FAQ zu den Grundlagen

Fragen und Antworten zu den Grundlagen des Buddhismus Nichirens. Die Antworten in diesem Interview stammen von Yoshi Matsuno, einem langjährigen Mitglied und Verantwortlichen der SGI-D

 


Yoshi Matsuno
Yoshi Matsuno
Yoshi Matsuno wurde am 2. Januar 1947 in Tokio als dritter Sohn geboren und hat eine jüngere Schwester. Weil sein Vater in Hiroshima die Atombombe überlebte und Yoshi Matsuno danach geboren wurde, war sein Interesse am Thema «Leben und Tod» schon in seiner Jugend sehr stark. Mit 17 Jahren (1964) wurde er Mitglied der Soka Gakkai. Die Liebe zur deutschen Sprache führte ihn im Jahr 1967 zum Studium nach Göttingen. 1970 wurde er bei der Lufthansa Sonderbetreuer für Fluggäste zwischen Japan und Deutschland am Frankfurter Flughafen. Seit seiner Übersiedlung nach Deutschland engagiert er sich konstant und mit großer Leidenschaft ehrenamtlich in der Soka Gakkai. 1990 wurde er einer der Verantwortlichen für die deutsche Glaubensgemeinschaft SGI-D. Er ist mit seiner Frau Masami verheiratet und hat vier erwachsene Kinder und drei Enkelkinder.


Inhaltsverzeichnis 


  • Was ist Buddhismus?
  • Der Satz "Ich bin die Ursache" klingt nach "Ich bin schuld". Haben "Schuld" und "Karma" identische Bedeutungen?
  • Was ist ein "Buddha"?
  • Was bedeutet die Praxis des Buddhismus?
  • Was bedeutet "Nam-Myoho-Renge-Kyo"?
  • Was bedeutet das für Menschen, die nicht sprechen können?
  • Können andere Menschen, die selbst nicht chanten, unser Chanten spüren?
  • Kannst Du beschreiben, wie man sich die neunte Bewusstseinsschicht, das kosmische Leben, vorstellen kann?
  • Ist "Karma" so etwas wie eine unsterbliche Seele? Oder wie erklärt der Buddhismus die Ewigkeit des Lebens?
  • Was bedeuten die "Zehn Welten"?
  • Was bedeutet das "Gegenseitige Enthaltensein der Zehn Welten"?
  • Was bedeutet die "Einheit des Lebens mit der Umgebung"?
  • Heißt das, wenn mir meine Arbeit nicht gefällt, sollte ich trotzdem nicht meinen Arbeitsplatz wechseln?
  • SGI-Präsident Daisaku Ikeda spielt in der SGI eine wichtige Rolle. Für einige Mitglieder oder Gäste ist das manchmal schwierig zu verstehen. Wie sollten wir Deiner Meinung nach unsere Beziehung zu ihm betrachten?
  • Mit solchen "Führern" haben wir in Deutschland auch schlechte Erfahrungen gemacht!
  • Wird es nach Präsident Ikeda eine neue "zentrale Person" geben?
  • Warum chanten wir Nam-Myoho-Renge-Kyo anstatt andere Worte zu benutzen? Besitzen die Worte selbst Kraft?
  • Woran sollen wir während des Chantens denken?
  • Und die eigenen Wünsche, wie bringt man die ein
  • Wenn ich jemandem "Daimoku" schicke, dann denke ich doch auch an diese Person, oder nicht?
  • Du hast gesagt, man kann die Gedanken nicht kontrollieren. Was macht man mit den Gedanken während des Chantens?
  • Oft heißt es, wir können durch die buddhistische Ausübung "Wohltaten" erhalten. Was ist damit gemeint?
  • Was bedeutet "Gongyo"?
  • Kann ich nicht einfach alleine praktizieren?
  • Was ist der "Gohonzon"?
  • Kann jemand, der den Gohonzon noch nicht hat, bei der Ausübung die gleichen Wohltaten erhalten?
  • Wenn der Gohonzon der Spiegel meines Lebens ist, warum kann ich nicht zum Spiegel chanten?
  • Gibt es einen Unterschied zwischen lautem und lautlosem Chanten?
  • Warum ist der Gohonzon als Schrift und nicht als Bild dargestellt?
  • Was steht auf dem Gohonzon, müssen wir das verstehen?
  • Warum können wir uns nicht unseren eigenen Gohonzon malen?
  • Warum darf man den Gohonzon nicht fotografieren? Und wenn es doch mal passiert - was macht man dann mit dem Foto? Bekommt man dadurch "schlechtes Karma"?
  • Es gibt manchmal Mitglieder oder Gäste, die sich den Gohonzon aus dem Internet runterladen und zum Bildschirm chanten.
  • Die Absicht ist vielleicht, nicht Mitglied werden zu müssen...
  • Die Soka Gakkai verleiht den Gohonzon nur an neue Mitglieder. Aber warum sollte man Mitglied in der Soka Gakkai werden?


  • Was ist Buddhismus?

    Der historische Buddha Shakyamuni, auch Gautama Siddharta genannt, schilderte seinen Prozess der Erleuchtung in drei Phasen. Wenn wir diese drei Phasen verstehen, sehen wir ganz klar das Ziel des Buddhismus. Die erste Phase beschrieb Gautama Siddharta sofort nach seiner Erleuchtung sinngemäß mit den Worten: «Ich habe die Unsterblichkeit erlebt». Die zweite Phase beschrieb er so: «Ich sehe, dass alles im Universum miteinander in Verbindung steht. Nichts entsteht aus sich selbst.» Wir kennen diesen zweiten Punkt als das buddhistische Prinzip «engi»: Alles, was existiert, entsteht aus etwas anderem - nichts entsteht von allein. Die dritte und letzte Phase seiner Erleuchtung schilderte Gautama Siddharta sinngemäß mit folgenden Worten: «Ich erkenne keinen Unterschied mehr zwischen mir und dem Universum.» Wenn man diese drei Punkte als Inhalt der Erleuchtung ansieht, kann man feststellen, worum es geht:
    Erstens geht es darum, die eigene Unsterblichkeit zu begreifen - das Leben ohne Anfang und ohne Ende.
    Zweitens geht es darum, die enge Verbindung aller Lebewesen und alles Existierenden miteinander zu begreifen.
    «Nichts entsteht von allein» - das bedeutet: Ich bin du und du bist ich, wir sind zutiefst verbunden.Wenn wir beide, du und ich, eins sind - dann ist es selbstverständlich, dass wir uns umeinander kümmern und uns für andere und uns selbst verantwortlich fühlen.
    Drittens geht es darum, das eigene Leben als Ursache des Ganzen zu erkennen. Im buddhistischen Verständnis ist der einzelne Mensch nicht geschaffenes Wesen, nicht «Geschöpf» wie in den monotheistischen Religionen. Der Mensch ist nicht Wirkung, sondern Ursache des Ganzen, denn im Buddhismus gibt es keine Trennung zwischen Schöpfer und Schöpfung. Das ist für viele Menschen im Westen sehr schwer zu verstehen.
    Vielleicht wird dieser Punkt klarer, wenn wir ihn auf unseren konkreten Alltag beziehen: Wenn man den Buddhismus praktiziert, geht es jeden Tag darum, durch unser Beten und unser Handeln einen positiven Einfluss auf das Ganze auszuüben – zum Beispiel auf unsere Familie, auf unsere Nachbarn und Arbeitskollegen und auch auf das Land, in dem wir leben. Dieser Einfluss wirkt dann wieder auf unser Leben zurück – so werden wir zum «Schöpfer unseres Lebens». Wenn man diese drei Punkte betrachtet, könnte man sogar so weit gehen zu sagen: Der Buddhismus ist gar keine Religion im engeren Sinne, sondern eine Philosophie für das tägliche Leben.

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    Der Satz «Ich bin die Ursache» klingt nach «Ich bin schuld». Haben «Schuld» und «Karma» identische Bedeutungen?

    «Karma» und «Schuld» gleichzusetzen, ist ein Missverständnis. Wenn wir uns schuldig fühlen, dann setzen wir uns herab. Aber genau das will der Buddhismus nicht. Der Buddhismus sagt vielmehr: «Du bist großartig - die Ursache des Ganzen». Mit der Karmalehre hat Buddha Shakyamuni ein neutrales Prinzip von Ursache und Wirkung gelehrt - mehr nicht. Darin ist zunächst keine Wertung, kein «schlecht» oder «gut» enthalten. Die buddhistische Ethik kommt nicht daher, dass der Buddhismus den Menschen als sündig ansieht.Wir sind nicht schlecht und müssen unsere Schlechtigkeit durch gutes Handeln überwinden! Der Buddhismus stellt ganz nüchtern fest: Jeder Mensch sehnt sich nach Glück. Nach dem karmischen Prinzip von Ursache und Wirkung können wir aber nur dann glücklich werden, wenn wir auch Glück in die Welt tragen. Glück schaffen für andere und Glück schaffen für uns selbst - im Buddhismus ist das untrennbar miteinander verbunden.

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    Was ist ein «Buddha»?

    Wenn man von Buddha spricht, denken viele zunächst einmal an Gautama Siddharta, den historischen Begründer des Buddhismus in Indien. Das Wort «Buddha» kommt aus dem Sanskrit: «Bud» bedeutet «öffnen» oder «erwachen». So gesehen ist ein Buddha ein Mensch, der erwacht ist - ein Mensch, der sich einem tieferen Bewusstsein über sich selbst und über das Universum geöffnet hat und sein Leben dementsprechend führt. Das «Buddhasein» ist deshalb nicht Gautama Siddharta vorbehalten, sondern jeder Mensch hat dieses Potential.

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    Was bedeutet die Praxis des Buddhismus?

    Einer der Grundgedanken der buddhistischen Philosophie ist das Prinzip von Ursache und Wirkung. Ursache und Wirkung - das bedeutet Eigenverantwortung für das Leben. In diesem Zusammenhang möchte ich noch einmal auf das Karma zu sprechen kommen. Im Deutschen wird der Karma-Begriff manchmal mit «Schicksal» übersetzt oder gleichgesetzt. Eine solche Übersetzung ist falsch, weil Karma «willentliche Tat» oder «Handlung » bedeutet.
    Das Wort «Karma» und das Wort «kreativ» haben die gleiche indogermanische Wurzel. Karma heißt so viel wie «Schaffen» - die Spuren dieses Schaffens bleiben latent in unserem Leben erhalten und manifestieren sich irgendwann als konkrete Wirkung. Man kann mit dem Karma-Prinzip auf zwei Weisen umgehen. Die eine, passive Weise besteht darin, sich zu sagen: «Ich bin jetzt so und erlebe diese Gegenwart, weil ich in der Vergangenheit dieses und jenes gemacht habe.» Man reflektiert dann aus der Perspektive der Vergangenheit über die Gegenwart, in der man sich befindet. Ein solcher Umgang mit dem Karma-Prinzip beinhaltet Passivität, Depression und auch Arroganz, denn anstatt sich zu verändern, verharrt man in der Gegenwart und leidet. Der zweite Umgang mit dem Karma-Prinzip besteht darin, sich zu sagen: «In diesem Moment schaffe ich durch mein Handeln neues Karma.» Wir blicken in die Zukunft und übernehmen jetzt, in diesem Moment, die Verantwortung. Diese zweite Umgangsweise hatte der Buddha mit seiner Lehre im Sinn. Er lehrte das Prinzip von Ursache und Wirkung und das Karma-Prinzip , um uns klar zu machen: «Schau dir an, was du tust, denn das entscheidet dein
    gesamtes zukünftiges Leben.» Die Praxis des Buddhismus bedeutet also, im Hier und Jetzt zu hundert Prozent die Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen, mit Weisheit und Mitgefühl zu handeln und zu sprechen. Das ist die Praxis des Buddhismus.

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    Was bedeutet «Nam-Myoho-Renge-Kyo»?

    Ein asiatisches Mantra klingt vielleicht für einen westlichen Menschen erst einmal fremd. Aber wenn wir einen Blick in die westliche Geistesgeschichte werfen, sehen wir, dass es hier ganz ähnliche Erkenntnisse gibt. Sigmund Freud hat für die europäische Psychologie etwas ganz Wichtiges geleistet: Er hat den Blick auf das Unterbewusstsein geöffnet. Er hat erkannt, dass es in unserem Leben Schichten gibt, die wir mit unserem bewussten, rationalen Denken nicht begreifen. Carl Gustav Jung geht sogar noch weiter und spricht von einem «kollektiven Unbewussten». Das kollektive Unbewusste ist überindividuell - alle Menschen teilen es miteinander. Im Buddhismus gibt es solche Überlegungen schon seit fast dreitausend Jahren. Hier spricht man vom «achten Sinn» oder der «achten Bewusstseinsschicht» - gemeint ist damit das kollektive Karma aller Lebewesen. Der Begründer des Nichiren-Buddhismus, Nichiren Daishonin, sprach sogar vom «neunten Sinn» oder der «neunten Bewusstseinsschicht» - dies ist das kosmische Leben selbst, die Gesamtheit allen Lebens. In jedem Menschen ist dieser neunte, kosmische Sinn vorhanden, er muss jedoch geöffnet werden. Nur wie?
    Schon immer haben Buddhisten versucht, durch besondere Praktiken ihre ursprüngliche Buddhanatur, das kosmische Leben oder eben den «neunten Sinn» in sich zu öffnen. Nichiren hat der Buddhanatur zum ersten Mal einen Namen gegeben. Dieser Name ist «Nam-Myoho-Renge-Kyo». Indem wir für den ursprünglichen Buddhazustand in uns einen Namen bekommen haben, haben wir auch die Möglichkeit, den Buddhazustand mit Namen anzusprechen. Das ist ein großer Vorteil, denn vor Nichiren war es nicht so einfach, die Buddhaschaft anzusprechen und zu öffnen. Die Gläubigen haben manchmal mit Kasteiungen oder lebensgefährlichen Bemühungen versucht, Unsterblichkeit oder das kosmische Leben zu erfahren. Nichiren hat mit der Anrufung von Nam-Nam-Myoho-Renge-Kyo eine Möglichkeit gefunden, jeden Menschen die Buddhaschaft erfahren zu lassen.
    Nichiren hat sich lange Gedanken darüber gemacht: Wie kann ich es schaffen, dass jeder Menschen, auch ohne spezielle Fähigkeiten, den eigenen ursprünglichen Buddhazustand erreichen kann? Und das ist die Methode: Nam-Myoho-Renge-Kyo anzurufen. Nam-Myoho-Renge-Kyo ist ein Mantra. Mantra bedeutet «Kraft des Wortes» oder Gebetsformel. Indem wir Nam-Myoho-Renge-Kyo aussprechen, rufen wir die ursprüngliche, tiefe Identität in uns an - und sie reagiert. Das ist so ähnlich wie im täglichen Leben: Wenn mich jemand mit «Hans» anspricht, reagiere ich nicht. Ich heiße ja nicht Hans. Aber wenn jemand «Yoshi» ruft - dann bin ich sofort da, weil ich mich angesprochen fühle. Genauso ist es auch mit Nam-Myoho-Renge-Kyo. Indem wir das Mantra rezitieren, sprechen wir den ursprünglichen Buddha in uns an - und der ursprüngliche Buddha reagiert.

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    Was bedeutet das für Menschen, die nicht sprechen können?

    Nam-Myoho-Renge-Kyo ist nicht nur sprachlich im Universum vorhanden.
    Es ist die Grundschwingung des Universums. Das ganze Universum ist in Bewegung, und diese Bewegung ist Nam-Myoho-Renge-Kyo, sagt Nichiren. Das ganze Universum bewegt sich nach dem Rhythmus von Nam-Myoho-Renge-Kyo. Man kann es hören oder mit anderen Sinnen wahrnehmen, in jedem Fall ist man Teil dieser Bewegung. Ein gehörloser Mensch erfährt die Schwingung des Universums durch Haut und Körper. Diese Schwingung ist Nam-Myoho-Renge-Kyo.

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    Können andere Menschen, die selbst nicht chanten, unser Chanten spüren?

    Man kann sich nicht selbst hochheben und tragen, und genauso schwer ist es, den neunten Sinn, das kosmische Bewusstsein oder die Buddhanatur mit unserer Rationalität zu begreifen. Hier ist unsere Rationalität einfach überfordert, auch wenn wir oft alles im Kopf begreifen möchten. Unser Leben ist aber weiser als unsere Rationalität, und die tieferen Schichten unseres Lebens - Freuds Unterbewusstsein oder Jungs kollektives Unbewusstes - haben einen großen Einfluss auf uns und unsere Erfahrungen.Wenn wir chanten, reagieren die Tiefenebenen auch in Menschen, die selbst nicht chanten, denn das kosmische Bewusstsein ist - genau wie das Unbewusste, von dem Jung sprach - überindividuell. Deshalb können wir andere Menschen durch unser Gebet erreichen.

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    Kannst Du beschreiben, wie man sich die neunte Bewusstseinsschicht, das kosmische Leben, vorstellen kann?

    Im Lotos-Sutra wird die neunte Bewusstseinsebene oder Buddhanatur in Form von 34 Negationen dargestellt - also nicht durch positive Feststellungen, sondern durch die Beschreibung dessen, was Buddhanatur nicht ist: «Es ist nicht rund, es ist nicht eckig...» und so weiter. Der Gedanke dahinter ist, dass Buddhanatur eben nicht durch Worte beschrieben werden kann, sondern von jedem Menschen innerlich erfasst werden muss. Darum geht es!
    Der zweite Präsident der Soka Gakkai, Josei Toda, gelangte im Gefängnis zu einem tiefen Verständnis dieser Passage, als er nach langem Chanten zu der klaren, positiven Erkenntnis - man kann auch sagen zu der Erleuchtung - gelangte:
    «Buddha bedeutet: das Leben!» Dieses Leben, wie Toda es erfasste, war nicht nur das individuelle Leben, sondern die Gesamtheit allen Lebens - eben das kosmische Leben. Das kosmische Leben ist Dynamik, ein ständiges Kommen und Gehen, Sterben und Wiedergeborenwerden - überall gleichzeitig im Universum. Viele der Sterne, die wir oben am Nachthimmel leuchten sehen, sind schon vor Milliarden von Jahren explodiert, weil das Licht so lange braucht, bis es zu uns gelangt. Vielleicht sind die Sterne längst von einem Schwarzen Loch verschluckt worden, in dem wiederum Hunderte von Sonnen auf die Größe eines Tennisballs zusammengeschrumpft sind. Das Ganze des Lebens ist ständige Transformation und Bewegung, ohne Anfang, ohne Ende.Weil der Buddhismus dies begreift und betont, hat er auch keine lineare Zeitvorstellung - es gibt keinen gerichteten Pfeil von der Vergangenheit in die Zukunft, sondern nur das Hier und Jetzt, diesen Augenblick: die Gegenwart.

    Yoshi knüllt ein Blatt Papier zu einem Ball. Er hebt den Ball hoch.

    Das ist das kosmische Leben.

    Yoshi stellt seine Finger auf den Ball.

    Und das sind wir einzelne Menschen, in denen sich das komische Ganze individualisiert. Erleuchtet zu sein bedeutet, in jedem Moment klar zu wissen und zu spüren, dass wir - obwohl wir uns als einzelner Mensch manifestieren -, nichts anderes als das Ganze sind. Alle Existenz - Menschen, Tiere, Pflanzen, ein Berg, ein Meer - ist Ausdrucksform des Ganzen. Daisaku Ikeda, der Präsident der Soka Gakkai, führt oft Gespräche mit Jugendlichen, die ja viele grundsätzliche Fragen an das Leben haben. Einmal wurde er zum Thema Selbstmord gefragt, und erklärte: «Jedes Individuum wurde von der Liebe des Ganzen hervorgebracht.» Hier sieht man, dass der Buddhismus das Mystische Gesetz nicht als abstrakten, physikalischen Zusammenhang sieht. Es geht hier um ein Prinzip, das mit Liebe angefüllt ist, um eine Verbundenheit, der man vertrauen kann. In der Gosho des Jahres, die Präsident Ikeda ausgewählt hat, heißt es:
    «Wenn Du Deinen Kopf in Bewegung setzt, bringst Du alle Deine Haare gleichzeitig in Bewegung.Wenn der Große Wind weht, bleiben auch alle Pflanzen und Bäume nicht im Stillstand.Wenn die Erde sich bewegt, bleibt auch das ganze Meer nicht still. Und wenn Du Deinen ursprünglichen Buddha in Bewegung setzt, dann werden alle Bäume und alle Pflanzen, die Erde und alle Wasser in Bewegung kommen.»
    Das ist der springende Punkt: Wenn jedes Individuum sich bewusst wird, dass es nicht nur einfach ein Punkt an der Oberfläche ist, sondern das Ganze selbst - dann wird diese Person zum Zentrum des Universums. Dann begreift sich dieser Mensch als Ursache, nicht als Wirkung des Ganzen.

    Gosho = Schriften Nichiren Daishonins

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    Ist «Karma» so etwas wie eine unsterbliche Seele? Oder wie erklärt der Buddhismus die Ewigkeit des Lebens?

    Nach buddhistischer Vorstellung ist das Gesetz von Ursache und Wirkung nichts rein Mechanisches oder Physikalisches: Ich lasse den Ball fallen - er rollt weg. Das ist Physik. Das Gesetz von Ursache und Wirkung geht aber viel weiter, es gilt auch im Bereich der Ethik: Ich unterstütze andere Menschen - ich bekomme selbst auch Unterstützung. Ich schade anderen absichtlich - dann mache ich später schlechte Erfahrungen. Dieses karmische Prinzip der Verantwortung gilt nach dem Tod unverändert weiter. Präsident Ikeda hat einmal gesagt, dass Karma wie Energie ist. Energie ist Kraft - man kann sie nicht sehen, sie ist aber trotzdem vorhanden. Ein guter Vergleich sind Radiowellen: In diesem Raum sind viele tausend verschiedene Radiowellen vorhanden, wir nehmen sie mit unseren Sinnesorganen nur nicht wahr.Wenn man aber ein geeignetes Empfangsgerät einschaltet, dann kann man klar zwischen verschiedenen Wellenlängen auswählen: HR2 ist HR2, HR4 ist HR4 - es gibt da keinen Mischmasch. Solange ich das Gerät eingeschaltet lasse, höre ich das Programm - wenn ich es ausschalte, höre ich nichts mehr, trotzdem sind die Radiowellen immer noch da. Genauso sind unser Leben und unsere Körperlichkeit zeitweise sichtbar. Zeitweise werden sie unsichtbar, sind aber trotzdem kontinuierlich weiter als karmische Energie im Ganzen vorhanden – das ist die Ewigkeit unseres Lebens. Die Idee der «Seele» beinhaltet etwas Individuelles, Abgetrenntes und Unveränderbares. Die buddhistische Vorstellung von der Ewigkeit des Lebens ist etwas anders: Die karmische Energie unseres Lebens bleibt nach unserem Tod nicht getrennt und individualisiert, sondern sie geht zeitweise in das Ganze ein. Und aus dem Ganzen geht, wenn die Bedingungen stimmen, ein neues Lebewesen hervor, das diese karmische Energie weiterträgt. Wir neigen dazu, uns feste Vorstellungen davon zu machen, wie die Welt ist und wie andere Menschen sind.Wir legen einen Menschen auf ein bestimmtes Bild fest, das wir uns von ihm gemacht haben, und dann sagen wir: «Dieser Mensch ist so.» Dabei ist er eigentlich von Moment zu Moment jemand anderes! Genauso gehen wir auch mit uns selbst um.Wir machen uns ein bestimmtes Bild, und dann sagen wir «Ich bin so» - und hoffen, dass wir auch immer so bleiben, möglichst noch nach dem Tod. Aber Leben ist ständige Veränderung, und wir verändern uns auch ständig. Nach dem buddhistischen Verständnis ist karmische Energie in ständiger Entwicklung und Veränderung - daraus ergibt sich ein viel dynamischeres Bild als das der Seele. Im Buddhismus geht es darum, jeden Moment als Ursache dafür zu sehen, das Ganze, von dem wir eine Ausdrucksform sind, positiv zu verändern. Jetzt ist die Ewigkeit des Lebens, jetzt sind wir die Ursache des Ganzen!

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    Was bedeuten die «Zehn Welten»?

