auf den pazifischen Inseln wurde darin stark hervorgehoben. Die Menschen und Gemeinschaften dieser Region sind durch den Anstieg des Meeresspiegels mit der Frage der Umsiedelung konfrontiert. Was dies für sie auf emotionaler und spiritueller Ebene bedeutet, wurde dabei bisher kaum beachtet.

Für die Menschen auf den pazifischen Inseln ist das Land ihrer Vorfahren wie eine Mutter. Ihr Land verlassen zu müssen, mit dem sie so tief verbunden sind, bedeutet für sie nahezu den Verlust ihrer grundlegenden Identität. Die Verwurzelung in der Heimat bedeutet Sicherheit.  Sie kann nicht durch die materielle Sicherheit ersetzt werden, die durch die Umsiedelung an einen anderen Ort gewährleistet ist. Die Forscherinnen und Forscher drängen darauf, diese untrennbare Verbindung zwischen Menschen und ihrer Heimat bei der Bekämpfung des Klimawandels zu berücksichtigen.

Mir kommt dazu die buddhistische Lehre der Vier Sichtweisen im Salbaumhain in den Sinn. Sie illustriert, wie die Unterschiede in der Geisteshaltung der Menschen zu völlig unterschiedlichen Sichtweisen ein und derselben Sache führen.

Der Anblick eines Waldes könnte beispielsweise eine Person durch seine natürliche Schönheit berühren, während jemand anders überlegt, wie viel man mit ihm erwirtschaften könnte. Problematisch ist: Was nicht Teil der eigenen Perspektive ist, fehlt auch gänzlich beim umfassenden Weltbild. So kommt es, dass der unwiederbringliche Verlust von etwas unermesslich Wertvollem einer bestimmten Gemeinschaft großes Leid und Entbehrungen bringt, während er von der großen Mehrheit der Menschen noch nicht mal bemerkt wird.

Wenn wir Antworten auf die Herausforderungen des Klimawandels entwickeln, müssen wir die Bedürfnisse und Perspektiven der Betroffenen der Erderwärmung berücksichtigen. Dabei dürfen wir die Folgen fehlender Gleichbehandlung der Geschlechter und anderer struktureller Diskriminierungen nicht vergessen und unsere Sicht nicht nur auf ökonomische Kosten beschränken, die sich leichter in Zahlen abbilden lassen.

In dieser Hinsicht hoffe ich, dass die Staats- und Regierungschefs auf dem Weltklimagipfel in New York ihr bisheriges Handeln überprüfen und ihre gemeinschaftlichen Anstrengungen bezüglich der Herausforderungen globaler Erwärmung verstärken.

Um das Pariser Abkommen tatkräftig umzusetzen, müssen die Regierenden die Initiative ergreifen und Wege finden, die Treibhausgase zu reduzieren – in jedem Bereich, von der Energieerzeugung über Verkehrspolitik bis zur Nahrungsmittelproduktion und -verteilung. Darüber hinaus müssen Wege des verstärkten CO2-Abbaus gefunden werden, unter anderem das Pflanzen von Bäumen.

Im Vorfeld des Gipfels findet auch am 21. September der UN-Jugendklimagipfel statt und bringt junge Menschen aus der ganzen Welt zusammen. Es ist ganz sicher keine leichte Aufgabe, die globale Erwärmung aufzuhalten. Die Initiativen der Jugendlichen sind der Ausgangspunkt einer hoffnungsvollen Entwicklung, die immer mehr Menschen zum Handeln bewegt. Wenn wir sie ernst nehmen, bin ich überzeugt, dass es einen Weg zur Schaffung einer nachhaltigen globalen Gesellschaft gibt. Tatsächlich hängt das Schicksal der Menschheit in diesem Jahrhundert ganz davon ab, ob wir uns unermüdlich weiter bemühen, darin dem Beispiel unserer Jugend zu folgen.