Eine gemeinsame Vision

Auszug aus dem Friedensvorschlag 2019 von SGI-Präsident Daisaku Ikeda

Im September 1958, ein Jahr, nachdem Josei Toda seinen Aufruf veröffentlicht hatte, verfasste ich einen Text mit dem Titel Ein Weg aus dem brennenden Haus. In diesem Beitrag beziehe ich mich auf die im Lotos-Sutra enthaltene Parabel von den drei Wagen und dem brennenden Haus. Dieser Parabel zufolge fängt das Haus eines reichen Mannes plötzlich Feuer. Seine Kinder, die sich im Haus aufhalten, empfinden das Haus als ungeheuer groß und nehmen daher die Gefahr nicht wahr, in der sie sich befinden. Sie verspüren weder Überraschung noch Furcht. Der Mann überlegt sich deshalb, ihnen etwas Verlockendes anzubieten, damit sie aus eigenem Antrieb herauskommen, und sorgt auf diese Weise dafür, dass alle das brennende Haus unbeschadet verlassen können. Ich zitierte diese Parabel, um zu verdeutlichen, dass jeglicher Einsatz von Atom- oder Wasserstoffbomben ein Akt des Selbstmords für die Erde wäre – die  kollektive Selbstzerstörung der Menschheit – und dass wir, weil Atomwaffen ein erhebliches Risiko für Menschen in allen Ländern darstellen, miteinander kooperieren müssen, um einen Weg aus dem „brennenden Haus“ zu finden. Denn dieses Haus ist unsere ganze Welt, die in einer nie dagewesenen Gefahr schwebt. Die Parabel ist ein Symbol dafür, dass unsere Anstrengungen im Kern darauf ausgerichtet sein müssen, alle Menschen vor dieser Gefahr zu retten.

In diesem Sinne stimme ich zutiefst mit der Sichtweise überein, die UN-Generalsekretär Guterres in seiner Abrüstungsagenda propagiert,  wobei er drei neue Perspektiven erörtert, die über die Sicherheitsrhetorik, die so lange im Zentrum dieser Debatten stand, hinausweisen:
Abrüstung zur Rettung der Menschheit, Abrüstung zur Rettung von Leben und Abrüstung um künftiger Generationen
willen.

Was also müssen wir tun, um die Krankheit der Friedlosigkeit zu überwinden, deren Kern der Wille bildet, jedes Mittel anzuwenden,
das nötig ist, um die eigenen Ziele zu erreichen, ohne einen Gedanken an den Schaden zu verschwenden, der damit angerichtet wird, und stattdessen die weltweit aufbrechenden Energien zu nutzen, um einen Abrüstungsprozess in Gang zu setzen und damit viele Leben zu retten? Ein heilungszentrierter buddhistischer Ansatz könnte einiges zur Erhellung der Frage beitragen, wie wir mit dieser Herausforderung umgehen sollten. In den buddhistischen Schriften findet sich die Geschichte eines Mannes namens Angulimāla.

Dieser Zeitgenosse von Shakyamuni ist weithin als Massenmörder gefürchtet. Eines Tages entdeckt er Shakyamuni und beschließt, ihn zu töten. Doch obwohl er ihn mit aller Kraft verfolgt, ist er nicht imstande, ihn einzuholen. Völlig frustriert bleibt Angulimāla schließlich stehen und ruft „Bleib stehen!“ Woraufhin Shakyamuni entgegnet: „Ich stehe schon, Angulimāla. Jetzt bleib auch du stehen.“ Daraufhin fragt ihn der völlig verblüffte Angulimāla, warum Shakyamuni ihn bitte, stehenzubleiben, wo er doch bereits aufgehört hätte, sich zu bewegen. Shakyamuni erklärt, dass er damit auf seine, Angulimālas, Taten angespielt habe, das gnadenlose Töten von Lebewesen und die Bösartigkeit, die dahinter stünde. Von Shakyamunis Worten tief bewegt, beschließt Angulimāla, sich die Bosheit aus dem Herzen zu reißen und seine schlimmen Taten zu beenden. Er wirft an Ort und Stelle seine Waffen hin und bittet darum, Shakyamunis Schüler werden zu dürfen. Von dieser Zeit an bereut Angulimāla die von ihm begangenen Verbrechen zutiefst und verschreibt sich auf der Suche nach Wiedergutmachung voller Ernsthaftigkeit dem buddhistischen Glauben.

