Das Wunder des Lebens

Essay von Anika Limbach

„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ So lautet Artikel 1 unseres Grundgesetzes. Wenn das Fundament unseres Staates also auf der Menschenwürde basiert – warum, so frage ich mich, wird sie dann ständig mit Füßen getreten? Die Zunahme von Anschlägen – nur als ein Beispiel die Morde in Hanau und die gesellschaftliche Atmosphäre, die sie begünstigt – führen uns auf erschütternde Weise vor Augen, dass wir als Gesellschaft Gefahr laufen, uns immer weiter von dem zu entfernen, was uns zusammenhält. Die Verfassung allein kann uns davor nicht schützen.

Die Achtung der Menschenwürde ist auch in der UN-Menschenrechtsdeklaration verankert. Trotzdem lassen wir als Weltgemeinschaft zu, dass das Leben und die Würde einer unfassbar großen Anzahl von Menschen, die auf der Flucht sind, gravierend und ständig bedroht ist. „Das Leben als Flüchtling ist, als würde man im Treibsand stecken – bei jeder Bewegung sinkt man weiter ein.“ Dieses Zitat eines Vaters aus Syrien aus dem Friedensvorschlag 2016 von Daisaku Ikeda lässt erahnen, welch entsetzliches Leid damit verbunden ist, als Mensch entwurzelt zu sein.

Warum besteht eine so große Diskrepanz zwischen der Realität und dem, was in unseren Verfassungen steht?

Würde: eine Annäherung
Klar ist, dass wir die Würde des Menschen und des Lebens nur achten können, wenn wir mit unserem Leben begreifen, was damit gemeint ist – wenn wir sie in uns spüren. Und im gleichen Moment die Würde unseres Gegenübers wahrnehmen und wachrufen. Um nichts anderes geht es bei unserer buddhistischen Praxis. Und weil dieses Thema so fundamental ist, wäre es vermessen zu glauben, es auf wenigen Seiten abhandeln zu können. Ich kann hier nur eine Annäherung wagen.

Was sich mir zuerst aufdrängte, waren ganz basale Fragen: Was verbirgt sich hinter dem Begriff der Würde? Was macht die Würde des Menschen und des Lebens aus? Oder noch grundlegender: Worin besteht die Natur des Menschen? Was ist „Leben“? Und warum schützt unsere Verfassung ausdrücklich die Menschenwürde, nicht aber die Würde des Lebens? Was ist der Unterschied zwischen beidem?
„Würde“, sprachlich verwandt mit dem Wort „Wert“, bezeichnete anfänglich die Ehre oder das Ansehen einer Person. Sie war also etwas, das nur wenigen zugesprochen wurde und das man auch wieder verlieren konnte. Völlig anders ist die moderne – von Immanuel Kant geprägte – universelle Bedeutung des Wortes. Das von ihm formulierte Grundprinzip der Menschenwürde besteht darin, anzuerkennen, dass ausnahmslos jedem Menschen ein besonderer Wert, etwas Unantastbares innewohnt. Als vernunftbegabtes Wesen sei der Mensch ein „Zweck an sich“ und dürfe deshalb nicht fremden Zwecken unterworfen oder bloß „als Mittel gebraucht“ werden. Auch Kants berühmter „kategorischer Imperativ“ („Handle nur nach der Maxime, durch die Du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“) beruht auf diesem Gedanken.

Ohne Zweifel stellen Kants philosophische Prinzipien der Ethik eine große Errungenschaft dar. Sie waren wegweisend für das Zeitalter der Aufklärung und darüber hinaus. Aus ihnen entwickelten sich die Menschenrechte wie auch unser Rechtssystem. Aus Sicht des Lotos-Sutra ist seine Definition von Würde jedoch unvollständig. Denn Kant begründet sie mit der Vernunft des Menschen, die ihn seiner Auffassung nach gegenüber allen anderen Wesen hervorhebt. Für ihn haben „vernunftlose Wesen“ nur einen „relativen Wert“, weshalb man sie als „Mittel“ oder „Sachen“ bezeichne. Dagegen würden „vernünftige Wesen Personen genannt“ werden, „weil ihre Natur sie schon als Zwecke an sich“ auszeichne.

