Durch unsere Haltungen großen Einfluss nehmen

Interview mit Ralf Becker, maßgeblicher Autor des Friedensszenarios „Sicherheit neu denken"
 

Im Oktober 2013 fasste die Evangelische Landeskirche in Baden den Entschluss, ein Szenario zum mittelfristigen Ausstieg aus der militärischen Friedenssicherung zu entwerfen. Die dafür gebildete Arbeitsgruppe, an der Ralf Becker maßgeblich beteiligt war, sollte einen Entwurf eines solchen Ausstiegsszenarios bis zum Jahr 2040 erarbeiten. Am Beispiel von Deutschland wurden die Möglichkeiten der gewaltfreien Selbstbehauptung in einer demokratischen und an den Menschenrechten orientierten Gesellschaft durch konkrete Schritte, sogenannte Meilensteine, skizziert. Ein Beschluss des deutschen Bundestags im Jahr 2025 ist einer dieser Meilensteine: Das Parlament entscheidet sich in dem Szenario „für den Umstieg Deutschlands von einer militärischen zu einer nachhaltigen zivilen Sicherheitspolitik“, und diese beruht auf folgenden fünf Säulen: gerechte Außenbeziehungen, nachhaltige Entwicklung der EU-Anrainerstaaten, Teilhabe an der Internationalen Sicherheitsarchitektur, resiliente Demokratie und Konversion der Bundeswehr und der Rüstungsindustrie. Das Konzept „Sicherheit neu denken – Von der militärischen zur zivilen Sicherheitspolitik“ wurde 2018 von den drei Autoren Ralf Becker, Stefan Maaß und Christoph Schneider-Harpprecht herausgegeben und sowohl in einer Kurzfassung als auch als 168-seitiges Buch veröffentlicht (Internet: www.sicherheitneudenken.de). Seitdem setzt sich Ralf Becker durch Vorträge und intensive Öffentlichkeitsarbeit für die Verbreitung des Konzeptes ein.

FORUM: Herr Becker, wie kam es eigentlich zu Ihrer Mitarbeit an dem Szenario für die Evangelische Landeskirche Baden?

BECKER: Ich war Koordinator des Vereins „gewaltfrei handeln“, der bundesweit Friedensfachkräfte auf der Grundlage christlicher Spiritualität ausbildet und jedes Jahr ein Sommertreffen für Interessierte, Kursabsolventen und Aktive veranstaltet. 2014 hatten wir gehört, dass die badische Ev. Landeskirche einen Grundsatzbeschluss gefasst hatte, Kirche des Friedens zu werden. Wir träumen seit langem davon, dass viele Kirchen solche Beschlüsse fassen und den Friedensauftrag ernster nehmen, als es bisher der Fall ist. Meist kommt das Wort Frieden im Gottesdienst oft vor. Doch das Bewusstsein, dass wir Frieden wirklich lernen und durch unsere persönlichen Haltungen großen Einfluss nehmen können, wächst erst noch.
Wir hatten Theodor Ziegler, den Initiator des badischen Beschlusses, zum Sommertreffen eingeladen und ihn gefragt, wie man es geschafft hat, dass eine ganze Landeskirche einen solchen Synodenbeschluss fasst. Er berichtete u. a. von der Konkretion in dem Beschluss, ein Szenario für eine friedliche zivile Friedenssicherung ausarbeiten zu wollen. Er nannte dies „Ausstieg 2.0“. Nach dem Atomausstieg, der 2012 beschlossen worden war, sollte jetzt ein Militärausstieg angedacht und ein Fahrplan dorthin entworfen werden. Ich hob sofort meine Hand und meldete mich für die Arbeitsgruppe, die 2015 ihre Arbeit aufnahm.
Mitte der 1990er Jahre hatte ich eine Kampagne mit konzipiert, bei der sich 2.000 meist christliche Gruppen für einen Schuldenerlass der höchst verschuldeten Entwicklungsländer zusammenschlossen. Ich lernte damals, welche Wirkungskraft ein kurzes, positives Szenario entfalten kann, das beschreibt, was man erreichen will. Denn 1999 haben wir ja tatsächlich den G8-Gipfelbeschluss erreicht, dass die 40 höchst verschuldeten Länder der Erde entschuldet werden sollten – es sind dann tatsächlich 20 geworden. 1997 war die Idee von der Entschuldung noch so illusionär gewesen, dass man dafür ausgelacht und als weltfremd bezeichnet wurde. Trotzdem haben wir es angepackt.