    Die «Zehn Welten» sind ein Versuch des Lotos-Sutra, die möglichen Seinszustände des Lebens zu beschreiben. Der erste Seinszustand wird als «Hölle» bezeichnet. Die Hölle ist gekennzeichnet durch Hoffnungslosigkeit und Ausweglosigkeit. In diesem Seinszustand empfindet sich ein Mensch als völlig hilflos und ausgeliefert. Die zweite Welt oder der zweite Seinszustand heißt «Hunger». Hier ist man nie zufrieden. Egal was man bekommt, man möchte noch mehr. Man hat Hunger nach Zeit, nach Ruhm, nach Liebe, nach Geld - und bekommt nie genug. Der dritte Seinszustand wird als «Animalität» bezeichnet. Ein Mensch im Zustand der Animalität lebt völlig im Instinkt verhaftet. Er ergreift dem Stärkeren gegenüber sofort Schutzmaßnahmen oder flieht. Den Schwächeren greift er dagegen sofort an. Das ist die ganz natürliche Lebensweise der Tiere, die ihr Leben erhalten wollen und instinktiv hier und jetzt um ihr Überleben kämpfen. Der vierte Seinszustand heißt «Ärger» - man weiß alles besser als andere und will besser sein als sie. Ärger als ständiger oder häufiger Lebenszustand ist ein Ausdruck der Arroganz und letztlich die Ursache für Streitigkeiten und Kriege. Wir übersetzen den fünften Seinszustand oft mit «Menschlichkeit» oder «Ruhe». Aber die Übersetzung «Beschaulichkeit» trifft die Sache viel genauer: Menschen im Seinszustand der Beschaulichkeit richten sich in ihrem Leben in aller Ruhe und Gemütlichkeit ein. Es ist ein angenehmer, aber auch passiver, etwas dumpfer Zustand. Der sechste Seinszustand oder die sechste Welt heißt «vorübergehende Freude» oder «vorläufige Freude». Solch eine Freude entsteht durch einen äußeren Reiz - man hat im Lotto gewonnen oder ein äußeres Ziel erreicht. Vorübergehende Freude kommt nicht von innen und ist immer kurzfristig, nie dauerhaft. Die Seinszustände von der Hölle bis zur vorläufigen Freude sind ganz normale, alltägliche Lebenszustände des Menschen, sie halten uns allerdings gefangen, wenn wir uns nicht darüber hinaus entwickeln. Ein buddhistisches Sutra bezeichnet diese ersten sechs Seinszustände mit einem schönen Bild: Ein Haus hat sechs Fenster, und darin lebt ein Affe. Der Affe schaut ruhelos immer aus irgendeinem der Fenster nach draußen - er ist immer in diesem Haus gefangen. Mit der siebten Welt verlässt der Mensch das enge Haus. Dieser siebte Seinszustand ist das «Lernen»: In diesem Zustand möchte man mehr über sich und das Ganze wissen, da gibt es Forschergeist, Wissbegier und Reflektion. Das Triebhafte ist überwunden, der Egoismus ist aber immer noch vorhanden. Der achte Seinszustand heißt «Teilerleuchtung». Man hört an dem Begriff schon, dass hier die Spiritualität schon etwas weiter entwikkelt ist. Aber es gibt eine Begrenzung. Nichiren Daishonin beschreibt diesen Zustand so: Ein Mensch steckt in einem tiefen Loch, schaut nach oben und sieht dort ein Licht. Er denkt: Ich habe das Licht! Was er nicht weiß ist, dass er noch immer im Loch feststeckt. Das Loch ist die Ichbezogenheit. Und ein Mensch mit ichbezogener Spiritualität hat etwas ganz Fundamentales noch nicht begriffen - die Einheit. Für die neunte Welt oder den neunten Seinszustand haben wir bis jetzt noch keine gute deutsche Übersetzung gefunden, deshalb verwenden wir das Sanskrit-Wort «Bodhisattva». Ein Bodhisattva setzt sich mit Freude für das Glück der anderen ein und scheut sich nicht, das eigene Leben für diese Aufgabe zu geben. Der Zustand des Bodhisattva ist eng verzahnt mit der zehnten Welt, dem Seinszustand des Buddha; denn der Buddha arbeitet als Bodhisattva in der Gesellschaft. Über den zehnten Seinszustand «Buddha» sagt Nichiren, dass er sehr schwer zu beschreiben und schwer zu fühlen ist. Mit Logik und Vernunft kann man den Buddhazustand eben nicht begreifen und darum auch nicht mit Worten erschöpfend erklären. Selbst wenn man denkt, man hat es verstanden - wenn das nur ein Gedanke ist, dann hat man es nicht verstanden. Man muss die Buddhaschaft verwirklichen, dann hat man verstanden, was das ist. Vielleicht hilft uns aber ein Bild weiter: Wenn man die zehn Seinszustände mit einem Orchester vergleicht, dann sind die ersten neun Welten hörbar und sichtbar - wie die Musiker im Orchester: Sie haben eigene Musikinstrumente, eigene Ausdrucksmöglichkeiten. Ein Buddha tritt aber als Dirigent auf. Seine Musik ist nicht direkt zu hören, sondern er inspiriert die neun Musiker zu einer ganz besonderen Harmonie, einer «Buddha-Symphonie». Wenn man diesen Dirigenten im eigenen Leben nicht entdeckt und nicht dirigieren lässt, dann spielen im Orchester entweder alle durcheinander oder Hunger, Ärger oder Beschaulichkeit übernehmen den Platz des Dirigenten. Dann spielt das ganze Orchester ständig Hunger- oder Ärger- oder Beschaulichkeits-Lieder! Gleichzeitig ist man sich dessen aber nicht bewusst, weil man das eigene Leben gar nicht genau genug ansieht und versteht. Das ist der Unterschied zwischen einem Leben mit oder ohne Gohonzon : Wer ernsthaft vor dem Gohonzon praktiziert, fängt an zu verstehen, wie das eigene Leben funktioniert, und aktiviert den «Buddha-Dirigenten».

    Gohonzon = Schriftrolle, vor der praktiziert wird

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    Was bedeutet das «Gegenseitige Enthaltensein der Zehn Welten»?

    Das ist ein sehr bedeutendes Prinzip. In den buddhistischen Sutras, die vor dem Lotos-Sutras entstanden, wurden die zehn Seinszustände als getrennt voneinander erläutert, wie ein Stufenweg: Man fing auf irgendeiner Stufe an und arbeitete sich dann zur nächsten vor.Wenn man auf der ersten Stufe war, enthielt man nichts vom zweiten oder fünften oder neunten Zustand in sich. Deshalb lehrten die Sutras auch nicht, dass jeder Mensch die Buddhaschaft in sich trägt - diese Stufe war weit weg und man musste sich erst die vielen Zwischenstufen hocharbeiten, bis man dorthin kam.
    Das Lotos-Sutra hat einen ganz anderen Ansatz. Es erklärt: Auch wenn sich ein Mensch im Höllenzustand befindet, trägt er den Buddhazustand schon in sich und kann ihn sofort verwirklichen. Das gilt ausnahmslos für jeden Menschen: So wie wir im Moment sind, tragen wir den Buddhazustand schon in uns und können ihn sofort verwirklichen. Das Lotos-Sutra lehrt die unmittelbare Befreiung für jeden Menschen. Ohne dieses Prinzip wäre der Buddhismus deterministisch und diskriminierend: Dann gäbe es im Grunde überhaupt keine freie Entfaltungsmöglichkeit, keine Spontaneität und Kreativität - jeder würde sich auf einer schmalen, vorgezeichneten Linie entlang bewegen. Und ein Buddha wäre für immer von den neun Welten befreit - während er in der Sicht des Lotos-Sutra in den neun Welten wirkt. Das ist eine ganz andere Vorstellung von dem, was es heißt, ein Buddha zu sein.

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    Was bedeutet die «Einheit des Lebens mit der Umgebung»?

    Viele buddhistische Prinzipien enthalten den wichtigen Begriff «funi»: «zwei und doch nicht zwei». Äußerlich scheint etwas voneinander unterschiedlich zu sein, aber in der Essenz ist es eigentlich dasselbe. Materie und Geist - zwei und doch nicht zwei. Meister und Schüler - zwei und doch nicht zwei. Genau so ist es auch beim Menschen und seiner Umgebung: Sie erscheinen als zwei, sind aber doch nicht zwei. Deshalb heißt dieses Prinzip «esho funi». Der Mensch ist frei und kann sich individuell entfalten, aber er lebt nicht getrennt von seiner Umgebung.Wir fühlen uns gut oder schlecht gelaunt, je nachdem, wie draußen das Wetter ist. In den Nachrichten wird heute sogar das «Biowetter» angesagt. Die Gravitationskraft von Mond und Sternen übt einen messbaren Einfluss auf uns aus, niemand kann sich davon isolieren. Diese Erkenntnis bildete ja auch den zweiten Teil der Erleuchtung des Buddhas: Nichts im Universum entsteht von allein, alles steht miteinander in Zusammenhang. Die enge Beziehung zwischen Körper und Umgebung findet man sogar in unserer Biologie wieder: Unsere Körperflüssigkeit ist chemisch genau so zusammengesetzt wie Meerwasser. Der Mensch hat im Laufe seiner Evolution das Meer schon vor Jahrmillionen verlassen - aber trotzdem gibt es in uns immer noch Meerwasser.Wir haben unsere Umgebung mitgenommen! Umgekehrt gilt es aber genau so: Auch unsere Umgebung existiert nicht von uns getrennt. Nichiren Daishonin sagt, die Beziehung zwischen uns und unserer Umgebung sei so eng wie «der Körper und sein Schatten». Ein Schatten ist nicht einfach so da, sondern sieht dem Körper, der ihn wirft, ziemlich ähnlich. Es gibt dicke Schatten, dünne Schatten, große, kleine - sie sind so verschieden wie die Menschen. Der Schatten ist nicht identisch mit dem Körper, er ist etwas anderes - aber er spiegelt den Körper wider. Ohne den Körper würde es diesen Schatten so nicht geben. Genau so ist es auch mit Mensch und Umgebung: Sie sind nicht identisch, aber die Umgebung spiegelt den Lebenszustand des Menschen wider. Ohne den Menschen gäbe es die Umgebung in dieser Form nicht; beide sind untrennbar. Deshalb ermutigt uns der Buddha: «Wenn du dich in deiner Umgebung unglücklich fühlst, ergreife die Initiative und ändere dich. Indem du dich änderst, änderst du auch die Umgebung.» Es geht also nicht darum, passiv zu bleiben und über die schlechten Umstände zu klagen, sondern die wichtige Botschaft des Prinzips von esho funi ist konkret und aktiv: Wir können unsere Umgebung beeinflussen, indem wir uns selbst verändern.

