Der blaue Planet ist meine Motivation

Gespräch mit Zukunftsforscherin Hazel Henderson

Hazel Henderson wurde 1933 in Großbritannien geboren, ging 1956 in die USA und ließ sich dort 1962 einbürgern. Als Zukunftsforscherin engagiert sie sich insbesondere für eine alternative Ökonomie und nachhaltige Entwicklung. Anfang der 1960er Jahre war sie als junge Frau Mitbegründerin der „Citizens for Clean Air“, einer der ersten Umweltgruppen in New York zu dieser Zeit. Sie war unter anderem als Beraterin des US-Kongresses tätig und hat mehrere Bücher veröffentlicht.
Dieses Interview wurde von Ilka Friedrich anlässlich eines SGI-D-Seminars für Pädagogen im Oktober 2020 geführt. Der Kurs stand unter dem Motto „Lernen – als Licht der Hoffnung“.

FORUM: Sehr geehrte Frau Henderson, wie können Menschen befähigt werden, sich für die Zukunft, die sie wollen, einzusetzen?
HENDERSON: Nun, das Erste, was sie tun müssen, ist, an sich selbst und ihre eigene gelebte Erfahrung zu glauben. So habe ich mich selbst motiviert. Ich hatte das Glück, auf dem Land in Großbritannien aufzuwachsen. Meine Mutter baute unsere gesamten Lebensmittel im Garten an und so habe ich bereits als Kind das Bewusstsein dafür entwickelt, dass die Natur der große Künstler und der große Technologe ist. In mir keimte der Gedanke, dass die Natur mich wirklich versorgen würde, wenn ich mir die Zeit nehmen würde, wirklich zu verstehen, wie sie funktioniert. Ich erinnere mich, dass meine Mutter sagte: „Hazel, gehe in den Garten hinunter und ziehe sechs Karotten heraus, dann gehe zum Erbsenbeet und fülle dieses Gefäß, dann gehe zum Gewächshaus und hole ein paar Tomaten.“ Und so weiter und so fort. Das war und ist alles sehr greifbar. Auch wenn ich jetzt auf einer viel tieferen und wissenschaftlichen Ebene darüber nachdenke, habe ich nie vergessen, dass dies tatsächlich der Hintergrund meines Lernens und meines Aktivismus ist, und das alles, was ich tue, das Verstehen dessen ist, wie unser Planet in Beziehung zu unserem Mutterstern – der Sonne – funktioniert. Die Pflanzen und das Phytoplankton haben vor der Ankunft der Menschen eine Technologie entwickelt, mittels derer sie die Photonen nutzen können, die jeden Tag von der Sonne frei zur Verfügung gestellt werden. Gemeint ist natürlich die Technologie der Photosynthese, die diese freien Photonen aufnimmt und die Nahrungsversorgung für den Menschen und alle anderen Arten schafft. Das ist also das grundlegende Verständnis, das meiner Meinung nach die Basis für jede Form von Bildung darstellt. Wenn die Menschen diese grundlegende Realität erfassen, dann kann von dort aus alle weitere Bildung einen Sinn ergeben, und die Menschen können wissen, was sie ablehnen und was sie akzeptieren sollten.

FORUM: Was war und ist Ihre eigene Inspiration, um immer aktiv zu sein, ganz egal vor welchen Herausforderungen Sie gerade stehen?
HENDERSON: Oh, zunächst hatte ich eigentlich gar keine andere Wahl, als mich als Frau zu behaupten. Ich fand mich schließlich in der Position wieder, dass ich wissenschaftliche Beraterin auf Kabinettsebene für den US-Kongress und die Stiftung „National Science Foundation“ war. Ich vergesse nie, wie ich zur ersten Sitzung des US-Büros für Technologiefolgenabschätzung ging und dann allein mit zwölf Mitgliedern im Beirat saß. Da waren entweder Präsidenten von Großunternehmen oder Nobelpreisträger, und natürlich waren das alles Männer, eigentlich alles Weiße, und als Erstes baten sie mich, den Kaffee zu holen – unglaublich. Ich kann jetzt darüber lachen, aber damals überraschte es mich. Da, wissen Sie, wurde mir klar, dass ich mich behaupten und Folgendes sagen musste: „Nun, Gentlemen, ich bin Mitglied dieser Kommission, guten Morgen, mein Name ist…“. Und anschließend habe ich allen die Hand geschüttelt. So oder anders kann also jeder sich und sein Wissen behaupten. Das geht jedoch nicht, wenn man sich herumschubsen lässt, das dürfen wir nicht zulassen.