Würde durchdringt alle Formen des Lebens
Im Buddhismus ist die Würde aber nicht auf den Menschen beschränkt, sondern umfasst alle Formen des Lebens. Das Leben an sich besitzt Würde oder eine ihm innewohnende Heiligkeit – eine mystische Kraft, die den gesamten Kosmos von den weitesten Galaxien bis hin zur kleinsten Amöbe durchdringt. Oder, wie Nichiren Daishonin es ausdrückt: „Das Leben eines jeden Moments umfasst Körper und Geist, sowie Selbst und Umgebung aller fühlenden Wesen in den Zehn Welten, ebenso wie alle nichtfühlenden Wesen in den dreitausend Bereichen samt Pflanzen, Himmel, Erde und selbst die kleinsten Staubpartikel. Das Leben eines jeden Moments durchdringt das gesamte Reich der Phänomene und offenbart sich in allen Phänomenen.“ (Schriften Nichiren Daishonins, S. 3)

Was bedeutet es nun, die Würde des Lebens zu schützen? Und wann verletzen wir sie? Es dürfte klar sein, dass wir beispielsweise mit der Massentierhaltung gegen die Würde der Tiere verstoßen. Und wenn wir zulassen, dass Ackergifte die Existenz der meisten Bienenarten bedrohen, dann beschädigen wir die Würde eines ganzen Ökosystems, was letztendlich – auch wegen der tiefen Verbundenheit allen Lebens – auf uns Menschen zurückfällt.

Man könnte sagen: Immer dann, wenn wir Lebewesen daran hindern, sich ihrer Natur entsprechend zu entfalten, untergraben wir ihre Würde. Wie können wir das vermeiden? Ich denke, um sich dieser Frage anzunähern ist es wichtig, das Gemeinsame aller Lebensformen – das, was sie antreibt und hervorbringt – zu erfassen. Damit kehren wir zu der grundlegendsten Frage zurück: „Was macht Leben aus?“
Was macht Leben aus?

Natürlich werden wir die Antwort nicht finden können, wenn wir nur darüber nachdenken. Doch es lohnt sich, die verschiedenen Eigenschaften des Lebens anzuschauen, die Daisaku Ikeda in seinem Buch „Das Rätsel des Lebens“ herausarbeitet. Manche Funktionen des menschlichen Körpers, den Ikeda hier als Beispiel nimmt, könnte durchaus ein Computer oder Roboter übernehmen. Doch im Gegensatz zu einer Maschine wirkt im Menschen eine Reihe von Wundern, die dem Leben vorbehalten sind: Ein Lebewesen „kann Energien aus eigener Kraft freisetzen und die eigenen Bewegungen und Handlungen selbst steuern“. Die Zellen eines Körpers sind außerdem eine „lebende Wesenheit für sich“. In erstaunlicher Harmonie mit dem gesamten Organismus wirken sie in einem komplizierten Rhythmus zusammen, wobei sie alle Informationen des Ganzen enthalten. Die Einzelteile einer Maschine dagegen haben erst dann einen Zweck, wenn sie miteinander verzahnt und zusammengesetzt sind. Damit ein Apparat funktionieren kann, darf kein Fehler unterlaufen, alles muss vollständig und perfekt sein. Im Gegensatz dazu sind Lebewesen in einem „unvollständigen Stadium“, denn sie wachsen und verändern sich ständig und sind „trotzdem in jedem Augenblick ein perfekt funktionierendes Ganzes“.

Auch die Fähigkeit, sich selbst zu erneuern und zu heilen, besitzt nur ein lebendiger Körper. Es erscheint uns oft als selbstverständlich, aber dass beispielsweise offene Wunden durch die Bildung neuer Zellgruppen geschlossen werden, ist ein rätselhaftes und wunderbares Phänomen des Lebens. Noch erstaunlicher ist das Wirken unseres Immunsystems. Obwohl fremdartige Keime sich äußerlich nicht von körpereigenen Eiweißen unterscheiden, können sie von den Antikörpern erkannt und unschädlich gemacht werden. Die darin zum Ausdruck kommende geheimnisvolle Ordnung oder Intelligenz, diese schöpferische Energie nennt Ikeda „die elementare Essenz des Lebens“. Sie ist „eins mit der Lebensenergie des Universums“.

Dem Rhythmus des Lebens lauschen
Angesichts dieser Wunder frage ich mich, warum wir so oft von technischen Neuerungen fasziniert sind und viel zu selten wahrnehmen, wie erstaunlich, vielfältig, unerschöpflich und würdevoll das Leben ist. Warum verbringen wir deutlich mehr Zeit mit unserem Handy als damit, dem Rhythmus des Lebens zu lauschen?

Wenn wir die Bewegungen des Meeres beobachten oder die Dynamik des Windes spüren, wird uns vielleicht bewusst, dass nichts im Leben abrupt, geradlinig oder in einer gleichmäßigen Geschwindigkeit geschieht, sondern in Schüben – mit Ruhe- oder Hochphasen, in sanften oder dramatischen, niemals einander identischen Wellen. Am Wandel der Jahreszeiten können wir sehen, dass Wachsen und Vergehen nah beieinander liegen und dass Entwicklungen ihre Zeit brauchen. Auf das menschliche Leben bezogen dauert zum Beispiel eine Schwangerschaft in der Regel neun Monate, und es wäre absurd, sie beschleunigen zu wollen.

