Hommage an das Sagarmatha des Humanismus: Die lebenden Lektionen des Gautama Buddha

Vortrag von SGI-Präsident Daisaku Ikeda, gehalten am 2. November 1995 an der Tribhuvan-Universität, Kathmandu, Nepal.

Ich möchte das spirituelle Erbe Gautama Buddhas,1 dieses großen Lehrers der Menschheit, betrachten und mich dabei auf zwei Themen konzentrieren, die für seine Philosophie und seinen Charakter wesentlich sind: das durchdringende Licht seiner Weisheit und das ungeheure Ausmaß seines Mitgefühls. Betrachtet man die gegenwärtige Situation der Menschheit, die man mit einer Zwangsüberfahrt auf unerforschter, sturmgepeitschter See vergleichen kann, dann erinnert mich das an das folgende Gedicht von Bala Krishna Sama, eines der größten Dichter Nepals:

Meide jeden dummen Knabenzank,
streif Zwietracht ab, erblüh’ und lass den blinden Glauben!
Vertrau der Menschlichkeit,
lebe und lass leben!
Wetteifer soll sein, wenn es um Wahrheit geht und den Entschluss zur guten Tat.
Bitte, Welt! Zerbrich des Atoms Gewalt,
ehe mein letzter Atemzug entweicht,
wisch fort den Namen des Krieges mit dem Gesang
des ewig währenden Friedens!2

Dieses Gedicht drückt den sehnlichen Wunsch nach Frieden in unserer von Kriegen so zerrissenen Zeit aus, so wie einer in der Wüste nach Wasser dürstet. Und diese erhabenen und schönen Gefühle werden, dessen bin ich gewiss, vom ganzen Volke Nepals geteilt.

Unser Streben und unsere Sehnsucht treffen sich mit der Ansicht Gautama Buddhas, der mit all seiner überragenden Weisheit und seinem Mitgefühl als ein Sagarmatha3 der Menschlichkeit dasteht. Sein Leben war ein schonungsloses und unaufhörliches Bemühen, der Menschheit den Genuss von Frieden und Sicherheit näherzubringen.

Der erste Aspekt von Gautamas Weisheit, über den ich sprechen möchte, ist sein dringender Appell, dass wir den vollen Glanz des Schatzturmes – des Juwelenstupa – aus unserem inneren Leben hervorbringen. Seit Anbruch der Moderne waren die Aktivitäten der menschlichen Gesellschaft, wie etwa die Entwicklung von Wissenschaft und Technologie sowie das industrielle und wirtschaftliche Wachstum, vom starken Glauben an den „Kult des Fortschritts“ durchzogen, wo als Maß des Fortschreitens stets die quantitative Ausdehnung angelegt wurde. Doch darin tat sich eine unvorhergesehene Falle auf. Als die Menschheit dem Fortschritt folgte, trunken vom Versprechen ihrer Träume, fanden wir die Wirklichkeit auf dem Altar der gesellschaftlichen Entwürfe geopfert, die Gegenwart auf dem der Zukunft, die Umwelt auf dem des Wachstums und der Mensch auf dem der leeren Theorie. Darin liegt die Hauptursache für die tragischen Schrecken unseres Jahrhunderts. Als Antwort auf unser gegenwärtiges Dilemma könnte Gautama Buddhas Weisheit uns dazu bringen, unseren Blick ein weiteres Mal auf die tiefste und elementarste Dimension des menschlichen Lebens zu richten.

Zentral für das Saddharmapundarika oder das Lotos-Sutra, das als Herzstück der Lehren Gautama Buddhas gelten kann, ist die Erscheinung eines prachtvollen, geschmückten Juwelenstupa, auch „Schatzturm“ genannt. Dieser Juwelenstupa steht symbolisch für das riesige kosmische Leben, das in den Tiefen des Menschen ruht. Einem jeden von uns die Kultivierung dieser reichen, fruchtbaren
Lebensdimension zu ermöglichen, diesen Mikrokosmos in jedem Einzelnen, der das Universum enthält – dieser Aufgabe weiht Gautama Buddha sein lebenslanges Streben.

