Der MENSCH IM MITTELPUNKT

Auszug aus dem Friedensvorschlag 2019 von SGI-Präsident Daisaku Ikeda

Inmitten permanent zunehmender globaler Herausforderungen werden Krisen, die bisher undenkbar waren, jetzt weltweit zur Realität.

Besonders alarmierend ist das Problem des Klimawandels. Die globale Durchschnittstemperatur lag während der vergangenen vier Jahre jeweils höher als die jemals verzeichnete, und die Folgen extremer Wetterphänomene sind überall spürbar. Auch die sogenannte  Flüchtlingskrise bleibt eine Quelle tiefer Besorgnis. Ende 2017 sahen sich weltweit 68,5 Millionen Menschen aufgrund von Konflikten und aus anderen Gründen gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Zusätzlich werfen Handelsstreitigkeiten einen dunklen Schatten auf die  Gesellschaft.

Während der Generaldebatte anlässlich der Generalversammlung der Vereinten Nationen im letzten Jahr brachten viele Führungspersönlichkeiten aus der ganzen Welt angesichts der jüngsten Entwicklungen in den internationalen Handelsbeziehungen
und deren Folgen für die Weltwirtschaft ihre tiefe Sorge zum Ausdruck. Neben all diesen Herausforderungen hat die UN auch im Zusammenhang mit Abrüstungsfragen dringend zum Handeln aufgerufen.

UN-Generalsekretär António Guterres veröffentlichte im Mai des vergangenen Jahres in Form der UN-Abrüstungsagenda einen umfassenden Bericht zu diesem Thema. Er führte die Tatsache an, dass die jährlichen weltweiten Militärausgaben den Umfang von 1,7 Billionen US-Dollar überschritten und damit das höchste Niveau seit dem Fall der Berliner Mauer erreicht hätten und warnte: „Wenn
jedes Land seine eigenen Sicherheitsinteressen ohne Rücksicht auf andere verfolgt, schaffen wir eine globale Unsicherheit, die uns alle
bedroht.“ Er führte aus, dass die Summe der Militärausgaben etwa 80 Mal höher sei als der Betrag, der nötig wäre, um die humanitären
Bedürfnisse der Menschen weltweit zu befriedigen. Seine tiefe Sorge gilt der zunehmenden Kluft zwischen Ressourcenverteilung und der Tatsache, dass dringend notwendige Mittel zur Beendigung von Armut, Förderung von Gesundheit und Bildung, Bekämpfung des Klimawandels und Einleitung weiterer Maßnahmen zur Rettung des Planeten nicht eingesetzt würden.

Sollte sich dieser Trend fortsetzen, besteht das Risiko, dass alle Fortschritte, die bereits gemacht wurden, um die Ziele für nachhaltige
Entwicklung (SDGs) zu erreichen, die darauf ausgerichtet sind, dass niemand zurückgelassen wird, zum Stillstand kommen.

Abrüstung, seit Gründung der UN eines ihrer wichtigsten Ziele, war auch mir stets ein persönliches Anliegen und ist eines der zentralen
Themen der Friedensvorschläge, die ich seit nunmehr über 35 Jahren jährlich verfasse. Ich gehöre jener Generation an, die die Gräuel des Zweiten Weltkriegs noch selbst erlebt hat, und trage das geistige Erbe von Josei Toda (1900–1958), des zweiten Präsidenten der Soka  Gakkai, weiter. Er war fest entschlossen, die Welt von allem Elend und Leid zu befreien und setzte sich permanent dafür ein, um dieses Ziel zu erreichen. Mir ist daher überaus bewusst, dass Abrüstung unabdingbar ist, wenn wir Konflikte und Gewalt ausrotten wollen, welche die Würde und das Leben so vieler Menschen bedrohen.

Die Menschheit besitzt die Kraft der Solidarität, eine Stärke, mit der wir alle Gegensätze überwinden können. Tatsächlich wurde durch die
Kraft eben dieser Solidarität vor zwei Jahren der Atomwaffenverbotsvertrag (TPNW) angenommen – eine Unternehmung, deren  erfolgreiche Umsetzung lange Zeit als unmöglich galt – und ist inzwischen auf dem Weg zu seiner Ratifizierung und seinem Inkrafttreten.

Die Stunde vor Sonnenaufgang ist die dunkelste. Jetzt ist es an der Zeit, diese Entwicklung zu beschleunigen und echte Abrüstung zu
erreichen, indem wir die derzeitigen Krisen als Chancen sehen, die Geschichte neu zu schreiben.

Ich möchte zu diesem Zweck drei Kernthemen vorschlagen, die als eine Art Gerüst bei der Umsetzung von Anstrengungen dienen könnten, die Abrüstung im 21. Jahrhundert zu einem Eckpfeiler der zukünftigen Entwicklung der Welt zu machen: die Erarbeitung einer gemeinsamen Vision von einer friedvollen Gesellschaft; die Förderung eines Multilateralismus, der die Menschen in den Mittelpunkt stellt; und die umfassende Einbindung der Jugend.