FORUM: Können Sie uns zu Beginn des Gesprächs noch einmal kurz in die Szenario-Technik einführen und uns vor allem erläutern, warum Ihr Entwurf aus drei Szenarien besteht: dem Trend-, dem Negativ- und dem Positiv-Szenario?

BECKER: Szenarien beschreiben mögliche Wege in die Zukunft; sie malen Pfade aus. Das ist eine Technik, um die ungewisse Zukunft, die wir ja noch nicht kennen, vorstellbar zu machen. Weil klar ist, dass es nicht nur einen möglichen Weg in die Zukunft gibt, stellt man sich drei Wege vor. Das Positiv-Szenario beschreibt die optimale positive Entwicklung aus der eigenen Perspektive. Das Trendszenario geht davon aus, dass alles so weitergeht wie bisher. Und das Negativszenario skizziert die weitere Entwicklung unter der Voraussetzung, dass sich alle möglichen Indikatoren negativ entwickeln. Dadurch macht man einen weiten Trichter auf: Ganz unten zeichnet sich die Negativ-Entwicklung ab, ganz oben die Positiv-Entwicklung und in der Mitte die Trend-Entwicklung. Es ist dann relativ wahrscheinlich, dass sich die tatsächliche Entwicklung innerhalb dieses Trichters abspielt. Die Annahme ist, dass wir die Entwicklung im Sinne unseres vorgestellten positiven Szenarios beeinflussen können, wenn wir aktiv werden.

FORUM: Daisaku Ikeda, Präsident der Soka Gakkai, beschreibt den Ersten Weltkrieg, die daraufhin einsetzenden wirtschaftlichen Belastungen Deutschlands, den daraus resultierenden Groll der Menschen und die davon wiederum profitierenden Nazis als „eine Kettenreaktion des Hasses“, die es zu durchbrechen gelte. Auch Sie schreiben, dass weiterhin „die Überzeugung vorhanden zu sein [scheint], dass Gewalt ‚das Böse‘ und damit die Bedrohung beseitigen kann“, dass dieses Denken jedoch weder zu Sicherheit noch zum Frieden führe. Besteht der erste Schritt zum Frieden dann nicht darin, diese Überzeugung grundlegend zu verändern, angefangen bei uns selbst? Wie kann das geschehen?

BECKER: Sie haben Recht, die Änderung dieses Denkens und Verhaltens beginnt bei uns selbst. In den letzten hundert Jahren erleben wir bereits einen Bewusstseinswandel. Das fängt in unserer deutschen Gesellschaft inzwischen ja schon in der Grundschule an. Es gibt flächendeckend Streitschlichter-Ausbildungen in Kindergärten und Grundschulen. Ich bin Anfang der 1970er Jahre aufgewachsen, da gab es so etwas nicht. Heute ist das eine Kulturtechnik, die schon Kleinkindern vermittelt wird. In der Grundschule wird Montagmorgens eine Gesprächsrunde nach dem Wochenende gemacht. Alle kommen zusammen, können sich äußern und können sich besser ineinander einfühlen. Wenn ich weiß, dass ein Kind am Wochenende einen heftigen Streit seiner Eltern erlebt hat, dann muss ich seine Aggression nicht persönlich nehmen, sondern kann sie ganz anders einordnen.
Es gibt die gewaltfreie Kommunikation, die seit zehn, fünfzehn Jahren einen Boom erlebt. Eine einfache Technik, die aber höchst anspruchsvoll in empathischem Denken ist. Es geht darum, nicht nur das Böse im Anderen zu sehen, sondern die eigenen Konfliktanteile zu reflektieren, Bedürfnisse herauszuarbeiten und im positiven Sinn zu kommunizieren. Viele Unternehmen bieten gewaltfreie, verbindende Kommunikation standardmäßig als Fortbildung an.
Seit gut 15 Jahren gibt es in Deutschland Friedens- und Konfliktforschungsinstitute. Eine aktuelle Studie spricht von rund 250 finanzierten Stellen in diesem Forschungsbereich. Ich weiß noch, wie meine Vorgänger vor 20 Jahren davon sprachen, wie toll es wäre, wenn einmal ein Lehrstuhl für Friedens- und Konfliktforschung eingerichtet werden würde. Inzwischen gibt es sie flächendeckend.

FORUM: Im Kern Ihres Konzepts steht die gewaltfreie, zivile Konfliktlösung im Gegensatz zum Einsatz militärischer Mittel. Welche Haltung ist dafür notwendig?

BECKER: Notwendig ist ein Bewusstseinsprozess – und er ist auch längst im Gang –, dass ich das Böse nicht nur im Außen verorte. Das, was wir gerade weltpolitisch erleben, ist für mich und für viele andere ein letztes Aufbäumen des bisherigen Bewusstseins, das noch einmal in seine alte Kraft kommen will, weil es das Neue nicht aushält oder nicht integrieren möchte. Das Ganze passiert aber, denke ich, längst unter der Schablone eines neuen, weltweit wachsenden Bewusstseins.
Dieses neue Bewusstsein erkennt – und das kommt ja auch stark aus der östlichen Spiritualität – das Gute in mir und im anderen, das Böse in mir und im anderen. Es gibt kein Schwarz-Weiß-Denken mehr. Es gibt nicht mehr nur binär Mann und Frau, sondern das Weibliche im Mann wird erkannt, das Männliche in der Frau, und alle Differenzierungen, die wir heute haben. Das ist ein großer Fortschritt.
Mit dieser Komplexität umzugehen, setzt uns aber auch unter große Spannung. Momentan erleben wir Spannungsentladungen – und ein großes Wachsen. Jede Mediationsausbildung zeigt z. B., dass ich keinen Richter mehr im Außen brauche, der eindeutig. Stattdessen suche ich mir einen Vermittler, der uns hilft, uns miteinander zu verständigen. So gelingt Kommunikation heute doch schon oft bei Scheidungen und vielen anderen Rechtsstreitigkeiten, bei denen man sich gütlich einigt.
Ein anderes Beispiel: Beim G7-Gipfel in Biarritz im August dieses Jahres haben es die Europäer geschafft, das Eskalationsmuster des amerikanischen Präsidenten zumindest zu ergänzen: um einen wirklichen Verhandlungskontext, in dem herausgearbeitet wurde, wo welche Bedürfnisse sind und wie man sie zivil miteinander aushandeln kann, gemeinsam an einem Tisch. Wir können eindeutig einen starken Impuls in die Gesellschaft setzen: Wir sind reif, zu wachsen, und dann kann die Zukunft wirklich anders aussehen.

FORUM: Ein wichtiges Element der Überzeugungsarbeit für eine Friedenslogik ist Ihrer Ansicht nach, positive Erfahrungen und Beispiele weiterzugeben. Als ein Beispiel für erfolgreichen gewaltfreien Widerstand nennen Sie auch die Überwindung des „DDR-Unrechtsstaates“. Was können wir aus diesen Erfahrungen lernen bzw. an ihnen erkennen?

