Die Kraft der Menschenrechtsbildung

Auszug aus dem Friedensvorschlag 2018 von SGI-Präsident Daisaku Ikeda

Auf der ganzen Welt sehen wir verstörende Beispiele von  Fremdenfeindlichkeit. 
Individuen oder Gruppen werden als Objekte der Ablehnung, des Abwendens und der Abtrennung ausgegrenzt. Während der regulären Sitzungen des UN-Menschenrechtsrats im letzten Jahr wurden zwei Antidiskriminierungsbeschlüsse verabschiedet: der eine zur Bekämpfung von Intoleranz aufgrund der Religion oder des Glaubens einer Person, der andere über den Beginn von Verhandlungen über das zusätzliche Protokoll zum Internationalen Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Rassendiskriminierung.

Die New Yorker Erklärung für Flüchtlinge und Migranten, die bei der Generalversammlung im Jahr 2016 verabschiedet wurde, warnt ebenfalls: „Flüchtlinge oder Migranten zu verteufeln rüttelt an den Grundfesten der Würde und Gleichheit aller Menschen – Werte, denen wir uns verschrieben haben.“ Bis zu einem gewissen Grad ist es nur natürlich, ein Gefühl der Verbundenheit mit einer Gruppe von Menschen zu empfinden, mit denen man bestimmte Eigenschaften teilt. Ebenso ist es vielleicht zu erwarten, dass wir Befürchtungen dabei haben, Menschen anderer nationaler Herkunft in der Gemeinschaft willkommen zu heißen, die wir Heimat nennen. Doch wir sollten erkennen, wie solche Gefühle zu einem ausgrenzenden Verhalten sowie zu Menschenrechtsverletzungen führen
können, wenn sie in Feindseligkeit, Hassreden und anderen Formen der Diskriminierung Ausdruck finden.

Während sich unsere Fähigkeiten erweitert haben, Verbindungen zu anderen Menschen aufzubauen, hat die aufstrebende postindustrielle Informationsgesellschaft in den vergangenen Jahren auch zu einem Phänomen geführt, bei dem die Menschen nur mit denjenigen Verbindungen eingehen, mit denen sie denselben Referenzrahmen teilen. Zu den Ursachen dieses Phänomens, das als Filterblase [Engl.: filter bubble] bekannt ist, zählen Datenrecherchen, die Informationen ermitteln und zurückspielen, die bereits auf die Vorlieben des jeweiligen Benutzers abgestimmt sind und die auf diese Weise die Sicht auf andere Quellen verdecken. So wird man Stück für Stück in eine isolierende Membran der vorausgewählten Informationen eingehüllt, ohne es zu bemerken.

Beunruhigend an diesem Phänomen ist der Grad, zu dem es unser Verständnis von gesellschaftlichen Zusammenhängen beeinflussen
kann. Selbst wenn jemand aktiv nach Informationen zu einem Thema oder einer speziellen Fragestellung sucht, wird der Inhalt, den er oder sie auf den Webseiten oder in den sozialen Medien antrifft, letztlich eine große Übereinstimmung mit seinen oder ihren bereits vorhandenen Ansichten aufweisen. Auf diese Weise werden wir von Informationen distanziert, die den bisherigen eigenen Ansichten
widersprechen. Diese können dann nicht mehr berücksichtigt werden, wenn wir gründliche Überlegungen anstellen wollen.

Der Internet-Aktivist Eli Pariser mahnt: „In einer Zeit, da geteilte Informationen die Voraussetzung für geteilte Erfahrungen sind, wirkt die Filter Bubble als Zentrifugalkraft und treibt uns auseinander.“ Die Fähigkeit, gute Entscheidungen zu treffen, hängt von dem Bewusstsein einer Situation und ihres Kontextes ab. Daher warnt er uns vor den Wirkungen unserer eingeschränkten Wahrnehmung: „In der Filter Bubble bekommt man keine komplette Lageerfassung, keinen Rundumblick, sondern immer nur einen kleinen Ausschnitt.“

Forschungen über Diversität haben ergeben, dass Menschen, die zu einer gesellschaftlich dominierenden Gruppe gehören, sich oft nicht bewusst sind, dass ihr Leben frei von Diskriminierung ist. Ihr mangelndes Bewusstsein für diese Art von Privileg kann eine soziale
Atmosphäre entstehen lassen, die von den Mitgliedern der Minderheiten als klaustrophobisch erlebt wird. Ich werde niemals vergessen,
als Rosa Parks (1913–2005), die Mutter der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, mir während unseres Treffens im Januar 1993 ihre persönliche Erfahrung beschrieb, die sie unter einem rassistischen System, das immenses Leid für zahllose Menschen verursachte, machte.

