eine kultur der menschenrechte

Auszug aus dem Friedensvorschlag 2018 von SGI-Präsident Daisaku Ikeda

Passive Toleranz ist weit entfernt von einem Zusammenleben im wahren Sinne des Wortes. Sie birgt die Gefahr, dass die Handlungen der Menschen oberflächlich und halbherzig bleiben, da sie nur auf solche Handlungen beschränkt sind, die anderen gestatten, in derselben Nachbarschaft zu leben oder sich an die gleichen Gesetze und Regeln zu halten, die für alle gelten. Solch eine passive Toleranz greift zu kurz. Sie kann die Menschen nicht dazu bringen, aktiv die gemeinsame Menschlichkeit in denen zu erkennen, die sie als anders wahrnehmen. Sie bildet ein ineffektives Gegengewicht zu den ausgrenzenden Impulsen, die in Zeiten erhöhter gesellschaftlicher Spannungen wirksam sind. Angeführt durch die UN, hat es einen neuen Anstoß dazu gegeben, eine Kultur der Menschenrechte zu erschaffen, die auf den gemeinsamen Bemühungen basiert, das öffentliche Bewusstsein in Richtung einer Gesellschaft zu verändern, in der alle Menschen in Würde leben können.

Im Buddhismus findet sich die Wendung: „Echte Freude ist die, die man mit anderen teilt.“ Auf der Grundlage dieses Prinzips bin ich überzeugt, dass die Quelle zur Erschaffung einer Gesellschaft der sich wechselseitig bereichernden Koexistenz in einer Lebensweise liegt, in der wir Freude darin finden, die beiderseitige Würde im Spektrum all ihrer Möglichkeiten erstrahlen zu sehen.

Im Lotos-Sutra wird eine Reihe von Szenen geschildert, in denen Shakyamunis Schüler – bewegt darüber, seine Lehre von der Würde
des Lebens zu hören – einer nach dem anderen schwören, nach diesem Prinzip zu leben. Dies setzt eine Kettenreaktion des Jubels in
Gang, die in Formulierungen beschrieben wird wie „ihre Herzen waren von großer Freude erfüllt“ und „ihr Geist tanzte voller
Freude“ – wodurch alle ihr Verständnis für den höchsten Wert und die Würde des Lebens vertiefen.

Die SGI-Bewegung wird von der gleichen Idee angetrieben: vom Erleben der geteilten Freude. Sie erwächst aus den Bemühungen, jede
Person jenseits aller Unterschiede zu unterstützen, so dass sie die Herausforderungen des Lebens meistern und ihren Weg weiter vorangehen kann. Diese Freude fließt aus dem Anblick, unsere Mitmenschen in voller Würde strahlen zu sehen, weil sie im Angesicht
von Schwierigkeiten nicht aufgeben. Sie fließt aus der Einstellung, das Wachstum der anderen zu feiern und zu fördern, als wäre es
unser eigenes. Dieses Teilen und wechselseitige Auskosten von Freude ist die Quelle unserer Bewegung.

Dieses Konzept der geteilten Freude erinnert mich an den Historiker Dr. Vincent Harding (1931–2014), der mir von seiner Erfahrung
aus der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung erzählte. Er war noch ein Doktorand, als er Martin Luther King (1929–1968) zuhause
besuchte. Diese Begegnung war ausschlaggebend für sein lebenslanges Engagement in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung.

Damals hatte der Busboykott eine massive Zunahme an Stimmen in den USA entfacht, die nach dem Ende des institutionalisierten Rassismus riefen. Die Spannungen steigerten sich, besonders in den Südstaaten, als ein afroamerikanischer Student von der Teilnahme
am Unterricht ausgeschlossen wurde und man damit fortfuhr, schwarzen Schülerinnen und Schülern die Aufnahme an der Highschool
zu verweigern.

Dr. Harding, der zu jener Zeit in Chicago lebte, erwog die Gründung einer gemeinsamen Kirchengemeinde von schwarzen und weißen
Christinnen und Christen. Im Laufe ihrer Arbeit begann die Gruppe sich zu fragen: „Was würden wir tun, wenn wir im Süden leben würden, wo es für Schwarze wie Weiße gleichermaßen illegal und gefährlich ist, wie Brüder und Schwestern zusammenzuleben und
zu arbeiten? Würden wir immer noch versuchen, nach unserem Glauben zu leben und unsere Beziehungen untereinander wertschätzen, selbst wenn wir dadurch in ernsthafte Schwierigkeiten kommen könnten?“ Im Anschluss an diese Diskussion fassten fünf seiner Freunde – zwei Schwarze und drei Weiße – den Entschluss, den Vorschlag zu testen, indem sie zusammen in den Süden reisten. Sie fuhren in
einem alten Kombi und machten ihren ersten Halt in Arkansas, wo sie führende Persönlichkeiten der Bürgerrechtsbewegung besuchten,
die den Schülerinnen und Schülern halfen, denen der Eintritt in eine neue integrative Highschool verwehrt worden war. Hier wurden
sie unmittelbar Zeugen der furchtbaren Bedrohungen, denen diese Anführer ausgesetzt waren. Als Nächstes reisten sie durch Mississippi – wo die Gewalt gegen jene ungebrochen weiterbestand, die die Praxis der Rassentrennung und die Vorherrschaft der Weißen in Frage stellten. Schließlich kamen sie in Alabama an. Dort erholte sich Dr. King in seinem Haus in Montgomery von einer Stichwunde, die er bei einem gerade erst erfolgten Angriff erlitten hatte. Trotz alledem hieß seine Frau Coretta Scott King (1927–2006) die Gruppe warmherzig in ihrem Heim willkommen, wo sie schließlich Dr. King treffen konnten.