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    Heißt das, wenn mir meine Arbeit nicht gefällt, sollte ich trotzdem nicht meinen Arbeitsplatz wechseln?

    Es kommt darauf an, ob man sein Karma verändert und den Arbeitsplatz wechselt - oder ob man sein Karma nicht verändert und den Arbeitsplatz wechselt! Wenn man sich keine weiteren Gedanken macht und sich einfach eine neue Arbeit sucht – dann hat man sicherlich erst einmal das Gefühl, die neue Umgebung hätte einen positiven Einfluss. Und das hat sie auch - aber nur vorläufig. Doch das eigene Karma ist immer noch da. Eine grundsätzliche Änderung gibt es nur, wenn sich in uns etwas verändert – erst dann ändert sich auch unsere Umgebung dauerhaft. Du kannst deine ständigen Geldprobleme nicht lösen, indem du in ein reiches Viertel umziehst. Du hast dann deine Adresse geändert, aber nicht dein Karma. Genau das Gleiche gilt für die Partnerin oder den Partner. Man denkt vielleicht: «Wenn ich diesen Partner loswerde, dann geht es mir besser.» Aber früher oder später kommt der eigene Lebenszustand auch beim neuen Partner zum Vorschein. Wenn man sich selbst nicht ändert, dann kann man auch keine glücklichere Beziehung führen.

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    SGI-Präsident Daisaku Ikeda spielt in der SGI eine wichtige Rolle. Für einige Mitglieder oder Gäste ist das manchmal schwierig zu verstehen. Wie sollten wir Deiner Meinung nach unsere Beziehung zu ihm betrachten?

    In unserem Leben gibt es verschiedene Möglichkeiten zu lernen. Von einem Klavierlehrer lernt man Klavierspielen; von einer Sprachlehrerin lernt man, in einem anderen Land nach dem Weg zu fragen. Von dem Präsidenten der SGI können wir lernen, wie man den umfassenden, weltweiten Frieden verwirklicht, Kosen-Rufu. In der Gosho «Letztendliche Übertragung des Mystischen Gesetzes» von Nichiren Daishonin steht folgender Satz: «Seien Sie wie Fisch und Wasser». Das ist eine gute Betrachtungsweise: Wir, die vielen Millionen Mitglieder der Soka Gakkai, sind mit dem Wasser vergleichbar - einem großen Meer. Die drei Präsidenten der Soka Gakkai sind mit dem Fisch vergleichbar. Ohne Wasser kann ein Fisch nicht leben und sich nicht entwickeln. Gleichzeitig bewegt der Fisch mit seiner Bewegung das Wasser - seine Bewegung pflanzt sich im Wasser fort. Meister und Schüler sollten eine tiefe und respektvolle gegenseitige Beziehung spüren. Sie sollten sich als verschiedene Individuen sehen, aber in demselben Geist handeln. Der Meister gibt ein Prinzip vor, eine Richtung - die Schülerinnen und Schüler setzen seine Vision in die Tat um und beweisen ihre Richtigkeit in der Gesellschaft. Jede Organisation und jede Gemeinschaft braucht eine Person im Mittelpunkt - eine zentrale Person, die in der Lage sein muss, das Ganze zu inspirieren und gemeinsam mit dem Ganzen voranzugehen. Ein wahrer Meister möchte kein einsamer Heiliger sein, sondern mit vielen Menschen zusammenarbeiten. Ein Verantwortlicher in der SGI sollte nicht als eine Person gesehen werden, die selbstherrlich alles entscheidet.

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    Mit solchen «Führern» haben wir in Deutschland auch schlechte Erfahrungen gemacht!

    Das stimmt. Und nicht nur in Deutschland! Präsident Ikeda hält sich nicht für unfehlbar, das finde ich wichtig. Für mich war auch wichtig, dass er einmal gesagt hat: «Die Wahrheit ist subjektiv.» Wenn er gesagt hätte, die Wahrheit muss objektiv sein, dann hätte ich ein Problem gehabt. Die Wahrheit ist subjektiv - das heißt, niemand hat die Wahrheit für sich gepachtet, jede und jeder hat auf seine Weise auch eine Wahrheit - seine subjektive Wahrheit. Wahrheit kann nichts Erzwungenes sein, und ein Verantwortlicher in der SGI kann nicht Hunderte oder Millionen von Mitgliedern zu einer Wahrheit zwingen. Ein Verantwortlicher braucht «Wasser» und freut sich über das «große Meer» der vielen Mitglieder, weil sie alle versuchen, die buddhistischen Lehren und Visionen auf ihre ganz persönliche Weise umzusetzen. Und die Mitglieder können sich darüber freuen, dass sie einem Menschen von großer Weisheit und großem Mitgefühl ihr Vertrauen schenken und sich von diesem Menschen inspirieren lassen können.

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    Wird es nach Präsident Ikeda eine neue «zentrale Person» geben?

    Ich glaube schon.Wichtig ist: Egal wer die Verantwortung übernimmt - wir sollten mit dieser neuen Person die gleiche Verantwortung empfinden wie jetzt mit Präsident Ikeda. Präsident Ikeda hat schon vor dreißig Jahren gesagt: «Denkt bitte nicht, dass ihr in der Soka Gakkai seid - die Soka Gakkai ist in euch.» Wenn wir alle diese klare Überzeugung haben, dann sind wir von dem Menschen, der die Hauptverantwortung trägt, nicht abhängig. Dann können wir ihn frei unterstützen und mit ihm gemeinsam vorangehen. Das ist der Punkt - und das zu schaffen, ist die Aufgabe.

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    Warum chanten wir Nam-Myoho-Renge-Kyo anstatt andere Worte zu benutzen? Besitzen die Worte selbst Kraft?

