Mit Bürgerdiplomatie die Zukunft gestalten

aus einer Serie von Essays von Daisaku Ikeda, die von Mai 2006 bis April 2007 in der Japan Times erschienen sind

An einem kalten Dezembermorgen im Jahr 1941 eilte ich in aller Frühe über die eisglatten Straßen Tokios und trug Zeitungen aus.
Das war mein Beitrag zum Unterhalt der Familie. Ich war damals dreizehn. Mein Vater litt an Rheumatismus, und meine vier älteren
Brüder waren im Krieg.

Vier Jahre waren seit der Invasion Chinas durch die Japaner vergangen.Viele Menschen, die Familienmitglieder an der Front hatten, erwarteten fieberhaft das Eintreffen der Morgenzeitungen, weil sie Informationen über den Krieg enthalten konnten.

Japans Überraschungsangriff auf Pearl Harbor war die Topstory des Tages. Die reißerischen Schlagzeilen der Berichte sollten das „Ruhmreiche“ des Ereignisses hervorheben. Ich werde niemals die bedrohliche Erregung vergessen, welche die Stadt erfasste, als ich an diesem Morgen die Zeitungen verteilte.

Es scheint so, als gingen von historischen Ereignissen wie diesen enorme, unaufhaltsame Kräfte aus, die alles auf ihrem Weg mit sich
reißen – Menschen, ja ganze Gesellschaften. In unserer Zeit flackern weltweit neue Spannungen auf und alte treten wieder zutage.
Dadurch mag sich das Gefühl der Machtlosigkeit weiter vertiefen. Aber das menschliche Leben birgt in sich das Potenzial, sich sogar
dem Lauf der Geschichte zu widersetzen. Davon bin ich überzeugt.

Wir sind weder Spielball historischer Kräfte noch Opfer der Vergangenheit. Wir können die Geschichte formen und lenken. Den
Glauben daran wiederzugewinnen, dass der Einzelne, aber auch die gesamte Menschheit die Fähigkeit besitzt, die Zukunft selbst zu
gestalten – dies scheint mir heutzutage unsere dringlichste Aufgabe zu sein.

Die Angehörigen meiner Generation mussten mit ansehen, wie ihre Familien, ihre Freundschaften, ihr Zuhause und ihre Bildungschancen durch den Krieg zerrissen und zerstört wurden. Wir teilen eine tiefe Abneigung gegen die Grausamkeit und Dummheit des Krieges und zugleich den intensiven Wunsch, den Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen.

In unserer Jugend wurden uns die verdrehten Ansichten des Militarismus eingetrichtert; die Idee, dass die höchste Tugend darin bestünde, sich mit Haut und Haar dem Staat zu opfern. Ich sah mit an, wie viele meiner jungen Freunde und Klassenkameraden freiwillig
zur Armee oder zu den „Pionierbrigaden“ nach China gingen. Es gab einen Moment, da wollte auch ich mich zur Luftwaffe melden, aber
mein Vater verhinderte es. Er war wild entschlossen, mich niemals in den Krieg ziehen zu lassen.

Politische Führung, die junge Menschen ausbeutet und auf dem Altar ihrer Ziele opfert, ist nichts anderes als rohe, dämonische Macht. Wahre Führungsqualitäten zeigen sich im unermüdlichen Bemühen, junge Menschen zu fördern und ihnen den Weg voran zu ebnen.

Auch das Erziehungswesen kann die Menschen in eine gute oder schlechte Richtung lenken. Wenn Erziehung auf einer grundsätzlich
falschen Weltsicht basiert, können die Ergebnisse verheerend sein. Gerade weil meine Generation durch falsche Erziehung zu Gewalt
und Krieg getrieben wurde, fühle ich mich zutiefst einer Erziehung verpflichtet, die die neue Generation in Richtung Frieden und Koexistenz führt.

Die Worte meines Bruders nach seiner Rückkehr aus China, als er zeitweise aus der Armee entlassen wurde, werden mir für immer im
Gedächtnis bleiben: „Was Japan tut, ist entsetzlich“, sagte er zu mir. „Eine solche Arroganz und Verblendung! Die Chinesen sind Menschen genau wie wir. Was da drüben vor sich geht, ist ein riesiger Fehler.“ Er wurde später im Kampf getötet, aber die bittere Abscheu, die aus seinen Worten sprach, trug sowohl zu meinem öffentlichen Aufruf im Jahr 1968 bei, die chinesisch-japanischen Beziehungen zu normalisieren, als auch zu meinen späteren Initiativen, mit den Menschen aus Korea und ganz Asien in Kontakt zu treten.