Wenn wir uns die wachsende, anhaltende Aufmerksamkeit vor Augen führen, die in den letzten Jahren die Ziele der menschlichen Entwicklung erlebten, komme ich um die Feststellung nicht umhin, dass Gautamas Vision und Einsicht darin umso heller aufleuchten. 1985 nahm ich an einem Gespräch mit dem Mitbegründer des Club of Rome teil, mit Aurelio Peccei, in dessen Verlauf er den zukünftigen Generationen folgenden Ratschlag erteilte: „In uns selbst liegt ein ungeheurer Reichtum an unentwickelten und ungenutzten Fähigkeiten, die bislang noch nie erforscht wurden […] in der Tat eine außerordentliche Quelle, eine, die sowohl erneuerbar als auch ausdehnbar ist.“4

Der Begriff, den Dr. Peccei und ich benutzten, um diesen Prozess der Entwicklung dieses Potenzials zu beschreiben, das dem menschlichen Leben innewohnt, war der der „menschlichen Revolution“. Selbstverständlich liegt der Schlüssel zu dieser Art Entwicklung in der Erziehung, einem Gebiet, auf dem Nepal seit langem schon wichtige Beispiele gegeben hat. Ähnlich ist Erziehung auch unabdingbar, wenn wir die Ziele der nachhaltigen Entwicklung erreichen und unsere Verantwortung für zukünftige Generationen
erfüllen wollen.

Die Lehren des Buddha enthalten zudem die folgenden Zeilen:

„Wenn Sie die Ursachen verstehen wollen, die in der Vergangenheit vorhanden waren,,
sehen Sie sich die Folgen an, die sich in der Gegenwart zeigen.
Und wenn Sie verstehen wollen, welche Folgen sich in der Zukunft zeigen werden,
sehen Sie sich die Ursachen an, die in der Gegenwart vorhanden sind.“5

Dieser Absatz zeigt uns einen Lebensweg, der weder in den Ereignissen der Vergangenheit verfangen ist noch beherrscht ist von zu großer Angst vor der Zukunft oder zu großen Erwartungen an sie. Vielmehr belegt er die Bedeutung unserer Lauterkeit und Erfüllung im gegenwärtigen Augenblick. Absicht dieses Absatzes ist es, uns zum „Graben in der Erde, auf der wir stehen“ zu ermutigen; im Wissen, dass wir mit Sicherheit eine reiche Urquelle in den Tiefen des ewigen Augenblickes finden werden.

Gautama Buddha mahnt uns, den Glanz des Juwelenstupa zuzulassen, der in eben diesem Moment in uns existiert, um mit diesem Licht die Zukunft zu illuminieren und den Weg für den wahren Fortschritt und Aufstieg der Menschheit abzustecken. Seine Worte sind die eines spirituellen Giganten, eines wahren Siegers im Leben.

Der zweite Aspekt der Weisheit Gautama Buddhas, über den ich sprechen möchte, ist seine Haltung, achtsam auf die Stimmen des gewöhnlichen Volks zu hören.

Mehr noch als die ewige, unveränderliche Wahrheit betont der Buddhismus die Bedeutung der lernenden Weisheit, die durch die Verschmelzung des eigenen Lebens mit dieser Wahrheit erlangt wird. Mit anderen Worten werden wir ermutigt, zu der Wahrheit zu erwachen, die immer und überall gültig und unveränderlich ist – und so eine frei fließende Weisheit hervorzurufen, die auf die
unablässig sich entfaltende, uns umgebende Wirklichkeit antworten kann.

Persönlich glaube ich, dass die Quelle für Gautamas ungebundene Weisheit in seiner Haltung liegt, gewöhnlichen Bürgern und dem, was sie auf dem Herzen haben, Gehör zu schenken.

Stets ermutigte er die, die um ihn waren, sie mögen ihm jede Frage stellen, die ihnen wichtig wäre. Gautama Buddha verdient wahrlich, mit Sokrates als einer der großen Meister des Dialogs zu gelten. Er war ein Riese ohnegleichen auf dem Felde der humanistischen Erziehung, der die Menschen durch einen kontinuierlichen Prozess von Dialogen anleitete.

