Hoffnung in die Herzen junger Menschen säen

aus einer Serie von Essays von Daisaku Ikeda, die von Mai 2006 bis April 2007 in der Japan Times erschienen sind

Lautes Kinderlachen ist der wahre Maßstab dafür, wie gesund eine Gesellschaft ist.

Vor zehn Jahren war ich anlässlich einer Ausstellungseröffnung über Atomwaffen und ihre Bedrohung in San José in Costa Rica. Nebenan befand sich ein Kindermuseum. Während wir die Nationalhymne feierlich sangen, konnte man die lebhaften Stimmen der
Schulkinder hören, die auf die Öffnung des Museums warteten. Während des Festakts wurde der Lärm, den die Kinder veranstalteten,
teilweise so laut, dass er fast die Reden der geladenen Gäste übertönte.

Die Teilnehmer lächelten sich an. Die fröhlichen Kinderstimmen waren ein Symbol und zugleich auch die Verkörperung des Friedens.
Ihre Stimmen vermittelten ein Gefühl der Hoffnung, das stärker war als die Bedrohung durch die Atomwaffen.

Als Erwachsene müssen wir sicherstellen, dass diese reinen Stimmen in der Gesellschaft laut zu hören sind. Und doch vergeht in
den letzten Jahren in Japan kaum ein Tag ohne Nachrichten über Kinder, die Opfer eines Gewaltverbrechens wurden oder an einem
Verbrechen beteiligt waren. Es schmerzt sehr, solche Berichte zu hören.

Das Leben der Kinder ist ein Spiegel des pathologischen Zustands unserer Gesellschaft, in der man gleichgültig über das Leid der anderen hinwegsieht.

Ich mache mir große Sorgen, dass das Licht der Hoffnung in den Herzen der jungen Menschen erlischt, wenn wir ihnen nur das
Beispiel einer gleichgültigen, brutalen Lebensweise bieten. Diese Kinderherzen werden dann leer und öde sein und noch anfälliger für
ein verzerrtes Wertesystem, das sich nur am Maßstab des Wohlstands orientiert und die Gesellschaft kaltherzig in „Gewinner“ und
„Verlierer“ unterteilt.

Wir sollten grundsätzlich neu überdenken, was es bedeutet, im Leben zu gewinnen, und wie eine wohlhabende Gesellschaft wirklich
aussehen könnte.

Die Angehörigen meiner Generation haben bereits schmerzhaft erfahren, dass sich die Werte, die ihnen von der Gesellschaft vermittelt
wurden, als leer und bedeutungslos herausstellten. Ich war 17 Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg endete. Unter den jungen Menschen existierte ein quälendes Gefühl geistiger Leere. Es war nicht nur die Landschaft, die in Schutt und Asche lag. Auch das bizarre Wertesystem, das uns in den Kriegsjahren eingetrichtert worden war, hatte sich als verlogen herausgestellt und war ebenfalls dem
Erdboden gleichgemacht.

Viele junge Menschen verfielen in einen Zustand verzweifelter Skepsis. Sie waren davon überzeugt, dass es nichts gab, woran sie
glauben konnten. Mir ging es genauso. Ich konnte unmöglich den Intellektuellen und Politikern vertrauen, die früher das Loblieb auf
den Krieg gesungen und unzählige junge Menschen in den Tod geschickt hatten, um dann über Nacht zu Aposteln für Frieden und
Demokratie zu werden.

Ich schätze mich zutiefst glücklich, dass ich genau in dieser Zeit eine Person traf, die bereit war, sich mit mir und anderen jungen
Menschen offen auseinanderzusetzen, und zu meinem Mentor wurde.

Als ich Josei Toda zum ersten Mal auf einem kleinen Treffen von Soka Gakkai Mitgliedern begegnete, war er 47, also fast 30 Jahre älter
als ich. Und dennoch antwortete er auf meine Fragen direkt und ehrlich. Toda hatte sich dem Militärregime widersetzt, das die Japaner
ihrer Rechte und Freiheiten beraubt und das Land in einen Angriffskrieg gestürzt hatte. Daraufhin wurde er verfolgt und für zwei
Jahre inhaftiert. Die Worte eines Menschen, der aufgrund seiner Überzeugungen im Gefängnis war, hatten besonderes Gewicht. Ich
spürte instinktiv, dass ich ihm vertrauen konnte.