BECKER:
Wenn man den Fokus auf die positiven Dinge richtet, was Sie mit Ihrem Interview und Ihrer Zeitschrift ja auch tun, führt das zu einer Stärkung des Positiven. Wohin ich meine Aufmerksamkeit richte, beeinflusst, ob etwas größer oder kleiner wird, denn ich gebe bereits meine Energie hinein. Wenn ich nur auf negative Nachrichten schaue, werde ich von ihnen gefangen genommen. Deshalb haben wir in unserem Szenario auch das Hauptaugenmerk auf die positive Entwicklung gerichtet. Trend- und Negativszenarien erreichen uns jeden Tag durch die Medien.
Es gibt einen Bericht der Bundesregierung, der positive Beispiele von ziviler Krisenprävention und Konfliktbearbeitung weltweit seit 2004 dokumentiert. Diese Beispiele sind eigentlich relativ wenig bekannt. Wir alle kennen zum Beispiel aus der Tagesschau die Weltkarte, die zeigt, wo die Bundeswehr gerade in Auslandseinsätzen ist. Aber die Weltkarte, die zeigt, wohin wir zivile Friedensfachkräfte entsendet haben und auf zivile Art und Weise zur Konfliktbearbeitung und der Prävention beitragen, ist noch nicht so bekannt.
Unser Szenario richtet den Fokus auf sie und zeichnet die Entwicklungen bis zum Jahr 2040 weiter. An diesem Punkt gibt es bei unseren Vorträgen immer ein Überraschungsmoment. Die Teilnehmer spüren die Energie, die im Raum ist, und merken, wie relativ einfach der Friedensweg sein könnte, wenn wir uns nicht von ihm abbringen lassen.
Was sich in der DDR vor 30 Jahren ereignet hat, war eine friedliche Revolution, die stark von religiös geprägten, bewussten Menschen getragen wurde. Sie wussten, dass die Haltung der Gewaltfreiheit in den auftretenden Spannungen dieses Transformationsprozesses das Wichtigste war. Ich bin mit einigen dieser Menschen unterwegs gewesen und sie haben mir die Orte gezeigt, an denen sie Gewalt, die immer wieder durchzubrechen drohte, verhindert haben. Sie waren ganz klar in ihrem Denken: Unsere Gesamttransformation schaffen wir nur, wenn wir sie auf gewaltfreiem Weg schaffen. Eine Studie aus den USA, die wir im Buch auch zitieren, belegt für den Zeitraum von 1900 bis heute, dass gewaltfreie Methoden zur Erreichung politischer Ziele im Durchschnitt doppelt so wirksam sind wie gewalttätige.

FORUM: Welche Formen zivilen und vielversprechenden Widerstands sehen Sie momentan in Deutschland?

BECKER:
Ganz präsent ist der zivile Widerstand, der im Hambacher Forst geleistet wird, ein Kristallisationspunkt der Klima-Thematik. Hier hat sich die Zivilgesellschaft ein aussagekräftiges Symbol gewählt, um zu zeigen: Hier leisten wir Widerstand und hier überschreiten wir legale Grenzen, was wir aber für legitim halten. Dieser Widerstand beeinflusst tatsächlich auch unsere Politik. Im Moment noch stark in Reden, absehbar aber hoffentlich auch in Handlungen und Beschlüssen. Vor ein paar Jahren haben wir zudem gesehen, wie wirksam sich in Stuttgart Widerstand gegen den neuen unterirdischen Bahnhof regte – auch wenn er letztlich nicht zum Erfolg führte. Dennoch hat die ganze Republik erfahren, welch glaubwürdige und starke Art von Gesellschaftsbeteiligung die Mediation ist, auch im Bereich großer politischer Vorhaben.

FORUM: In Ihrem Positiv-Szenario geht Deutschland zusammen mit Österreich, Schweden und den Niederlanden innerhalb der multilateralen Verträge und Bündnisse einen Sonderweg, indem es ganz auf militärische Mittel verzichtet. Dazu braucht es Mut und Standfestigkeit. Welche Art von Unterstützung würde eine deutsche Regierung benötigen, um dies aufzubringen?

BECKER:
Uns ist sehr bewusst, dass Politiker, Parteien und auch unsere Regierung nur dann etwas beschließen können, wenn auch eine Bevölkerungsmehrheit dahintersteht. Sonst würden sie schnell abgewählt, wenn sie etwas Zukunftsträchtiges versuchen.
Angelegt bis zum Jahr 2025 bauen wir in unserem Szenario daher zunächst einmal eine breite Vernetzung innerhalb der Zivilgesellschaft auf. Wir tragen unsere Ideen erst einmal in die Nichtregierungsorganisationen hinein, in die Demokratie- und die Klimabewegung, und versuchen, Bündnisse zu schließen. Die Themen werden im Szenario ja auch tatsächlich alle aufgegriffen. Wenn dann das Bewusstsein dafür in der Bevölkerung breit gewachsen ist, dann glauben wir, dass auch eine Regierung im Bundestag entsprechende Beschlüsse fassen kann.

FORUM: Sie zeigen auf, dass gewaltfreie Mittel selbst dann erfolgversprechender sind, wenn die Gewalt, der man begegnet, besonders verhärtet, brutal und menschenverachtend ist. Als Paradebeispiel nennen Sie zivilen Widerstand gegenüber den Nationalsozialisten während des Zweiten Weltkriegs. Können Sie das näher erläutern?