Es gibt in Angulimālas Geschichte noch einen zweiten Wendepunkt. Eines Tages, wie er so in der Stadt umhergeht und um Almosen bettelt, sieht er eine Frau, die unter den Schmerzen der Geburt leidet. Niemand ist da, um ihr beizustehen, und auch er fühlt sich zutiefst
hilflos und geht von dannen. Allerdings kann er nicht aufhören, daran zu denken. Also geht er zu Shakyamuni und berichtet ihm, was er gesehen hat. Shakyamuni drängt ihn, sofort zu der Frau zurückzukehren und die folgenden Worte zu sagen: „Schwester, seit meiner Geburt habe ich kein lebendes Wesen wissentlich vernichtet. Durch dieses Wissen möge es dir wohl ergehen und auch dem einen, das geboren werden soll.“

Doch Angulimāla, der sich seiner bösen Taten vollständig bewusst ist, gelingt es nicht, Shakyamunis wahre Absicht zu begreifen. Daraufhin stellt dieser klar, dass es Angulimāla ganz aus eigener Kraft bereits gelungen sei, das Böse, das hinter seinen Taten lauerte, zu vertreiben, denn er bereue ja zutiefst und widme sich mit großer Ernsthaftigkeit der Glaubensausübung. Wie, um ihn daran noch
einmal zu erinnern, drängt Shakyamuni Angulimāla erneut, zu der schwangeren Frau zurückzugehen und ihr die folgenden Worte zu
sagen: „Schwester, seitdem ich wiedergeboren bin als einer, der den edlen Weg sucht, habe ich keine Erinnerung daran, bewusst einem
lebenden Wesen das Leben genommen zu haben. Durch dieses Wissen möge es dir wohl ergehen und auch dem einen, das geboren
werden soll.“ Angulimāla, der sehr wohl um Shakyamunis tiefgreifendes Mitgefühl weiß, eilt also zu der Frau zurück und sagt diese Worte zu ihr. Die leidende Frau ist beruhigt und bringt ihr Kind wohlbehalten zur Welt.

Diese beiden Ereignisse verdeutlichen den Wandel, den Shakyamuni in Angulimāla zu bewirken hoffte. Zuerst versuchte er, dessen Aufmerksamkeit auf das Böse zu lenken, auf die Absicht, anderen Schaden zuzufügen, die seine Handlungen so lange Zeit bestimmt hatte. Dann wies er ihm einen Weg, wie er das Leben von Mutter und Kind retten konnte, und lenkte ihn so zu der persönlichen Verpflichtung hin, jemand zu werden, der andere rettet.

Es versteht sich von selbst, dass diese Parabel den inneren Wandel eines einzelnen Individuums beschreibt und in einer völlig anderen
Zeit und einem völlig anderen kulturellen Kontext verortet ist. Dennoch ist sie auch für uns heute noch immer relevant, davon bin ich überzeugt, denn sie beschränkt sich nicht auf die Beendigung feindseliger Akte, sondern orientiert sich hin zur Rettung von Leben. Dies, so mein Vorschlag, könnte als nützliches Fundament für ein Heilmittel dienen, das imstande ist, die Gesellschaft im Kern zu verändern.

Die Genfer Konventionen, die vor 70 Jahren angenommen wurden und in denen die grundlegenden Prinzipien der internationalen
Menschenrechte niedergelegt sind, wurden 1949 mit der Absicht ausgearbeitet, die auch in der Geschichte Angulimālas ihren Widerhall
findet. Die Vorbereitungsarbeiten für die Konventionen, darunter das Ziel, Sicherheitszonen nicht nur für schwangere Frauen einzurichten, sondern für alle Frauen und Kinder sowie Alte und Kranke, leistete eine Konferenz des Internationalen Roten Kreuzes in den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs. Zum Zeitpunkt der Annahme der Konventionen nach dem Krieg erklärten die Staaten, die an der diplomatischen Konferenz teilgenommen hatten, das Folgende:

„[Die Konferenz] hofft ernsthaft, dass die Regierungen die Genfer Konventionen zum Schutz von Kriegsopfern zukünftig niemals werden anwenden müssen … Es ist ihr größter Wunsch, dass alle Mächte, große und kleine, stets auf der Grundlage von Kooperation und Verständnis zwischen den Nationen einen Weg zur friedlichen Beilegung ihrer Differenzen finden mögen.“ Den Verfassern ging es nicht nur darum, vor einer Verletzung dieser Konventionen zu warnen. Ihr tiefster Wunsch bestand darin zu verhindern, dass überhaupt Bedingungen eintraten, die großes Leid und den Verlust von Menschenleben nach sich ziehen und die Anwendung der Konventionen erfordern würden. In den Konventionen – die das Fundament für die nachfolgende internationale Menschenrechtsgesetzgebung legten – manifestierte sich diese kraftvolle Entschlossenheit gerade deshalb, weil den Verhandlungsteilnehmenden die Grausamkeit und Tragik des Krieges noch immer vor Augen stand. Führen wir uns nicht unablässig die Ursprünge der Genfer Konventionen vor Augen, werden wir in jener Art von Argumentation gefangen bleiben, die jede Handlung rechtfertigt, solange sie nicht explizit die Buchstaben des Gesetzes verletzt.

