Echte Sicherheit für alle Menschen

Auszug aus dem Friedensvorschlag 2019 von SGI-Präsident Daisaku Ikeda

Das nächste Thema in Bezug auf Abrüstung, das ich erörtern möchte, ist die Zusammenarbeit für einen Multilateralismus, bei dem der Mensch im Mittelpunkt steht. Dieser Ansatz fand zum ersten Mal im Abschlussdokument der Konferenz der UN-Hauptabteilung für Presse und Information (UN DPI) und von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) im vergangenen August (DPI/NGO-Konferenz)
Erwähnung. Er ist darauf ausgerichtet, jene zu schützen, die den schlimmsten Bedrohungen ausgesetzt sind und sich den größten Herausforderungen stellen müssen.

 

Zwar kam die Idee eines menschenzentrierten Multilateralismus ursprünglich im Kontext der Umsetzung der UN-Nachhaltigkeitsziele (SGDs) zur Sprache, ich habe jedoch das Gefühl, dass sie auch einen bedeutenden Beitrag dazu leisten kann, den Strom der Weltereignisse in Richtung Abrüstung zu lenken. Genauso, wie UN-Generalsekretär Guterres anlässlich der Verabschiedung der UNAbrüstungsagenda gewarnt hatte, nehmen die weltweiten Militärausgaben stetig zu, während die Ressourcen, die zur Verfü­gung stehen, um auf humanitäre Krisen zu reagieren, weiterhin unzureichend sind. Jährlich sind im Durchschnitt mehr als 200 Millionen Menschen von Naturkatastrophen betroffen. Mit dem Hungerproblem ist es ganz ähnlich. Im Jahr 2017 litten 821 Millionen Menschen Hunger, und knapp 151 Millionen Kinder im Alter unter fünf Jahren litten an Wachstumsstörungen als Folge von Mangelernährung.[25] Solche Fakten zwingen uns, die Bedeutung und die Ziele von existierenden nationalen Sicherheitskonzepten zu hinterfragen.
An dieser Stelle lohnt es sich, so denke ich, die Ansichten von Hans van Ginkel, dem ehemaligen Rektor der Universität der Vereinten
Nationen, zum Wesen und zu den Zielen menschlicher Sicherheit zu zitieren. Ginkel erkennt zwar an, dass die Sicherheitsfrage eine sehr
komplexe Materie ist, stellt aber zugleich fest, dass es, wenn wir die Welt aus der Perspektive jedes einzelnen Individuums betrachten,
sehr klar wird, was genau Menschen als Bedrohung oder Quelle von Unsicherheit erleben:

„Dennoch ist klar, dass traditionelle Sicherheitsstrategien darin gescheitert sind, einer bedeutenden Anzahl von Menschen weltweit echte Sicherheit auf individueller Ebene zu bieten … Nach wie vor sind in internationale Beziehungen und politische Entscheidungsprozesse Haltungen und Institutionen eingebettet, die der ‚hohen Politik‘ Priorität einräumen vor Krankheit, Hunger oder Analphabetismus. Tatsächlich haben wir uns so an diesen Ansatz gewöhnt, dass für viele ‚Sicherheit‘ gleichbedeutend ist mit ‚staatlicher Sicherheit‘.“[26]Ginkel verweist hier auf die Tatsache, dass, verglichen mit Fragen nationaler Sicherheit, die Reaktion auf Bedrohungen des Lebens
und der Lebensgrundlagen von Individuen offenbar als nicht so dringend wahrgenommen werden. Im Ergebnis wird für eine große
Zahl von Menschen jede sinnvolle Bedeutung von Sicherheit ad absurdum geführt.

In einer anderen Rede beschreibt Ginkel die Misere von Menschen, die in extremer Armut leben:
„Wie soll man denn die Freuden genießen und die Bedeutung erfahren, die dem menschlichen Leben innewohnen, wie ein
menschenwürdiges Leben führen, wenn noch nicht einmal das Überleben von Tag zu Tag – ja, von Tag zu Tag, häufig
sogar von Stunde zu Stunde – garantiert ist? Wie soll man sich eine Zukunft ausmalen und Bindungen mit anderen eingehen, wenn die eigentliche Herausforderung darin besteht, den nächsten Tag zu erleben?“

Diese Worte verdeutlichen auf eindrucksvolle Weise, wie tief das Leid jener ist, deren Interessen im Kontext traditioneller Denkmuster zum Thema Sicherheit bisher übersehen worden sind. Und dies betrifft nicht nur Menschen, die von Armut oder Ungleichheit betroffen sind, sondern auch jene, die aus ihrem Zuhause vertrieben werden und gezwungen sind, vor bewaffneten Konflikten oder Naturkatastrophen zu fliehen.