Dem Leben immanent ist auch der Tod, und genau wie die Geburt unterliegt das Sterben einem Prozess. Wenn wir die fragilen, komplexen Zusammenhänge in einem Ökosystem betrachten, können wir erkennen, dass alle Phänomene des Lebens in ihrer Einzigartigkeit miteinander verbunden sind und sich gegenseitig bedingen (so auch nach dem buddhistischen Prinzip von „Engi“). An einem Löwenzahn, der eine Asphaltdecke durchbricht, sehen wir die ungeheure, widerstandsfähige Kraft des Lebens, genauso wie bei Vogelpaaren, die voller Hingabe ihr Nest bauen und ihre Nachkömmlinge umsorgen. Leben hat die Tendenz, sich ständig selbst zu gebären. Oder wie Daisaku Ikeda es ausdrückt: „Das Universum (ist) ein großer Mutterleib und ständig mit dem Wunder des Lebens schwanger.“

Dass auch wir Menschen eins mit dem Lebensfluss sind, scheinen wir allerdings kaum wahrzunehmen. Ikeda beschrieb das daraus entstehende Leid bereits 1982 in dem bereits erwähnten Buch „Rätsel des Lebens“. Seine Worte wirken heute aktueller denn je: „Im gegenwärtigen Zeitalter herrscht eine Kultur der Mechanisierung, in der der einzelne Mensch dazu tendiert, nur mehr ein kleines Element in einer gewaltigen Massengesellschaft zu werden. Die Menschen halten sich für frei, doch meistens reagieren sie nur auf eine Flut von Propaganda.“ Sie haben, so fährt Ikeda fort, den Sinn für ihre Identität und ihre geistige Unabhängigkeit verloren, ohne es zu merken. Damit sind sie auch in Gefahr, ihren „angeborenen Wert als menschliche Wesen“ zu verlieren. „In unserer heutigen Gesellschaft der Mechanisierung ist es wichtiger denn je, den Schatz, der jedem menschlichen Leben innewohnt, wiederzufinden.“

Fortwährende Weiterentwicklung
Ganz ähnliche Aussagen macht der bekannte Neurobiologe und Hirnforscher Gerald Hüther in seinem Buch „Würde“. In unserer von Wettbewerb und Konsum geprägten Gesellschaft, so sagt er, sei es normal geworden, dass wir uns selbst und andere zu Objekten machen. Und dass wir damit gegen Kants Prinzip verstoßen, wonach kein Mensch einen anderen nur für seine Zwecke benutzen darf. Dies verletzt unsere Würde und entspricht laut Hüther auch nicht unseren Grundbedürfnissen. Deshalb ist es notwendig, wieder ein Bewusstsein für unsere Würde zu entwickeln.

Besonders interessant ist, wie er die Frage beantwortet, was uns als Menschen ausmacht. Da wir als Gattung keine spezialisierten Fähigkeiten oder Organe herausgebildet haben, konnten und können wir als „Generalisten“ in einer sich ständig verändernden Welt nur überleben, indem wir uns fortwährend weiterentwickeln. Deshalb, so erklärt Hüther, „ist ein zeitlebens lernfähiges Gehirn als Herausstellungsmerkmal unserer Spezies entstanden“. Zwei Grundbedürfnisse gehen damit einher: Zum einen das Bedürfnis nach Verbundenheit und Zugehörigkeit – es befähigt uns, aufmerksam füreinander zu sein. So bemerken wir z. B. auch, wenn jemand dabei ist, etwas zu erfinden oder neue Wege zu gehen. Davon lernen wir, und als Gemeinschaft können wir das Neue – falls es als hilfreich erkannt wird – übernehmen. Das nennt man soziales Lernen. Der Vorgang wäre allerdings nicht möglich, wenn es nicht das zweite Grundbedürfnis gäbe, nämlich das nach Autonomie, Freiheit und Selbstständigkeit. Es fördert die Entfaltung unserer Individualität.