    Eine sehr gute Frage: Warum muss es eigentlich Nam-Myoho-Renge-Kyo sein? Nichiren hat dem universellen, kosmischen Leben einen Namen gegeben: Nam-Myoho-Renge-Kyo. Kann es auch ein anderer Name sein? Coca Cola oder Big Mac? Wenn wir diese beiden Begriffe mal als «radikale»Alternative in Betracht ziehen, merken wir schnell: Worte sind keine leeren Klänge, sondern sie erzeugen eine bestimmte Stimmung in uns – wir haben sofort Assoziationen und innere Bilder, wenn wir ein Wort hören. Der eine denkt vielleicht gerne an einen Big Mac – aber nicht unbedingt beim Chanten. Den anderen schüttelt es bei der Vorstellung. In jedem Fall lenkt uns der Begriff von dem ab, worum es beim Chanten geht. Aber es gäbe natürlich auch noch andere Alternativen: Man könnte sich fragen, warum wir nicht eine andere Übersetzung des Titels des Lotos Sutra chanten. Oder warum nicht gleich ein ganz anderes Mantra? Eine ähnliche Frage wurde auch schon an Nichiren Daishonin direkt gestellt, denn zu seiner Zeit gab es verschiedene Übersetzungen des Lotos-Sutra. Wir wissen ja, dass Myoho-Renge-Kyo eine chinesische Übersetzung ist. In Sanskrit lautet der Titel des Lotos-Sutra Saddharmapundarika Sutra. Von diesem Sutra gab es mindestens drei verschiedene chinesische Übersetzungen. Myoho-Renge-Kyo ist nur eine von ihnen. Die damaligen Schüler von Nichiren hatten natürlich auch die Frage: «Muss es immer Nam-Myoho-Renge-Kyo sein? Könnten wir nicht auch den Titel einer anderen Übersetzung rezitieren?» Nichiren Daishonin sagte dazu klar: «Die Bedeutungen sind gleich. Aber ich bitte dich, Nam-Myoho-Renge-Kyo zu chanten.» Das war seine Antwort. Meine Gedanken dazu sind: Wenn Nichiren Daishonin selbst sich unter den verschiedenen Übersetzungen für die von Kumarajiva entschieden hat, dann muss er viel darüber nachgedacht haben. Wir wissen, dass Nichiren Daishonin Sanskrit und Chinesisch lesen konnte. Er hat ja sechzehn Jahre studiert, bevor er Nam-Myoho-Renge-Kyo verkündete, und alle Sutras genau studiert. Nach seinem intensiven Studium entschied er sich für die Übersetzung von Kumarajiva und für Nam-Myoho-Renge-Kyo. Nichirens Überzeugung war: Vor Kumarajiva gab es keinen besseren Übersetzer und nach ihm wird es keinen besseren geben. Kumarajiva war nicht nur Übersetzer, er wird selbst auch als Buddha verehrt. Seine Schule war so groß wie eine Universität; dreitausend Schüler unterstützten ihn bei der Übertragung des Lotos-Sutra ins Chinesische. Die Übersetzung von Myoho-Renge-Kyo war also von allerhöchster Qualität - deswegen wollte Nichiren Daishonin keine andere Übersetzung nehmen. Das ist aber nur ein Aspekt. Ein anderer Aspekt ist – und hier kommen wir auch zurück zu der Frage, warum wir genau dieses und kein anderes Mantra rezitieren: Nichiren Daishonin sagte, Nam-Myoho-Renge-Kyo ist nicht nur der Name von etwas - es ist dieses Etwas selbst. Normalerweise gibt es zwischen einem Gegenstand und seiner Bezeichnung eine Trennung. Nehmen wir als Beispiel hier diesen Stuhl. «Stuhl» ist der Name - die Sache selbst ist eine Konstruktion aus Holz, die als Sitzgelegenheit dient. Da ist eine Trennung – Stuhl und Holzkonstruktion. Nam-Myoho-Renge-Kyo ist nicht nur der Name, sondern die Sache selbst. Dieser Rhythmus, die Schwingung, indem man es ausspricht - das ist schon die Sache an sich. Nam-Myoho-Renge-Kyo ist von Buddha Nichiren klar gewählt worden, weil wir im Aussprechen dieses und genau dieses Mantras unsere Buddhaschaft verwirklichen. Ob es die einzige Möglichkeit ist oder ob es noch andere gibt, das kann ich nicht sagen; ich weiß es nicht. Aber Nichiren sagte: «Das ist die Möglichkeit, chantet Nam-Myoho-Renge-Kyo.» In einem Gespräch mit Daisaku Ikeda hat der israelische Musiker Yehudi Menuhin einmal den Klang von Nam-Myoho-Renge-Kyo gehört. Er sagte spontan: «Zwei Buchstaben darin sind interessant, M von Myoho-Renge-Kyo, R von Myoho-Renge-Kyo. M ist die symbolische Darstellung der Mutter, zurück zur Mutter. R bedeutet Revolution.» Ohne jegliche Erläuterung konnte Menuhin allein aus dem Klang der Silben die Bedeutung von Nam-Myoho-Renge-Kyo ableiten. Nam-Myoho-Renge-Kyo bedeutet ja erst einmal zurück zum Ursprung, zum Ursprünglichen. Man bleibt aber nicht dort, sondern kehrt wieder ins aktive Leben zurück. Das kennen alle, die praktizieren: In der ersten Phase des Chantens gehen wir zur Quelle der Kraft und erfahren Sicherheit und Geborgenheit, wie im Idealfall ein Kind bei der Mutter. In der zweiten Phase kommt der Tatendrang: Ich will etwas tun, ich will aktiv werden. Diese beiden Aspekte des Chantens hat Menuhin genau beschrieben: erst M – Geborgenheit, Mutterschoß, dann R - Revolution, Tatendrang.

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    Woran sollen wir während des Chantens denken?

    Man kann einem Menschen nicht vorschreiben, was er denken soll. Die Gedanken sind frei! Und zwar so frei, dass wir sie selbst nicht kontrollieren können. Die ursprüngliche Bedeutung von Nam ist ein tiefer Ausdruck des Gebets - wir widmen uns mit ganzem Herzen. Indem wir Nam-Myoho-Renge-Kyo aussprechen, machen wir unsere Einstellung eigentlich schon klar: Wir widmen uns.Wenn ich zu meiner Frau sage: «Ich liebe Dich» und denke dabei ans Abendessen - dann wird sie zu Recht ärgerlich, wenn sie das mitbekommt; denn zwischen «Ich liebe Dich» und «Abendessen» besteht ein ziemlicher Widerspruch. Genauso ist es auch bei Nam-Myoho-Renge-Kyo. Nam ist viel stärker als Liebe, aber wenn wir dabei etwas ganz anderes denken - «Nam-Myoho-Renge-Kyo, ich möchte im Lotto gewinnen, ich möchte dies und jenes haben» - dann widersprechen wir uns selbst. So gesehen, sollten wir uns auf dieses Nam konzentrieren, wenn wir Nam-Myoho-Renge-Kyo chanten, und das ist nicht einfach.

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    Und die eigenen Wünsche, wie bringt man die ein

    Dafür haben wir die Stillen Gebete. Da können wir unsere Wünsche konkret ausdrücken. Unsere Wünsche sind in unserem Unbewussten ja ohnehin vorhanden, und indem wir Nam-Myoho-Renge-Kyo chanten, ist schon alles klar. Der Gohonzon weiß Bescheid, das Universum weiß Bescheid, und du bist ja selbst das Universum, also musst du eigentlich wissen, was du willst. Beim Chanten sollten wir also keine Haltung des Bittens und Flehens einnehmen. Präsident Ikeda hat einmal gesagt, wir sollten eine würdevolle innere und äußere Haltung einnehmen, wenn wir chanten. Das ist unserer Ausübung angemessen: Wir widmen uns dem ursprünglichen Gesetz des Universums, das ist eine würdevolle und freudige Handlung.

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    Wenn ich jemandem «Daimoku» schicke, dann denke ich doch auch an diese Person, oder nicht?

    Wir schicken unser Daimoku an diese Person, weil sie auch Buddha ist; wir sprechen das Nam-Myoho-Renge-Kyo dieser Person an. Es geht nicht einfach um die Sendung von Heilungswünschen, sondern um die Verehrung der Buddhaschaft dieser Person.

    Yoshi hält seine Hand hoch, zeigt erst auf seine einzelnen Finger,dann auf die Handfläche.

    Am Beispiel der Hand kann man das sehr schön erläutern. Unsere Finger stehen für die verschiedenen Individuen. Sie sind an der Oberfläche getrennt, aber wenn man tiefer geht, gelangt man zu einer ursprünglichen Ebene, auf der alle gleich sind: Nam-Myoho-Renge-Kyo. Wenn wir für jemanden chanten, dann fließt unser Nam-Myoho-Renge-Kyo von uns als einzelnem Finger zur Handfläche und von dort aus wieder in einen anderen Finger. Das ist der Weg – wir verbinden uns mit dem Mystischen Gesetz und sprechen dann diese Ebene in der anderen Person an. Unser Gebet springt nicht einfach von Finger zu Finger - das wäre magisches Denken und Telepathie.

    Daimoku: wörtl. «großer Titel des Lotos-Sutra". Der jap. Titel des Lotos-Sutra lautet «Myoho-Renge-Kyo». Mit der Vorsilbe "Nam" (= sich
    widmen) wird daraus das Mantra «Nam-Myoho-Renge-Kyo». "Daimokuchanten" ist die Rezitation dieses Mantras.

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    Du hast gesagt, man kann die Gedanken nicht kontrollieren. Was macht man mit den Gedanken während des Chantens?

    Die Gedanken kommen und gehen, wenn man sie nicht festhält. Wenn wir uns zwingen wollen - «Ich sollte etwas Schöneres denken, ich sollte etwas ganz Wichtiges denken» - dann produzieren wir ja schon wieder einen Gedanken, dann sind wir schon gefesselt. Die Gedanken kommen und gehen wie Wolken am Himmel. Einfach kommen lassen, aber auch gehen lassen - und immer wieder zum Ursprünglichen zurückgehen, zu Nam-Myoho-Renge-Kyo. Wie oft man das innerhalb einer Stunde erreicht, ist eine Frage des Trainings.Wenn man länger in dieser Richtung arbeitet, dann verschwinden die ablenkenden Gedanken ganz schnell. Als Nichiren Daishonin ausdrücken wollte, dass er seine Buddhaschaft verwirklicht hat, tat er das mit folgenden Worten: Isshin yokken butsu fu ji shaku shinmyo - Ich gebe mein ganzes Leben, um in mir die Buddhaschaft zu sehen. Dieses Herz und die Sehnsucht danach, die Buddhaschaft im eigenen Leben zu sehen - das ist schon die Buddhaschaft.

