Wie handelt ein Bodhisattva?

Im Mahayana-Buddhismus verkörpert der Bodhisattva einen Menschen, der selbst den Weg zur Erleuchtung sucht und sich gleichzeitig darum bemüht, auch möglichst vielen anderen Menschen zur Erleuchtung zu verhelfen. Das Markenzeichen eines Bodhisattvas ist also sein Mitgefühl: die einfühlsame Anteilnahme am Leiden anderer.

In der westlichen Welt verwechseln wir das mitfühlende Handeln eines Bodhisattvas leicht mit Aufopferung oder einem Helfersyndrom. Die Haltung des Bodhisattvas ist jedoch eine völlig andere. Er verschenkt seine Lebenskraft nicht an andere, um sich darin zu erschöpfen und selbst kraftlos zurück zu bleiben. Vielmehr schöpft er Energie aus der Verbundenheit mit allen Lebewesen und der Verbindung mit der grundlegenden Kraft des Universums, dem Lebensgesetz von Nam-Myoho-Renge-Kyo. SGI-Präsident Daisaku Ikeda beschreibt das so: „Wenn wir uns um andere kümmern, das heißt wenn wir anderen helfen, Lebenskraft hervorzuholen, vermehrt sich unsere eigene Lebenskraft. Wenn wir Menschen helfen, ihren Lebenszustand zu erweitern, erweitert sich auch unser Leben. Das ist das Wunder beim Weg des Bodhisattvas.“ (Dialoge über das Lotos-Sutra, Band 4, Seite 150 ff.)

Handlungen zum Wohle anderer und Handlungen zum eigenen Wohle sind demnach untrennbar miteinander verbunden. Eine bekannte buddhistische Parabel verdeutlicht dies: Ein Besucher der Hölle sieht, wie die Bewohner dort leiden. Obwohl alle ein reiches Mahl vor sich haben, können sie nichts essen. Denn ihre Essstäbchen sind länger als ihre Arme – und so ist es ihnen unmöglich, sich das Essen selbst in den Mund zu stecken. Nun besucht die Person das Buddhaland. Auch dort sind die Essstäbchen länger als die Arme der Menschen, aber alle sind zufrieden. Der Grund: Die Menschen füttern sich gegenseitig mit den überlangen Essstäbchen und alle werden satt.

Dieses Beispiel zeigt, dass es unmöglich ist, isoliert und alleine in dieser Welt zu überleben. Aus buddhistischer Sicht wird ein rein ichbezogener Mensch letztlich nicht glücklich werden. „Mir scheint, dass es die menschlichen Verbindungen sind – der Wunsch, für andere zu leben – der einem in schwierigen Zeiten die Kraft zum Weitermachen gibt. So lange man sich in seinen Egoismus vergräbt, gibt es kein Glück. Erst wenn wir ausbrechen und für andere handeln, quillt unser Leben vor Vitalität über. Kosen-rufu ist ein Kampf, die Grundströmung der Gesellschaft von ichbezogen zu altruistisch, von egoistisch zu mitfühlend zu verändern“, so drückt es Daisaku Ikeda aus.

Im Nichiren-Buddhismus, auf dessen Lehre die Soka Gakkai basiert, umfasst die Bodhisattva-Ausübung zwei sich gegenseitig verstärkende Aspekte: die Ausübung für sich und die Ausübung für das Glück anderer. Die Ausübung für sich beinhaltet das Rezitieren zentraler Textpassagen des Lotos-Sutra und das Chanten von Nam-Myoho-Renge-Kyo. Das Ziel dieser Ausübung besteht darin, das eigene Leben von innen her zu revolutionieren, um die Eigenschaften des Buddha zu entfalten: Mut, Weisheit, Mitgefühl und Lebenskraft. Der zweite Aspekt, die Ausübung für das Glück anderer, besteht in der Weitergabe der Lehre.

Viele Menschen beginnen mit der buddhistischen Ausübung, weil sie sich nach Glück sehnen oder ein quälendes Problem überwinden möchten. Sobald sich ihr Lebenszustand weitet, beginnen sie sich auch für das Glück der Menschen in ihrer Umgebung zu interessieren. Weil sie ihre Verbundenheit mit allen Lebewesen spüren, handeln sie auf ganz natürliche Weise mitfühlend und teilen die tiefen Einsichten des Buddhismus mit anderen Menschen. Damit befähigen sie ihr Gegenüber, gleichermaßen aus den reichen inneren Quellen ihres Lebens zu schöpfen. Ausübung für andere heißt also, anderen Menschen den Buddhismus weiter zu geben – im tiefen Vertrauen darauf, ihnen damit den Schlüssel für ein glückliches Leben zu schenken.