BECKER: Dass selbst gegen einen gewalttätigen, mächtigen Diktator wie Hitler gewaltfreier Widerstand funktioniert, hängt damit zusammen, ob man darauf vorbereitet ist. Im Buch haben wir daher in der Säule „resiliente Demokratie“ Beispiele aufgezeigt. Insbesondere die skandinavischen Länder haben sich, bevor sie von Hitler überrollt wurden, als Zivilgesellschaft vorbereitet. Sehr stark waren dort die Kirchen und die Gewerkschaften, die gute Kommunikationsstrukturen und ein gemeinsames Bewusstsein aufgebaut haben. Als dann der Befehl der Besatzungsmacht kam, alle Juden abzutransportieren und umzubringen, konnten die Menschen reagieren und gemeinsam agieren. Sie wussten, dass sie die Macht haben, solch einem scheinbar mächtigen Diktator zu widerstehen. Denn Diktatoren sind immer darauf angewiesen, dass die Säulen der Gesellschaft letztlich diese Macht des Diktators akzeptieren und einfach die Befehle ausführen. Wenn mehrere größere gesellschaftliche Akteure gemeinsam Widerstand leisten, kann selbst der Machthaber oft nichts dagegen tun. In den skandinavischen Ländern sind fast keine Juden umgekommen, weil sich die Zivilgesellschaft organisiert und diese Befehle einfach nicht ausgeführt hat.

FORUM: Was für eine Rolle spielen Frauen in dem Friedensprozess?

BECKER: Frauen spielen eine enorm wichtige Rolle. Allein schon in dem Bildungsprozess, den wir dringend benötigen, um in dieses neue Bewusstsein hineinzuwachsen. In den Schulen – vor allem den Grundschulen – leisten Frauen genau diese Arbeit, weil sie bis jetzt im Durchschnitt immer noch eine größere Beziehungskompetenz mitbringen, eine Empathiebereitschaft, -fähigkeit und -erfahrung. Männer lernen das Gott sei Dank verstärkt, doch im Moment werden diese Kompetenzen oft von den Frauen in die Gesellschaft eingebracht. Übrigens auch in die Friedensbewegung.
In der großen katholischen Friedensbewegung Pax Christi zum Beispiel waren bislang ältere Männer sehr dominierend, was die Arbeit und den Ton angeht. Es war eine Frau, die seit Jahren im Kölner Vorstand der Organisation für das Bewusstsein geworben hat, auch innerhalb von Pax Christi ein anderes Konfliktverhalten zu erlernen. Wir haben jetzt gerade eine dreijährige Aktion vereinbart, bei der anhand verschiedener Fortbildungen Konfliktkompetenzen erlernt werden können. Das findet großen Widerhall in der Bewegung, wir haben da Nachholbedarf. Nach diesem Bildungsprozess werden wir noch authentischer wirken können. Und das alles ist durch eine Frau initiiert worden.

FORUM: Bei der Schilderung einer gewaltfreien Konfliktlösung in Afrika schreiben Sie, dass dabei auch „Methoden aus der afrikanischen Kulturgeschichte zum Einsatz“ kamen, „die im Laufe der Kolonialisierung in Vergessenheit geraten sind“. Wie kann sichergestellt werden, dass die Weisheit eines Volkes in solche Prozesse einfließt?

BECKER:
Im Grunde braucht es da nur unser Bewusstsein, unsere Wertschätzung für die vorhandenen Konfliktlösungen und Kompetenzen in anderen Kulturen. Natürlich wollen wir auch mit unserem Szenario die Techniken, die wir in der westlichen Kultur entwickelt haben, der internationalen Gemeinschaft zur Verfügung stellen. Es ist aber ganz wesentlich und wichtig, dass wir nicht diese Brille aufhaben, wonach wir am besten wissen, wie Konflikte gelöst werden.
Es gibt einen Bundesstaat in Somalia, Somaliland im Norden des Landes. Dort haben sich in einem Ort drei Frauen dafür eingesetzt, dass die lokalen Märkte wieder funktionieren. Durch gewalttätige marodierende Banden waren die Geschäfte zum Erliegen gekommen. Die Frauen haben automatisch auf Konfliktlösungsmechanismen zurückgegriffen, die eigentlich in ihrer Kultur präsent, jedoch ein wenig in Vergessenheit geraten waren. Sie sind auf andere Frauen zugegangen und haben gefragt, was sie brauchen, damit sie wiederkommen. Das war der Ausgangspunkt, und innerhalb von zwei Jahren konnte der Markt mit zivilen Mitteln wieder sicher organisiert werden. Inzwischen ist aus dieser Initiative sogar eine funktionierende Verfassung für den Bundesstaat Somaliland entstanden, die bewusst auf der eigenen Kulturweisheit aufbaut. Somaliland ist relativ sicher – die Gewalt hat extrem abgenommen.