    Chanten: Wiederholte Rezitation des Mantras Nam-Myoho-Renge-Kyo

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    Oft heißt es, wir können durch die buddhistische Ausübung «Wohltaten» erhalten. Was ist damit gemeint?

    Wie der deutsche Begriff schon sagt, ist eine «Wohl-Tat» eigentlich eine Tat. Nicht eine «Wohl-Bekomm»! In diesem Sinne ist die höchste Wohltat im Buddhismus die Selbstrevolution: «Ich habe mich hier geändert, ich habe diese oder jene Schwierigkeit überwunden » - das ist die Wohltat. In unserer Umgebung stellen sich dann Nebenprodukte dieser Selbstveränderung ein. Viele bezeichnen das als Wohltaten, es sind aber eigentlich nur Nebenwirkungen. Die Hauptwirkung ist die Selbstrevolution. Sie ist die echte Wohltat - und diese Wohltat bekommt man nicht, sondern man macht sie. Ein Beispiel: In dem Büro oder Betrieb, wo wir arbeiten, herrschen schlechte zwischenmenschliche Beziehungen. Als Buddhistinnen und Buddhisten reflektieren wir diesen Punkt und gewinnen die Überzeugung, dass der andere Mensch, mit dem wir solche Schwierigkeiten haben, auch ein Buddha ist.Wir fangen an, für das Glück dieses Menschen und für seine Buddhaschaft zu chanten. Schon in diesem Augenblick hat sich unsere Beziehung zu dem anderen Menschen völlig gewandelt, wir haben die Beziehung geändert. Und häufig kann man dann erleben, dass der andere Mensch uns auch anders begegnet; er oder sie reagiert anders auf uns.Wir denken dann, das sei die Wohltat - aber die Wohltat hat in uns schon lange vorher stattgefunden. Die Reaktion des anderen ist nur die natürliche Folge davon. Ein anderes Beispiel ist Gesundheit und Krankheit.Wenn wir krank sind, ist es ganz wichtig, dem Leben gegenüber eine klare Einstellung zu entwickeln: Ich bin gesund, ich werde gesund, ich lebe. Unser Körper reagiert auf diese innere Einstellung.Wir sollten also nicht einfach dafür chanten, Wohltaten zu «bekommen», sonderndafür, diese Wohltaten selbst zu verwirklichen - dann stellen sich die Nebenwirkungen ein.

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    Was bedeutet «Gongyo»?

    «Gongyo» bedeutet wörtlich «fleißige Ausübung». Ein Ritual zweimal am Tag ist für viele Menschen eine Herausforderung. Es geht beim Gongyo und Daimokuchanten aber nicht darum, dass wir unwillig unsere «Pflicht erfüllen». Auf der anderen Seite geht es auch nicht darum, nur dann zu chanten, wenn wir gerade mal ein bisschen Zeit haben. Präsident Ikeda hat das Gongyo einmal als «Austausch zwischen dem Makrokosmos und dem Mikrokosmos» bezeichnet. Indem wir Nam-Myoho-Renge-Kyo chanten, haben wir die Möglichkeit, die große Schwingung des kosmischen Lebens und unsere eigene, individuelle Schwingung zu harmonisieren.Wir holen die Kraft, die Energie, den Schwung des Universums in unser eigenes Leben.Wir gehen zur Quelle der Lebenskraft und der Weisheit, wir tanken Mut und Mitgefühl. Das müssen wir nicht jeden Tag machen - aber weil es so wunderbar ist, möchten wir es jeden Tag machen!

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    Kann ich nicht einfach alleine praktizieren?

    Wenn man alleine praktiziert, ist es sehr schwer, die eigenen Fehler zu erkennen. Daher sind die anderen eine große Hilfe für die Praxis: Man kann sich gegenseitig korrigieren. Das ist natürlich manchmal schwierig und unangenehm, deshalb kommt man auf die Idee, doch lieber alleine zu praktizieren, oder man hat sogar das Gefühl, die anderen würden einen beim Praktizieren aufhalten oder behindern.Wenn man solche Gefühle hat, sollte man verstehen, dass sich hier die eigene Arroganz zu Wort meldet. Der Buddha sucht immer die Gemeinschaft mit anderen Menschen, er möchte andere in der buddhistischen Praxis und im Leben unterstützen, und weil er ständig wächst und sich entwikkelt, möchte er von der Weisheit der anderen lernen. Selbstisolation passt nicht zum Buddhismus. Wenn man gemeinsam chantet, hört man die Stimme der anderen, man versteht sie besser, verbindet sich innerlich mit ihnen und kann sich ganz anders öffnen. Auch deshalb ist es gut, mit vielen anderen Gongyo und Daimoku zu machen.

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    Was ist der «Gohonzon»?

    Die wörtliche Übersetzung des Wortes «Gohonzon» lautet «Objekt der Widmung, Objekt der Verehrung, Objekt des Respekts». Nichiren Daishonin hat klar gesagt: «Suche diesen Gohonzon nicht außerhalb von dir, sondern in dir». Der ursprüngliche Buddha ist in uns - das ist der Gohonzon.Wenn der Gohonzon in uns ist, dann ist dieser innere Gohonzon das Original - und der geschriebene Gohonzon, die Schriftrolle, ist eine Kopie. Welchen Sinn hat diese Kopie? Wir haben vergessen, welchen Wert und welche Würde wir in uns tragen. Deshalb hat Nichiren Daishonin uns mit der schriftlichen Darstellung des Gohonzon einen Mahnbrief oder eine Notiz hinterlassen: «Ihr seid das!» Er möchte uns mit dieser Schriftrolle auf unseren wunderbaren Wert aufmerksam machen. Das ist der Grund, warum er diese schriftliche Materialisierung vorgenommen hat. Gohonzon sind wir immer gewesen, aber wir haben es vergessen.

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    Kann jemand, der den Gohonzon noch nicht hat, bei der Ausübung die gleichen Wohltaten erhalten?

    In Korea gab es wegen der politischen Situation Zeiten, in denen die Mitglieder keinen Gohonzon empfangen konnten. Sie haben zu Hause intensiv vor der leeren Wand gechantet. Nur einmal in der Woche hatten sie die Möglichkeit, im Kaikan zum Gohonzon zu praktizieren - und sie haben wunderbare Erfahrungen gemacht. Ein Punkt ist aber wichtig: Die koreanischen Mitglieder haben immer versucht, sich zu Hause an der Wand den Gohonzon vorzustellen. So war ihnen der Gohonzon in seiner schriftlichen Darstellung trotzdem eine große Hilfe, auch wenn sie ihn nicht zu Hause haben konnten. Der Gohonzon ist eine große Hilfe, so zu praktizieren, wie Nichiren Daishonin es gelehrt hat. Er unterstützt uns dabei, uns für die Essenz des Nichiren-Buddhismus zu öffnen, deshalb sollten wir mit dem Gohonzon praktizieren.

    Kaikan = buddhistisches Gemeindezentrum

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    Wenn der Gohonzon der Spiegel meines Lebens ist, warum kann ich nicht zum Spiegel chanten?

    Wenn du dich im Spiegel anschaust, siehst du nur, wie du gerade aussiehst.Wenn du zum Beispiel gerade erst aufgestanden bist, die Augen halb offen und die Frisur ganz zerdrückt - bist du das, ist das dein ganzes Wesen? Ein normaler Spiegel macht nur eine Feststellung: So siehst du gerade aus. Und das hilft dir nicht weiter. Wenn du das «wahre Wesen deines Lebens» verstehen möchtest, wie es im Buddhismus heißt, dann brauchst du eine andere Art von Spiegel, einen Spiegel, der die höchste Form unseres Seins darstellt. Diesen Spiegel hat Nichiren Daishonin in Form des Gohonzon geschaffen. Wir verwenden oft den Begriff «Spiegel» für den Gohonzon, weil es interessante Parallelen gibt: Im Spiegel sehen wir etwas von uns, das wir ohne Spiegel nicht sehen würden. Im normalen Spiegel unser Gesicht – im Gohonzon das wahre Wesen unseres Lebens, unsere Buddhaschaft. Außerdem gucken wir in einen Spiegel, um uns zu korrigieren, zum Beispiel richten wir vor dem normalen Spiegel unsere Frisur und putzen uns die Zähne. Mit dem Gohonzon ist es ähnlich, aber auf spiritueller Ebene: Wir betrachten unser Leben im Spiegel des Gohonzon, wir sehen Punkte bei uns, die wir sonst nicht sehen würden, und wir nehmen Veränderungen vor, wir korrigieren uns – so gesehen ermöglicht uns der Gohonzon ein «spirituelles Make-up».