In Erinnerung an diese Begegnung erzählte mir Dr. Harding: „Während dieses ersten Treffens in Montgomery zeigte er [Dr. King] sich beeindruckt, dass wir fünf – zwei Schwarze und drei Weiße – brüderlich gemeinsam unterwegs waren. (…) Eines seiner Hauptziele war nicht allein die Einführung gerechter Gesetze für die schwarze Bevölkerung. Er wollte vielmehr das erschaffen, was er die „geliebte
Gemeinschaft“ nannte, in der alle Menschen ein Gespür für ihre fundamentale Verbundenheit als Menschen wiederentdecken können.“

Es ist unnötig zu erwähnen, dass Dr. King die Verabschiedung neuer Gesetze als den vorrangigen Kampf ansah, der gewonnen werden musste – Gesetze, die den Weg zu einer gerechten Gesellschaft festigen würden. Ein gesetzliches Rahmenwerk wie die Bürgerrechte schafft die Grundlage dafür, um der gesellschaftlich vorherrschenden Diskriminierung und Unterdrückung entgegenzuwirken, und ist
daher als absolut notwendig anzusehen. Nichtsdestotrotz setzte Dr. King noch höher an: Er suchte alle Vorurteile und Feindseligkeiten
vollständig auszurotten und arbeitete auf das hin, was Dr. Harding als das „neue Amerika“ beschrieb – „ein Amerika, in dem Schwarze, Weiße und Menschen jeglicher Hautfarbe zusammenkommen können, um eine gemeinsame Grundlage für ihr gemeinsames Wohl zu finden.“

Im August 1963, fünf Jahre nach dem Zusammentreffen von Dr. Harding und Dr. King, gipfelte die wachsende Dynamik der Bürgerrechtsbewegung in dem Marsch auf Washington, der Massen an Menschen aller Rassen und sozialen Hintergründe anzog. In einem Bericht über diesen Tag, der in seiner Autobiografie erschienen ist, fasst Dr. King die Gefühle der Teilnehmenden wie folgt zusammen: „Unter den fast 250.000 Menschen, die an diesem Tag in die Hauptstadt reisten, waren zahlreiche Würdenträger und Prominente, doch das bewegende Gefühl der Ergriffenheit kam von den Massen an einfachen Menschen, die in erhabener Würde als Zeugen für ihre unbeirrbare Entschlossenheit dastanden, in ihrer Zeit die Demokratie zu verwirklichen.“

Mich lässt das Gefühl nicht los, dass die damals Anwesenden eine unsichtbare Freude empfunden haben müssen. Sie wurden Zeugen davon, wie ihr kollektiver Wunsch nach Freiheit und Gleichheit eine Veränderung nach der anderen in der Gesellschaft hervorbrachte. Ihre Freude war nicht allein die Wirkung einer eintägigen Reise nach Washington. Sie erwuchs aus einem langwierigen und mühseligen Prozess, einer stetigen Anhäufung von hart ausgefochtenen Kämpfen, die zu diesem Tag geführt hatten.

Der Marsch auf Washington war nicht nur ein historisches Ereignis hinsichtlich der Solidarität, die von Menschen jeglichen sozialen
Hintergrunds gezeigt wurde, einschließlich vieler Weißer, sondern er brachte außerdem, wie Dr. King anmerkte, die drei größten Religionen des Landes näher zusammen als irgendein anderes Thema in der Friedensgeschichte des Landes.

In ähnlicher Weise erwachsen die Bemühungen der SGI, die Abschaffung der Atomwaffen voranzutreiben, aus einer unbeirrbaren
Entschlossenheit, eine Grundströmung des Wandels durch die Solidarität der Bürgerinnen und Bürger zu erschaffen. Hierzu gehört
auch eine Erklärung, die wir gemeinsam mit anderen glaubensbasierten Organisationen veröffentlicht haben.

Der Ausgangspunkt für diese Initiative war ein interreligiöses Symposium, das im April 2014 in Washington D.C. stattfand. Dort kamen Repräsentantinnen und Repräsentanten der christlichen, muslimischen, jüdischen und buddhistischen Traditionen zusammen, um das Atomwaffenproblem zu diskutieren und eine gemeinsame Erklärung zu verfassen, die von Menschen aus 14 verschiedenen glaubensbasierten Organisationen unterzeichnet wurde.