Die Grundlage für einen Multilateralismus, bei dem der Mensch im Mittelpunkt steht, müssen Anstrengungen bilden, eine Welt zu erschaffen, in der alle Menschen ein Gefühl echter Sicherheit empfinden und gemeinsam Hoffnungen für die Zukunft nähren können.
Von Grund auf neu muss dieser Ansatz allerdings nicht gedacht werden, denn er steht bereits im Mittelpunkt ambitionierter Vorhaben in Afrika, wo er eines der Elemente bildet, um auf die vielen ernsten Herausforderungen zu reagieren, denen sich der Kontinent
gegenübersieht. Die Gründung der Afrikanischen Union 2002 war in dieser Hinsicht ein Wendepunkt.

Vor dem Hintergrund der Anstrengungen zur Entwicklung effizienterer kooperativer Ansätze zum Umgang mit humanitären Krisen
trat 2012 die Konvention zu Schutz und Hilfe von Binnenvertriebenen in Afrika (Kampala-Konvention) in Kraft. Es handelt sich um ein bahnbrechendes Abkommen, das völlig neue Aspekte enthält und darauf abzielt, regional übergreifende Anstrengungen zu unternehmen, um Binnenflüchtlinge zu schützen.

Und es gibt auch andere bemerkenswerte Beispiele für Flüchtlingshilfe in afrikanischen Ländern. So hat etwa Uganda circa 1,1 Millionen Menschen aufgenommen, die vor Konflikten im Südsudan und anderswo auf der Flucht sind.[28] Zusätzlich zu dem Recht, sich frei
zu bewegen und eine Arbeit aufnehmen zu können, wird Geflüchteten Land zugewiesen, das sie bebauen können, und sie werden in
das lokale Bildungs- und Gesundheitssystem integriert. Viele Menschen in Uganda haben das Elend bewaffneter Konflikte und Vertreibung als Geflüchtete selbst erlebt, und diese Erinnerungen scheinen die Grundlage für die Unterstützung einer solchen Politik
zu bilden. In Tansania gibt es ein ähnlich herausragendes Beispiel.

Das Land bietet derzeit mehr als 300.000 Geflüchteten aus Nachbarstaaten Zuflucht.[29] In Kooperation mit der lokalen Bevölkerung
werden einige dieser Geflüchteten in Aktivitäten einbezogen, um in Baumschulen neue Pflanzen heranzuziehen. Dieses Projekt wurde
als Reaktion auf die vorangetriebene Entwaldung und Auslaugung der Böden initiiert, verursacht durch die Notwendigkeit, Feuerholz
zu beschaffen. Es hat bis heute zur Anpflanzung von etwa zwei Millionen neuer Bäume in Flüchtlingslagern und umgebenden Gebieten geführt. Das Bild so vieler grüner Bäume, die in der großartigen Erde Afrikas gepflanzt werden, ruft mir auf krafttvolle Weise die
Überzeugung meiner verstorbenen Freundin Wangari Maathai (1940–2011) ins Gedächtnis: Das Pflanzen von Bäumen kann helfen, das Land zu heilen und den Kreislauf der Armut zu durchbrechen. „Bäume“, so schrieb sie, „sind ein lebendes Symbol für Frieden
und Hoffnung.“[30] Für Geflüchtete, die darum ringen, sich ein neues Leben aufzubauen, sind die Bäume, die sie selbst herangezogen
haben, zweifellos ein Symbol der Hoffnung, ein Versprechen auf Sicherheit, die diesen Namen verdient.

Seit mehr als fünf Jahrzehnten vertrete ich nun schon die Auffassung, dass das 21. Jahrhundert das Jahrhundert Afrikas sein wird.
Dies beruht auf meiner unerschütterlichen Überzeugung, dass jene, die am meisten leiden, das größte Recht darauf haben, glücklich zu
sein. In Afrika können wir den Beginn eines neuen, menschenzentrierten Multilateralismus sehen, ein Ansatz, der für die ganze Welt
sehr vielversprechend ist.

Dem Büro des UN-Hochkommissars für Flüchtlinge (UNHCR) zufolge leben derzeit etwa 30 Prozent der Geflüchteten in Afrika.[31] Im
Dezember vergangenen Jahres verabschiedeten die Vereinten Nationen den Globalen Flüchtlingspakt (Global Compact on Refugees)
und erkannten damit die Schwierigkeiten an, denen sich Länder gegenübersehen, die eine große Anzahl von Geflüchteten aufnehmen
und keinerlei Unterstützung dafür erhalten. Die internationale Gemeinschaft muss zusammenkommen und ihre gemeinsamen Anstrengungen intensivieren, um nicht nur den Geflüchteten selbst zu helfen, sondern auch den Ländern, die sie aufnehmen.