Ganz besonders wichtig ist, dass wir dies in Anbetracht der rasanten Fortschritte bei der Entwicklung tödlicher, autonom agierender
Waffensysteme (LAWS) unter Nutzung künstlicher Intelligenz (KI) im Kopf behalten, denn hier tun sich Möglichkeiten auf, Kriege
künftig ohne direkte Kontrolle durch den Menschen führen zu können.

Ein Scheitern des Versuchs, uns diesen Problemen zu stellen, birgt die Gefahr, dass der Geist der internationalen Menschenrechte,
wie er in den Genfer Konventionen niederlegt ist, einem hohen Risiko ausgesetzt wird.

Heute mehr als je zuvor müssen wir unsere Anstrengungen verdoppeln, um die Krankheit der Friedlosigkeit zu überwinden. Um dieses
Ziel zu erreichen, ist es von essenzieller Bedeutung, dass wir gegenseitig diese Krankheit in uns anerkennen und unsere Kräfte vereinen,
um ein Heilmittel dafür zu finden. Mit anderen Worten: Wir müssen eine gemeinsame Vision für eine friedvolle Gesellschaft entwickeln.

Ich bin davon überzeugt, dass der Atomwaffenverbotsvertrag (TPNW) Vorreiter jener Art von internationaler Abrüstungsgesetzgebung
ist, die dazu beitragen kann, eine solche Vision Gestalt annehmen zu lassen. Der TPNW ist eine Form internationaler Gesetzgebung, die weit über die Beschränkungen hinausgeht, mit der Vereinbarungen zur Abrüstung oder zum Schutz menschlichen Lebens traditionell behaftet sind. Jean Pictet (1914–2002), ehemaliger Generaldirektor des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) und berühmt
für seine Prägung des Begriffs „Humanitäres Völkerrecht“, betonte, dieses sei nichts anderes als „eine Umsetzung moralischer Grundsätze, oder, als deren Spezialfall, humanitärer Belange, in internationales Recht.“ Der TPNW ist der Kristallisationspunkt einer Lösung, wie sie sich die Hibakusha (Jap.: Explosionsopfer; Überlebende der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki) und viele andere wünschen, damit eine solche nukleare Tragödie sich niemals wiederholt. Dies steht exakt in der Genealogie internationalen Rechts.

Zudem weist der TPNW Charakteristika internationalen Hybridrechts auf, eines neuen Standards, der in letzter Zeit immer mehr Aufmerksamkeit bekommt. Als rechtlicher Ansatz, der ursprünglich vorgeschlagen wurde, um den Herausforderungen des Klimawandels
in Zusammenhang mit Zwangsvertreibung zu begegnen.

Das internationale Hybridrecht fördert einen Wandel in der Art und Weise, wie traditionell über die Klassifizierung von Gesetzen nachgedacht wird. In diesem Kontext ist der TPNW ein Rechtsinstrument, das den vernetzten Charakter der globalen Herausforderungen, denen wir heute gegenüberstehen, anerkennt, und sie unter dem breitest denkbaren Dach zusammenbringt. Selbst Sicherheitsfragen, die zutiefst mit Fragen staatlicher Souveränität verwoben sind, müssen zugleich Faktoren wie Umwelt, sozioökonomische Entwicklung, Weltwirtschaft, Nahrungsmittelsicherheit, Gesundheit und Wohlergehen heutiger und künftiger Generationen, Menschenrechte und Gleichstellung der Geschlechter in Betracht ziehen – dies ist die Ausrichtung, die im TPNW ihren klaren Ausdruck gefunden hat. Der Diskurs zur atomaren Abrüstung muss auf der gemeinsamen Erkenntnis und dem gemeinsamen Bewusstsein fußen, dass wir keine echte Sicherheit gewinnen können, solange nicht jedes einzelne dieser miteinander verwobenen Probleme angegangen wird. Ansonsten werden Verhandlungen auch in Zukunft immer nur darauf abzielen, die Anzahl der Waffen auszubalancieren, die jede Seite besitzt, und es wird immer schwieriger werden, über den Kontext der bloßen Waffenkontrolle hinauszugehen.

In diesem Sinne kann der TPNW genau den Anstoß geben, der nötig ist, um den langanhaltenden Stillstand in Fragen der nuklearen Abrüstung zu durchbrechen. Indem wir das Unterstützernetzwerk für den Vertrag erweitern, können wir zudem große Schritte zur Erlangung folgender Ziele unternehmen: Öffnung eines Weges hin zu einer Welt der Menschenrechte, die auf gegenseitigem Respekt und der Achtung der Würde aller Menschen basieren; Erschaffung einer Welt der Menschlichkeit, in der das Glück und die Sicherheit aller Menschen im Mittelpunkt stehen, Erschaffung einer Welt der Koexistenz, die auf der gemeinsamen Verantwortung für die Umwelt
und künftige Generationen beruht. Dies, so denke ich, kann der größte Beitrag des TPNW zur Menschheitsgeschichte sein.

 

Hier den Friedensvorschlag 2019 von SGI-Präsident Daisaku Ikeda im Volltext lesen.

 

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