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    Gibt es einen Unterschied zwischen lautem und lautlosem Chanten?

    Die gesprochene Sprache gehört zu uns Menschen, deshalb heißt es in der Gosho auch «Die Stimme tut die Arbeit des Buddha». Die Rezitation von Nam-Myoho-Renge-Kyo berührt und aktiviert die Buddhaschaft in uns. Aber letztlich ist mit oder ohne Stimme nicht entscheidend – viel wichtiger ist, mit welcher Entschlossenheit man chantet. Man kann sehr laut chanten, aber wenn die Widmung fehlt, die Einstellung «Nam» im Herzen, dann bedeutet es weniger, als wenn man leiser chantet und sich von ganzem Herzen widmet. Ob du im Stillen, im Herzen, leiser oder lauter chantest – die Absicht ist entscheidend.

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    Warum ist der Gohonzon als Schrift und nicht als Bild dargestellt?

    Vor Nichiren Daishonin war es üblich, Mandalas mit verschiedenen Figuren oder symbolischen Darstellungen zu bemalen. Der Gohonzon ist das erste Mandala mit Schriftzeichen - das war damals revolutionär. Warum Schriftzeichen? Figuren und symbolische Darstellungen kann man auf verschiedene, persönliche Arten interpretieren. Schriftzeichen aber geben eine allgemeingültige Definition, Missverständnisse und Eigeninterpretationen sind so gut wie ausgeschlossen. Deshalb hat Nichiren Daishonin den Gohonzon mit Schriftzeichen versehen: Er wollte im wesentlichen Punkt seiner Lehre Klarheit schaffen.

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    Was steht auf dem Gohonzon, müssen wir das verstehen?

    Man muss es nicht verstehen, aber man kann es studieren. Grundsätzlich sollte man verstehen, dass der Gohonzon eine Darstellung der Zeremonie in der Luft ist. Die Zeremonie in der Luft wird im elften Kapitel des Lotos-Sutra beschrieben: Alle Bodhisattvas und Buddhas des ganzen Universums kommen zusammen und ein riesiger Schatzturm erscheint.Wir selbst sind Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieser Zeremonie und der Schatzturm ist unser eigenes Leben. Das sollte man verstehen. Alles weitere kann man studieren - wer genau anwesend war bei dieser Zeremonie, wie die Zeremonie ablief, was Buddha Shakyamuni predigte. Alles das steht im Lotos-Sutra und im Gohonzon.

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    Warum können wir uns nicht unseren eigenen Gohonzon malen?

    Warum sollten wir den Gohonzon malen, wenn der Meister, der ihn erfunden hat, ihn extra schriftlich für uns hinterlassen hat? Dieser Punkt ist ganz wichtig: Welche Absicht hat eine Person, den Gohonzon zu malen? Einen Gohonzon, den es schon gibt, den jede und jeder empfangen kann? Möchte man alleine praktizieren und sich von den anderen, der Gemeinschaft abtrennen? Möchte man mehr als einen Gohonzon haben? Möchte man einen bunteren, größeren Gohonzon?Will man den Gohonzon jetzt sofort, weil man denkt, ohne Gohonzon könnte man nicht richtig praktizieren? Das sind alles sehr oberflächliche Gründe. Nichiren Daishonin hatte die Absicht, allen Menschen den Weg zur Buddhaschaft zu öffnen und Kosen-Rufu zu realisieren.Wir können davon ausgehen, dass der Priester Nichikan, vor dessen Gohonzon-Abschrift wir heute praktizieren, Nichirens Motivation genau verstanden und geteilt hat. Die Absicht ist wichtig, und diese Absicht schreibt sich mit in den Gohonzon ein.

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    Warum darf man den Gohonzon nicht fotografieren? Und wenn es doch mal passiert – was macht man dann mit dem Foto? Bekommt man dadurch «schlechtes Karma»?

    Karma entsteht nicht zufällig, sondern Karma entsteht dann, wenn man mit Absicht handelt – mit guter Absicht oder mit schlechter oder oberflächlicher Absicht. Sicher könnte man den Gohonzon fotografieren – aber die Frage ist warum? Wenn ein Gast auf einer Versammlung zum ersten Mal den Gohonzon sieht und die feierliche Zeremonie des Gongyos miterlebt, dann spürt er unmittelbar, wie bedeutsam der Gohonzon ist. Und wenn er dann auf der Versammlung erfährt, dass dieser Gohonzon sein eigenes Leben ist, dann hat dieser Mensch die großartige Möglichkeit, die eigene Buddhaschaft zum ersten Mal zu erleben. Mit einem Foto ist es ganz anders. Ein Foto zeigt man mal eben so her, damit ist keine besondere Feierlichkeit oder Würde verbunden.Wenn wir also möchten, dass jemand den Gohonzon sieht, dann sollten wir ihn auf eine Versammlung oder zu unserem Butsudan einladen und ihn dort den Gohonzon sehen lassen.Wenn du den Gohonzon zufällig mal aufs Foto bekommst, ist das kein Problem, dann kannst du die Fotos in deinem Butsudan aufbewahren.

    Butsudan: Schrein, in dem der Gohonzon aufbewahrt wird

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    Es gibt manchmal Mitglieder oder Gäste, die sich den Gohonzon aus dem Internet runterladen und zum Bildschirm chanten.

    Ja, davon habe ich auch gehört – die Frage ist auch hier wieder die Absicht.

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    Die Absicht ist vielleicht, nicht Mitglied werden zu müssen...

    Das ist vielleicht der Haken. Wenn jemand nicht Mitglied sein möchte, sondern allein chanten und mit den anderen oder der Gemeinschaft nichts zu tun haben will, dann begreift diese Person die Bedeutung der Soka Gakkai nicht, und darüber muss man sprechen. Vor einigen Jahrzehnten gab es in Indonesien falsche Kopien des Gohonzon, sie kursierten wie Falschgeld. Damals haben die Mitglieder gefragt: Gibt es keine Wohltaten, wenn man vor diesen Kopien praktiziert? Die Verantwortlichen der Soka Gakkai haben geantwortet: Wenn ihr aufrichtige Absichten habt, gibt es natürlich auch positive Wirkungen. Entscheidend ist die Motivation.

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    Die Soka Gakkai verleiht den Gohonzon nur an neue Mitglieder. Aber warum sollte man Mitglied in der Soka Gakkai werden?

    Den Gohonzon zu haben bedeutet, die eigene Buddhaschaft und die Buddhaschaft der anderen zu verehren. Dafür hat Nichiren Daishonin den Gohonzon eingeschrieben – für Kosen-Rufu. Den Gohonzon haben zu wollen, aber die Glaubensgemeinschaft, die sich für Kosen-Rufu einsetzt, links liegen zu lassen – das ist ein Widerspruch. Die Soka Gakkai hat sich entschlossen, die Absicht von Nichiren Daishonin in die Tat umzusetzen, und das bedeutet, jedem Menschen den Weg zur Buddhaschaft zu öffnen und auf diese Weise weltweiten Frieden, Kosen-Rufu, zu realisieren. Ist das einfach? Nein! Es ist eine riesige Herausforderung, es ist die schwierigste Aufgabe überhaupt. Manchmal kommen Menschen zu uns, die viel zu kritisieren haben – es läuft nicht alles so, wie sie es sich vorstellen. Das ist gar nicht schlimm, wir brauchen ja Menschen, die sich einsetzen und die mithelfen, unsere Gemeinschaft immer weiter zu entwickeln. Kritik ist nicht schlimm – aber passiv sein und sich beklagen und zurückziehen, das führt zu nichts. Nichiren Daishonin hat einen aktiven, tatkräftigen Buddhismus gelehrt. Dazu gehört auch, dass man sich mit anderen Menschen konfrontiert. Nur wenn man mit anderen viel zu tun hat, lernt man, hinter den Unterschiedlichkeiten die große Gemeinsamkeit zu sehen, die Buddhaschaft. So zu wachsen, das ist buddhistische Praxis. Natürlich ist jeder Mensch frei, einzutreten oder wieder auszutreten und seine Erfahrungen damit zu machen. Aber ich glaube, Weggehen ist eine Illusion – man denkt, alleine geht es besser oder woanders sind die Menschen anders oder man findet eine Gemeinschaft, wo man sich stets mit allem einverstanden fühlt. Aber eigentlich möchte man nur sich selbst ausweichen.

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