Geschlechtergleichstellung im Buddhismus

Das Lotos-Sutra lehrt, dass alle Lebewesen die Welt der Buddhaschaft besitzen. Dort gibt es nicht die blasseste Spur einer Diskriminierung von Frauen. (…) Wenn es Männer gibt, die die Erleuchtung von Frauen leugnen, leugnen sie die Möglichkeit ihrer eigenen Erlangung der Buddhaschaft. (…) Andere wie auch immer zu diskriminieren bedeutet, sein eigenes Leben zu diskriminieren. (…) In einer streng diskriminierenden Gesellschaft ließ Shakyamuni es nicht zu, dass seine Handlungen durch Unterschiede in Klasse, Geschlecht, Geburt, Laientum oder Orden beeinflusst würden. Daher sahen konservative Elemente der Gesellschaft, die den Status quo erhalten wollten, in ihm eine gefährliche Person. (…) Egal ob Mann oder Frau: Ob jemand nobel oder gemein ist, hängt nur davon ab, was diese Person getan hat. Es sind die Taten und die Aufrichtigkeit einer Person, die zählen. Das ist Shakyamunis Geist. (…)

Das Lotos-Sutra lehrt, dass Männer und Frauen in ihrer Erleuchtung und in ihrer Ausübung gleich sind. (…) Das kommt einer Erklärung gleich, dass Männer und Frauen gleichermaßen qualifiziert sind, das Gesetz anstelle des Buddhas zu lehren. Im dreizehnten Kapitel des Lotos-Sutra verleiht Shakyamuni einer Menge von Frauen Prophezeiungen ihrer zukünftigen Erleuchtung. Und die Menschen, vor denen sich Bodhisattva Niemals Verachtend (jap. Fukyo) in seiner Verehrung für ihre innewohnende Buddhanatur mit den Worten verbeugt „Ich verehre Sie zutiefst, niemals würde ich es wagen, Sie mit Verachtung oder Arroganz zu behandeln“ (LS 20, 266f), umfassen männliche wie weibliche Laien, Priester wie Nonnen. Hier wird selbstverständlich vorausgesetzt, dass Frauen gleichermaßen die Buddhaschaft erlangen können. (…)

Statt einer Situation, in der das eine oder andere Geschlecht die Gesellschaft dominiert, wird es in Zukunft notwendig sein, eine völlig neue Zivilisation zu entwickeln, in der es Ausgeglichenheit und Harmonie zwischen den Geschlechtern gibt. (…) Es ist eine Tatsache, dass die Bilder von „Männlichkeit“ und „Weiblichkeit“, die wir in unserem Bewusstsein haben, tief von kulturellen Traditionen beeinflusst sind, die sich über lange Zeiträume entwickelt haben. Und der Einfluss dieser Traditionen durchdringt jeden Aspekt des gesellschaftlichen Sozialethos, einschließlich der Sprache, der Religion, der Organisationsform, der Erziehung und der akademischen Welt. Es erscheint mir daher nicht so wichtig, dass die Gesellschaft ein bestimmtes Modell liefert, wie Männer und Frauen sich verhalten sollten. Zuerst sollten die Menschen hart daran arbeiten, als anständige menschliche Wesen zu leben und anderen gestatten, das selbe zu tun. (…)

Auch im Buddhismus gibt es verschiedene Erklärungen über die Rollen von Männern und Frauen. Aber diese sind natürlich eingefärbt von den Ansichten jener Männer und Frauen, die zu jener Zeit und in der Gesellschaft vorherrschten, in der diese Lehren verbreitet wurden. Man kann sie nicht als allgemein gültig ansehen. Wichtig ist, dass Männer und Frauen als menschliche Wesen glücklich werden. Glücklich zu werden ist das Ziel, alles andere ist ein Mittel. Jedes Mal, wenn jemand beschließt, wie die Menschen sein sollten, egal wie richtig der Gedanke erscheinen mag, frage ich mich was es nützt, wenn die Menschen bei Umsetzung desselben unglücklich werden. Es ist auch nicht möglich, dass ein Geschlecht auf Kosten des anderen glücklich wird. (…)