FORUM: Als Sie die Bewegung „Bürger für saubere Luft“ in New York anführten, wurden Sie von einem Ökonomen in einer Fernsehsendung stark kritisiert. Dies hat Sie angespornt, noch mehr dazuzulernen. Wie wichtig ist selbstbestimmtes Lernen für Sie?
HENDERSON
: Oh ja, das hat mich motiviert zu sagen, okay, ich besorge mir besser die Bücher der Ökonomen und bringe mir Wirtschaft bei. Nicht um Ökonomin zu werden, sondern weil ich ihre Sprache verstehen wollte, ihr Repertoire – wie sie die Welt sehen und was sie dazu gebracht hat, zu einer bestimmten Überzeugung zu gelangen. Und so wurde mir, als ich anfing, ihre „heiligen“ Lehrbücher zu lesen, plötzlich vieles klar und ich dachte: „Das glaube ich einfach nicht.“ Ein Beispiel: In den Lehrbüchern stand tatsächlich, dass ehrenamtliches Engagement irrational sei. Warum stand das so da? Ich denke, weil man die Auffassung vertrat, dass all die traditionellen Errungenschaften der Gesellschaft, die nicht in Geld abgewickelt werden und die die wichtigste Grundlage für unsere Gesellschaft darstellen, unökonomisch seien – etwa die Erziehung der Kinder, das bürgerschaftliche Engagement in Schulgremien, der Anbau eigener Lebensmittel, wie es meine Mutter tat, und vieles mehr. Die Menschen, die sich für solche Dinge wie zum Beispiel Essen auf Rädern für die Älteren einsetzen, gab es auch in dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, und ich habe sie immer bewundert. Und all diese Tätigkeiten bilden 50 Prozent der gesamten produktiven Aktivitäten einer Gesellschaft. In den Entwicklungsländern ist dieser Anteil natürlich noch viel, viel höher. Die Ökonomen wollten nun diese ehrenamtliche Arbeit monetarisieren und in das Bruttoinlandsprodukt einrechnen.

FORUM: Frau Henderson, Sie blicken auf ein langjähriges Engagement zurück. Was motiviert Sie, sich immer weiter einzusetzen?
HENDERSON
: Mich motiviert das Bild von diesem schönen blauen Planeten und der menschlichen Spezies und allen anderen Lebensformen sowie die Tatsache, dass wir uns auf einem Planeten der Fülle befinden. Jeden Tag bekommen wir die Photonen von der Sonne geschenkt – und es fallen weder Vertriebskosten, noch Verwaltungs- oder Gemeinkosten an. Wie wir alle wissen, leben wir jetzt größtenteils im Informationszeitalter. Das bedeutet: Wenn Sie mir Informationen geben, haben Sie diese immer noch. Es entsteht hierdurch kein Mangel an Informationen. Natürlich gibt es eine Menge schlechter Informationen, zum Beispiel in den sozialen Netzwerken. Die gute Nachricht ist: Es gibt für alle genug, wenn wir nur die Technologie verstehen, die die Pflanzen uns vermitteln. Die Pflanzen beherrschen die Technik, Photonen einzufangen. Und deshalb geht meine ganze Motivation jetzt dahin, diesen grünen Wandel zu beschleunigen: weg von fossilen Brennstoffen und Kernkraft hin zu Sonnen- und Windenergie und Energieeffizienz. Im Grunde gibt es so viele Möglichkeiten, wie wir die gesamte Energie dieser natürlichen Ressourcen nutzen und alles, was wir brauchen, erhalten können, ohne den Planeten zu zerstören. Es gilt, mit dem Planeten zu arbeiten. Wir sind klug genug, um das zu tun. Das ist meine Motivation.