FORUM: Dass es für ein Land grundsätzlich sicherer ist, seine Armee abzuschaffen bzw. zu transformieren, so wie Sie es im Falle der Bundeswehr vorschlagen, können sich viele Menschen nicht vorstellen. Der Gedanke ist sicher faszinierend, aber wäre eine kleine Armee für den Verteidigungsfall nicht doch notwendig?

BECKER:
Aus unserem heutigen Bewusstsein heraus: Ja. Wir werben jedoch dafür, dass es auch anders sein kann – nur dafür fehlt uns noch die Erfahrung. Wie fühlt sich Sicherheit ohne Armee an? Innerhalb von Europa haben wir das eigentlich schon erfahren: Die frühere Feindschaft zu Frankreich haben wir überwunden. Wir fühlen uns heute mit Frankreich an unserer Seite sicherer als früher mit Frankreich als unserem militärischen Gegner. Wir werben dafür, dass wir diese Art von Sicherheit durch weitere Verträge und gemeinsame Wirtschaftsräume mit Osteuropa, Russland ausbauen. Wenn bis 2035 eine starke Partnerschaft nach Osten gewachsen ist und auch nach Süden hin zu Afrika und den arabischen Staaten, könnte der Deutsche Bundestag bereit sein, auf diesen letzten militärischen Pfeiler, den wir noch haben, zu verzichten. Zumal wir ja vorschlagen, 2040 immer noch als Mitglied der NATO am Militär der Nachbarstaaten zu partizipieren. Wir haben nicht die Vision, dass ganz Europa 2040 schon sagt, ohne Militär fühlen wir uns sicher. Aber wir halten es für realistisch, dass Deutschland sagt, wir fühlen uns innerhalb des NATO-Verbundes so sicher, dass wir unsere gesamte Kraft auf zivile Konfliktlösungen und Präventionen setzen. Dadurch könnten mittelfristig auch andere Länder bereit sein, ihr Militär zu transformieren.

FORUM: Sie betrachten den weltweiten Friedensprozess ganzheitlich. Sie weisen darauf hin, dass die Ursachen von Flucht und militärischen Auseinandersetzungen auch beim Klimawandel und bei Ungerechtigkeit zu suchen sind. Dagegen anzugehen ist also Friedensarbeit. Den gleichen Ansatz vertritt auch Daisaku Ikeda in seinen Friedensvorschlägen an die UNO, in denen er den Zustand der Welt immer ganzheitlich analysiert. Eine Schlüsselrolle zur notwendigen Veränderung ist für ihn eine besondere, sehr aktive Art der Hoffnung. Wie viel Hoffnung haben Sie, dass wir als Menschheit diese zahllos erscheinenden weltweiten Krisen bewältigen können?

BECKER:
Die Hoffnung kann mir täglich abhandenkommen, wenn ich mir die Nachrichten anschaue. Ich sage immer: Die Hälfte meiner Arbeit ist die Arbeit in mir selbst – dass ich mich an die Hoffnung erinnere und wieder auf das Positive schaue. Ich glaube, das ist auch der Beitrag religiöser Bewegungen und Menschen: sich miteinander zu verbinden, um die Hoffnung nicht zu verlieren. Ich verbinde mich z. B. jeden Morgen durch eine Qigong-Übung mit der Erde und suche die Achse ins Spirituelle, in die Offenheit. Ich mache mich frei von dem, was mich tendenziell von der Hoffnung wegbringen oder in ein Chaos stürzen kann. Mit dem Positiv-Szenario wecken wir die Hoffnung der Menschen, und alleine dies gibt uns wieder Hoffnung. Das ist ein sich potenziell selbst verstärkender Prozess.