Vom Standpunkt der Ewigkeit des Lebens sind die Unterschiede zwischen Mann und Frau nicht in Stein gemeißelt. Stattdessen können wir in einem Leben als Mann und im nächsten Leben als Frau geboren werden. Außerdem besitzen alle Menschen männliche und weibliche Seiten. (…) Das Drachenmädchen, der man praktisch keine Chance zur Erlangung der Buddhaschaft zusprach, weil sie eine Frau war, sehr jung war und den Körper eines Tieres hatte, war in Wirklichkeit die erste, die die Buddhaschaft in der gegenwärtigen Form erlangte. Das ist sehr bedeutsam. Die Erlangung der Buddhaschaft des Drachenmädchens in einer unterdrückerischen und diskriminierenden Gesellschaft kommt einer schallenden Erklärung der Menschenrechte gleich. (…)

Der grundlegende Punkt der „Frauenrechtserklärung“ im Lotos-Sutra ist der, dass jede Person das innewohnende Potential und das Recht besitzt, einen Lebenszustand des höchsten Glücks zu verwirklichen. Indem wir ein solches Glück verwirklichen, wird sichergestellt, dass diese edle Geschichte von Opfer und Kampf nicht vergeblich war. Sie hat zum Ziel, dass jede Person sich wie das Drachenmädchen auf eine Reise zur Erlangung des absoluten Glücks macht, während sie jenen, die auf der See des Leidens treiben, dabei hilft, das selbe zu tun – ohne dass irgendjemand dafür geopfert werden muss. „Alle Frauen haben das Recht, glücklich zu werden. Sie müssen unfehlbar glücklich werden.“ Das ist der Geist des Lotos-Sutras. (…) Das Land, in dem das Drachenmädchen die Erleuchtung erlangt und andere zum Glück führt, heißt Unbefleckte Welt, was sagen will: Wenn eine Frau die Erleuchtung erlangt, dann wird dadurch ihre Umgebung in eine Welt der Reinheit und Schönheit verwandelt. Eine Solidarität unter Frauen, die zur Hoheit ihres eigenen Lebens erwacht sind, wird zweifellos den Grundtenor eines Zeitalters und den Charakter einer Zivilisation verändern. Die Mitglieder der Frauenabteilung und der Jungen Frauen der Soka Gakkai sind bei der Entwicklung einer solchen Solidarität die Pionier*innen und ihr Kern. Sie sind unendlich verehrungswürdig. Sie sind wirklich unersetzliche Individuen, die auf die Erwartungen der Menschen weltweit eine Antwort geben können. Der indische Dichter Rabindranath Tagore (1861–1941) charakterisierte die moderne Zivilisation als eine von Männern dominierte „Zivilisation der Macht“ und sehnte sich nach der Entwicklung einer „Zivilisation des Geistes“, die durch die Bemühungen der Frauen entsteht und auf Mitgefühl beruht. (…)

In diesem Sinn enthält das Devadatta-Kapitel viele wichtige Anregungen, wie man das Mark und die Struktur der modernen Zivilisation verwandeln kann. Einfach gesagt ist es ein Wechsel von einer materiellen Zivilisation zu einer Zivilisation des Lebens und von einer Gesellschaft der Machtsteuerung zu einer Gesellschaft der Kooperation und des Mitgefühls. (…)

Mitfühlend alle lebenden Wesen wie die eigenen Kinder zu umfangen, das ist ein Lebenszustand, den zu erlangen sich alle Menschen, Männer wie Frauen, bemühen sollten. Darin liegt die wahre Bedeutung der Erleuchtung des Drachenmädchens für die Zivilisation und für unsere Zeit.


Auszüge aus: Dialoge über das Lotos-Sutra, Band 3.