Eine gemeinsame Vision
Die Allgegenwart von Waffen lässt das Bedrohungsrisiko weltweit steigen. Obwohl der Waffenhandelsvertrag, der den internationalen
Handel mit konventionellen Waffen – von Handfeuerwaffen bis hin zu Panzern und Raketen – regelt, 2014 in Kraft trat, sind die
Hauptexportländer von Waffen hierbei auch weiterhin außen vor. Dies macht es schwierig, die Verbreitung von Waffen in Konfliktregionen zu unterbinden. Zudem mussten wir immer wieder den Einsatz von chemischen und anderen zutiefst inhumanen Waffen
erleben. Ebenso hat die Modernisierung von Waffentechnologien ernste Fragen aufgeworfen: Angesichts militärischer Drohnenanschläge,
bei denen die Zivilbevölkerung getroffen wird, verstärkt sich die Besorgnis in Bezug auf Fragen im Zusammenhang mit den internationalen Menschenrechten.

Und auch beim Thema Atomwaffen herrschen zunehmend Spannungen. US-Präsident Donald Trump kündigte vergangenen Oktober an, dass die Vereinigten Staaten die Absicht hätten, aus dem INFVertrag (Vertrag über Atomwaffen mittlerer Reichweite) mit Russland
auszusteigen. Da es anhaltende Streitigkeiten über die Einhaltung der in diesem Vertrag niedergelegten Regeln zwischen den beiden Ländern gibt, besteht die Gefahr, dass – sollte der INF-Vertrag tatsächlich scheitern – eine neue Atomwaffenaufrüstungsspirale in Gang gesetzt wird, an der auch andere Atommächte beteiligt sein werden. Solche Umstände verdeutlichen in der Tat die Feststellungen von UN-Generalsekretär Guterres im Vorwort zur UN-Abrüstungsagenda. Dort heißt es: „Die Spannungen des Kalten Krieges sind zurückgekehrt in eine Welt, die komplexer geworden ist.“ Warum scheint sich die Geschichte im 21. Jahrhundert auf diese Weise zu wiederholen? Ich fühle mich an dieser Stelle an die beeindruckenden Worte des bedeutenden Physikers und Philosophen Carl Friedrich von Weizsäcker (1919–2007) erinnert, der sein gesamtes Leben dem Weltfrieden widmete. Dieses Thema war im Übrigen eines von vielen, die ich später auch im Dialog mit seinem Sohn, Ernst Ulrich von Weizsäcker, Ehrenpräsident des Club of Rome, erörtert habe.

C. F. von Weizsäcker beschrieb die Zeit zwischen 1989, dem Ende des Kalten Krieges und dem Fall der Berliner Mauer, und 1990, dem Jahr der deutschen Wiedervereinigung, und stellte fest, dass sich jedoch, betrachte man die Welt als Ganzes, keine entscheidende Veränderung feststellen ließe.

Weizsäcker betrachtete die politische und militärische Situation dieser Zeit und machte deutlich, dass die Anstrengungen zur Überwindung der „Institution Krieg“ den Punkt noch nicht erreicht hätten, an dem sie als Bewusstseinswandel bezeichnet werden
könnten. Mit anderen Worten: Er war überzeugt, dass selbst das Ende des Kalten Krieges noch nicht den Weg zur Erreichung des
Kernzieles eröffnete, nämlich den Krieg als Institution, als wiederholten militärischen Kampf um Hegemonie zwischen verschiedenen
Gruppen, zu überwinden.

Und weiter warnte er: „Niemals, noch nicht einmal heute, ist gewiss, ob diese neuen Arten von Waffen, die wir ständig produzieren, nicht am Ende doch zum Ausbruch eines Krieges führen könnten.“ Ich spüre das Gewicht seiner Worte sehr stark, denn sie treffen auch auf die heutige weltweite Situation zu.

In der Tat sind die Friedens- und die Abrüstungsfrage seit der Ära des Kalten Krieges ungelöst geblieben. Obwohl dies auch weiterhin eine
ernste Herausforderung darstellt – einen im Grunde unauflöslichen Widerspruch – würde ich gerne darauf bestehen, dass es immer noch
ein Fünkchen Hoffnung gibt. Wir können diese Hoffnung aus der Tatsache ziehen, dass Abrüstungsgespräche inzwischen nicht mehr
ausschließlich aus der Perspektive internationaler Politik und Sicherheit geführt werden, sondern zunehmend auch den humanitären
Blickwinkel einbeziehen. Eine Reihe aufeinander aufbauender Verträge zum Verbot zutiefst inhumaner Waffen wie Landminen,
Streubomben und Atomwaffen wurden verabschiedet. Dieses neue historische Momentum müssen wir nutzen und bei der weiteren
Ausgestaltung internationalen Rechts den humanitären Ansatz einbeziehen. Alle Staaten müssen damit beginnen, einen Prozess der
Kooperation und Zusammenarbeit einzuleiten, um bedeutende Schritte auf dem Weg nach vorn zu machen, hin zu echter Abrüstung.