Seitdem hat dieses Netzwerk von Glaubensgemeinschaften damit fortgefahren, seine Stimme für die Abschaffung von Atomwaffen zu
erheben. Es wurden acht gemeinsame Erklärungen bei wichtigen Anlässe abgegeben, einschließlich der Konferenz über die humanitären
Auswirkungen von Atomwaffen, die 2014 in Wien stattfand, der 2015 abgehaltenen Überprüfungskonferenz zum Atomwaffensperrvertrag, der zweiten Gesprächsrunde der Offenen UN-Arbeitsgruppe [zur Abschaffung von Nuklearwaffen] im Jahr 2016 sowie der Verhandlungstreffen, aus denen im Jahr 2017 der Atomwaffenverbotsvertrag hervorgegangen ist.

Diese Bande der Solidarität liegen nicht nur in dem Gefühl einer gemeinsamen Aufgabe begründet. Sie sind Ausdruck einer tiefen
Freude darüber, für die Lösung der entscheidenden Herausforderungen der Menschheit gemeinsam voranzugehen.

Im November 2017 nahm die SGI an dem internationalen Symposium Perspektiven für eine atomwaffenfreie Welt teil, die im Vatikan
abgehalten wurde. Während einer Audienz mit Teilnehmenden der Konferenz verurteilte Papst Franziskus nicht nur den Einsatz von
Atomwaffen, sondern ebenso ihren Besitz. Mit der Erklärung, dass sie ein falsches Gefühl der Sicherheit erzeugen würden, sagte er,
dass nur eine Ethik der Solidarität als wahre Basis für ein friedliches Zusammenleben dienen könne. Außerdem sprach er davon, wie
wichtig ein „gesunder Realismus“ sei. Dieser zeige sich durch die vielen Staaten, die auf die zutiefst unmenschliche Natur der Atomwaffen mit den Verhandlungen reagierten, die schließlich den TPNW hervorbrachten. Ich stimme mit dieser Sichtweise vollkommen
überein.

Vor fünfzig Jahren – einen Monat nach der Ermordung von Dr. King – verfasste ich meine erste öffentliche Erklärung, in der ich zu einem
internationalen Konsens zum Verbot von Atomwaffen aufrief. Bis zum heutigen Tag kann ich den Abschnitt aus Dr. Kings letzter Rede
nicht vergessen, in der er die Frage stellte, in welcher Epoche des Gesamtpanoramas der Menschheitsgeschichte er am liebsten leben
würde. Während er die Attraktivität solcher Zeitspannen hervorhob, wie etwa der Renaissance oder des Augenblicks, in dem Abraham
Lincoln (1809–1865) die Emanzipationsproklamation [zur Abschaffung der Sklaverei in den Südstaaten] unterzeichnete, erklärte
er, dass die [damalige] Gegenwart der Zeitpunkt in der Geschichte sei, den er wählen würde: „Freilich, das ist eine seltsame Erklärung, denn die Welt ist in ziemlicher Unordnung. Unsere Nation ist krank. Unruhe ist im Land. Verwirrung überall. Es ist eine seltsame Erklärung. Aber irgendwie weiß ich, dass man nur dann, wenn es dunkel genug ist, die Sterne sehen kann.“

Ein weiterer Grund, warum ich glücklich bin, in dieser Epoche zu leben, ist dieser: Wir sind gezwungenermaßen an einen Punkt gekommen, wo wir uns mit Problemen auseinandersetzen müssen, die in der Geschichte der Menschheit schon lange existieren, zu deren Lösung aber nie eine Notwendigkeit bestand. Wenn wir überleben wollen, müssen wir sie anpacken.“

Wir sollten Dr. Kings Worte beherzigen. Sie sind heute, in einer Zeit, in der die gemeinschaftlichen Bemühungen der UN und der Zivilgesellschaft eine Dynamik erzeugen, die zu einer Kultur der Menschenrechte führt, von höchster Bedeutung. Jetzt tritt die Bewegung
für das Inkrafttreten des Atomwaffenverbotsvertrags, der das Recht aller Menschen auf Leben auf der ganzen Welt schützen wird,
in ihre entscheidende Phase ein.

Vor uns liegt ein Unterfangen, das in die Annalen der Menschheitsgeschichte eingehen wird. Die neue Wirklichkeit einer globalen Gesellschaft zu erschaffen, in der alle in Frieden und Würde leben können, liegt nicht außerhalb unserer Reichweite. Ich bin fest davon
überzeugt, dass die Solidarität der einfachen Menschen die treibende Kraft für ihre Verwirklichung sein wird.

 

Hier den Friedensvorschlag 2018 von SGI-Präsident Daisaku Ikeda im Volltext lesen.

 

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