Meister des Herzens werden

Das menschliche Herz ist unberechenbar. Es wandelt sich je nach Zeit und Umständen. Gestern noch haben wir einen tiefen Entschluss für unser Leben gefasst, heute zweifeln wir schon wieder daran. Gerade noch fühlen wir uns einem Menschen tief verbunden, morgen schon ändert sich das, weil wir von ihr oder ihm betrogen werden. Da sich sowohl die Menschen in unserem Umfeld als auch unsere eigenen Gedanken und Emotionen ständig verändern, warnte der Buddha davor, dass wir uns von unserem Herzen meistern lassen. Denn dann wankt der Boden, auf dem wir unser Leben bewegen, wir bleiben abhängig von unserer Umgebung und es wird schwierig, innerlich frei und sicher zu leben.

Nichiren lehrte deshalb, dass wir den Zustand der Buddhaschaft, das Mystische Gesetz, zu unserem Meister machen und uns dafür einen Menschen als Maßstab nehmen sollen, der das Mystische Gesetz korrekt ausübt. Wenn unser Herz vom Zustand der Buddhaschaft erfüllt ist, werden wir selbst zum Meister unseres Herzens, anstatt von ihm beherrscht zu werden.

Die richtige Ausübung zur Meisterung des Herzens, so Nichiren, liegt darin, von ganzem Herzen den Buddha sehen zu wollen. So heißt es in einem Brief Nichiren Daishonins: „Von ganzem Herzen den Buddha sehen zu wollen kann folgendermaßen verstanden werden: Von ganzem Herzen den Buddha zu betrachten, sich darauf zu konzentrieren, den Buddha zu sehen und bei der Betrachtung des eigenen Lebens festzustellen, dass es der Buddha ist … Der Buddha schrieb, man solle Meister seines Herzens werden, anstatt sich von seinem Herzen meistern zu lassen“ (Die Welt der Schriften Nichiren Daishonins, S. 487).

Wenn wir zum Gohonzon chanten, machen wir genau das: Wir betrachten den Buddha, konzentrieren uns darauf, die Buddhaschaft in unserem Leben zu sehen, und stellen dann fest, dass unser Leben tatsächlich die Buddhaschaft besitzt. Glaube heißt im Buddhismus Nichiren Daishonins deshalb eigentlich nichts anderes, als leidenschaftlich und von ganzem Herzen nach dem Buddha im eigenen Leben zu suchen. Wie herrlich einfach! So erläutert SGI-Präsident Ikeda, „dass das Herz eines gewöhnlichen Menschen, der auf der Suche nach dem Buddha ist, sich selbst als das Herz des Buddhas erweist“ (Die Welt der Schriften Nichiren Daishonins, Bd. 1, S. 154).

Unser Leben ist grenzenlos und jeder Mensch ist mit der Welt der Buddhaschaft ausgestattet. Diese Wahrheit ist manchmal schwer zu glauben und zu verstehen. Deshalb sagt Nichiren Daishonin, dass wir einen „klaren Spiegel“ benötigen. Früher war das Lotos-Sutra von Shakyamuni dieser klare Spiegel, später dann Tiantais Werk Die große Konzentration und Einsicht. Stets ging es darum, das eigene Herz zu betrachten und sämtliche Zehn Welten, insbesondere die Buddhaschaft, darin zu finden. In der Spätzeit des Gesetzes ist dieser klare Spiegel zur Betrachtung des eigenen Herzens der Gohonzon. Der Glaube an den Gohonzon ist im Grunde ein anderer Ausdruck dafür, das eigene Herz zu betrachten und die Buddhaschaft darin zu finden. Durch starkes Gebet verbinden wir unser Leben mit dem Gohonzon und sofort strömen Mut, Mitgefühl, Weisheit und Stärke aus unserem Leben hervor.

Das Herz des Buddhas ist der tiefe Wunsch, dass alle Menschen die Buddhaschaft in ihrem Leben entdecken und ihr großes Potenzial entfalten können. SGI-Präsident Ikeda bezeichnet dieses Herz auch als den ursprünglichen Wunsch unseres Lebens. Wenn wir uns auf die Suche nach dem Buddha begeben, erinnern wir uns ganz natürlich an diesen ursprünglichen Wunsch und es entsteht der Entschluss, nicht nur selbst glücklich zu werden, sondern auch andere mitzunehmen. Diese Öffnung des eigenen Lebens zum großen Selbst und unsere Bemühungen für die Verwirklichung von Kosen-rufu* sind der Schlüssel dafür, das eigene Herz zu meistern. So erläutert Daisaku Ikeda: „Ein großes Versprechen schafft ein starkes Selbst. Zudem ermöglicht uns die Bemühung, an einem würdigen Ziel mitzuarbeiten, unsere Schwächen zu überwinden, und wird eine solide Unterstützung darin, alle Schwierigkeiten herauszufordern … Ein Versprechen ist die Grundlage, etwas Großes zu erreichen. Erleuchtung beginnt immer mit einem Versprechen“ (Die Welt der Schriften Nichiren Daishonins, Bd. 1, S. 21 und S. 29).

 

 

* Kosen-rufu (jap.): weithin verbreiten; der Begriff stammt aus dem 23. Kapitel des Lotos-Sutra. Er umfasst die Verbreitung einer Philosophie der Wertschätzung allen Lebens und die Bemühung, jedem Menschen den Zugang zur eigenen Buddhanatur zu ermöglichen.