Als zum Beispiel eine Mutter, die ihr geliebtes Kind verloren hatte, Gautama anflehte, ihr Kind zu retten, sagte er ihr, er könne ein Heilmittel für ihr Kind ersinnen, wenn sie ihm einige Senfsamen brächte. Doch, so fügte er hinzu, müssten diese aus einem Hause stammen, das der Tod noch nicht heimgesucht hätte. Die Mutter begann ihre verzweifelte Suche von Haus zu Haus, aber konnte natürlich kein Haus finden, in dem nie zuvor jemand gestorben war. Allmählich bemerkte die trauernde Mutter, dass sie mit ihrem Kummer nicht allein war, denn jedes Haus trug die gleiche Bürde der Trauer und des Verlusts. So beschloss sie, ihren eigenen Kummer zu überwinden und erwachte zu dem Streben, die fundamentalen Leiden der Menschen um Geburt, Älterwerden, Krankheit und Tod zu lösen. Diese  Geschichte illustriert – wie viele ähnliche – die Tiefe von Gautama Buddhas Einsicht in die Herzen der Menschen, seine Weisheit und das Mitgefühl, das er an den Tag legte, als er den Menschen half, ihre Lebensumstände zu verbessern.

Im Lotos-Sutra wird die Tugend, auf die Stimmen aller Menschen zu hören, in die Beschreibung des idealen Ausübenden des Sutra gefasst:

Er hört die unzähligen Arten von menschlichen Klängen /
und vermag sie zu verstehen. /
Er hört außerdem die Stimmen der Götter, /
die wunderbaren Töne ihrer Lieder, /
und er hört die Klänge von Männern und Frauen, /
die Klänge von Jungen und Mädchen, /
die Klänge der Kalavinka /
in den Bergen und Tälern und an den Flüssen /
und er hört auch alle Klänge anderer Vögel /
wie die des Jı¯vakajı¯vaka; /
er hört die verschiedenen qualvollen Klänge /
der vielen Qualen und Höllen, /
die Klänge der von Hunger und Durst getriebenen Hungergeister, /
wie sie um Trinken und Nahrung flehen /
[die Stimmen der Bodhisattvas und Buddhas, /
von der Avı¯ci-Hölle bis zum Akanishta-Himmel,] /
[…] Der Lehrer des Gesetzes, hier verweilend, /
hört sie alle, /
[…] und sein Hörsinn ist nicht geschädigt.6

Ich denke, dies ist ein Musterbeispiel von Menschenführung, das weit über die Grenzen religiöser Praxis hinausgreift und alle Gebiete menschlichen Strebens, einschließlich der Politik, Wirtschaft, Kultur und Erziehung, umfasst.

Der erste Präsident unserer Gemeinschaft, Tsunesaburo Makiguchi, war zugleich der Begründer unseres Werte schaffenden pädagogischen Systems (jap. so¯ka kyo¯ikugaku). Sein Widerstand gegen den japanischen Militarismus im Zweiten Weltkrieg führte dazu, dass er ins Gefängnis kam und sein Leben dort im Alter von 73 endete. Er war Rektor einer Grundschule, und ob er zu einem seiner Schüler oder seinen Gefängniswärtern oder einen der rüden Vernehmungsbeamten sprach, immer führte er seine Gespräche auf der Grundlage seines tiefen Gespürs für den Respekt vor der Menschlichkeit des anderen. Die bahnbrechende Weisheit in seinen Vorschlägen zu einer lebenslangen Erziehung und zu einer Umweltschutz-Erziehung auf lokaler Ebene, wie auch in seinen Bemühungen, die Stimmen der Mütter bei der Erziehung zu berücksichtigen – diese Weisheit entstammte seinem standhaften Bemühen, stets auf die Menschen zu hören und sie in den offenen Dialog einzubeziehen.