Wenn Japan weiter vorankommen will, müssen wir uns mit den Realitäten der jüngeren Geschichte auseinandersetzen. Wir müssen
diese teuer bezahlten Lektionen lernen und anwenden, indem wir ernsthaft für den Frieden arbeiten. Und dennoch gibt es sogar heute,
über sechzig Jahre nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs Politiker, die unseren asiatischen Nachbarn durch arrogante Worte und
eine verletzende Haltung unermesslichen Schmerz zufügen. Japan kann erst dann wahrhaft eine Nation des Friedens sein, wenn es das
volle Vertrauen der Menschen in China, Korea und dem übrigen Asien genießt.

„Krieg ist der Preis für das Versagen der Diplomatie …“ Dies sind die Worte Arnold Toynbees, des britischen Historikers, mit dem ich
einst einen Dialog führte und veröffentlichte. So lautete seine Zurückweisung der berühmten Aussage von Clausewitz, Krieg sei die Fortführung der Diplomatie mit anderen Mitteln.

Die Geschichte ist voll tragischer Beispiele von Kriegen, die das Resultat diplomatischer Unzulänglichkeit waren. Ob in unserer direkten Umgebung oder in internationalen Beziehungen: Menschliche Weisheit zeigt sich als Erstes im gekonnten Einsatz des Gesprächs, wenn es um Verhandlungen oder das Überwinden von Meinungsverschiedenheiten geht. Wir können nicht zulassen, dass Japan mit zerstörerischer Dummheit seine früheren diplomatischen Fehltritte wiederholt, die zum Zweiten Weltkrieg geführt haben.

Internationale Beziehungen sollten sich daher nicht auf Politik oder Ökonomie beschränken. Ein Austausch zwischen Schulen, Universitäten und Kultureinrichtungen, der das gegenseitige Verständnis zwischen den Menschen unterschiedlicher Nationen fördert,
ist absolut wichtig. Aus diesem Grund habe ich mich bemüht, jungen Menschen einen Weg zu öffnen, indem ich Dialoge führte,
die die Menschen auf der Ebene ihrer Menschlichkeit zusammenbringen.

Im Jahr 1980, bei meinem fünften Besuch in China, hatte ich Gelegenheit nach Guilin zu reisen, einer Gegend von atemberaubender
Schönheit. Als wir auf unser Boot warteten, näherten sich uns zwei junge Mädchen, die Medikamente anboten. Ich fragte im Scherz:
„Habt ihr irgendeine Medizin, von der ich klüger werde?“ Sie schossen zurück: „Tut uns leid, wir haben gerade die letzte Flasche verkauft“, und brachen in Lachen aus.

Egal in welchem Land – es gibt nichts Wertvolleres als solche Begegnungen mit jungen Menschen. Kaum etwas bietet einen tieferen
Einblick in die Kultur und Zukunft eines Landes. Wenn Menschen aus verschiedenen Kulturen respektvoll voneinander lernen,
erfahren sie die reiche Vielfalt des spirituellen Erbes der Menschheit. Auf dieser Grundlage wachsen Solidarität, Freundschaft und gegenseitige Wertschätzung. Das warme Licht in den Herzen derer, die stetig diese „Bürgerdiplomatie“ ausüben, kann sogar die eisigen Mauern aus nationalem Prestigestreben und Interessenskonflikten nach und nach zum Schmelzen bringen.

Ich gehöre einer Generation an, die weltweit das absolute Böse des Kriegs erleiden musste. Daher sehe ich es als meine persönliche Verantwortung, mein Möglichstes zu tun, um die Geißel von Gewalt und Krieg auszumerzen. Dafür arbeite ich mit gleichaltrigen wie jüngeren Menschen zusammen.Wir müssen uns immer weiter um Dialog und Austausch bemühen und so in jedem jungen Menschen den folgenden Glauben entfachen: Jeder Einzelne kann den Lauf der Geschichte verändern. Jeder Einzelne kann die Zukunft mitgestalten.