Dialoge über das Lotos-Sutra

Auszüge aus einer Diskussion über das Lotos-Sutra zwischen SGI-Präsident Ikeda und Mitgliedern des SGI-Studienkomitees

 

Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus und mitten in einem grassierenden Mangel an Philosophie richtet nun die Menschheit ihren Blick über die Gegenwart hinaus und sucht nach einer kraftvollen, neuen Philosophie. Die Menschen suchen nach etwas, das ihr spirituelles Vakuum füllen kann, etwas, das ihr ausgelaugtes, angeschlagenes Leben neu belebt und das sie wieder mit Hoffnung und Kraft erfüllt. Die Menschheit sucht nach einer Weisheit, die dem Individuum und der Gesellschaft eine richtungsweisende Perspektive und einen echten Lebensinhalt bieten kann.

(…)

Manche Leute sagen, die vorherrschende Stimmung auf der Welt sei ein Gefühl der Ohnmacht. Wie auch immer, wir sind uns alle bewusst, dass es nicht so weitergehen kann wie bisher. Doch die Entscheidungen über politische, wirtschaftliche und ökologische Belange scheinen irgendwo außerhalb unseres Einflussbereichs getroffen zu werden. Was kann ein einzelner Mensch schon tun angesichts der riesigen Institutionen, die unsere Welt regieren? Das Gefühl der Ohnmacht treibt uns in einen Teufelskreis, der die Situation und das Gefühl der Sinnlosigkeit nur noch verschlimmert. Die Philosophie des Lotos-Sutras steht im vollkommenen Gegensatz zu diesem Ohnmachtsgefühl. Sie lehrt, dass ein einziger Lebensmoment dreitausend Lebensbereiche umfasst (Ichinen Sanzen) und wie man dies im täglichen Leben anwendet. Das Prinzip von einem dreitausend Lebensbereiche umfassenden Lebensmoment lehrt uns, dass die innere Entschlossenheit (Ichinen) eines Individuums alles verändern kann. Es ist eine Lehre, die dem unendlichen Potenzial in jedem Leben und dessen Würde den höchsten Ausdruck verleiht.

(…)

Heute, in den Jahren nach dem Ende des Kalten Krieges, leben wir in einem „Interregnum der Philosophie“. Eine Philosophie, die uns führen könnte, fehlt. Deshalb ist es genau jetzt an der Zeit, über das Lotos-Sutra zu sprechen, das seit Langem als König der Sutras bekannt ist.

(…)

Die Religion muss immer für die Menschen da sein, nicht die Menschen für die Religion. Das muss die grundlegende Regel für die Religion im nächsten Jahrhundert sein.

(…)

Dem Menschen höchsten Wert beizumessen ist die Lehre des Lotos-Sutra. Das ist der Humanismus des buddhistischen Gesetzes.

(…)

Das ist genau der Grund, weshalb jeder Einzelne von uns mit der Wiederbelebung, mit der Revolution seiner Menschlichkeit beginnen muss, einer nach dem anderen, wo auch immer wir uns befinden. Das meinen wir mit der Revolution der Gesellschaft und der Welt durch die menschliche Revolution. Das ist die Lehre des Lotos-Sutra. Und alles, was wir für dieses Ziel tun, ist identisch mit der Weisheit des Lotos-Sutra.

(…)

Eigentlich ist das Lotos-Sutra eine Schrift, dessen wahre Größe gerade in solchen Zeiten des Umbruchs hervortritt.

(…)

Zu Shakyamunis Lebzeiten führte in Indien das Wachstum der Städte zu einer Überschreitung der alten Stammesaufteilungen. Ein neues Zeitalter entstand, in dem die Menschen in neuen symbiotischen Beziehungen zusammenlebten. In dieser Zeit herrschte eine große intellektuelle Verwirrung. Alles Erdenkliche wurde gelehrt: vom reinen Materialismus über Hedonismus bis zur Askese.

