Karma in Aufgabe verwandeln

Kann man sein Schicksal verändern? Immer mehr Menschen haben Schwierigkeiten mit der Vorstellung, dass eine höhere Macht ihr Schicksal bestimmt. Und obwohl wir gerade in Deutschland und Europa den Luxus genießen, weitgehend frei über unser Leben bestimmen zu können, sehen wir uns doch einer Vielzahl von inneren und äußeren Zwängen ausgesetzt, die uns beschränken, begrenzen, lähmen.

Der Buddhismus lehrt, dass sowohl die Entstehung von Karma als auch die Befreiung davon grundlegend vom eigenen Willen und vom Handeln des Einzelnen abhängen. Vor allem aus diesem Grund ist der Buddhismus als „innerer Weg“ bekannt.

Nichiren Daishonin betrachtete sein eigenes Leben und ging der Frage nach, warum er Verfolgung und Leid begegnen musste. Letztlich kam er zu dem Schluss, dass dies auf sein Karma zurückzuführen war, also auf Ursachen, die er selbst in der Vergangenheit gesetzt hatte. Dieser Gedanke bedeutete für ihn jedoch nicht, dass er selbst schuld an seinen Problemen war bzw. diese die gerechte Strafe für früheres Fehlverhalten seien. Die Feststellung der eigenen Verantwortung war für ihn vor allem Ausgangspunkt für eine zukunftsorientierte Lebenseinstellung: Wir haben unser Karma geschaffen, also können wir es auch verändern!

„Wenn Eisen in den Flammen erhitzt und geschlagen wird, entsteht ein hervorragendes Schwert“, stellt Nichiren fest (Die Schriften Nichiren Daishonins, S. 378). Damit meint er, dass gerade große Schwierigkeiten, also das uns negativ erscheinende Karma, Gelegenheit bieten, unser Leben zu schmieden, zu festigen und es noch besser zu machen.

Der japanische Begriff für Aufgabe lautet „Shimei“ und bedeutet wörtlich übersetzt „sein Leben nutzen“. Nach diesem Verständnis gibt es keine schicksalhafte, vordefinierte Lebensaufgabe, sondern wir nutzen alles, was wir erleben, um einen Wert daraus zu schaffen, unsere ureigene Aufgabe.

Im zehnten Kapitel des Lotos-Sutra wird von Bodhisattwas berichtet, die durch ihr mitfühlendes Verhalten viel Glück und viele Wohltaten angesammelt haben. Doch sie geben sich damit nicht zufrieden, sondern erscheinen in einer „bösen“ Welt, weil sie das Mystische Gesetz verbreiten wollen, damit auch andere Menschen Glück ansammeln können. Obwohl es im Grunde nicht ihr Karma ist, werden die Bodhisattwas in ein problematisches Umfeld geboren. Denn sie wollen andere ermutigen. Deshalb haben sie es sich selbst zur Aufgabe gemacht, Schwierigkeiten zu begegnen und diese zu überwinden. Dies bezeichnet der buddhistische Lehrmeister Miaole aus China als „das eigene Karma frei zu wählen“ oder eben „Karma in Aufgabe zu verwandeln“.

Karma in Aufgabe zu verwandeln, ist ein besonderer „Way of Life“: Wenn wir unsere Schwierigkeiten und Nöte als etwas betrachten, das wir uns gewünscht haben, um unsere Aufgabe erfüllen zu können, werden sie zu einer Quelle des Wachstums und sogar der Freude. Und für andere wird unser Leben zu einem Beispiel dafür, wie man Probleme durch den Glauben überwinden kann. Alles, was uns im Leben passiert, hat eine Bedeutung. Und die buddhistische Lebensweise besteht darin, allem eine Bedeutung zu geben.

Daisaku Ikeda erläutert hierzu: „Wir haben alle unser eigenes Karma oder Schicksal. Doch wenn wir uns dem unmittelbar stellen und seine wahre Bedeutung verstehen, kann uns jede Schwierigkeit zu einem reicheren und tieferen Leben verhelfen. Der Kampf, mit dem wir unser Schicksal bewältigen, wird damit zum Beispiel und zur Inspiration für etliche andere. Wenn wir also unser Karma in unsere Aufgabe verwandeln, können wir unser Schicksal umgestalten und statt einer negativen eine positive Haltung annehmen. Jeder, der sein Karma in seine Aufgabe verwandelt, hat das eigene Karma frei gewählt. Wer daher immer weitergeht und alles als Teil seiner Aufgabe ansieht, kommt dem Ziel der Umgestaltung seines Schicksals immer näher“ (Die Welt der Schriften Nichiren Daishonins, Bd. 1, S. 54).