FORUM: Was sind Ihrer Meinung nach die Lehren und Möglichkeiten, die uns die aktuelle Pandemie erteilt bzw. aufzeigt?
HENDERSON
: Ich habe gemeinsam mit meinem Freund, dem Physiker Fritjof Capra, der „Das Tao der Physik“ geschrieben hat, im März 2020 einen Artikel veröffentlicht. Sein Titel lautet: „Die Lektionen der Pandemie – Ein Rückblick aus dem Jahr 2050“. So arbeiten Zukunftsforscher: Sie stellen sich ein mögliches Szenario in der Zukunft vor und blicken von dort auf unsere Gegenwart zurück, um so erkennen zu können, welche Möglichkeiten in unserer Gegenwart vorhanden sind. Das Erste, was uns förmlich anspringt, ist: Der Planet lehrt uns jetzt etwas, ganz direkt. Er lehrt die Menschen anhand von Bränden, Überschwemmungen, steigendem Meeresspiegel, extrem starken Stürmen und Pandemien. Offensichtlich tut der Planet dies, um unsere Aufmerksamkeit auf die Tatsache zu lenken, dass wir all die Wirtschaftstheorien und alten Lehrbücher vergessen können und das wahrnehmen sollten, was vor uns liegt: die reale physische Welt. Eine der vielen Sachen, die sofort nach dem ersten Lockdown auftraten, geschah beispielsweise in Delhi: Dort konnte man plötzlich das Taj Mahal sehen, die Luft war sauber. In Venedig kamen die Fische zurück in die Kanäle. In Peking konnte man den blauen Himmel sehen und es wurden Stimmen laut, die sagten: „Warum haben wir keine Elektroautos?“ In China gibt es hundert Unternehmen, die Elektroautos herstellen. Elektroautos sind sehr einfach. Als ich zum ersten Mal nach New York City kam, habe ich herausgefunden, dass dort in den 1930er Jahren alle Lieferwagen mit Elektroantrieb ausgestattet waren und einige davon standen immer noch auf der Straße. Was hat uns bloß dazu veranlasst, irgendwann die falsche Abbiegung zu nehmen und den schmutzigen Verbrennungsmotor zu nutzen, der fossile Brennstoffe benötigt? 1890 gab es in London elektrische Linienbusse. Elektroautos sind sehr einfach und billig und weitaus effizienter. Luftverschmutzung, gegen die ich in den 1960er Jahren gekämpft habe, trägt dazu bei, dass jedes Jahr neun Millionen Menschen sterben. Sie müssen nicht sterben! Das sind die Dinge, die uns die Pandemie zeigt. Und natürlich, was die Natur uns wirklich sehr klar gesagt hat, ist, dass wir keine Bäume fällen und keine Tiere töten oder essen sollen. Das ist nicht schwer zu verstehen, das sind einfache Dinge. Sie wissen, dass die Aufzucht und Fütterung von Tieren für den menschlichen Verzehr 50 Prozent der Fläche einnehmen, die wir für die menschliche Ernährung nutzen müssten und dass sie zu 15 Prozent zu den globalen Treibhausgasen beitragen. Der Planet sagt also: „Schauen Sie, Sie werden gesünder sein und der Planet wird gesünder sein, wenn Sie Pflanzen essen.“ Das sind einfache Lektionen.

FORUM: Wie können wir Menschen darin fördern, zu Akteuren eines positiven Wandels zu werden? Wie können wir sie befähigen, Hoffnung zu verbreiten und eine nachhaltige Welt zu erschaffen?
HENDERSON
: Halten Sie die Augen offen und seien Sie kritische Denker. Ich hatte das Glück, dies von meinen Eltern zu lernen. Meine Eltern waren eigentlich Agnostiker. Ich kann mich daran erinnern, wie ich als Kind vom Kindergarten nach Hause kam und zu meiner Mutter sagte: „Wir haben heute etwas über den kleinen Herrn Jesus erfahren.“ Und meine Mutter sagte: „Was für ein Unsinn!“ Mein Vater zum Beispiel saß einmal vor dem Fernseher, auf dem damals Premierminister Harold Macmillan zu sehen war, und er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und sagte: „Verdammter Narr!“ So wuchs ich mit der Überzeugung auf, dass mir niemand etwas zu sagen hatte. Anhand eigener Erfahrungen konnte ich diese Überzeugung in mir selbst festigen. Nun zu der Frage, was kritisches Denken bedeutet. Wir brauchen diese Fähigkeit gerade im Moment und es ist die grundlegende Fähigkeit, die Pädagogen vermitteln sollten. Denn wir haben jetzt diese sozialen Netzwerke, die keine Verantwortung dafür tragen, die Wahrheit herauszufinden. Pädagogen sollten es sich ganz oben auf ihre Agenda setzen, diese Unternehmen dazu zu bringen, derart Verantwortung zu übernehmen, wie es die Redakteure aller Zeitungen und Fernsehanstalten per Gesetz tun müssen. Sie alle müssen die Fakten überprüfen. Das ist etwas, was mich gerade sehr umtreibt. Ich denke, Menschen werden wirklich einen Energieschub erfahren, wenn sie sich die Haltung zu eigen machen, zu fragen: Wie kann ich als Mensch etwas bewirken? Das Erste, was man tun muss, ist zu überprüfen, worüber gesprochen wird und was einem gesagt wird, um zu sehen, ob es wirklich zur eigenen Person und zum eigenen Lebensinhalt passt. Das ist der Anfang.

FORUM: Liebe Frau Henderson, ich danke Ihnen im Namen aller Pädagoginnen und Pädagogen für dieses inspirierende Gespräch. Sie haben uns ermutigt, in schwierigen Zeiten an der Hoffnung festzuhalten und Maßnahmen zu ergreifen, um den wichtigen Weg der Herausforderung und des Wandels fortzusetzen.
HENDERSON
: Vielen Dank, es war mir eine Freude! Und viel Glück für jede und jeden Einzelnen von Ihnen, für alle meine Freunde in Deutschland! Passen Sie auf sich auf! Ich danke Ihnen!

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