Der Buddha

aus dem Roman Neue Menschliche Revolution von SGI-Präsident Daisaku Ikeda

Die tatsächlichen Lebensdaten Shakyamunis sind unbekannt1. Alte chinesische Texte wie die Zhou Shi Yi Ji (Aufzeichnung von Wundern in dem Buch von Zhou)2 und die Chun Qiu (Frühlings- und Herbst-Annalen)3 legen seinen Tod in die Zeit zwischen etwa 949 und 609 vor Christus. Doch die meisten heutigen Wissenschaftler glauben, er sei irgendwann etwa um das vierte bis fünfte Jahrhundert vor Christus gestorben. Trotzdem existieren über diesen Punkt bis heute viele unterschiedliche Meinungen.

Folgendes jedoch gilt als gesichert: Shakyamuni wurde als Prinz der Shakya 4geboren. Sein Familienname war Gautama. Später, als er die Erleuchtung erlangt hatte, nannten ihn seine Anhänger schließlich Gautama-Buddha oder Shakyamuni. Letzteres bedeutet „Weiser der Shakya“.

Shakyamuni war der Sohn von König Shuddhodana und Königin Maya, den Herrschern der Shakya. Er wurde in den Lumbini-Gärten5 geboren, als seine Mutter auf dem Weg von Kapilavastu zum Haus ihrer Eltern war. Man nimmt an, dass Maya eine Woche später starb. Daher wurde Shakyamuni von jüngster Kindheit an von seiner Tante mütterlicherseits, Mahaprajapati, aufgezogen. Das war der Beginn des ereignisreichen Lebens von Shakyamuni.

(…)

Obwohl das Königreich seines Vaters klein war, wuchs Shakyamuni in einer Umgebung auf, der es an nichts fehlte. Er wurde sowohl in den Geisteswissenschaften wie in der Kriegskunst unterrichtet. Für jede Jahreszeit stand ihm ein anderer Palast zur Verfügung. Diener mit Sonnenschirmen waren stets zur Stelle, um seinen Kopf vor den brennenden Sonnenstrahlen zu schützen. Während der Regenzeit sorgten stets Dienerinnen, Tänzerinnen und Musikantinnen für ihn und unterhielten ihn auch, so dass er nicht hinaus musste. Er lebte in größter Geborgenheit und mit allem Komfort.

Doch er war ein außergewöhnlich sensibler junger Mensch und schließlich begann er, unter schweren geistig-psychischen Qualen zu leiden. Oft ging er am Rand des Teichs im Palastgarten spazieren, tief in Gedanken über das Leben versunken.

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Die buddhistische Überlieferung geht davon aus, dass eine Reihe von Vorfällen, die als „die vier Begegnungen“ bezeichnet werden, Shakyamuni zu der Entscheidung motivierten, das profane Leben zu verlassen.

Als er sich eines Tages durch das Osttor des Palastes zu einem Ausflug nach draußen wagte, begegnete er einem alten Mann. Als er ein andermal durch das Südtor hinausging, traf er einen Kranken, und als er wieder ein andermal das Westtor passierte, sah er einen Toten. Eines Tages dann ging er durch das Nordtor hinaus. Dabei kreuzte ein Asket seinen Weg. Diese Begegnung berührte ihn sehr. Er brachte die Entschlossenheit auf, seinem Prinzentitel zu entsagen und zog auf der Suche nach Erleuchtung in die Welt hinaus.

Die Geschichte der „vier Begegnungen“ hat sich wahrscheinlich nicht exakt so abgespielt, sondern es handelt sich um eine Ausschmückung, die später hinzugefügt wurde. Trotzdem: Betrachtet man sie aus der Gesamtheit der Lehren des Buddhismus, dann muss Shakyamunis Motiv, dem weltlichen Leben zu entsagen, tief mit seinem Wunsch nach einem Weg verbunden gewesen sein, mit dem man die grundlegenden menschlichen Leiden von Alter, Krankheit und Tod überwinden konnte.