(…)

Später verbreiteten der große Lehrer T’ien-t’ai in China und Nichiren Daishonin in Japan die Lehren des Lotos-Sutra jeweils zu Zeiten, als die Menschen nicht mehr wussten, worauf sie sich verlassen und woran sie glauben sollten, weil die Religionen sich in einem chaotischen Zustand befanden. Sie stellten sich mutig und direkt den Problemen ihrer Zeit und ihrer jeweiligen Gesellschaft. Man könnte sagen, das Lotos-Sutra war ein einigendes Banner, unter dem sie in diesen spirituell chaotischen Zeiten ihre Kämpfe führten.

(…)

Das Lotos-Sutra erläutert die eigentliche Bedeutung der Lehre. Es ist der König der Sutren. Ein König verleugnet die Existenz der anderen nicht, seine Rolle ist es, das volle Potenzial aller hervorzubringen.

(…)

Das Lotos-Sutra lehrt, dass der „große verborgene Schatz im Herzen“ so groß ist wie das Universum selbst und alle Gefühle von Ohnmacht vertreibt. Es lehrt eine kraftvolle Lebensweise, in der wir das ungeheure Leben des Universums selbst atmen. Es lehrt das wahrhaft große Abenteuer der Selbstveränderung.

(…)

Das Lotos-Sutra besitzt die Weite und Größe, alle Menschen auf dem Weg zum Frieden mitzunehmen. Es besitzt den Duft großartiger Kultur und Kunst. Es führt uns zu einem unübertroffenen Lebenszustand, der mit den Eigenschaften von Ewigkeit, Glück, wahrem Selbst und Reinheit durchtränkt ist. Wo immer wir dann sind, können wir sagen „Dieses, mein Land bleibt sicher und geschützt“ (Lotos-Sutra, Kapitel 16, 230).

(…)

Das Lotos-Sutra enthält das Drama des Kampfes für Gerechtigkeit und gegen das Böse. Es besitzt eine Wärme, die sorgenvollen Menschen Trost spendet. Es besitzt einen lebendigen, pulsierenden Mut, der die Angst vertreibt. Es besitzt einen Chorus der Freude darüber, dass man durch die drei Existenzen hindurch absolut frei leben kann. Es besitzt den Höhenflug der Freiheit. Es besitzt strahlendes Licht, Blumen und Grün, Musik, Malerei, lebendige Geschichten. Es stellt unübertroffene Lektionen bereit: über Psychologie, das Wirken des menschlichen Herzens, über das Leben, über das Glück und über den Frieden. Es zeichnet die grundlegenden Regeln für Gesundheit auf. Es erweckt uns zu der universalen Wahrheit, dass eine Veränderung in unserem Herzen oder in unserer Einstellung alles verändern kann. Es ist weder die verdorrte Wüste des Individualismus noch das Gefängnis des Totalitarismus. Es besitzt die Kraft, ein reines Land des Mitgefühls zu manifestieren, in dem die Menschen sich gegenseitig ergänzen und ermutigen. Sowohl der Kommunismus als auch der Kapitalismus haben Menschen als Mittel für ihre eigenen Zwecke missbraucht. Aber im Lotos-Sutra – dem König der Sutren – finden wir einen grundlegenden Humanismus, in dem die Menschen der Zweck und das Ziel sind, in dem sie sowohl Hauptperson als auch Herrscher sind. Vielleicht könnten wir diese Lehre des Lotos-Sutra als „kosmischen Humanismus“ bezeichnen.

(…)

Jede Stelle und jeder Satz des Lotos-Sutra ist eine Lehre über mich selbst, das Wesen des Mystischen Gesetzes. Das Sutra spricht nicht über etwas, das weit von unserem Leben entfernt ist.

(…)

Ich möchte (…) diese herausfordernde Entdeckungsreise zur „Weisheit des Lotos-Sutra“ für das kommende Zeitalter antreten. Es ist eine Reise zu der Wahrheit, dass wir selbst Buddhas sind. Das Leben ist eine endlose Odyssee in das innerste Allerheiligste unseres eigenen Lebens.