Bis die afrikanischstämmigen Amerikanerinnen und Amerikaner Wege fanden, dem von ihnen empfundenen Leid eine greifbare und
sichtbare Form zu geben, blieb dieses von großen Teilen der weißen amerikanischen Gesellschaft unbemerkt. Die historische Busboykott-Bewegung, entfacht durch Frau Parks unmissverständliche Weigerung, Ungerechtigkeit zu akzeptieren, erzeugte einen Strom des Wandels, weil ihre Weigerung diesen Schmerz so weitreichend und wirkungsvoll zum Ausdruck brachte.

Lernen, miteinander zu leben
Die japanische Gesellschaft verhält sich diskriminierend gegenüber Bürgerinnen und Bürgern aus China, Korea und anderen asiatischen Staaten. Im Zuge meiner Bemühungen, einen Austausch mit den Nachbarländern Japans sowie gegenseitiges Verständnis und Vertrauen zu fördern, schloss ich Freundschaft mit Soo-sung Lee, dem ehemaligen Premierminister Südkoreas. Sein Vater war während der Kolonialherrschaft Japans über die koreanische Halbinsel (1910–1945) als Richter tätig gewesen. Er ließ sich nicht davon abbringen, seine Arbeit in traditioneller koreanischer Tracht anzutreten, und weigerte sich, Japanisch zu sprechen. Als er sich weigerte, eine Anweisung zu erfüllen, die koreanische Bürgerinnen und Bürger dazu zwang, einen japanischen Namen anzunehmen, kostete ihn dies seine juristische Karriere. Die japanischen Machthaber enthoben ihn seines Amtes und verhinderten, dass er weiterhin juristisch tätig sein konnte.

Über die Jahre hinweg habe ich mit japanischen Jugendlichen oft über die bitteren Lektionen, die uns die Geschichte lehrt, gesprochen.
Es war mir dabei ein tiefes Bedürfnis, der Zukunft solche Zeitzeugenberichte, wie etwa den des ehemaligen Premierministers Lee, zu übermitteln. Sie sollten wissen, wie unmenschlich unsere Nachbarinnen und Nachbarn durch uns behandelt wurden und welch tiefes Leid dieses Verhalten verursacht hat.

Während einer Gedenklesung an der Soka-Universität im Oktober 2017 sagte der ehemalige Premierminister zu den Studierenden:
„Selbst die talentierteste und fähigste Person sollte niemals auf andere herabblicken. In gleicher Weise sollten sich Mitglieder einer ethnischen Gruppe niemals überheblich gegenüber Mitgliedern anderer ethnischer Gruppen verhalten.“ Ich hoffe aufrichtig, dass sich die jüngere Generation diese Worte zu Herzen nimmt, um die zu Vorurteilen und Diskriminierung neigende Tendenz abzulegen, die immer noch die japanische Gesellschaft durchzieht.

Viele Mitglieder vorherrschender sozialer Gruppen mögen Diskriminierung als etwas ansehen, das nichts mit ihrem eigenen Leben zu tun hat, doch für die Angehörigen der an den Rand gedrängten Gruppen ist dies die unleugbare Realität ihres täglichen Lebens.

Menschenrechtsbildung richtet die Aufmerksamkeit auf solche unbewussten Neigungen, die Diskriminierung schüren. Auf diese Weise bietet sie den Menschen die Chance, ihr alltägliches Verhalten zu überprüfen.

Eine Fallstudie, die sowohl im Film als auch in der Ausstellung gezeigt wird, beschreibt ausführlich, wie ein mit der Polizei in Victoria,
Australien durchgeführtes Menschenrechtstrainingsprogramm dabei half, gesellschaftliche Spannungen abzubauen. Nachdem eine Untersuchung missbräuchliches Verhalten gegenüber Mitgliedern der LGBT-Gemeinschaft durch die Polizei in Victoria aufgedeckt hatte, führte die Polizeistation ein Menschenrechtstrainingsprogramm durch. Dies führte zusätzlich zu einer Verbesserung des Umgangs mit Angehörigen von Migrantengemeinschaften.