Shuddhodana spürte, dass sein Sohn und Erbe daran dachte, sich einem religiösen Leben zu verschreiben. Einer Quelle zufolge arrangierte der König, dass Shakyamuni die schöne Yashodhara heiratete, um seinen Sohn davon abzubringen, sein Zuhause zu verlassen. Die beiden hatten schließlich einen Sohn namens Rahula, der später einer der zehn wichtigsten Schüler Shakyamunis wurde und als „Bester in der unauffälligen Ausübung“6 galt. Die meisten Menschen in Shakyamunis Umgebung glaubten, er würde seine Unruhe verlieren, nachdem er geheiratet und einen Erben hervorgebracht hatte. Doch die Seelenqual des jungen Prinzen hörte nicht auf. Tatsächlich nahm sein innerer Konflikt zu, je mehr er an seine Verantwortung dachte, den Thron zu besteigen.

„Die Menschen kämpfen gegeneinander und töten sich gegenseitig. Sie versuchen, durch militärische Macht über den anderen zu herrschen. Doch selbst die majestätischste Militärgewalt ist dazu verdammt, eines Tages durch genau dasselbe Mittel zerstört zu werden, mit dem sie andere bezwang. Niemand von uns kann den Leiden des menschlichen Daseins entkommen – Alter, Krankheit und Tod. So ist es sicherlich am allerwichtigsten, den Weg zu suchen, wie wir uns von diesen Leiden befreien können“, dachte er.

Statt in einer Welt zu leben, die von militärischer Macht beherrscht wurde, suchte er den wahren Weg des Humanismus. So entschloss er sich, sein Leben als Prinz aufzugeben und sich auf die Suche nach der ewigen Welt des Geistes zu begeben.

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Der König ergriff sofort Maßnahmen, um Shakyamuni daran zu hindern, von zu Hause fort zu gehen und ein religiöses Leben zu führen. Er verschaffte seinem Sohn noch größeren Luxus und noch mehr Annehmlichkeiten als zuvor und befahl seinen Dienern, den Prinzen mit Abwechslung und Annehmlichkeiten zu überhäufen. Doch Shakyamuni blieb entschlossen. Schließlich verbot der König seinem Sohn völlig, sich außerhalb der Palastmauern zu bewegen.

Doch nichts konnte das Feuer von Shakyamunis suchendem Geist auslöschen. Eines Nachts schlüpfte er in Begleitung eines treuen Dieners auf seinem Pferd durch die strikten Kontrollen und verließ die Stadt Kapilavastu. Es gibt unterschiedliche Quellen darüber, wie alt Shakyamuni zu diesem Zeitpunkt war: Einige behaupten, er sei 19 Jahre alt gewesen, andere geben 29 Jahre an.

Shakyamuni reiste nach Süden durch das Königreich Koliya und überquerte den Fluss Anouma. Dort legte er alle Kleider und allen Schmuck ab, die ihn als Prinz erkennbar machten, und vertraute sie seinem Diener an. Auch die Zügel seines Lieblingspferdes gab er weg. Er schnitt sich die Haare mit der Klinge seines Schwertes und wandte sich an seinen Diener: „Von jetzt an gehe ich alleine weiter. Kehre bitte zum Palast zurück und sage meinem Vater und meiner Frau, dass ich nicht nach Kapilavastu zurückkommen werde, bis ich das Ziel erreicht habe, für das ich mein weltliches Leben aufgab.“

(…)

Nachdem Shakyamuni sich überlegt hatte, bei wem er studieren sollte, wandte er sich schließlich an einen brahmanischen Einsiedler, von dem es hieß, er sei ein Meister der meditativen Versenkung. Durch diese Ausübung, so sagte man damals, konnte man seinen reinen, unverdorbenen Geist von materiellen Abhängigkeiten befreien.

Der weise Einsiedler, den Shakyamuni zu seinem ersten Lehrer auserkor, hatte durch jene Meditation die Stufe erreicht, die als „Reich, in dem nichts existiert“ bezeichnet wurde – ein Zustand der Leere, in dem man von allen weltlichen Bindungen frei war. Unter seiner Anleitung widmete sich Shakyamuni der Ausübung, und innerhalb kurzer Zeit erreichte er dasselbe Niveau wie sein Lehrer. Doch er spürte, dass diese Lehre keine grundsätzliche Lösung für die Fragen von Leben und Tod lieferte.

Er wählte einen anderen Lehrer, ebenfalls einen Einsiedler und Meister der Meditation, der durch die Ausübung „das Reich, in dem weder Denken noch Nicht-Denken ist“, erreicht hatte – einen Zustand ohne geistige Aktivität. Wiederum meisterte Shakyamuni rasch diese Ausübung, doch auch sie führte ihn nicht zum Ziel seines religiösen Lebens.

Alter, Krankheit und Tod – allesamt wirkliche Leiden, die die Menschen quälen. Shakyamuni spürte deutlich, dass die Erleuchtung dieser Meister völlig untauglich war, wenn es darum ging, Lösungen für diese Fragen von Leben und Tod zu liefern. Für sie war die Meditation zum Selbstzweck geworden.

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Shakyamuni verließ seinen zweiten Lehrer, um seine Suche nach der wahren Erleuchtung fortzusetzen. Er suchte einen ruhigen Ort, um sich asketischen Praktiken zu widmen. Er erreichte das Dorf Sena im Bezirk Uruvela, das an den Ufern des Flusses Nairanjana lag, der westlich von Rajagriha verlief. Das Dorf besaß einen schönen grünen Wald. Dort beschloss Shakyamuni, mit seinen asketischen Ausübungen zu beginnen. Viele andere Asketen wohnten im Wald und hatten dasselbe Ziel.

Damals war in Indien der Gedanke weit verbreitet, dass der Körper schmutzig und nur der Geist allein rein sei. Der Körper hielte den Geist gefangen. Wenn man den Körper kasteite und sich dadurch körperlich schwächte, würde man die spirituelle Freiheit erlangen können.

Shakyamuni begann daher mit der Ausübung der Askese. Es war der Anfang eines unablässigen Kampfes mit sich selbst – ein Kampf, um die perfekte und umfassende Erleuchtung. Zu seinen Ausübungen gehörte es, lange zu fasten, auf Nagelbrettern zu liegen, auf dem Friedhof auf Leichenknochen zu schlafen und Schmutz zu essen. Andere Asketen, die sahen, wie Shakyamuni dort reglos lag, ohne wahrnehmbare Atmung, hielten ihn manchmal für tot. Die Härten, die er sich selbst zufügte, waren so mörderisch, dass niemand es mit ihm in der Ausübung der Askese aufnehmen konnte.

Shakyamunis Körper war schrecklich ausgezehrt. Die Rippen und Venen seines Oberkörpers traten schmerzhaft hervor. Seine Haut war mit Schmutz beschmiert und mit eiternden Stellen und Wunden bedeckt, die er im Laufe seiner asketischen Ausübung erlitten hatte. Sein Bart und seine Haare waren lang und ungepflegt. Nur seine Augen, zwar blutunterlaufen, leuchteten mit ungewöhnlicher Helligkeit und Klarheit.

Er hatte sich mehrere Jahre lang den asketischen Praktiken gewidmet und sich bis an die Grenzen des Erträglichen getrieben. Doch trotz all dieser Bemühungen war es ihm nicht gelungen, die Erleuchtung zu erlangen.

(…)

Er erkannte, dass extreme Askese nicht zur angestrebten Erleuchtung führte. So beschloss er, diese Art der Ausübung aufzugeben.