Toda war ein Pädagoge mit einer großen Begeisterung für junge Menschen. Mit einer Zigarette in der Hand sprach er offen über alle
möglichen Themen und seine Einsichten in die existentiellen Probleme des Lebens.

Er organisierte draußen in der Natur Studienversammlungen und wählte dafür die schönsten Orte. Dadurch konnten wir unsere
Lebensfreude wiedergewinnen. Ich erinnere mich an eine Gelegenheit, als wir am Fluss um ein Lagerfeuer saßen und bis spät in die
Nacht mit ihm über Dinge sprachen, die uns beschäftigten: über unsere Beziehung zu unseren Eltern, über die Ehe, unser Leben und
unsere Zukunft.

Toda hatte tiefes Vertrauen in junge Menschen. Er sah in ihnen Möglichkeiten, die sie sich selbst nicht vorstellen konnten. Und
durch dieses Vertrauen, den Mut und die Hoffnung, die er ihnen entgegenbrachte, veränderten sich die jungen Leute.

Aufgrund meiner eigenen Erfahrung bin ich überzeugt: Es gibt kaum etwas, das entscheidender für das gesunde Wachstum von
Kindern ist, als die Begegnung mit jemandem, der wirklich an sie glaubt. Studien zufolge leiden junge Menschen, die gewalttätig sind,
oft unter dem Gefühl, niemand interessiere sich für sie und sie seien allen egal. Das Problemverhalten von Kindern spiegelt den Egoismus und die Gleichgültigkeit der Erwachsenenwelt wider.

Im Lotos-Sutra findet sich die folgende Geschichte: „Es gab einmal einen Mann, der einen reichen Freund hatte. Eines Tages besuchte er ihn. Sie unterhielten sich, bis er, berauscht vom guten Wein, einschlief. Der reiche Freund musste unerwartet geschäftlich verreisen. Doch bevor er wegging, nähte er als Abschiedsgeschenk ein unschätzbares Juwel in den Kleidersaum des schlafenden Mannes. Dieser wusste nichts davon und ging seines Weges. Die Zeiten waren hart, und er durchwanderte die Welt in Armut. Jahre später trafen sie sich wieder. Der reiche Mann war über den Zustand seines Freundes überrascht und erzählte ihm von seinem Geschenk an ihn, das dieser die ganze Zeit besessen hatte.“

Jeder junge Mensch besitzt einen kostbaren inneren Schatz von unendlichem Wert. Sich dessen nicht bewusst zu sein und sich
innerlich arm zu fühlen ist eine tragische Verschwendung. Eine Person, die sich der juwelengleichen Würde des eigenen Lebens bewusst
ist, kann diesen Schatz auch in anderen aufrichtig respektieren.

Wir alle haben Gelegenheit, in unserer Familie und unseren Gemeinden mit Jugendlichen zu sprechen. Ich hoffe, die Erwachsenen
nehmen sich Zeit und bemühen sich, den jungen Menschen genau zuzuhören. Solche kleinen Gesten des Mitgefühls können helfen, ein
junges Herz zu erfreuen und wieder aufzubauen.Wir sollten uns alle bemühen, immer herzlich zu sein und geistige Nahrung anzubieten.
Das mag zunächst arbeits- und zeitintensiv erscheinen. Aus dem Vertrauen, das durch diese Anstrengungen entsteht, werden jedoch
Menschen hervorgehen, die sehr feinfühlig gegenüber den Leiden anderer sind; Menschen, die fähig sind, sich für andere einzusetzen.
Dies ist der erste Schritt zum Aufbau einer gesunden Gesellschaft. So säen wir Hoffnung für die Zukunft.

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