Im Dialog liegt die Zukunft - militärische Macht ist keine Lösung

aus einer Serie von Essays von Daisaku Ikeda, die von Mai 2006 bis April 2007 in der Japan Times erschienen sind

„Wir betonen ständig unsere Unterschiede und nicht unsere Gemeinsamkeiten. Wir reden fortwährend über ,uns‘ im Vergleich zu
,ihnen‘“. Erst wenn wir über ein ‚Wir‘ zu sprechen beginnen, das die ganze Menschheit umfasst, werden wir tatsächlich Frieden haben …“

Mit diesen Worten brachte Dr. Mohamed ElBaradei seine persönliche Überzeugung zum Ausdruck, als wir uns im November 2006
in Tokio trafen. Dr. ElBaradei ist der Generaldirektor der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEO). In seinem Bemühen, die weitere Verbreitung von Atomwaffen einzudämmen, hat er mit einem fortwährenden, weltweiten Prozess des Dialogs begonnen.

Vielleicht gab es nie eine Zeit, in der die Notwendigkeit für Dialog dringender gewesen wäre als die unsere. Auf der ganzen Welt toben
ohne Unterlass Konflikte. Egal, ob wir die anhaltende Gewalt und das Chaos im Irak nehmen, die schreckliche humanitäre Krise in der Region Darfur im westlichen Sudan oder die Auseinandersetzungen über die Entwicklung der Atomprogramme in Iran und Nordkorea:
Keiner dieser Konflikte kann durch Anwendung militärischer Gewalt gelöst werden. In keinem dieser Konflikte führt irgendeine Art von
Gewalt weiter. Wenn wir sonst nichts aus der Entwicklung der Welt seit dem 11. September 2001 gelernt haben, sollte uns das wenigstens klargeworden sein.

Wenn militärische Gewalt oder andere Formen von Hard Power benutzt werden, um ein Ergebnis zu erzwingen, werden es immer
die einfachen Bürger sein, die den Preis dafür zahlen. Und diese einfachen Menschen tragen überhaupt keine Schuld. Die Trauer und die
Verzweiflung, die der Krieg verursacht, treffen immer beide Seiten – egal ob Freund oder Feind.

Die Anwendung von Gewalt, so gerechtfertigt sie in bestimmten Fällen auch erscheinen mag, erzeugt Bitterkeit in den Herzen der nächsten Generation und birgt das Risiko, den Konflikt dauerhaft zu verfestigen. Nur wenn wir die Verstrickungen von Hass und Rache entwirren, werden die zugrundeliegenden Ursachen für weitere Konflikte aufgelöst.

Zurzeit scheinen erneut Dialoge in Gang zu kommen, um aus diesen Sackgassen herauszufinden. Das wäre natürlich eine sehr
wünschenswerte Entwicklung. Das Gespräch allein garantiert jedoch noch keine Verständigung. In Wirklichkeit ist Dialog nicht so einfach.
Vielleicht sind eine oder beide Seiten der Logik der Gewalt verhaftet. Die Chronik der Ereignisse kann die Situation so verkompliziert
haben, dass die Aussicht auf einen Dialog unerreichbar scheint.

Genau deshalb erfordert es vielMut, den Dialog zu wählen. Dialog beginnt damit, dass wir die Positionen und Interessen der jeweiligen
Beteiligten klar erkennen und dann vorsichtig die Hindernisse auf dem Weg zum Erfolg identifizieren. Dann müssen wir mit Geduld
daran arbeiten, für jedes dieser Hindernisse eine Lösung zu finden. Dazu benötigen wir eine in höchstem Maße konstruktive geistige
Haltung. Deshalb enthält Konfliktlösung durch Dialog – im Gegensatz zu militärischer Macht, die im Kern zerstörerisch ist – die Hoffnung
auf eine echte Lösung.

Dr. ElBaradei bemerkte, dass in der Globalisierung auch die Chance steckt, dass wir uns als eine menschliche Familie begreifen können.
„Diese Hoffnung spüre ich im Moment auf der ganzen Welt. Ich bin weit gereist und habe mit eigenen Augen gesehen, dass
Menschen aller Hautfarben, Religionen und Rassen dieselben Erwartungen an die Zukunft haben.“

Ich selbst habe im Dialog mit vielen Menschen unterschiedlichster politischer, religiöser, ethnischer und kultureller Herkunft die
Überzeugung gewonnen:Wenn wir geradeheraus auf der Basis unserer gemeinsamen Menschlichkeit sprechen, können wir immer den
nächsten Schritt nach vorne erkennen.

