LOTOS-SUTRA

Philosophie des Friedens und der harmonischen Koexistenz

 

Chinesisches Manuskript des Lotos-Sutra, 10. oder frühes 11. Jahrhundert

Etwa 500 Jahre nach Shakyamunis Tod entstand die buddhistische Mahayana-Bewegung, eine Art buddhistische Renaissance. Zahlreiche neue Sutras wurden in dieser Zeit zusammengestellt, darunter auch das Lotos-Sutra. Es gilt als eine der wichtigsten und einflussreichsten Schriften des Buddhismus.

Das Lotos-Sutra ist ein großes literarisches Werk in Form eines Dialoges zwischen Shakyamuni und seinen Schülern. Diese Gespräche verdeutlichen den Inhalt von Shakyamunis Erleuchtung – die Wahrheit des Lebens, zu der er erwacht war. Die Kernaussage lautet: Unabhängig von Geschlecht, Nationalität, sozialer Stellung oder intellektueller Fähigkeit trägt jeder Mensch in sich ein grenzenloses Potenzial, die sogenannte Buddhaschaft. Dieser höchste Seinszustand ist geprägt von Mitgefühl, Weisheit und Mut.

Die im Lotos-Sutra dargelegte Lehre ermutigt zu einer aktiven Auseinandersetzung mit dem Alltagsleben und seinen vielfältigen Herausforderungen. Die eigene Buddhaschaft zu öffnen bedeutet, grenzenlose innere Kraft und Weisheit zu schöpfen – Fähigkeiten, mit denen wir Schwierigkeiten in Glück transformieren und somit aus den Leiden und Widrigkeiten des Lebens einen Wert schaffen können. SGI-Präsident Daisaku Ikeda beschreibt das Lotos-Sutra daher als Lehre der Selbstbefähigung (Empowerment): „Die Entschlossenheit eines Individuums kann alles verändern. Das Lotos-Sutra ist eine Lehre, die dem unendlichen Potenzial in jedem Leben und dessen Würde den höchsten Ausdruck verleiht.“ (vgl. Dialoge über das Lotos-Sutra, Band 1, Seite 10)

Im Laufe der Jahrhunderte verbreitete sich das Lotos-Sutra in vielen Ländern. Ausgehend von der darin dargelegten Philosophie machten verschiedene buddhistische Gelehrte es sich zur Aufgabe, allen Menschen zu ermöglichen, ihr unbegrenztes Potenzial zu öffnen – jeweils in Übereinstimmung mit ihrem kulturellen Kontext.

Auf Sanskrit, der ursprünglichen Schriftsprache des Lotos-Sutra, heißt das Werk Saddharma-pundarika-sutra. In Indien verbreiteten insbesondere die buddhistischen Gelehrten Nagarjuna und Vasubandhu das Gedankengut des Mahayana-Buddhismus und des Lotos-Sutra. Aus der Sanskrit-Version des Sutras wurden verschiedene chinesische Übersetzungen angefertigt. Als herausragend gilt die Version von Kumarajiva (344–413) mit dem Titel Miao-fa-lian-hua-jing (japanisch: Myoho-renge-kyo). Die hohe Qualität des Textes erleichterte die Verbreitung der Lehre in China und Japan.

Zwei Gelehrte betonten in Ostasien die Vorrangigkeit des Lotos-Sutra gegenüber anderen Sutras: der Große Lehrer Tiantai (auch bekannt als Zhiyi) im sechsten Jahrhundert und Miao-lo aus China im achten Jahrhundert. Tiantai erkannte einen tiefgreifenden Unterschied zwischen der ersten Hälfte des Sutras und der zweiten, welche eine revolutionäre Perspektive auf den Buddhismus eröffnet. Im zweiten Teil der Schrift widerlegt Shakyamuni die Annahme, er habe erst zu seinen Lebzeiten in Indien die Erleuchtung erlangt. Er enthüllt, dass er in Wirklichkeit bereits seit der unvorstellbar weit entfernten Vergangenheit ein Buddha ist. Mit dieser Aussage möchte er verdeutlichen, dass die Buddhaschaft als eine gegenwärtige und ewige Realität dem Leben aller Menschen innewohnt.

Im neunten Jahrhundert etablierte der buddhistische Mönch Dengyo die Lehre Tiantais in Japan. Etwa 1500 Jahre nach Shakyamunis Tod konkretisierte der japanische Mönch Nichiren (1222– 1282) die Wahrheit des Lebens (Dharma), die Shakyamuni im Lotos-Sutra dargelegt hatte. Er definierte ihre Essenz mit den Worten Nam-Myoho-Renge-Kyo und machte sie universell zugänglich. Nichirens buddhistische Lehre und Ausübung befähigt alle Menschen, selbst die Buddhaschaft zu verwirklichen. Damit erfüllt er die ursprüngliche Absicht von Buddha Shakyamuni, so wie sie im Lotos-Sutra dargelegt ist: „In jedem Augenblick denke ich darüber nach: Wie kann ich allen Lebewesen dazu verhelfen, Zugang zum unübertroffenen Weg zu finden und schnell den Körper eines Buddhas zu erlangen?“ (Lotos-Sutra, 16. Kapitel)

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