(…)

Nachdem Shakyamuni die Wälder verlassen hatte, stand er am Ufer des Flusses Nairanjana. Das Sonnenlicht spielte auf den Blättern der Bäume und schimmerte auf der Wasseroberfläche wie Diamanten.

Er lief unsicher zum Fluss hinab, um ein Bad zu nehmen. Er war durch die extreme Erschöpfung ganz benommen, doch das Wasser belebte ihn wieder. Er wusch sich den Schmutz ab, der sich während seiner asketischen Ausübungen angesammelt hatte. Er wollte noch einmal neu anfangen.

Sein Körper war so schwach, dass es ihn enorme Mühe kostete, aus dem Fluss zu steigen. Als er sich ans Ufer setzte und sein Haar glättete, erschien ein junges Mädchen namens Sujata aus dem nahe gelegenen Dorf und gab ihm etwas dünnen Milchbrei. Nach seinem langen Fasten nahm Shakyamuni ihn gerne an. Neues Leben begann in seinem ganzen Körper zu strömen. Nachdem er sich eine Weile ausgeruht und seine Kraft teilweise wiedererlangt hatte, machte er sich auf, um einen neuen Weg zu suchen, der ihn zur Erleuchtung führen könnte. Shakyamuni überquerte den Fluss Nairanjana und kam schließlich zu einem großen Lindenbaum. Er setzte sich unter dessen Zweige, legte die Beine übereinander und nahm den Lotossitz ein. „Ich werde in dieser Position bleiben, bis ich die wahre Erleuchtung erlangt habe, selbst wenn mein Körper bei diesem Versuch in der Hitze austrocknet“, schwor er sich und schloss dann sanft die Augen.

Von Zeit zu Zeit raschelten die Blätter des Lindenbaums im Wind, doch Shakyamuni, der in tiefe innere Versenkung eingetaucht war, rührte sich nicht. Shakyamuni setzte seine Meditation unter dem Lindenbaum fort. Buddhistischen Schriften zufolge begannen zu dieser Zeit Dämonen, ihn in Versuchung zu führen. Die verschlagenen Mittel, zu denen sie griffen, unterscheiden sich je nach buddhistischer Quelle, doch es ist interessant zu wissen, dass einige eine recht sanfte, subtile Methode anwendeten. So versuchte beispielsweise ein Dämon, Shakyamuni abzubringen, indem er ihm leise zuflüsterte: „Schau dir an, wie ausgezehrt du bist, wie blass dein Gesicht ist. Dein Tod steht bestimmt unmittelbar bevor. Wenn du hier weiter so herumsitzt, dann wäre es ein Wunder, wenn du überlebtest.“ Nachdem der Dämon auf die Gefahr, in der Shakyamuni sich befand, hingewiesen und ihn heftig bedrängt hatte, doch zu leben, versuchte er Shakyamuni zu überreden: Wenn er, Shakyamuni, den Lehren des Brahmanismus folge, könne er großen Nutzen ansammeln, ohne sich solchen Härten zu unterziehen. Shakyamunis Bemühungen, die Erleuchtung zu erlangen, seien sinnlos, erklärte der Dämon.

Diese Episode der Versuchung durch Dämonen steht für einen heftigen inneren Kampf Shakyamunis. Ihn befielen Zweifel, die seinen inneren Frieden zerstörten und seinen Geist in Aufruhr versetzten. Shakyamunis Körper war extrem geschwächt, seine Reserven fast völlig erschöpft, und auch das Gespenst des Todes suchte ihn heim. Seine Seelenqualen waren nun noch größer, denn er wusste ja, dass er durch seine strikten asketischen Ausübungen nichts erreicht hatte. Könnte sich nicht auch diese Bemühung, so dachte er, letztlich als sinnlos erweisen? Weltliche Begierden quälten ihn, Hunger und ein tiefes Schlafbedürfnis plagten ihn, Angst und Zweifel suchten ihn heim. Dämonen sind das Werk irdischer Begierden und Illusionen. Sie versuchen, den Geist derjenigen zu verunsichern, die den Weg zur wahren Erleuchtung suchen. Manchmal erscheinen Dämonen in Gestalt unserer Abhängigkeit von irdischen Begierden oder als Hunger oder als Müdigkeit. Ein andermal quälen sie den Geist in Gestalt von Angst, Furcht und Zweifeln.