Der dritte Aspekt von Gautama Buddhas Weisheit bezieht sich auf die Frage der Wertschöpfung, denn nur die Weisheit ermöglicht uns, den vollsten Gebrauch von Wissen zu machen. Als junger Prinz, der auf das Regieren vorbereitet wurde, studierte Gautama viele Fachbereiche, darunter Astronomie, Medizin, Recht, Wirtschaft, Literatur und Kunst. „Er lernte eine Wissenschaft nicht, um bei anderen Leid zu verursachen, sondern studierte nur das Fach, das wohltätig war.“7 Das war offenbar die Tradition, in welcher die Könige des Shakya-Clans ausgebildet wurden.

Am tiefsten beeindruckt mich an Gautamas Studien, dass er vollständigen Gebrauch von allem machen konnte, was er in seiner Jugend gelernt hatte, als er später umherzog, um die Menschen vom Leid zu erlösen. Deshalb konnte er immer, ob er mit Königen, Bauern oder Mitgliedern der damals aufkommenden Klasse der Kaufleute sprach, die geeignetsten Gleichnisse und Argumentationsketten finden, mit denen er das Dharma erklärte. Er konnte die Weisheit seines Zuhörers erwecken, indem er in Übereinstimmung mit den Fähigkeiten der betreffenden Person lehrte. Immer verschrieb er gleichsam die richtige Medizin für die jeweilige Krankheit.

Heute stehen wir an Scheidewegen, sehen uns der entscheidenden Frage gegenüber, ob unsere rapide anwachsende wissenschaftliche Kenntnis, so machtvoll symbolisiert durch die Atomenergie und die Gentechnologie, zum Glück der gesamten Menschheit eingesetzt werden wird oder dazu, den Egoismus einzelner Menschen, Völker oder Staaten zu befriedigen. Unsere heutige Welt, in der die
Nuklearwaffen weiterhin der Abschaffung harren und wir immer noch Geiseln der nuklearen Abschreckung bleiben, ist in meinen Augen die traurige und erbärmliche Gestalt einer Menschheit, die unfähig ist, sich über ihre egoistische Natur zu erheben und daher den Kräften der Gewalt und des Militarismus anheimfällt.

Andernorts in den Lehren des Buddha finden wir die Mahnung, dass man „zum Meister seines Herzens werden solle, anstatt sich von seinem Herzen meistern zu lassen.“8 Das bedeutet, dass man sich weder von den negativen Einwirkungen von Gier und Gewalt beherrschen lassen noch versuchen soll, gegen jede Vernunft die natürlichen Begehren auszulöschen. Viel eher bedeutet es, als Meister seines Geistes diese potenziell destruktiven Tendenzen in Richtung Wertschöpfung an und umzuleiten. Meister seines Geistes zu sein, heißt die Weisheit zu kultivieren, die in den inneren Nischen unseres Lebens wohnt und nur dann im unerschöpflichen Überfluss hervorquillt, wenn wir von dem mitfühlenden Entschluss geleitet werden, der Menschheit zu dienen, den Menschen zu dienen. Mit dieser Weisheit verdient das umfassende, ozeanische Mitgefühl Gautama Buddhas unsere Aufmerksamkeit.

Der erste Aspekt dieses Mitgefühls, über den ich sprechen möchte, ist die Vorstellung, dass die gemeinsame Mission der Menschheit im Kosmos in der Ausübung des Mitgefühls liegt. Für mich ist es klar, dass für Gautama das Universum selbst die Verkörperung des Mitgefühls ist. Sein eigenes Verhalten war eine stete Manifestation dieses ursprünglichen Mitgefühls.

Alle Phänomene im Universum existieren innerhalb von sich gegenseitig unterstützenden Beziehungen, was der Buddhismus als „bedingtes Entstehen“ bezeichnet. Nach dieser Ansicht existiert nichts ohne Sinn und nichts wird vergeudet. Indem es diese „Fäden“ der gegenseitigen Abhängigkeit miteinander verwoben hat, hat das Universum das Leben, einschließlich des menschlichen Lebens, auf diesem Planeten entstehen und wachsen lassen.

Die buddhistischen Ansichten zu diesem Thema stimmen mit denen der modernen Astronomie überein, insofern sie die weitere Existenz eines aktiven, intelligenten Lebens im Universum annehmen. Aus dieser Perspektive können wir den Kosmos als schöpferische Lebensform begreifen, als Verkörperung eines unschätzbar großen Mitgefühls.

So finden wir auch Gautama auf seiner letzten Reise, die ihr Ziel vermutlich in seinem Geburtsort hatte, und wiederholt äußerte er sein Empfinden für die Schönheit und seine Freude beim Anblick der Dörfer und grünen Wälder entlang seines Weges. Das Mitgefühl des Buddha, der bei seinem lebenslangen Streben nach Frieden und Glück gewaltige Gebiete durchzog, fand seinen Nachhall im ewigen Rhythmus des Mitgefühls, der dem Universum selbst innewohnt.

In unserem Zeitalter kann man eine zentrale Krise, in der die Menschheit sich befindet, als Verlust des Lebenssinns bezeichnen. Wir sind ohne Antworten auf so wesentliche Fragen wie: Was ist der Mensch? Wozu leben wir? Verzehrt von unserem ungestillten Durst nach Sinn wandern wir ziellos umher, entfremdet von Gesellschaft, Natur und Kosmos.

Der Buddhismus lehrt uns, dass der Zweck der Ankunft des Menschen auf der Erde darin liegt, aktive Teilnehmer am mitfühlenden Wirken des Universums zu sein und so dessen schöpferische Dynamik zu bereichern und zu erhöhen, indem wir unser Leben im umfassendsten Sinne ausleben. Mit anderen Worten ist die Botschaft Gautama Buddhas, dass mitfühlendes Handeln, welches alle Lebensformen entstehen lässt und sie zu Glück und schöpferischer Entwicklung hinleitet, eben die Mission ist, mit der wir vom Kosmos betraut sind. Wenn wir uns dieser Mission bewusst sind und an deren Erfüllung arbeiten, dann können wir uns der Erfahrung von echtem Sinn erfreuen.

Das buddhistische Verständnis des Mitgefühls kann, dessen bin ich gewiss, dazu dienen, eine neue Kultur der Symbiose aufziehen zu lassen, die auf dem Respekt für den Menschen gründet, und sie kann eine neue Beziehung zur Natur aufkommen lassen, eine des gemeinsamen Erblühens der Menschheit und der globalen Umwelt.

Außerdem ermutigt es zu jener Art von altruistischer Handlung oder Bodhisattva-Praxis, die als einzige die Menschheitsgeschichte von der Teilung zur Einheit zurückführen kann, von der Konfrontation zur Harmonie, vom Krieg zum Frieden.

Der zweite Aspekt von Gautama Buddhas Mitgefühl, den ich hier betrachten möchte, liegt in seiner Mahnung, dass wir allzeit eine Himalaya-gleiche Gelassenheit und Zuversicht an den Tag legen mögen. Der Aufbau eines festen und unerschütterlichen Selbst ist die notwendige Grundlage für wahres Mitgefühl. Der weitherzige und mitfühlende Lebenszustand des Buddha, der auf das Glück aller
Lebewesen ausgerichtet ist, erinnert mich an nichts weniger als die herrlichen Gipfel des Himalaya, die selbst von den wildesten Stürmen unbeeinflusst bleiben. In einer seiner Lehren sagte der Buddha: „Gute leuchten schon von ferne, wie die schneeigen Bergeshöhen; Schlechte aber sind wie Pfeile, die man nachts schießt, nicht zu sehen.“9 Für mich besagt dies, dass diese steil aufsteigenden Berge mit ihren schneebemäntelten Gipfeln in Gautamas Geist sehr präsent waren, als er sein eigenes Menschenideal ausformte.

Wie viele Denker festgestellt haben, werden menschliche Gesellschaften mit allen Vor- und Nachteilen beweglicher und veränderbarer, je energischer sie sich für Freiheit und Gleichheit einsetzen. Daher ist die Ausprägung einer festen Identität und eines Ziels umso unerlässlicher. Ohne diese Arbeit kann man sich nur allzu leicht in sinnlosen Vergleichen mit anderen verlieren und der Eifersucht
und Feindseligkeit anheimfallen. In jedem Zeitalter hängen Frieden und gesellschaftliche Stabilität letztlich von den Handlungen der Menschen ab, die inmitten sich verändernder Umstände ein stetes, unerschütterliches Selbst bewahren.