Internationale Ärzte zur Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) ist eine Organisation, die auf der Höhe des Kalten Krieges gegründet
wurde, um Ärzte des Ostblocks mit westlichen Medizinern zusammenzubringen. Man hat mir erzählt, dass anfangs die Repräsentanten
beider Seiten ständig aufeinanderprallten.

Als sie ihre Gespräche fortsetzten, gelang es jedoch beiden Seiten, sich auf ihre gemeinsame Aufgabe als Ärzte zu konzentrieren und
sich der Menschenwürde und der Aufrechterhaltung des Friedens zu widmen. Das Eis der Konfrontation begann unter der Wärme des
ernsthaften Dialogs zu schmelzen, und über die ideologischen Unterschiede hinweg entstanden Solidarität und Freundschaft.

Ein erster Schritt auf jedem Weg zum Dialog ist, dass man versucht, über gegenseitige Beschuldigungen hinwegzukommen und sich auf
praktische und nach vorn gerichtete Fragen zu konzentrieren. Konflikte können umgemünzt werden in eine Reihe gemeinsamer Probleme. Die Zusammenarbeit an der Lösung dieser Probleme kann den Weg zu Akzeptanz und Respekt öffnen. So wächst die Bereitschaft, voneinander zu lernen. Dieser Prozess kann die ganze Dynamik der Interaktion verändern und ungeahnte Möglichkeiten eröffnen.

Im Interesse des globalen Friedens ist es entscheidend, dass wir vermeiden, irgendeine Nation oder irgendein Volk zu isolieren. Indem wir den Weg des Dialogs wählen,machen wir den ersten Schritt, die dunklen Wolken gegenseitiger Verdächtigungen zu vertreiben,
die immer wieder der Hintergrund von Krieg und Konflikt sind.

Der kulturelle Abstand zwischen Völkern muss keine verletzende Barriere darstellen. Eher sollten wir versuchen, genau diese Unterschiede zwischen Kulturen und Zivilisationen zu erkennen und sie als Bereicherung für alle schätzen zu lernen.

In den vergangenen Jahren gab es den Versuch, einen „Dialog der Kulturen“ zu fördern. Dabei soll die Weisheit angezapft werden, die
sich aus den verschiedensten kulturellen und religiösen Traditionen der Menschheit entwickelt hat, und ein Ausblick auf unsere gemeinsame Zukunft entstehen. Professor Tu Weiming von der Harvard Universität ist ein wichtiger Befürworter dieser Bemühungen. Die
wahre Bedeutung des Dialogs zwischen den Kulturen liegt für ihn darin, voneinander zu lernen. Er warnt davor, dass Menschen und
sogar ganze Kulturen unweigerlich untergehen werden, sollten sie aufhören zu lernen und stattdessen die arrogante Haltung vertreten,
sie bräuchten nur andere zu belehren.

Wir stehen heute vor der einmaligen Gelegenheit, eine neue Zivilisation aufzubauen, die auf einer ständigen Verpflichtung zum Dialog
auf allen Ebenen aufgebaut ist. Lebendiger Dialog vermag sogar hartnäckige Anhänger von Gewalt zu überzeugen. Dialog beschränkt
sich nicht auf den Austausch von Nettigkeiten, sondern er kann scharf voneinander abweichende Sichtweisen verdeutlichen. Mut
und Durchhaltevermögen sind entscheidend, wenn wir diese mühevolle Arbeit auf uns nehmen und die Knoten lösen wollen, die Menschen an bestimmte Standpunkte binden. Der Schwung dieser besonderen Art von menschlicher Diplomatie kann der Geschichte eine neue Richtung geben.

In einer Welt, in der es so viele verschiedene Kulturen gibt, können wir es uns nicht leisten, in Isolationismus zurückzufallen. Es ist
wichtig, dass wir den Geist des Dialogs wiederbeleben und eine kreative Suche nach einer friedlichen Koexistenz beginnen.

An die Möglichkeiten des Dialogs zu glauben bedeutet, an die Zukunft der Menschheit zu glauben.

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