Zu diesem Zweck ist es nützlich, einmal die Idee von der Friedlosigkeit als seelische Krankheit zu untersuchen, die Weizsäcker als Hindernis für Fortschritte im Bereich der Abrüstung benannt hat. Sein Ansatz, die Probleme, die Frieden verhindern, mit einer Krankheit zu vergleichen, die uns alle befallen hat, beruht auf der Erkenntnis, dass kein Staat und kein Individuum sich als selbstständige, von allen anderen abgetrennte Einheit betrachten kann – niemand ist immun. Diese Sichtweise wird untermauert von seiner Auffassung, dass Menschen unbestimmte Lebensformen sind, ohne festgelegte Natur, die weder als dumm noch böse angesprochen werden können. Als solche, so betonte er, sollten wir Friedlosigkeit nicht als etwas Externes, außerhalb unseres Selbst Existierendes betrachten, als Ergebnis von Dummheit oder Bösartigkeit, sondern uns eher „das Phänomen der Krankheit … vor Augen stellen“. Er erläuterte, dass weder
Belehrung noch Verdammung die Krankheit der Friedlosigkeit erfolgreich überwinden könnten: „Sie bedarf eines anderen Prozesses,
den man Heilung nennen sollte.“ „Wie sollen wir Kranken helfen, solange wir nicht das Kranke in uns selbst erkannt und gelernt haben, die anderen und uns selbst als Kranke anzunehmen?“

Diese Art von Bewusstsein war es, so denke ich, das Weizsäcker in einer Zeit, als Großbritannien sich gerade im Wettlauf um Atomwaffen
zu den USA und der Sowjetunion gesellt hatte, dazu führte, einen einzigartigen Ansatz zu verfolgen. Das Göttinger Manifest von 1957, bei dessen Ausarbeitung er gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern eine zentrale Rolle gespielt hatte, beleuchtet die Stellung Deutschlands in der Welt: „Für ein kleines Land wie die Bundesrepublik glauben wir, dass es sich heute noch am besten schützt und den Weltfrieden noch am ehesten fördert, wenn es ausdrücklich und freiwillig auf den Besitz von Atomwaffen jeder Art verzichtet.“ Diese Worte waren nicht so sehr an die Atommächte gerichtet, die sich in einem hitzigen Rüstungswettlauf befanden, sondern machen vielmehr grundsätzlich deutlich, welchen Standpunkt das Heimatland des Verfassers in der Atomfrage einnehmen sollte. Darüber hinaus erklären die Verfasser des Manifests, dass sie als Wissenschaftler eine berufliche Verantwortung für die potenziellen Auswirkungen ihrer Arbeit tragen und als solche „nicht zu allen politischen Fragen schweigen“ können.

Das Göttinger Manifest wurde zufällig im selben Jahr verabschiedet, in dem Josei Toda den auf seiner buddhistischen Überzeugung beruhenden Aufruf zur Abschaffung aller Atomwaffen öffentlich machte. Darin erkannte er zwar die Bedeutung von Initiativen gegen Atomwaffentests an, die zur damaligen Zeit aufkamen, stellte aber zugleich klar, dass, um eine grundlegende Lösung des Problems zu erreichen, die Denkweisen, die Atomwaffen rechtfertigten und damit unser aller Sicherheit bedrohten, mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden müssten: „Ich möchte die Klauen des Bösen offenlegen und herausreißen, die in den Tiefen solcher Waffen verborgen liegen.“

Toda starb sechs Monate nach diesem Aufruf, mit dem er seinen Standpunkt noch einmal ganz deutlich gemacht hatte: Es ist keinem
Menschen gestattet, das fundamentale Recht auf Leben, das allen Menschen weltweit zusteht, zu bedrohen. Die tiefe Bedeutung seines
Aufrufs liegt darin, dass er die Frage der Atomwaffen, die zur Notwendigkeit erhoben wurden, um den Frieden und die Sicherheit
bestimmter Staaten zu sichern, in den Bereich des intrinsischen Selbstwertes des Lebens verwies, und sie somit zu einer drängenden
Frage für alle Menschen machte.

In dem Versuch, diesen Geist weiterzutragen, habe ich unablässig betont, dass wir, wenn wir die Ära der Atomwaffen wirklich beenden
wollen, den Kampf gegen den wahren Feind aufnehmen müssen.

Und dieser Feind sind weder die Atomwaffen selbst noch die Staaten, die sie besitzen oder entwickeln. Vielmehr sind es die Denkweisen,
die die Existenz solcher Waffen gestatten, die Bereitschaft, andere zu vernichten, wenn sie als Bedrohung oder Hindernis für die Umsetzung unserer eigenen Ziele wahrgenommen werden.

 

Hier den Friedensvorschlag 2019 von SGI-Präsident Daisaku Ikeda im Volltext lesen.

 

Auszug erschienen in: