Die Krankheit der Resignation überwinden

Auszug aus dem Friedensvorschlag 2019 von SGI-Präsident Daisaku Ikeda

Das dritte und letzte Abrüstungsthema, das ich diskutieren möchte, ist die umfassende Einbindung der Jugend.

Bei der UN ist „Jugend“ mittlerweile auf vielen Gebieten zu einem Schlüsselbegriff geworden. Den Kern dieser Entwicklung bildet die Jugend2030-Strategie, die letzten September gestartet wurde. Ihr Ziel besteht darin, die weltweit 1,8 Milliarden jungen Menschen zu befähigen und die Grundlagen dafür zu schaffen, dass sie in einem intensiveren Engagement zur Umsetzung der Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) die Führung übernehmen.

Ähnliche Entwicklungen sind auch auf dem Gebiet der Menschenrechte zu beobachten. Hier hat die UN die Jugend als Ziel und Kernpunkt der vierten Phase des Weltprogramms Menschenrechtsbildung und -training ausgerufen. In meinem Friedensvorschlag aus dem vergangenen Jahr habe ich solch eine Ausrichtung befürwortet und hoffe, dass alle notwendigen Anstrengungen unternommen werden, um sicherzustellen, dass diese vierte Phase ein Erfolg wird.

Die Bedeutung der Jugend im Kampf für Abrüstung ist klar. Auch UNGeneralsekretär Guterres hat dies in der Abrüstungsagenda ausdrücklich betont. Die Tatsache, dass er der Universität Genf den Vorzug vor dem UN-Hauptquartier oder einem anderen diplomatischen Veranstaltungsort gab, um die Agenda zu verkünden, spricht für sich. „Und junge Menschen, wie die heute hier anwesenden Studierenden, sind die wichtigste Kraft für den Wandel in unserer Welt … Ich hoffe, Sie werden Ihre Kraft und Ihre Verbindungen nutzen, um für eine friedliche Welt einzutreten. Eine Welt, die frei ist von Atomwaffen; eine Welt, in der der Besitz anderer Waffen kontrolliert und reglementiert ist; eine Welt, in der die vorhandenen Ressourcen dazu genutzt werden, allen Menschen Chancen zu bieten und Wohlstand zu sichern.“

Damit sprach er neben dem seit Langem schwelenden Problem der Atomwaffen auch die Konfliktrisiken an, die von der Entwicklung neuer Technologien ausgehen, und stellte beides als ernsthafte Bedrohung für die Zukunft seiner jungen Zuhörerinnen und Zuhörer dar. Insbesondere erwähnte er Cyberattacken als Quelle ganz spezieller Sorge. Cyberwaffen könnten nicht nur benutzt werden, um militärische Ziele zu treffen, sondern auch, um kritische Infrastrukturen zu unterwandern und ganze Gesellschaften lahmzulegen. Sie bergen das Risiko, eine große Anzahl von Zivilistinnen und Zivilisten in Mitleidenschaft zu ziehen und gravierende Schäden zu verursachen.

Diese neue Art von Rüstungswettlauf bedroht die Abläufe des täglichen Lebens sogar dann, wenn es keine offenen, aktiven Feindseligkeiten gibt. Doch das Problem geht weit über die rein physische Bedrohung von Frieden und die Sorge um humanitäre
Belange hinaus: Wir müssen ebenfalls die Auswirkungen auf die Lebensweise der Menschen betrachten, insbesondere die Folgen für die Jugend. Die Komplexität und das Ausmaß der Abrüstungsproblematik lassen Menschen auf breiter Front resignieren, erzeugen das Gefühl, es läge jenseits unserer Macht, die Realität zu verändern. Dies ist vermutlich die fundamentalste und schwerwiegendste Folge.

Diese Sorge trieb schon C. F. von Weizsäcker um; sie findet ihren Widerhall in seinem Aufruf zur Überwindung der Krankheit der Friedlosigkeit. Er nimmt zwei Arten von Kritik vorweg, die sich womöglich gegen dieses Eintreten für einen institutionell garantierten Frieden richten könnten. Die erste ist die Vorstellung, dass wir ja bereits in friedlichen Verhältnissen leben – die allerdings von riesigen
Waffenarsenalen aufrechterhalten werden. Die zweite ist, dass es ja schon immer Kriege gegeben hat und auch in Zukunft geben wird, denn das sei Teil der menschlichen Natur. Weizsäcker weist auf das Paradoxon hin, dass diese beiden Kritikpunkte oftmals von ein und derselben Person geäußert würden, die einerseits behauptet, wir würden in Frieden leben, und andererseits Frieden als „frommen
Wunsch“ abtut. Dieser Widerspruch bliebe von den Verfechterinnen und Verfechtern solcher Argumente häufig unbemerkt.

Weizsäcker zufolge besteht die psychologische Reaktion von Menschen, die sich mit einem Problem konfrontiert sehen, das eine genauere Betrachtung verlangt, häufig darin, dieses einfach zu verdrängen. Das mag ab und an, wenn es darum geht, unser mentales Gleichgewicht zu wahren, auch nötig sein, es kann aber schwerlich als optimale Reaktion gelten, wenn eine Entscheidung gefordert ist, von der unser Überleben abhängt. Es hindert uns daran, ernsthaft darüber nachzudenken, wie echter Frieden geschaffen werden kann, und was wir tun müssen, um dieses Ziel zu erreichen.

Ein halbes Jahrhundert ist vergangen, seit Weizsäcker diese Beobachtung machte, doch selbst heute noch gibt es in den atomwaffenbesitzenden oder atomwaffenabhängigen Staaten viele Menschen, die zwar eine Politik der Abschreckung nicht aktiv
unterstützen, diese aber dennoch als unverzichtbare Notwendigkeit zur Aufrechterhaltung der nationalen Sicherheit betrachten. Solange kein Atomkrieg ausbricht, scheint es kein Problem zu sein, davon auszugehen, dass Massenvernichtungswaffen den Frieden wahren, und die Augen davor zu verschließen, welche Bedrohung von Atomwaffen ausgeht. Doch tatsächlich hat diese allgegenwärtige Resignation im Hinblick auf die Atomfrage eine schädliche Wirkung. Sie zerstört die Fundamente der Gesellschaft und bedroht die Zukunft junger Menschen.

Sollten Sicherheitsstrategien, die auf atomarer Abschreckung beruhen, scheitern, und ein Atomkrieg ausbrechen, wird das in furchtbaren
Verwüstungen enden und zu einem gewaltigen Verlust von Leben führen, und zwar bei Freund wie Feind. Doch der Schaden, den diese Theorie der Abschreckung anrichtet, ist noch viel größer: Selbst dann, wenn Atomwaffen niemals zum Einsatz kommen sollten, werden die Menschen dennoch gezwungen sein, mit der absurden und existenziellen Gefahr zu leben, die von ihnen ausgeht, während der Schutz von militärischen Geheimnissen und Verteidigungsstrategien Priorität genießt und Rechtfertigungen für die Beschneidung von Menschenrechten und individuellen Freiheiten im Namen der nationalen Sicherheit bestehen bleiben. Fügt man dieser Mischung ein
allgegenwärtiges Gefühl von Machtlosigkeit hinzu, entsteht innerhalb der Gesellschaft eine Gemütslage, in der es akzeptabel ist, Menschenrechtsverletzungen zu übersehen und als notwendiges Übel zu betrachten, solange sie keine unmittelbare Auswirkung auf das eigene Leben haben. Übt die überwältigende Negativität, die aus der Krankheit der Friedlosigkeit erwächst, auch weiterhin ihren Einfluss aus, wird jungen Menschen die Möglichkeit genommen, eine gesunde und reichhaltige Menschlichkeit zu entwickeln.

Im Jahr 1260 sandte der japanische buddhistische Reformator Nichiren (1222–1282), der sein Verständnis des Buddhismus auf der Grundlage des Lotos-Sutra – der Quintessenz von Shakyamunis Lehren – entwickelte, seine Abhandlung Über das Etablieren der richtigen Lehre für Frieden im Land an die höchsten politischen Autoritäten seiner Zeit. Darin benannte er ein weit verbreitetes Gefühl der Resignation als Wurzel des Chaos, das in der Gesellschaft herrschte.

In Japan litten die Menschen zu jener Zeit unter wiederholten Katastrophen und bewaffneten Konflikten, und viele waren in Apathie und Resignation verfallen. Die Gesellschaft war durchdrungen von pessimistischen Philosophien, die Verzweiflung predigten und den Menschen die Möglichkeit absprachen, Probleme durch eigene Anstrengung lösen zu können. Zugleich lag der einzige Fokus vieler Menschen darauf, ein Gefühl innerer Ruhe zu bewahren. Solche Arten des Denkens und Handelns laufen den Lehren, von denen das Lotos-Sutra beseelt ist, völlig zuwider. Das Lotos-Sutra ruft uns dazu auf, unbeirrt an das allen Menschen innewohnende innere Potenzial zu glauben, dieses Potenzial zu entdecken und zum Erblühen zu bringen und eine Gesellschaft aufzubauen, in der alle Menschen glücklich und in Würde leben können. Nichirens Abhandlung verlangt eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Frage, wie in den Herzen der Menschen, die unablässig unter den auf sie einstürzenden Katastrophen leiden, der Funke der Hoffnung entzündet und ein sozialer Wandel initiiert werden kann, um Kriege und innere Konflikte des Landes zu verhindern. Aus diesem Grund betont er vor allem die Notwendigkeit, die Krankheit der Resignation, die in den tiefsten Sphären unseres gesellschaftlichen Seins verborgen liegt und uns alle infiziert, mit Stumpf und Stiel auszureißen: „Statt zehntausend Gebete für Hilfe darzubringen, wäre es besser, einfach nur dieses eine Böse zu ächten.“ Seine Abhandlung ruft uns dazu auf, nicht zu resignieren, sondern uns auf die menschlichen Fähigkeiten in uns zu besinnen. Auf diese Weise können wir gemeinsam die ernsten Herausforderungen unserer Zeit proaktiv angehen, andere damit anstecken und einen Wandel herbeiführen.

Als Nichirens geistige Erben haben wir, die Mitglieder der Soka Gakkai, seit der Zeit der Gründung unserer Gemeinschaft und ihrer ersten und zweiten Präsidenten, Makiguchi und Toda, es als unsere Aufgabe in der Gesellschaft betrachtet, eine breite Solidarität des Handelns aufzubauen, die sich dem Ziel verschreibt, die Erde von Leid zu befreien.

 

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