Ein neuer Ansatz

Auszug aus dem Friedensvorschlag 2019 von SGI-Präsident Daisaku Ikeda

Der Buddhismus beschränkt seinen Fokus nicht auf die unvermeidlich mit dem Leben verbundenen Leiden, sondern bezieht auch die Realität von Menschen mit ein, die sich innerhalb der Gesellschaft diversen Schwierigkeiten gegenübersehen. Daher finden wir im
Mahayana-Buddhismus (im Sutra zu den Upāsaka-Regeln) die Ermutigung, Brunnen zu bauen, Obstbäume zu pflanzen und Bewässerungskanäle zu graben, den Alten, Jungen und Schwachen zu helfen, Flüsse zu überqueren, und jene zu trösten, die ihr Land verloren haben. Dies drängt uns dazu, anzuerkennen, dass wir womöglich an irgendeinem Punkt in unserem Leben auch die Leiden erfahren, von denen andere betroffen sind – dass es kein Glück gibt, das nur uns allein gehört, kein Leid, dass in Gänze auf andere beschränkt bleibt – und nach Wohlergehen für uns selbst und andere zu streben. Darin drückt sich der essenzielle Geist des Buddhismus aus.

Den Schmerz und die Leiden anderer als eigenen Schmerz und eigene Leiden anzunehmen, genau darin liegt die philosophische Quelle für die Aktivitäten der SGI als glaubensbasierte Organisation (FBO). Wir arbeiten daran, Antworten auf globale Herausforderungen wie Frieden und Menschenrechte, Umwelt und humanitäre Belange zu finden.

Mir scheint es klar zu sein, dass es eine tiefe Kontinuität gibt zwischen der menschlichen Psyche, wie Shakyamuni sie beobachtet hat
– dem Wegschieben von Alter oder Krankheit als irrelevant und die daraus resultierende Kälte, die unseren Kontakt mit Menschen bestimmt, die solches erleiden – und dem Phänomen, das heute zu beobachten ist, dass Menschen die Armut, den Hunger oder die
Konflikte, von denen andere betroffen sind, als irrelevant für ihr eigenes Leben empfinden und daher am liebsten ignorieren.

Dies ruft mir die folgende Passage aus dem Abschlussdokument der DPI/NGO-Konferenz wieder ins Gedächtnis, von der ich oben gesprochen habe: „Wir, die Völker, lehnen die falsche Wahl zwischen Nationalismus und Globalismus ab.“[35] In der Tat verstärkt Nationalismus – die Einstellung „mein Land zuerst“ – die Tendenz zur Fremdenfeindlichkeit und das Voranschreiten eines Globalismus,
der sich einzig und allein an Profit orientiert und so eine Welt erschafft, in der die Schwachen zur Beute der Starken werden. Aus
diesem Grunde stimme ich der Auffassung zu, dass die heutige Zeit erfordert, dass alle Länder zusammenarbeiten, um einem menschenzentrierten multilateralen Ansatz, der sich darauf konzentriert, jene zu schützen, die sich ernsten Bedrohungen oder Herausforderungen gegenübersehen, zum Durchbruch zu verhelfen.

Wenn wir uns die Geschichte der Anstrengungen ansehen, die unternommen wurden, um Sicherheit zu erschaffen, begegnen wir häufig der Vorstellung, dass wir sicher sein werden, wenn die Mauern unserer Burg nur stark genug sind. Heute nimmt diese Vorstellung die Form des Konzeptes an, dass unsere Sicherheit garantiert sein wird, solange wir innerhalb unserer nationalen, von einem starken Militär geschützten Grenzen leben. Tatsächlich erzeugen aber globale Probleme wie der Klimawandel Schäden und Leid, die nicht an Staatsgrenzen halt machen. Es braucht einen neuen Ansatz.