Da jedoch die neuronalen Verschaltungsmuster im Gehirn, die unser Denken, Fühlen und Handeln leiten, formbar und nicht angeboren sind, ist nicht garantiert, dass wir uns entsprechend unserer Grundbedürfnisse entwickeln. Sie können laut Hüther auch unterdrückt werden. Genau das geschieht, wenn Eltern ihre Kinder nicht wie eigenständige, soziale und liebesbedürftige Wesen behandeln, sondern sie für eigene Absichten und Ziele benutzen. Es geschieht, wenn Lehrer ihren Schülern die natürliche Freude am selbständigen Entdecken und Lernen nehmen oder wenn Menschen – nicht nur Erwachsene, sondern auch zunehmend Kinder und Jugendliche – zu Objekten aggressiver Werbung gemacht werden. Um den Schmerz zu lindern, den die Erfahrung solcher Objektbeziehungen auslöst, entwickeln Kinder – ihr Gehirn ist besonders formbar – zwei mögliche Strategien: Sie behandeln andere Menschen ebenfalls wie Objekte oder degradieren sich selbst zu Objekten, indem sie glauben, sie seien unzulänglich, nicht liebenswert oder unfähig.

Die Suche nach dem Kompass
Es ist ein Teufelskreis und Teil einer zerstörerischen Abwärtsspirale, in die sich die Menschheit hineinmanövriert hat. Im Erwachen unserer Würde sieht Hüther die einzige Chance, diesen Kreislauf zu durchbrechen. Tiere und Pflanzen müssen sich der Würde, die sie ausstrahlen, nicht bewusst werden, denn sie „haben nicht so viele Möglichkeiten wie wir, etwas anderes werden zu wollen, als das, was sie sind“. Wir dagegen brauchen das Würde-Bewusstsein wie einen Kompass: sich an ihm zu orientieren bedeutet, nicht mehr „verführbar“ zu sein.
Hüther vermutet, dass die Suche nach diesem Kompass längst begonnen hat. Obwohl viele Menschen das Gespür für ihre Würde vor sich selbst verbergen, sei es doch vorhanden und ansprechbar. „Es gibt etwas Überzeitliches, Zeitloses, etwas Göttliches, das man nicht vernichten kann.“ Einigen Menschen sei es gelungen, auch in einer würdelosen Umgebung ihre Würde zu bewahren. Es sei, so sagt Hüther, ihre Aufgabe, durch ihr Beispiel viele andere Menschen zu inspirieren und dafür zu sorgen, dass die Würde nicht länger verletzt und untergraben wird.

Damit kommt er der buddhistischen Vorstellung unserer Aufgabe als „Bodhisattvas aus der Erde“ erstaunlich nah. Sie tauchen im Lotos-Sutra auf und stehen sinnbildlich für alle Menschen, die sich mit ihrem ganzen Leben für den Weltfrieden einsetzen, indem sie eine Kultur erschaffen, die das Leben würdigt.

Die Zukunft liegt in unserer Hand
Dass die Freiheit und enorme Gestaltungsmöglichkeit des Menschen ein zweischneidiges Schwert ist, beschreibt – in anderen Worten – auch Daisaku Ikeda: „Wenn die Menschen ihre Augen für den harmonischen Rhythmus des Universums öffnen und friedlich mit allen anderen Lebensformen koexistieren, werden sie (…) erheblich zu der Erschaffung eines neuen Universums beitragen, in dem (…) das lebende Wesen Natur sein kreatives Werk fortsetzen kann. (…) Wenn die Menschen jedoch weiterhin Sklaven der Gier, der Unwissenheit und des Egoismus bleiben, wenn sie sich hassen und gegenseitig töten, (…) zerstört die Menschheit anderes Leben und die Natur, indem sie den vitalen Lebensfaden durchschneidet, der alles im Kosmos verbindet.“

Die Zukunft liegt in unserer Hand. Das Befreiende am Buddhismus Nichiren Daishonins besteht darin, dass wir immer die Wahl haben. Egal in welcher Situation wir uns befinden, egal wie würdelos das Umfeld war, in dem wir aufgewachsen sind – wir können jederzeit durch das Chanten von Nam-Myoho-Renge-Kyo zu unserem Ursprung zurückkehren und eins mit der alles umfassenden kosmischen Energie werden. In diesem Augenblick werden wir durchströmt von Freude, Liebe und purem Mitgefühl. Vor allem darin drückt sich unsere Würde aus. Denn es gehört ganz elementar zu unserem Wesen, uns miteinander zu verbinden. Die tiefste Freude, die wir empfinden können, erwächst daraus, anderen zu helfen, glücklich zu sein – oder anders gesagt: ihre Würde, ihr Potenzial als Mensch zu erkennen.
Unsere buddhistische Ausübung besteht darin, diesen Respekt vor der Würde des Lebens jeden Tag zu trainieren und zum Ausdruck zu bringen. Mit jeder Begegnung haben wir die Möglichkeit, das Wunderbare, Unantastbare in der anderen Person zu entdecken und gleichzeitig zu spüren, dass es auch in uns wirksam ist.

 

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