Ich denke, dass es womöglich noch nie ein Zeitalter gab, das mehr als das unsrige danach verlangt. Daher bin ich der Meinung, dass Gautama Buddhas letzte Mahnung an seine Schüler „Vertraut auf euch selbst, vertraut auf das Gesetz [Dharma]“10 zugleich eine Botschaft an die Menschheit als ganze ist, uns aber auch ermutigt, ein unerschütterliches „größeres Selbst“ zu errichten, das mit dem kosmischen Dharma verschmilzt.

Am Ende möchte ich noch einige Leitlinien für unser Handeln erörtern, die Gautama Buddha uns hinterlassen hat und die meiner Meinung nach durch den Satz „Suche das Glück für dich und andere“ ausgedrückt werden können. Zweifellos war die größte Errungenschaft auf dem Gebiet der Menschenrechte in der Moderne die Forderung, dass die Unverletzlichkeit des Einzelnen respektiert werden muss. Das Problem der Menschenrechte kann aber nicht allein durch institutionelle Maßnahmen gelöst werden. Vielmehr hat die zielstrebige Ausrichtung der gegenwärtigen Menschheit auf unsere persönlichen Rechte uns dazu gebracht, die Existenz der anderen zu vergessen. Und ironischerweise unterminiert dies die Grundlage unseres eigenen Seins. Gautama Buddha beschrieb die Beziehung zwischen dem Selbst und den anderen mit diesen Worten:

„Die Menschen können nichts Kostbareres als sich selbst finden. Auf gleiche Weise achten auch die anderen sich selbst. So wird der, der sich selbst achtet, aus dem Wissen um die Selbst-Liebe davon absehen, anderen zu schaden.“11

Er erkannte, dass für die Menschen nichts wichtiger ist als man selbst. Dementsprechend können wir, sofern wir uns nur aufrichtig in die Situation anderer Menschen versetzen, naturgemäß deren Wert und Geltung begreifen. Der erste Schritt in Richtung zum Mitgefühl besteht darin, uns an die Stelle der anderen zu versetzen und voller Einfühlung die Wirklichkeit ihrer Existenz anzuerkennen.

Ich glaube nicht, dass ich der einzige bin, der spürt, dass hier in der Tat die „gute Medizin“ liegt, die das tiefe Gefühl der Isolation mildern kann, welches die moderne Menschheit betrifft.

Nachdem er Erleuchtung erlangt hatte, unterzog sich der Buddha einem nervenzehrenden Prozess der inneren Kämpfe und Zweifel, ob er das Dharma anderen darlegen sollte oder nicht. Er wusste: Wenn er es täte, sähe er sich ohne jeden Zweifel der Kritik und der Verfolgung ausgesetzt, die aus der Unfähigkeit der Menschen erwachsen würde, seine Botschaft zu begreifen. Er fasste daher die Möglichkeit ins Auge, still zu bleiben und in ruhiger Einsamkeit die Freuden seines erleuchteten Zustandes zu genießen.

Nach der buddhistischen Tradition erschien Brahmadeva12 vor Gautama und flehte ihn an, das Dharma zu predigen um des Heils all jener Menschen willen, die zwischen Fortschreiten und Rückzug, Glück und Sorge, Sieg im Leben und Niederlage schwankten. Dieses „Drängen Brahmadevas“ erweckte in Gautama ein Gespür für den „anderen“ und hatte die Geburt eines wirklichen Buddha zur Folge, der sich vollständig der Erschaffung eines unzerstörbaren Glücks für sich selbst und für andere widmete.

An anderer Stelle finden wir die folgenden Worte: „Weil alle Lebewesen der Krankheit unterworfen sind, bin auch ich krank.“13 Die Schreie der Menschen, welche die Leiden von Geburt, Altern, Krankheit und Tod ertragen, hallten stets in Gautama Buddhas Ohren wieder. Seine Botschaft für uns, die Zeit und Raum transzendiert, lautet: „Lass den anderen in dir neu erstehen und genießt gemeinsam das größte Glück!“

Der japanische buddhistische Lehrer Nichiren, der im 13. Jahrhundert lebte, gibt uns in seiner Auslegung des Lotos-Sutra die folgende Antwort: „Wir selbst und andere werden zusammen Freude darüber empfinden, Weisheit und Mitgefühl zu besitzen.“14 Diese Botschaft führt zugleich zum Konzept der Menschenrechte der dritten Generation, zu denen das Recht auf eine friedliche internationale Ordnung und auf eine gesunde natürliche Umgebung gehört. Diese Solidarität des Humanismus ist der Schlüssel – dessen bin ich sicher – zum allgemeinen Wohlstand für die gesamte Menschheit, verwirklicht durch den Aufbau und Fortschritt der so reichhaltigen und einzigartigen menschlichen Gesellschaften, die unseren Planeten schmücken.

Jeder von uns hat eine tiefe Lebensaufgabe. Es ist meine Hoffnung und meine Zuversicht, dass wir, wenn wir nur die Schwingen von Weisheit und Mitgefühl ausbreiten, uns in den Himmel einer Zukunft erheben, die durch Frieden und Ehrfurcht vor dem Leben gekennzeichnet ist.

Als Ausdruck meines tiefen Wunsches, dass die Zukunft voller Hoffnung, Gesundheit und Glück sein möge, möchte ich Worte des nepalesischen Nationaldichters zitieren: von Madhav Ghimire, den ich zutiefst bewundere. Sein Gedicht trägt den Titel Jugend:

Die ersten Strahlen des Lichts auf schneebedeckten Gipfeln,
und neuer, frischer Schwung kommt in des Helden Armen auf,
ergreife, du Jugend, des neuen Tages Strahlen.
Beginn’ durch deine Berührung eine neue Welle,
und mit deinen Fingern erwecke die Welt
zu neuem, pulsierendem Leben!15

 

 

 

1 Gautama Buddha ist der Name mit dem Shakyamuni Buddha in Nepal benannt wird. Gautama ist Shakyamunis Familienname.

2 B. K. Sama, „Adieu, Adieu, O World“, Modern Nepali Poems (Kathmandu, 1972), S. 70.

3 Sagarmatha, der nepalesische Name für den Mount Everest, den höchsten Berg der Welt, bekannt auch unter dem tibetischen Namen Chomolungma, gelegen im Himalaya an der nepalesisch-chinesischen Grenze.

4 A. Peccei und D. Ikeda, Before it is Too Late, hrsg. v. R. L. Gage (Tokio, 1984), S. 116.

5 Die Schriften Nichiren Daishonins, (Tokio, 2014), S. 352.

6 Lotos-Sutra, übers. v. M. Deeg (Darmstadt, 2009), S. 265 f.

7 Ashvaghosha, The Buddhacarita; or, Acts of the Buddha, übers. V. E. H. Johnston (Delhi, 1992), S. 27.

8 Die Schriften Nichiren Daishonins, (Tokio, 2014), S. 487.

9 Dhammapada, Nachdichtung von H. Much (Hamburg, 1920), Strophe 304.

10 Vgl. The Long Discourses of the Buddha, übers. v. M. Walshe (Boston, 1995), S. 245.

11 Vgl. Fumio Masutani, Budda no Kotoba (Tokio, 1988), S. 79.

12 Brahmadeva, sanskrit Brahma¯, japanisch Bonten.

13 The Vimalakirti Nirdesa Sutra, übers. v. L. K’uan Yü (Berkeley, 1972), S. 50.

14 The Record of Orally Transmitted Teachings (Tokio, 2004), S. 146.

15 M. P. Ghimire, „Youth“, Modern Nepali Poems (Kathmandu, 1972), S. 229.

 

 

Aus: Humanismus. Ein buddhistischer Entwurf für das 21. Jahrhundert