Als ein Beispiel hierfür möchte ich das Abkommen von Escazú anführen, ein bahnbrechendes Rahmenwerk, das im März vergangenen
Jahres von den Ländern Lateinamerikas und der Karibik angenommen wurde, um Rechte in Zusammenhang mit Umweltfragen zu schützen. Die Region leidet immer wieder unter den Folgen tropischer Wirbelstürme und der Übersäuerung der Ozeane. Zusätzlich
zu Vereinbarungen über eine Stärkung der regionalen Zusammenarbeit enthält das Abkommen auch menschenzentrierte politische Ziele wie den Schutz von Umweltaktivistinnen und -aktivisten sowie die Einbeziehung einer ganzen Reihe verschiedener Standpunkte, wenn wichtige Entscheidungen anstehen.

Außerdem werden viele bemerkenswerte Anstrengungen im globalen Maßstab unternommen. Vor zwei Jahren initiierte das UN-Umweltprogramm die Kampagne für saubere Meere, die darauf abzielt, Plastik als eine Hauptquelle der Meeresverschmutzung deutlich zu reduzieren. Gegenwärtig beteiligen sich daran mehr als 50 Staaten, deren Küstenlinien zusammengenommen mehr als 60 Prozent der gesamten weltweiten Küstenlinien ausmachen. Traditionell bedeutete der Schutz der Küsten, dass sie vor allem im Fokus militärischer Verteidigungsaktivitäten standen, doch jetzt nimmt das Ganze allmählich eine vollkommen neue Bedeutung an: über nationale Differenzen hinwegsehen, um die Ozeane zu schützen, und miteinander kooperieren, um die ökologische Integrität zu erhalten.

Blicken wir zurück in die Geschichte, dann stellen wir fest, dass sowohl ein ausländerfeindlicher Nationalismus als auch eine Globalisierung, deren oberste Priorität die Erzielung von Profit ist, in dem Imperialismus wurzeln, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufkam und schnell zu einer gewaltigen Triebkraft wurde.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden die destruktiven Folgen des Imperialismus weltweit sichtbar. Tsunesaburo Makiguchi
(1871–1944), der Gründungspräsident der Soka Gakkai, forderte 1903 eine Beendigung jener Art von konkurrenzgeprägtem Überlebenskampf, in dem Länder ihre Sicherheitsinteressen und ihren Wohlstand auf Kosten der Einwohnerinnen und Einwohner anderer Länder wahren. An seine Stelle, so forderte er, müssten wahrhaft humane Wettbewerbsbedingungen treten. Die Quintessenz definierte er als „eine bewusste Teilnahme am kollektiven Leben“, wobei man sich entschließt, „Dinge zum Wohle anderer zu tun, denn
indem wir dafür sorgen, dass andere profitieren, profitieren wir selbst“. Unsere heutige Welt hat diese Art der Neuorientierung dringend nötig.

Durch die fortschreitende Anhäufung von Erfahrungen gegenseitiger Unterstützung und Zusammenarbeit in Reaktion auf humanitäre
Krisen und Umweltprobleme können wir Vertrauen und ein Gefühl der Sicherheit nähren, um die Spannungen und Konflikte zu
entschärfen, die aus der Krankheit der Friedlosigkeit erwachsen. Von dort aus sollten wir in der Lage sein, einen Ausweg aus dem
Wettrüsten zu finden, in dem wir derzeit gefangen sind. Diesen September wird im UN-Hauptquartier ein Klimagipfel abgehalten
– eine ausgezeichnete Gelegenheit, einen Multilateralismus, bei dem der Mensch im Mittelpunkt steht, auf globaler Ebene voranzubringen. Ich fordere eindringlich dazu auf, diese Chance zu nutzen und wichtige Gebiete für Kooperation und Zusammenarbeit
zu benennen, um das Leben und die Würde unserer Mitmenschen zu schützen, mit denen wir diesen Planeten teilen, effizientere politische Strategien zur Bekämpfung der globalen Erwärmung zu entwickeln und den Wandel in unserem Sicherheitsverständnis weiter
voranzutreiben.

 

Hier den Friedensvorschlag 2019 von SGI-Präsident Daisaku Ikeda im Volltext lesen.   Auszug erschienen in: