Was ist Liebe?

Buddhistische Antworten von SGI-Präsident Daisaku Ikeda auf Fragen der Jugend

Die Schmerzen der Liebe sind ebenso vielfältig wie verschieden. Jeder Mensch hat seinen eigenen Charakter und seine eigene Persönlichkeit; jeder hat seine eigene Vergangenheit, ist anders aufgewachsen. Deshalb gibt es auch keine allgemein gültige Regel, die für die gesamte Menschheit zuträfe. (…) Für wen man sich entscheidet, hängt vom jeweiligen Charakter ab. Im Wesentlichen darf sich niemand in eure Privatangelegenheiten einmischen.

Als Mensch, der viele Jahre der Erfahrung hinter sich gebracht hat, möchte ich jedoch zu Anfangs betonen, wie wichtig es ist, sein Streben nach eigener Entwicklung nicht aus den Augen zu verlieren. (…)

Die Liebe sollte die Kraft sein, die euch hilft, euer Leben zu erweitern und euer ureigenes Potential mit frischer Vitalität und Dynamik hervorzubringen. Dies ist das Ideal der Liebe, aber wie schon das Sprichwort „Liebe macht blind“ sagt, verlieren die Menschen oft jede Objektivität, wenn sie sich verlieben.

Sollte die Beziehung, in der ihr seid, eure Eltern dazu veranlassen, sich zu sorgen, oder euch von euren Studien abhalten oder euch zu zerstörerischen Handlungen treiben, seid ihr und die Person mit der ihr zusammen seid, ein negativer Einfluss aufeinander und ein Hindernis füreinander. Keiner von euch wird glücklich werden, wenn ihr euch im Endeffekt gegenseitig verletzt. (…)

Wenn ihr das vernachlässigt, was ihr eigentlich tun solltet, eure Aufgabe im Leben der Beziehung wegen vergesst, seid ihr auf dem falschen Weg. In einer gesunden Beziehung ermutigen sich zwei Menschen gegenseitig, ihre jeweiligen Ziele zu verwirklichen, während sie ihre Hoffnungen und Träume miteinander teilen. Eine Beziehung sollte Quelle der Inspiration, der Belebung und der Hoffnung sein. (…)

Liebe ist eine komplexe Angelegenheit, die die Philosophie und die Einstellung zum Leben eines jeden Einzelnen widerspiegelt. Deswegen denke ich, dass man nicht unbedacht Beziehungen eingehen sollte. (…)

Trotzdem wird eine Beziehung, in der der Respekt fehlt, weder lange halten, noch werden diese zwei Menschen sich gegenseitig fördern, das Beste aus sich herauszuholen. (…)

Es ist gesünder von den Aspekten seines Partners zu lernen, die man bewundert und respektiert und sich um seine Entwicklung zu bemühen, als in vollkommener Verliebtheit eine Welt zu erschaffen, in der man nur zu zweit existiert. Der Autor des Buches „Der kleinen Prinz“, Antoine de Saint-Exupéry schrieb einst: „Liebe ist nicht, wenn zwei Menschen sich anstarren, sondern wenn zwei Menschen gemeinsam in die gleiche Richtung schauen“. Daraus folgt, dass eine Beziehung länger anhält, wenn beide Partner ähnliche Werte und Überzeugungen teilen. (…)

Wenn eine Beziehung zerbricht, scheint allzu oft die Leidenschaft, die sie einmal hervorbrachte wie eine Illusion. Was ihr euch durch das Lernen aneignet ist jedoch von größerer Dauerhaftigkeit. Es ist daher wichtig, eure intellektuelle Neugier stets zu fördern. (…)

Vieles im Alltag neigt dazu, langweilig und gewöhnlich zu sein. Es kann beschwerlich sein, sich Tag für Tag stetig zu bemühen. Es wird nicht immer Spaß machen. Wenn man sich dann verliebt, scheint alles aufregend und spannend, als würde man die Hauptrolle in einem Roman spielen.

Aber wenn ihr euch nur aus Langeweile verliebt, und ständig von eurem Weg, den ihr eigentlich gehen solltet abspringt, ist die Liebe nichts als eine Flucht. Was ihr da tut, ist ein Rückzug in eine Traumwelt, in dem Glauben, dass das, was unwirklich ist, die Wahrheit ist. Und selbst wenn ihre die Liebe als Flucht nutzt, wird die Euphorie nicht lange halten. Wenn überhaupt etwas übrigbleiben sollte, werden es wahrscheinlich mehr Probleme und Gefühle des Leids und der Traurigkeit sein. Wie sehr ihr es auch versucht, ihr könnt vor euch selbst nicht weglaufen. Wenn ihr schwach bleibt, wird das Leiden euch begleiten, wohin ihr auch geht. Ihr werdet keine Freude erfahren, wenn ihr euch nicht im Inneren ändert. Freude ist nichts, was euch ein anderer, auch kein Geliebter geben kann. Ihr müsst sie allein erschaffen. Und der einzige Weg dies zu tun, ist es, euren eigenen Charakter und eure Kapazität als Menschen zu entwickeln; euer Potential zu maximieren. Wenn ihr euer Wachstum und euer Talent um der Liebe willen opfert, werdet ihr absolut keinen Freude finden. Wahre Freude wird dadurch erreicht, dass man sein volles Potential erkennt. (…)

Ich möchte noch hinzufügen, dass es euch und euren Partnern gegenüber sehr respektlos ist, wenn ihr eine Beziehung beginnt, um vor etwa zu flüchten. (…)

Jeder von euch hat eine kostbare Aufgabe zu erfüllen, die nur er oder sie erfüllen kann. (…) Seine Aufgabe zu vernachlässigen und nur nach persönlichem Vergnügen zu suchen, ist ein Zeichen von Egoismus. Eine egoistische, selbstbezogene Person kann einen anderen Menschen gar nicht wirklich lieben.

Wenn ihr jemanden aufrichtig liebt, könnt ihr euch durch diese Beziehung zu einer Person entwickeln, deren Liebe die ganze Menschheit umfasst. Eine solche Beziehung stärkt, erhebt und bereichert eurer Leben vom Innersten. Schließlich sind die Beziehungen, die ihr entwickelt, eine Widerspiegelung eures inneren Lebenszustandes. Das gleiche gilt für Freundschaften. Genau in dem Maße, in dem ihr euch jetzt poliert, könnt ihr auf herzliche Beziehungen in der Zukunft hoffen.

 

Teil 2

Diese Liebe ist dann wie ein Auto ohne Bremsen. Selbst wenn man aussteigen will, ist es unmöglich. Selbst wenn man es bereut, eingestiegen zu sein, wird der Wagen nicht anhalten. In vielen Fällen gehen die Menschen Beziehungen ein und haben das Gefühl, frei und unabhängig zu sein, finden sich aber zu irgendeinem Zeitpunkt als Gefangene dieser Beziehung wieder.

Jeder von euch ist unendlich kostbar. Daher hoffe ich, dass ihr euch selbst die größtmögliche Achtung gewährt. Bitte wählt keinen Weg, der euch zum Leiden bringt, sondern wählt einen, der euch zum Wohlergehen führt.

Die Wahrheit ist, dass die ideale Liebe nur zwischen aufrichtigen, reifen, unabhängigen Menschen zustande kommen kann. Es ist daher wesentlich, dass ihr erst einmal daran arbeitet, euch zu entwickeln. (…)

Es ist erniedrigend, ständig nach der Billigung des Partners zu suchen. Einer solchen Beziehung fehlt wahre Fürsorge, Tiefe und sogar Liebe. Wenn ihr euch in einer Beziehung wiederfindet, in der ihr auf eine Art behandelt werdet, die euch nicht zusagt, dann habt ihr hoffentlich den Mut und die Würde, euch zu entschließen wegzugehen, statt in einer unglücklichen Beziehung zu verweilen – auch wenn ihr riskiert, verspottet zu werden.

Wahre Liebe zeigt sich nicht durch zwei Menschen, die aneinander kleben. Sie kann zwischen zwei Menschen entstehen, die sich ihrer eigenen Person sicher sind. Ein oberflächlicher Mensch wird oberflächliche Beziehungen führen. Wenn ihr wahre Liebe erfahren wollt, ist es wichtig, zuerst ernsthaft eine starke Persönlichkeit zu entwickeln. Wahre Liebe zeigt sich nicht darin, dass man alles tut, was der andere will oder eine Rolle spielt, die nicht die eigene ist. Wenn jemand euch wahrhaftig liebt, wird er oder sie euch nicht zu irgend etwas zwingen, was ihr nicht wollt, noch wird er oder sie euch in gefährliche Situationen verwickeln. (…)

Wenn ihr auf Ablehnung stoßt, habt bitte die Kraft und Überzeugung zu denken: „Es ist deren Schaden, wenn sie nicht anerkennen können, was für ein wundervoller Mensch ich bin!“ (…)

Bitte lasst euch durch ein gebrochenes Herz nicht entmutigen. Sagt euch, dass ihr nicht so schwach und zerbrechlich seid, als dass eine solche Kleinigkeit dazu imstande wäre, euch fertig zu machen. Ihr glaubt vielleicht, dass niemand mit der betreffenden Person vergleichbar ist, aber wie wird der Vergleich ausfallen mit den nächsten hundert, tausend, zehntausend Menschen, die ihr kennenlernt? Ihr könnt nicht mit Gewissheit verkünden, dass es niemanden geben wird, der diese Person bei weitem übertrifft. Während ihr euch entwickelt, ändert sich die Art der Betrachtung anderer Menschen ebenso.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass viele von euch schon tief verletzt wurden. Vielleicht habt ihr das Gefühl, nicht weitermachen zu können, mit einem zerfetzten Selbstbewusstsein. Aber ihr dürft niemals glauben, wertlos zu sein. Es gibt keinen Ersatz für euch. Ihr seid wertvoller als alle gesammelten Schätze des Universums. (…)

Es ist wichtig für euch, dass ihr stark werdet. Denn wenn ihr stark seid, wird jedes Leid dienlich sein, und das was euch Leid verursacht, wird euer Leben reinigen.

Nur wenn ihr die Tiefen der schmerzlichen, zermürbenden Leiden erfahrt, könnt ihr anfangen, die wahre Bedeutung des Lebens zu verstehen. Gerade weil ihr großes Leid erfahren habt, ist es unbedingt erforderlich, dass ihr weiterlebt. Es ist wichtig, in Bewegung zu bleiben. Wenn ihr eure Traurigkeit als eine Quelle des Wachstums nutzt, werdet ihr eine tiefer fühlende und offenere Persönlichkeit werden – ein noch wundervolleres „Ich“.

 


Auszüge aus: Zukunft Leben