Gift in Medizin verwandeln

Was ist Hoffnung? Per Definition ist es die Zuversicht, dass sich eine Situation zum Guten wenden wird. Der Optimismus, den wir als Ausübende des Nichiren-Buddhismus erleben, hat eine andere Qualität: Es ist die Zuversicht, dass wir selbst eine Situation ganz gewiss zum Guten verändern können.

Wenn wir mit Schwierigkeiten konfrontiert sind, leiden wir. Aber weil wir den Gohonzon haben, können wir mit unserem starken Glauben nicht nur jedes Leiden überwinden. Wir können unsere Probleme sogar in Wohltaten verwandeln. Dieses Prinzip bezeichnet der Buddhismus als Gift in Medizin verwandeln.

Nagarjuna, ein Gelehrter des Mahayana-Buddhismus, der im 2. Jahrhundert in China lebte, verwendete den Begriff erstmalig in seinem Werk Daishido Ron. Darin verglich er das Lotos-Sutra mit einem großartigen Arzt, der Gift in Medizin verwandeln kann. Denn wie das Sutra lehrt, können nicht nur Buddhas, sondern auch gewöhnliche Menschen die Buddhaschaft verwirklichen. Nichiren erläutert dies wie folgt: „Was ist Gift? Es sind die drei Pfade von irdischen Begierden, Karma und Leiden, die unser Schicksal sind. Was ist Medizin? Es sind die drei Eigenschaften des Buddhas von Gesetz, Weisheit und Befreiung. Und was bedeutet es, Gift in Medizin zu verwandeln? Das geschieht, wenn wir die drei Pfade zu den drei Eigenschaften des Buddha machen.“ (aus dem Englischen übersetzt; The Writings of Nichiren Daishonin, Band 2, Seite 743).

Mit den von Nichiren erwähnten drei Pfaden – Irdische Begierden, Karma und Leiden – beschreibt die buddhistische Philosophie den Zustand normaler Alltagsmenschen: Weil wir unsere Buddhanatur nicht sehen können, leben wir in tiefer Illusion über unser Leben. Folglich meinen wir, erst dann glücklich sein zu können, wenn unsere Wünsche, die irdischen Begierden, sich erfüllen. So setzen wir Ursachen, mit denen wir diese Tendenz – unser negatives Karma – letztlich nur verstärken. Das aber verursacht nur noch mehr Leiden. So verstricken wir uns schließlich in dem Teufelskreis eines Lebens, das nicht zu der eigenen, innewohnenden Buddhanatur erwacht ist und in dem das „Gift“ seine volle Wirkung entfaltet.

Demgegenüber ist das Leben des Buddha von den drei Eigenschaften von Gesetz, Weisheit und Befreiung geprägt. Die Eigenschaft des Gesetzes entspricht der tiefsten Wesenheit des Lebens, der Quelle der Lebenskraft. Weisheit ist die Fähigkeit, diese Lebenskraft zu erkennen. Und Befreiung bedeutet, sich durch Gesetz und Weisheit von den Leiden von Geburt und Tod frei machen zu können.

„Gift“ hört sich vielleicht sehr negativ an, aber im Nichiren-Buddhismus hat es eine wichtige, gar notwendige Funktion. Die beste Medizin wird aus giftigen Substanzen hergestellt. Genauso können unsere Wünsche letztlich zu der Quelle unserer Buddhaschaft werden. Denn weil wir Wünsche haben, chanten wir aufrichtig zum Gohonzon, um sie zu verwirklichen. Das Chanten, das sich eigentlich auf die Verwirklichung unserer Wünsche richtet, hat den „Nebeneffekt“, dass die Buddhanatur unseres Lebens aktiviert wird. So erscheinen die drei Eigenschaften des Buddha von Gesetz, Weisheit und Befreiung. Und mit ihnen entfalten wir die Eigenschaften Kraft, Mut und Weisheit. So gestärkt können wir unsere Probleme konfrontieren und Fehler in Wachstum, Streit in Harmonie, Misstrauen in Vertrauen, Leiden in Freude und dauerhaftes Glück zu verwandeln. Auf diese Weise entsteht in unserem Leben ein Wert, der weit über unseren ursprünglichen Wunsch hinausgeht – und den es ohne unseren Wunsch oder das Ausgangs-Problem nicht gegeben hätte. Was ermöglicht uns, die drei Pfade in die drei Eigenschaften des Buddha zu verwandeln? Es ist die Ausübung des Chantens von Nam-Myoho-Renge-Kyo zum Gohonzon. Das Vertrauen in die Kraft unserer Buddhaschaft erlaubt uns, ohne Angst im Leben voranzugehen. SGI-Präsident Daisaku Ikeda ermutigt uns: „Wenn Sie einen Fehlschlag erleiden, verwandeln Sie bitte Gift in Medizin und entschließen sich noch einmal aufs Neue, für Ihr Ziel zu kämpfen. Das ist im wahrsten Sinne die Schaffung von Werten.“