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Doch Shakyamuni erkannte diese Erscheinungen korrekt als „teuflische Funktionen“ und rief eine starke Lebenskraft in sich hervor, die alle störenden und quälenden Gedanken hinwegfegte. Im Herzen rief er: „Dämonen! Ihr besiegt vielleicht einen Feigling, doch die Tapferen werden triumphieren. Ich werde kämpfen. Lieber werde ich im Kampf sterben, als geschlagen weiter zu leben!“

Damit wurde es wieder ruhig und friedlich in seinem Herzen. Die stille Decke der Nacht hüllte ihn ein. Über ihm funkelten zahllose Sterne mit reinem, kristallenem Glanz.

Nachdem Shakyamuni den Angriff der teuflischen Kräfte erfolgreich abgewehrt hatte, war seine Seele frisch und gestärkt und sein Geist so klar wie ein wolkenlos blauer Himmel. In diesem unerschütterlichen inneren Zustand, den er nun erreicht hatte, konzentrierte sich Shakyamuni auf seine Vergangenheit. Kaum hatte er Rückschau über sein gegenwärtiges Leben gehalten, da begannen Bilder aus seinem unmittelbar vorhergehenden Leben hervorzuströmen. Während er diese innere Suche fortsetzte, kehrten lebhafte Erinnerungen an zahllose frühere Existenzen eine nach der anderen zu ihm zurück. Und seine Erinnerung reichte noch weiter zurück: An zahllose Entstehungen und Zerstörungen des Universums.

Shakyamuni erkannte, dass seine gegenwärtige Existenz, so wie er unter dem Lindenbaum saß, Teil eines endlosen Kreislaufs von Geburt, Tod und Wiedergeburt war, der sich seit der Zeit ohne Anfang fortsetzte. So wurde er sich der ewigen Natur des Lebens klar bewusst, das die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft umfasst.

In diesem Augenblick verschwanden alle Ängste und Zweifel, die wie ein schwerer Bodensatz seit seiner Geburt in der Tiefe seines Lebens gesteckt hatten. Er war schließlich zu den tiefen, unerschütterlichen Wurzeln seiner eigenen Existenz vorgedrungen. Er fühlte, wie die Dunkelheit der Illusion, die ihn eingehüllt hatte, zusammenbrach und das strahlende Licht der Weisheit sein Leben erleuchtete. Er hatte in sich einen Zustand erschlossen, der ähnelte einem klaren, in alle Richtungen ungehinderten Blick von der Spitze eines Berggipfels. Mit diesem durchdringenden, konzentrierten inneren Blick wandte er dann sein Augenmerk auf das Karma aller Lebewesen. Bilder aller Arten von Menschen, die endlose Kreisläufe von Geburt und Tod durchlebten, erschienen vor ihm. Einige Menschen wurden ins Elend hineingeboren, andere dagegen in glückliche Umstände. Mit zielstrebiger Konzentration spürte Shakyamuni die Ursache dieser Ungleichheit auf.