Unter den Menschen, die in Ländern leben, welche nicht direkt von der so genannten Flüchtlingskrise oder dem Armutsproblem betroffen sind, gibt es eine bedauerliche Neigung, sich diesen Herausforderungen und der Verantwortung, sie zu lösen, zu entziehen.
Das Ziel eines menschenzentrierten Multilateralismus besteht darin, die Unterschiede in den nationalen Sichtweisen zu überwinden und Wege zu finden, um das Leid der Menschen, die sich ernsten Bedrohungen oder Krisen ausgesetzt sehen, zu lindern.

Die Geschichte von den vier Begegnungen Shakyamunis beschreibt den Ausganspunkt der Lehren des Buddhismus, und sie ist ein guter
Hinweis auf den Bewusstseinswandel, der heute notwendig ist. Geboren als Sohn einer Königsfamilie im alten Indien, genoss
Shakyamuni einen hohen politischen Status und lebte in materiellem Überfluss. Seine Jugendjahre verbrachte er in einer Umgebung, in der ihm und seiner Familie eine riesige Zahl von Menschen als Bedienstete unmittelbar zur Verfügung stand. So brauchte er sich
niemals Sorgen zu machen wegen der Kälte des Winters oder der Hitze des Sommers oder darum, dass seine Kleidung jemals von
Staub, Spreu oder dem Tau der Nacht verschmutzt sein würde.

Eines Tages aber trat Shakyamuni vor die Tore des Palastes, wo er auf Menschen traf, die an Krankheiten oder Altersschwäche litten.
Auch stieß er auf die Leiche eines Mannes, der direkt neben der Straße gestorben war. Von diesen Begegnungen zutiefst erschüttert, spürte er sehr intensiv, dass niemand, er selbst eingeschlossen, den Leiden von Geburt, Alter, Krankheit und Tod entgehen konnte.
Was ihm jenseits dieser Leiden den größten Schmerz bereitete, war die Tatsache, dass so viele Leute glaubten, gegen diese Leiden
immun zu sein, und als Ergebnis davon diejenigen, die litten, verachteten und sich von ihnen distanzierten. Später, als er sich diese
Ereignisse wieder ins Gedächtnis rief, beschrieb er die menschliche Psyche wie folgt:
„Gemeine Sterbliche – obwohl sie selbst altern werden und den Verfall nicht verhindern können – grübeln, wenn sie andere altern und vergehen sehen, in ihrer Torheit darüber nach, verzweifeln, verspüren darüber Scham und Hass, ohne das alles jemals als ihr eigenes Problem anzunehmen.“

Seine Worte treffen nicht nur auf die Leiden des Alterns zu, sondern auch auf das Leid, krank zu werden und zu sterben. Unser Gefühl,
in keinerlei Beziehung zu den Leiden anderer zu stehen, der Widerwille, den wir sogar verspüren mögen, wurde von Shakyamuni als
die Arroganz der Jungen gebrandmarkt, die Arroganz der Gesunden, die Arroganz der Lebenden. Betrachten wir diese Arroganz
noch einmal neu, unter dem Aspekt zwischenmenschlicher Beziehungen, so können wir klar erkennen, wie die Apathie und der Mangel an Mitgefühl, die aus dieser Arroganz erwachsen, das Leiden anderer tatsächlich vertieft und intensiviert.

In jeder Epoche können sich solche Einstellungen verfestigen – jener Fatalismus etwa, der Armut oder schreckliche Lebensbedingungen dem vorbestimmten Schicksal einer einzelnen Person zuschreibt oder als Ergebnis persönlichen Versagens ansieht, oder die
Negation jeglicher Moral, die die Verantwortung für allen Schaden oder Schmerz, den man jemand anderem zugefügt hat, verneint.
Shakyamunis Reaktion auf solche Einstellungen bestand in seiner Lehre, dass es ungeachtet der verschiedenen, unvermeidbaren Leiden, die das Leben mit sich bringt, möglich ist, das eigene Leben durch die volle Entfaltung unseres inneren Potenzials zu transformieren. Zudem tragen unsere Anstrengungen, Mitgefühl mit jenen zu empfinden, die mit Schwierigkeiten kämpfen, und sie zu unterstützen, dazu bei, Netzwerke gegenseitiger Ermutigung zu knüpfen und so die Möglichkeit zu schaffen, dass ein Gefühl der Sicherheit und Hoffnung aufkeimen und wachsen kann.

 

Hier den Friedensvorschlag 2019 von SGI-Präsident Daisaku Ikeda im Volltext lesen.

 

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