Als ein Ergebnis dieses Programms waren die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Polizei in der Lage, ihre Rolle innerhalb des menschenrechtlichen Rahmenwerks klar zu erkennen. Sie verstanden, dass es notwendig ist, den Menschen und sein Verhalten nicht in
einen Topf zu werfen: Der Mensch ist auf jeden Fall zu schützen, aber mit seinem Verhalten muss entsprechend umgegangen werden,
wenn es dem Gesetz widerspricht.

Diese Veränderung in der Einstellung der Polizistinnen und Polizisten führte außerdem zu einer Veränderung innerhalb der Migrantengemeinde. Ein jugendlicher Immigrant erklärte, dass er sich immer unwohl gefühlt habe, sobald sich ihm die Polizei näherte.
Eines Tages lud ihn ein Polizeibeamter ein, an einem Programm zur Ausbildung junger Führungskräfte teilzunehmen. Nachdem er an
die Verabschiedung der Erklärung der Vereinten Nationen über Menschenrechtsbildung und -training im Jahr 2011 und arbeiteten
anschließend mit daran, ein zivilgesellschaftliches Netzwerk zur dem Programm teilgenommen hatte, war seine Einstellung gegenüber
der Polizei komplett verändert, da er zu verstehen begann, dass sie beide – er und der Polizeibeamte – gewöhnliche Menschen sind. Der einzige Unterschied war, dass einer von ihnen eine Uniform trug.

Auf diese Weise führte das Menschenrechtstrainingsprogramm nicht nur zu einer Veränderung der Haltung der Polizei, sondern auch die schlechten Gefühle der Immigrantinnen und Immigranten der Polizei gegenüber verringerten sich, und das Vertrauen zwischen ihnen wurde umfassend gestärkt

Dieser Fall zeigt, dass die wahre Bedeutung der Menschenrechtsbildung und des entsprechenden Trainingsprogramms weit darüber
hinausgeht, ein besonderes Wissen oder bestimmte Fähigkeiten zu erlangen – sie liegt vielmehr darin, unseren Wunsch wiederaufleben
zu lassen, die gemeinsame Menschlichkeit auch in jenen zu erkennen, die anders sind als wir, und Verbindungen für ein gemeinsames
soziales Leben zu knüpfen.

Wer in den Echokammern der Filterblase oder innerhalb unbewusst aufgebauter Mauern eingeschlossen bleibt, dem kann es nicht gelingen, den strahlenden Glanz der Menschlichkeit in anderen zu erkennen.

Auch das Licht ihrer eigenen Menschlichkeit wird verborgen bleiben, da es nicht zu den Menschen um sie herum vordringen kann. Menschenrechtsbildung hat die Kraft, die Grenzen zwischen dem eigenen Selbst und den anderen aufzuheben, Grenzen, die aus
Unterschieden von Identität und sozialem Status erwachsen. Dadurch kann Menschenrechtsbildung die Möglichkeiten erweitern, das Licht der Menschlichkeit so leuchtend wie nur möglich sowohl für uns selbst als auch für andere erstrahlen zu lassen.

Im Mahayana-Buddhismus gibt es die Metapher von Indras Netz. Dies ist ein gewaltiges Netz, das über dem Palast der buddhistischen Göttin Indra gespannt ist, mit prachtvollen Juwelen, die an jedem seiner Knoten befestigt sind. Jedes Juwel verbreitet nicht nur seinen eigenen Glanz, sondern enthält und reflektiert das Bild aller anderen Juwelen in diesem Netz, das in der Großartigkeit seiner Gesamtheit funkelt. Indras Netz spiegelt die Art der idealen Gesellschaft wider, die durch Menschenrechtsbildung entstehen kann.
Die pluralistische und inklusive Gesellschaft, die in der Erklärung der Vereinten Nationen über Menschenrechtsbildung und -training
gefordert wird, findet ihre stabile Grundlage in dem Prozess, mannigfaltige Verbindungen untereinander zu knüpfen, die sicherstellen,
dass jeder Mensch im Licht der Menschlichkeit erstrahlen und selbst von ihm erleuchtet werden kann.

Hier den Friedensvorschlag 2018 von SGI-Präsident Daisaku Ikeda im Volltext lesen.

 

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