„Wer mit dem Karma behaftet ist, unglücklich zu sein“, stellte er im Stillen fest, „hat in irgendeiner vergangenen Existenz durch Handlungen, Worte oder Gedanken böse Taten begangen und die Ausübenden des wahren Gesetzes (Dharma) verleumdet. Bindungen an falsche Ansichten bildeten die Grundlage für diese falschen Handlungen. Daher trugen diese Menschen das Karma, unglücklich zu sein, über den Tod hinaus in ihr nächstes Leben hinein. Im Gegensatz hierzu genossen diejenigen in späteren Existenzen Glück, die gut und tugendhaft in ihren Handlungen, Worten und Taten waren, die die Ausübenden des wahren Gesetzes (Dharma) nicht verleumdeten und sich aufgrund ihrer korrekten Ansichten entsprechend verhielten. Das jetzige Leben wird durch das Karma bestimmt, das man in vergangenen Existenzen angesammelt hat. Zukünftige Existenzen werden von unseren Handlungen in diesem Leben bestimmt.“

Shakyamuni erkannte dies nun klar. Er nahm deutlich das strenge Gesetz von Ursache und Wirkung wahr, das im Leben der Menschen durch den unendlichen Kreislauf von Leben und Tod hindurch wirkt. Während die Nacht um Shakyamuni herum tiefer wurde, setzte er seine gründliche spirituelle Suche mit dem Gefühl fort, dass er und das unendliche Universum sich vereinigten.

Die Morgendämmerung nahte. Genau in dem Augenblick, als der Morgenstern am Osthimmel zu leuchten begann, geschah etwas. Wie ein unendlicher, durchdringender Lichtstrahl brach Shakyamunis Weisheit plötzlich hervor und erleuchtete die ewige, unveränderliche Wahrheit des Lebens. Es fühlte sich fast so an, als hätte ein Stromschlag seinen Körper durchzuckt. Er zitterte vor Erregung, sein Gesicht leuchtete, und in seinen Augen standen Tränen. „Das ist es!“

In jenem Augenblick erlangte Shakyamuni eine tiefe Erleuchtung. Es war so, als hätte sich in seinem Leben eine Tür zum gesamten Universum geöffnet, und er war von jeglicher Illusion befreit. Er fühlte, dass er sich nun auf der Basis des Lebensgesetzes (Dharma) frei bewegen und handeln konnte. Es war ein Zustand, den er nie zuvor in seiner jetzigen Existenz erlebt hatte.

Nun begriff Shakyamuni: „Das ganze Universum ist demselben beständigen Rhythmus von Entstehen und Veränderung unterworfen. Dasselbe trifft auf Menschen zu. Wer jetzt ein Kleinkind ist, ist dazu bestimmt, zu altern und schließlich zu sterben und wiedergeboren zu werden. Nichts, weder in der Welt der Natur noch der menschlichen Gesellschaft, kennt auch nur einen Augenblick des Innehaltens oder der Ruhe. Alle Phänomene des Universums erscheinen und verlöschen – durch den Einfluss irgendeiner äußeren Ursache. Nichts existiert isoliert; alle Dinge sind über Raum und Zeit hinweg miteinander verbunden. Sie entstehen als Reaktion auf gemeinsame Kausalbeziehungen. Jedes Phänomen wirkt gleichzeitig sowohl als Ursache wie auch als Wirkung und übt einen Einfluss auf das Ganze aus. Und außerdem durchdringt ein Lebensgesetz beständig und konsequent diesen Prozess.“

Shakyamuni hatte das unvorstellbare Wesen des Lebens begriffen. Er war überzeugt, dass er sich durch dieses Gesetz (Dharma), dessen er sich nun bewusst geworden war, grenzenlos entwickeln konnte. Alle Verfolgungen, Hindernisse und Härten würden nicht mehr bedeuten als Staub im Wind. Shakyamuni dachte: „Die Menschen sind sich dieser absoluten Wahrheit nicht bewusst und leben in der Illusion, dass sie voneinander unabhängig existieren. Das macht sie letztlich zu Gefangenen ihrer Begierde und entfremdet sie dem Lebensgesetz, der ewigen unveränderlichen Wahrheit der Existenz. Sie tappen im Dunkeln und versinken in Unglück und Leid. Doch solche Dunkelheit rührt von den Täuschungen im eigenen Leben her. Diese geistige Dunkelheit ist nicht nur die Quelle alles Bösen, sondern auch die Grundursache für das Leid der Menschen unter den Realitäten von Geburt, Alter, Krankheit und Tod. Indem wir dieses Böse in unserem eigenen Leben – diese Täuschung und Dunkelheit – angehen, können wir den Weg zu wahrer Menschlichkeit und unzerstörbarem Glück öffnen.“

Während die Sonne über den Horizont stieg, begann ihr helles Licht den Morgennebel aufzulösen. Es war wirklich eine leuchtende Morgendämmerung des Glücks und des Friedens für die gesamte Menschheit. Shakyamuni war in die tiefe Freude eingetaucht, sich dieses Gesetzes bewusst geworden zu sein. Er beobachtete, wie sich das Licht eines neuen Morgens über das Land verbreitete.

(…)

Eine Zeit lang genoss Shakyamuni die Freude, sich des Gesetzes (Dharma) bewusst geworden zu sein, doch bald begann er, sich große Sorgen zu machen. Er befand sich in einem schweren Konflikt: „Soll ich dieses Gesetz meinen Mitmenschen verkünden oder schweigen?“ Er saß im Schatten des Lindenbaums und grübelte viele Tage über diese Frage.

Niemals zuvor hatte jemand von diesem wunderbaren, unübertrefflichen Gesetz gehört, geschweige denn es verkündet. Ein riesiger Bruch klaffte zwischen der strahlenden Welt in seinem Wesen und der realen, ihn umgebenden Welt. Die Menschen lebten voller Qualen, fürchteten sich vor Krankheit, Altwerden und Tod; von Begierden verzehrt, stritten sie ständig miteinander. All dies rührte daher, dass sie das Lebensgesetz nicht kannten. Doch selbst wenn er ihnen zuliebe das Gesetz lehrte, wäre es möglich, dass niemand es verstehen würde. Shakyamuni fühlte sich völlig allein. Was er spürte, war die „Einsamkeit des Erleuchteten“, die nur kennt, wer das Verständnis eines tiefgründigen Prinzips oder einer Wahrheit erlangt hat, deren sich sonst niemand bewusst ist.

(…)

Einer Überlieferung zufolge erschienen an dieser Stelle wiederum Dämonen bei Shakyamuni, um ihn zu quälen. Diese Episode kann man als weiteren Kampf mit den teuflischen Funktionen in seinem eigenen Leben verstehen, die ihn nun davon abbringen wollten, anderen das Gesetz (Dharma) zu lehren.

Shakyamuni konnte diesen Anfall von Zweifel und Zögern beim Gedanken, vorwärts zu gehen und das Gesetz zu verbreiten, kaum stoppen. Er quälte sich mit den Gedanken darüber, was er tun sollte. So peinigten teuflische Funktionen Shakyamuni weiter – selbst nachdem er ein Buddha geworden war. Sie wetteiferten miteinander, ihn durch die kleinste offene Stelle in seinem Herzen anzugreifen.

Ein Buddha ist kein übermenschliches Wesen. Er ist nach wie vor Problemen, Leiden, Schmerzen, Krankheit und der Versuchung durch teuflische Kräfte ausgesetzt. Deshalb ist ein Buddha ein Mensch mit Mut und Zähigkeit, jemand, der fortlaufend handelt und unaufhörlich gegen teuflische Funktionen kämpft.

Einem buddhistischen Text zufolge erschien der Gott Brahma dem immer noch unentschlossenen Shakyamuni und bat ihn eindringlich, allen Menschen das Gesetz zu verkünden. Diese Episode steht für die in Shakyamunis Leben aufkeimende Entschlossenheit, nun aufzustehen und seine Aufgabe zu erfüllen.

„Ich werde aufbrechen!“, entschloss er sich. „Wer lernen will, wird bestimmt zuhören. Wer nur ein wenig unrein ist, wird verstehen. Ich werde mich unter die Menschen begeben, die in Täuschung und Unkenntnis gefangen sind!“

Nachdem er diese Entscheidung getroffen hatte, spürte er, wie ihn eine Welle neuer Energie durchströmte. In dem Augenblick erhob sich für das Glück der Menschheit ein „großartiger Löwe“ in Gestalt eines einzelnen Menschen. Der Weise der Shakyas schritt energisch aus dem Wald heraus. Der Himmel, die Wolken, der Wald und der Fluss wurden in einen blendend goldenen Schimmer getaucht. Eine Brise wehte sanft durch die Äste. Die Natur schien seiner Reise mit einer schönen, frohen Melodie Beifall zu zollen.

 


1 Es gibt unterschiedliche Ansichten darüber, wann Shakyamuni-Buddha tatsächlich lebte und starb. Die meisten Historiker jedoch stimmen darin überein, dass er wahrscheinlich zwischen dem vierten und dem fünften Jahrhundert v. Chr. lebte. Alte Inschriften, die König Ashokas Thronbesteigung etwa dem Jahr 268 v. Chr. zuschreiben, machen diese Ansicht plausibel. Dennoch bleibt das Datum von Shakyamunis Tod umstritten, denn die Wissenschaftler sind sich nicht einig darüber, ob Ashoka 100 oder 200 Jahre nach Shakyamunis Tod lebte. Nichiren Daishonin bezeichnete seine Zeit, in der er lebte, als „den Anfang des Späten Tags des Gesetzes“. Er hielt sich an die damals herrschende Theorie über die Lebensdaten des Buddhas, wie sie in dem alten chinesischen Text der Zhou Shu Yi Ji (Aufzeichnung von Wundern in dem Buch von Zhou) dargelegt ist.

2 Zhou Shu Yi Ji (Aufzeichnung von Wundern in dem Buch von Zhou): Ein alter chinesischer Text, dessen Original verloren gegangen ist. Einzelheiten dazu sind unbekannt. In der Regel wird er der Zeit des Endes der Sechs Dynastien (222–589) zugeordnet. Nach anderen Werken, die dieses Buch zitieren, legte es an scheinend die Geburt Shakyamuni-Buddhas in das 24. Jahr der Regierungszeit des Königs Chao in der Zhou-Dynastie (1029 v. Chr.). Es hat Kontroversen über die Daten von Shakyamunis Tod und Geburt gegeben, und es gibt sie noch heute, doch Nichiren Daishonins Zeitgenossen hielten sich im Allgemeinen an den Bericht, wie er in diesem Buch zu lesen ist.

3 Chun Qiu (Frühlings- und Herbst-Annalen): Die erste chinesische chronologische Geschichte. Darin sind Ereignisse aufgezeichnet, die während der Zeit von 722 bis 481 v. Chr. mit dem Staat Lu zu tun hatten. Die Chronik ist einer der fünf Klassiker des Konfuzianismus.

4 Shakya: Ein kleines Volk, dessen Königreich sich am Fuß des Himalaja erstreckte, südlich des heutigen Zentral-Nepal.

5 Lumbini-Gärten: Sie befinden sich im heutigen Dorf Paderia in Süd-Nepal, nahe der Grenze zu Indien. Im Februar 1896 wurde eine von einem Tempel stammende Steinsäule König Ashokas im selben Dorf ausgegraben. Die Inschrift besagte, dass König Ashoka diesen Ort besucht und die Säule errichtet hatte, um der Geburt des Buddhas dort zu gedenken. Diese Entdeckung bewies, dass Shakyamuni tatsächlich ein realer Mensch und nicht bloß eine legendäre Gestalt gewesen war.

6 Unauffällige Ausübung: Eine Form der Ausübung, bei der man insgeheim gute Taten vollbringt, ohne dass andere davon wissen.

Auszüge aus dem Roman Neue Menschliche Revolution, Band 3 von Daisaku Ikeda.