FORUM: Im Friedensvorschlag 2009 schreibt Daisaku Ikeda: „Wenn die gegenwärtige Krise tatsächlich eine Krise des modernen westlichen Gesellschaftssystems ist, das im Kern durch Kapitalismus und Demokratie geprägt ist, wird es umso notwendiger, alternative universelle Perspektiven und Prinzipien zu entdecken.“ Teilen Sie diese Ansicht?

BECKER:
Da spricht er zu Recht einen Kern an. Denn das Militär können wir erst abbauen, wenn wir unseren Lebens- und Wirtschaftsstil verändert haben. Anders gesagt: Wir brauchen heute das Militär, weil wir diesen Lebens- und Wirtschaftsstil haben. Wir beuten die Ressourcen der Erde mehr aus, als uns zusteht. Das können wir nur durchhalten, indem wir andere mit Gewalt davon abhalten, uns dafür zur Rechenschaft zu ziehen. Die größte Herausforderung ist, das eigene Verhalten zu verändern. Das ist erwartungsgemäß am schwierigsten. Etwas von anderen zu fordern ist relativ einfach. Doch das Thema Post-Wachstums-Ökonomie existiert ja durchaus schon in Deutschland. Wir brauchen eine Vielfalt von Geldsystemen und nicht das Monopol eines wachstumsorientierten Geldsystems, das die Menschen letztlich nicht in die Freiheit führt.

FORUM: Sie bezeichnen eine gerechte Verteilung der Güter und fairen Handel als Voraussetzung für Frieden. Wie kann die angestrebte Umverteilung vonstatten gehen?

BECKER: Wenn wir fairen Handel und gerechtes Wirtschaften realisieren wollen, führt uns das an einen gesellschaftlichen Spannungspunkt: Wir müssen auch Arbeit anders umverteilen. Unser deutsches Wohlstands- und Sicherheitsmodell baut darauf auf, dass wir Exportweltmeister sind. Seit zehn Jahren sagen alle internationalen Institutionen, dass wir damit die Welt destabilisieren, dass wir wirtschaftliche Ungleichgewichte schaffen. In diesem Bereich müssen wir ein Umdenken herbeiführen, einen großen Bewusstseinswandel. Wir dürfen in Zukunft weniger arbeiten, damit andere in Europa und weltweit überhaupt Arbeit finden und auf dieses Wohlstandsniveau kommen. Das wird in Deutschland zu intensiven Debatten führen, auf die wir bis jetzt noch nicht vorbereitet sind. Bin ich bereit, von meinem Einkommen, von meinem Wohlstand etwas mit anderen zu teilen, um so Sicherheit zu schaffen? Das wird der härteste Teil, der uns an Transformation bevorsteht.

FORUM: Sie haben sich jetzt mehrere Jahre lang intensiv mit den Themen Sicherheit und Sicherheitspolitik in Deutschland, in Europa und auf der Welt beschäftigt. Gibt es so etwas wie ein Resümee für Sie aus dieser Zeit? Oder einen Gedanken bzw. ein Gefühl, das in Ihnen nachhallt?

BECKER:
Ich bin in meiner positiven Sicherheitsvision und in meinem eigenen Erleben von persönlicher Sicherheit täglich herausgefordert. Es bedarf einer immensen inneren Arbeit, um in ein neues Sicherheitsvertrauen hineinzuwachsen. Ich kann das nicht alleine – ich brauche Netzwerke; andere Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Wenn dieses Vertrauen wächst, wächst auch die Sicherheit, dass der Weg gangbar ist. Positiv formuliert: Sicherheit durch gelingende Beziehungen.

FORUM: Herr Becker, herzlichen Dank für dieses Gespräch! Zum Abschluss möchten wir noch einmal Daisaku Ikeda zitieren, den Beginn seines Romans „Neue Menschliche Revolution“: „Es gibt keinen größeren Schatz als den Frieden. Es gibt nichts, was größeres Glück erschafft. Wenn die Menschheit Fortschritte machen will, dann muss sie den Frieden zum Ausgangspunkt für alle anderen Tätigkeiten machen.“

 

Das Interview führten Anika Limbach und Silke Bender.

Das gekürzte Interview ist erschienen in: