AUSGEWÄHLTE THEMEN

ERLÄUTERUNGEN VON SGI-PRÄSIDENT DAISAKU IKEDA
Geschlechtergleichstellung im Buddhismus

Das Lotos-Sutra lehrt, dass alle Lebewesen die Welt der Buddhaschaft besitzen. Dort gibt es nicht die blasseste Spur einer Diskriminierung von Frauen. (…) Wenn es Männer gibt, die die Erleuchtung von Frauen leugnen, leugnen sie die Möglichkeit ihrer eigenen Erlangung der Buddhaschaft. (…) Andere wie auch immer zu diskriminieren bedeutet, sein eigenes Leben zu diskriminieren. (…) In einer streng diskriminierenden Gesellschaft ließ Shakyamuni es nicht zu, dass seine Handlungen durch Unterschiede in Klasse, Geschlecht, Geburt, Laientum oder Orden beeinflusst würden. Daher sahen konservative Elemente der Gesellschaft, die den Status quo erhalten wollten, in ihm eine gefährliche Person. (…) Egal ob Mann oder Frau: Ob jemand nobel oder gemein ist, hängt nur davon ab, was diese Person getan hat. Es sind die Taten und die Aufrichtigkeit einer Person, die zählen. Das ist Shakyamunis Geist. (…)

Das Lotos-Sutra lehrt, dass Männer und Frauen in ihrer Erleuchtung und in ihrer Ausübung gleich sind. (…) Das kommt einer Erklärung gleich, dass Männer und Frauen gleichermaßen qualifiziert sind, das Gesetz anstelle des Buddhas zu lehren. Im dreizehnten Kapitel des Lotos-Sutra verleiht Shakyamuni einer Menge von Frauen Prophezeiungen ihrer zukünftigen Erleuchtung. Und die Menschen, vor denen sich Bodhisattva Niemals Verachtend (jap. Fukyo) in seiner Verehrung für ihre innewohnende Buddhanatur mit den Worten verbeugt „Ich verehre Sie zutiefst, niemals würde ich es wagen, Sie mit Verachtung oder Arroganz zu behandeln“ (LS 20, 266f), umfassen männliche wie weibliche Laien, Priester wie Nonnen. Hier wird selbstverständlich vorausgesetzt, dass Frauen gleichermaßen die Buddhaschaft erlangen können. (…)

Statt einer Situation, in der das eine oder andere Geschlecht die Gesellschaft dominiert, wird es in Zukunft notwendig sein, eine völlig neue Zivilisation zu entwickeln, in der es Ausgeglichenheit und Harmonie zwischen den Geschlechtern gibt. (…) Es ist eine Tatsache, dass die Bilder von „Männlichkeit“ und „Weiblichkeit“, die wir in unserem Bewusstsein haben, tief von kulturellen Traditionen beeinflusst sind, die sich über lange Zeiträume entwickelt haben. Und der Einfluss dieser Traditionen durchdringt jeden Aspekt des gesellschaftlichen Sozialethos, einschließlich der Sprache, der Religion, der Organisationsform, der Erziehung und der akademischen Welt. Es erscheint mir daher nicht so wichtig, dass die Gesellschaft ein bestimmtes Modell liefert, wie Männer und Frauen sich verhalten sollten. Zuerst sollten die Menschen hart daran arbeiten, als anständige menschliche Wesen zu leben und anderen gestatten, das selbe zu tun. (…)

Auch im Buddhismus gibt es verschiedene Erklärungen über die Rollen von Männern und Frauen. Aber diese sind natürlich eingefärbt von den Ansichten jener Männer und Frauen, die zu jener Zeit und in der Gesellschaft vorherrschten, in der diese Lehren verbreitet wurden. Man kann sie nicht als allgemein gültig ansehen. Wichtig ist, dass Männer und Frauen als menschliche Wesen glücklich werden. Glücklich zu werden ist das Ziel, alles andere ist ein Mittel. Jedes Mal, wenn jemand beschließt, wie die Menschen sein sollten, egal wie richtig der Gedanke erscheinen mag, frage ich mich was es nützt, wenn die Menschen bei Umsetzung desselben unglücklich werden. Es ist auch nicht möglich, dass ein Geschlecht auf Kosten des anderen glücklich wird. (…)

Vom Standpunkt der Ewigkeit des Lebens sind die Unterschiede zwischen Mann und Frau nicht in Stein gemeißelt. Stattdessen können wir in einem Leben als Mann und im nächsten Leben als Frau geboren werden. Außerdem besitzen alle Menschen männliche und weibliche Seiten. (…) Das Drachenmädchen, der man praktisch keine Chance zur Erlangung der Buddhaschaft zusprach, weil sie eine Frau war, sehr jung war und den Körper eines Tieres hatte, war in Wirklichkeit die erste, die die Buddhaschaft in der gegenwärtigen Form erlangte. Das ist sehr bedeutsam. Die Erlangung der Buddhaschaft des Drachenmädchens in einer unterdrückerischen und diskriminierenden Gesellschaft kommt einer schallenden Erklärung der Menschenrechte gleich. (…)

Der grundlegende Punkt der „Frauenrechtserklärung“ im Lotos-Sutra ist der, dass jede Person das innewohnende Potential und das Recht besitzt, einen Lebenszustand des höchsten Glücks zu verwirklichen. Indem wir ein solches Glück verwirklichen, wird sichergestellt, dass diese edle Geschichte von Opfer und Kampf nicht vergeblich war. Sie hat zum Ziel, dass jede Person sich wie das Drachenmädchen auf eine Reise zur Erlangung des absoluten Glücks macht, während sie jenen, die auf der See des Leidens treiben, dabei hilft, das selbe zu tun – ohne dass irgendjemand dafür geopfert werden muss. „Alle Frauen haben das Recht, glücklich zu werden. Sie müssen unfehlbar glücklich werden.“ Das ist der Geist des Lotos-Sutras. (…) Das Land, in dem das Drachenmädchen die Erleuchtung erlangt und andere zum Glück führt, heißt Unbefleckte Welt, was sagen will: Wenn eine Frau die Erleuchtung erlangt, dann wird dadurch ihre Umgebung in eine Welt der Reinheit und Schönheit verwandelt. Eine Solidarität unter Frauen, die zur Hoheit ihres eigenen Lebens erwacht sind, wird zweifellos den Grundtenor eines Zeitalters und den Charakter einer Zivilisation verändern. Die Mitglieder der Frauenabteilung und der Jungen Frauen der Soka Gakkai sind bei der Entwicklung einer solchen Solidarität die Pionier*innen und ihr Kern. Sie sind unendlich verehrungswürdig. Sie sind wirklich unersetzliche Individuen, die auf die Erwartungen der Menschen weltweit eine Antwort geben können. Der indische Dichter Rabindranath Tagore (1861–1941) charakterisierte die moderne Zivilisation als eine von Männern dominierte „Zivilisation der Macht“ und sehnte sich nach der Entwicklung einer „Zivilisation des Geistes“, die durch die Bemühungen der Frauen entsteht und auf Mitgefühl beruht. (…)

In diesem Sinn enthält das Devadatta-Kapitel viele wichtige Anregungen, wie man das Mark und die Struktur der modernen Zivilisation verwandeln kann. Einfach gesagt ist es ein Wechsel von einer materiellen Zivilisation zu einer Zivilisation des Lebens und von einer Gesellschaft der Machtsteuerung zu einer Gesellschaft der Kooperation und des Mitgefühls. (…)

Mitfühlend alle lebenden Wesen wie die eigenen Kinder zu umfangen, das ist ein Lebenszustand, den zu erlangen sich alle Menschen, Männer wie Frauen, bemühen sollten. Darin liegt die wahre Bedeutung der Erleuchtung des Drachenmädchens für die Zivilisation und für unsere Zeit.


Auszüge aus: Dialoge über das Lotos-Sutra, Band 3.

Lotos-Sutra
Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus und mitten in einem grassierenden Mangel an Philosophie richtet nun die Menschheit ihren Blick über die Gegenwart hinaus und sucht nach einer kraftvollen, neuen Philosophie. Die Menschen suchen nach etwas, das ihr spirituelles Vakuum füllen kann, etwas, das ihr ausgelaugtes, angeschlagenes Leben neu belebt und das sie wieder mit Hoffnung und Kraft erfüllt. Die Menschheit sucht nach einer Weisheit, die dem Individuum und der Gesellschaft eine richtungsweisende Perspektive und einen echten Lebensinhalt bieten kann. (…)

Manche Leute sagen, die vorherrschende Stimmung auf der Welt sei ein Gefühl der Ohnmacht. Wie auch immer, wir sind uns alle bewusst, dass es nicht so weitergehen kann wie bisher. Doch die Entscheidungen über politische, wirtschaftliche und ökologische Belange scheinen irgendwo außerhalb unseres Einflussbereichs getroffen zu werden. Was kann ein einzelner Mensch schon tun angesichts der riesigen Institutionen, die unsere Welt regieren? Das Gefühl der Ohnmacht treibt uns in einen Teufelskreis, der die Situation und das Gefühl der Sinnlosigkeit nur noch verschlimmert. Die Philosophie des Lotos-Sutras steht im vollkommenen Gegensatz zu diesem Ohnmachtsgefühl. Sie lehrt, dass ein einziger Lebensmoment dreitausend Lebensbereiche umfasst (Ichinen Sanzen)7 und wie man dies im täglichen Leben anwendet. Das Prinzip von einem dreitausend Lebensbereiche umfassenden Lebensmoment lehrt uns, dass die innere Entschlossenheit (Ichinen) eines Individuums alles verändern kann. Es ist eine Lehre, die dem unendlichen Potenzial in jedem Leben und dessen Würde den höchsten Ausdruck verleiht. (…)

Heute, in den Jahren nach dem Ende des Kalten Krieges, leben wir in einem „Interregnum der Philosophie“. Eine Philosophie, die uns führen könnte, fehlt. Deshalb ist es genau jetzt an der Zeit, über das Lotos-Sutra zu sprechen, das seit Langem als König der Sutras bekannt ist. (…)

Die Religion muss immer für die Menschen da sein, nicht die Menschen für die Religion. Das muss die grundlegende Regel für die Religion im nächsten Jahrhundert sein. (…)

Dem Menschen höchsten Wert beizumessen ist die Lehre des Lotos-Sutras. Das ist der Humanismus des buddhistischen Gesetzes.(…)

Das ist genau der Grund, weshalb jeder Einzelne von uns mit der Wiederbelebung, mit der Revolution seiner Menschlichkeit beginnen
muss, einer nach dem anderen, wo auch immer wir uns befinden. Das meinen wir mit der Revolution der Gesellschaft und der Welt durch die menschliche Revolution. Das ist die Lehre des Lotos-Sutras. Und alles, was wir für dieses Ziel tun, ist identisch mit der Weisheit des Lotos-Sutras. (…)

Eigentlich ist das Lotos-Sutra eine Schrift, dessen wahre Größe gerade in solchen Zeiten des Umbruchs hervortritt. (…)

Zu Shakyamunis Lebzeiten führte in Indien das Wachstum der Städte zu einer Überschreitung der alten Stammesaufteilungen. Ein neues Zeitalter entstand, in dem die Menschen in neuen symbiotischen Beziehungen zusammenlebten. In dieser Zeit herrschte eine große intellektuelle Verwirrung. Alles Erdenkliche wurde gelehrt: vom reinen Materialismus über Hedonismus bis zur Askese. (…)

Später verbreiteten der große Lehrer T’ien-t’ai in China und Nichiren Daishonin in Japan die Lehren des Lotos-Sutras jeweils zu Zeiten, als die Menschen nicht mehr wussten, worauf sie sich verlassen und woran sie glauben sollten, weil die Religionen sich in einem chaotischen Zustand befanden. Sie stellten sich mutig und direkt den Problemen ihrer Zeit und ihrer jeweiligen Gesellschaft. Man könnte sagen, das Lotos-Sutra war ein einigendes Banner, unter dem sie in diesen spirituell chaotischen Zeiten ihre Kämpfe führten. (…)

Das Lotos-Sutra erläutert die eigentliche Bedeutung der Lehre. Es ist der König der Sutren. Ein König verleugnet die Existenz der anderen nicht, seine Rolle ist es, das volle Potenzial aller hervorzubringen. (…)

Das Lotos-Sutra lehrt, dass der „große verborgene Schatz im Herzen“ so groß ist wie das Universum selbst und alle Gefühle von Ohnmacht vertreibt. Es lehrt eine kraftvolle Lebensweise, in der wir das ungeheure Leben des Universums selbst atmen. Es lehrt das wahrhaft große Abenteuer der Selbstveränderung. (…)

Das Lotos-Sutra besitzt die Weite und Größe, alle Menschen auf dem Weg zum Frieden mitzunehmen. Es besitzt den Duft großartiger Kultur und Kunst. Es führt uns zu einem unübertroffenen Lebenszustand, der mit den Eigenschaften von Ewigkeit, Glück, wahrem Selbst und Reinheit durchtränkt ist. Wo immer wir dann sind, können wir sagen „Dieses, mein Land bleibt sicher und geschützt“ (Lotos-Sutra, Kapitel 16, 230). (…)

Das Lotos-Sutra enthält das Drama des Kampfes für Gerechtigkeit und gegen das Böse. Es besitzt eine Wärme, die sorgenvollen Menschen Trost spendet. Es besitzt einen lebendigen, pulsierenden Mut, der die Angst vertreibt. Es besitzt einen Chorus der Freude darüber, dass man durch die drei Existenzen22 hindurch absolut frei leben kann. Es besitzt den Höhenflug der Freiheit. Es besitzt strahlendes Licht, Blumen und Grün, Musik, Malerei, lebendige Geschichten. Es stellt unübertroffene Lektionen bereit: über Psychologie, das Wirken des menschlichen Herzens, über das Leben, über das Glück und über den Frieden.

Es zeichnet die grundlegenden Regeln für Gesundheit auf. Es erweckt uns zu der universalen Wahrheit, dass eine Veränderung in unserem Herzen oder in unserer Einstellung alles verändern kann. Es ist weder die verdorrte Wüste des Individualismus noch das Gefängnis des Totalitarismus. Es besitzt die Kraft, ein reines Land des Mitgefühls zu manifestieren, in dem die Menschen sich gegenseitig ergänzen und ermutigen. Sowohl der Kommunismus als auch der Kapitalismus haben Menschen als Mittel für ihre eigenen Zwecke missbraucht. Aber im Lotos-Sutra – dem König der Sutren – finden wir einen grundlegenden Humanismus, in dem die Menschen der Zweck und das Ziel sind, in dem sie sowohl Hauptperson als auch Herrscher sind. Vielleicht könnten wir diese Lehre des Lotos-Sutras als „kosmischen Humanismus“ bezeichnen. (…)

Jede Stelle und jeder Satz des Lotos-Sutras ist eine Lehre über mich selbst, das Wesen des Mystischen Gesetzes. Das Sutra spricht nicht über etwas, das weit von unserem Leben entfernt ist. (…)

Ich möchte (…) diese herausfordernde Entdeckungsreise zur „Weisheit des Lotos-Sutras“ für das kommende Zeitalter antreten. Es ist eine Reise zu der Wahrheit, dass wir selbst Buddhas sind. Das Leben ist eine endlose Odyssee in das innerste Allerheiligste unseres eigenen Lebens.


Auszüge aus: Dialoge über das Lotos-Sutra

Nichiren
Um 1258, im zweiten Jahr der Shoka-Periode, machte sich ein einsiedelnder Mönch auf den Weg von Kamakura nach Suruga (die heutige Präfektur Shizuoka). In seinen Augen konnteman eine tiefe Traurigkeit erkennen. Der Name dieses Mönchs war Nichiren. Er besuchte Jisso-ji, einen buddhistischen Tempel der Tendai-Schule, der bei Iwamoto in Suruga gelegen war. Dieser Tempel besaß eine komplette Sammlung der buddhistischen Schriften. In der Tempelbibliothek las sich Nichiren sorgfältig durch die Texte dieser Lehren, durch jede Schriftrolle. Er war entschlossen, hier einen dokumentarischen und theoretischen Beweis dafür zu finden, dass die grundlegende Ursache für dieses fortwährende Hereinbrechen von Naturkatastrophen, Seuchen und Hungersnöten in einer Verwirrung im religiösen Bereich lag, im spirituellen Fundament der Gesellschaft. Tag für Tag blieb er in der Bibliothek und vertiefte sich in die Sutras. Als er auf das Daijikkyo (der Großen Sammlung von Sutras) stieß, leuchteten seine Augen: Hier vor ihm war eine genaue Beschreibung der Naturkatastrophen, die sich bei einem Verfall des Buddhismus ereignen würden. Es passte bis aufs Detail zu dem, was er seit dem großen Erdbeben von 1257 erlebt hatte. „Es ist genau so wie es dort steht!“, rief er. Nichiren war sich sehr wohl bewusst, dass der Buddhismus verfiel, und darüber war er sehr traurig. Da es in Kamakura von Tempeln buddhistischer Schulen nur so wimmelte, konnte man den Eindruck gewinnen, der Buddhismus erlebe eine Blütezeit. Doch weder der ursprüngliche Buddhismus, den Shakyamuni lehrte, noch irgendeine Spur seiner geistigen Hinterlassenschaft waren dort noch zu finden.

Die Sutren gaben die wahren Lehren von Shakyamuni sehr deutlich wieder. Im Muryogi-Sutra (Sutra der unermesslichen Bedeutungen), das als Prolog zum Lotos-Sutra dient, erklärt Shakyamuni zum Beispiel: „In diesen mehr als vierzig Jahren habe ich noch nicht die Wahrheit offenbart.“ Dies stellt klar, dass von den fünf Jahrzehnten seines Predigens etwa die ersten vierzig Jahre dem Verkünden von vorbereitenden Lehren gewidmet waren, in denen Shakyamuni noch nicht die Wahrheit offenbart hatte. Das Lotos-Sutra hingegen lehrt das wahre Wesen des Lebens in all seiner Vollständigkeit. Diese Lehren vor dem Lotos-Sutra waren vorläufig, sie verwendeten Beispiele und Gleichnisse, um eine Teilansicht der Lebenswirklichkeit zu beleuchten. (…)

Auf Jisso-ji gab sich Nichiren völlig der Lektüre der Sutras hin – einem Sutra nach dem anderen. Das Studium dieser Texte überzeugte ihn absolut: Jene Katastrophen und Unglücke, die momentan über Japan hereinbrachen, wurden dadurch verursacht, dass praktisch die gesamte japanische Bevölkerung dem Lotos-Sutra den Rücken zugekehrt hatte! Glaubensgrundsätze haben einen großen Einfluss auf unser Leben. Nehmen wir zum Beispiel einmal an, wir würden Freundschaft mit jemand schließen. Wir halten ihn für gut, aber eigentlich hat er einen schlechten Ruf. Wenn wir uns mit diesem Menschen zusammentun, dann könnten auch wir unversehens einen Weg in Richtung Böses beschreiten.

Umso größer ist das Problem bei Religionen, denn eine Religion formt die Art und Weise, wie Menschen denken und handeln, auf einer fundamentalen Ebene. Ein Glaube an eine irrige religiöse Lehre kann den Geist der Menschen benebeln und sie zum Opfer ihrer Begierden werden lassen – sie kann den Menschen selbst den Lebenswillen rauben. Dies hat natürlich Auswirkungen auf die Gesellschaft, die ein Produkt des menschlichen Verhaltens ist: Konflikte, Verwirrung und Stagnation finden dadurch eine offene Tür. Das Prinzip der Einheit von Selbst und Umgebung sowie die Lehre, dass ein einziger Lebensmoment dreitausend Bereiche besitzt, machen es deutlich: Disharmonie in den Herzen und Köpfen der Menschen und Wirrnisse in der Gesellschaft sind ein und dasselbe und untrennbar. Solche Störungen beeinflussen auch die natürliche Umgebung. Der Buddhismus lehrt also, dass das Universum im Grunde ein einziges lebendes Wesen ist, und dass Mensch und Natur, also auch unsere physische Umgebung, gegenseitig voneinander abhängen und miteinander in Beziehung stehen.

Nichiren schloss aus alledem, dass der einzige Weg, wie die Menschen sich vom Leiden befreien konnten, darin lag, alle irrigen Lehren aufzugeben und ihr Leben auf solche zu gründen, die wahr und korrekt sind. Des Weiteren fand er bei der Lektüre der Sutras starke Hinweise darauf, dass zwei der in den Schriften beschriebenen drei Unglücke und sieben Katastrophen sich noch nicht ereignet hatten: Interner Aufruhr und eine Invasion von außen. Diese beiden würden bald mit aller Wucht dieses Land heimsuchen. Nichiren fiel ein, dass auch die Priester der anderen buddhistischen Schulen diese Sutras gelesen haben mussten. Doch es war ihnen nicht gelungen, aus ihnen die grundlegende Ursache für das Unglück zu herauszulesen, das die Gesellschaft so quälte. Dies verstärkte nur die Tatsache, dass sie darin versagten, sich auf die Sutras zu stützen. Sie hatten auch die innere Einstellung verloren, sich direkt mit den Leiden der Menschen auseinanderzusetzen oder einen Weg zu suchen, diese zu lindern.

Die Tendai, Shingon, Kegon, Ritsu und die anderen Schulen des etablierten Buddhismus gaben sich lediglich damit zufrieden, offiziell von der Regierung für das Abhalten von Zeremonien zum Schutz der Nation eingesetzt zu werden. Und die neueren Schulen wie Zen und der Reines-Land-Buddhismus sorgten sich nur um die Gunst der führenden Regierungsmitglieder. Alle vermieden geflissentlich jegliche Diskussion oder Debatte über die Gültigkeit ihrer Lehren. Mit anderen Worten haben sich also Priester sehr unterschiedlicher Glaubensrichtungen, deren religiöse Grundhaltungen sich eigentlich widersprachen, entschlossen, über diese Widersprüche hinwegzusehen, und sich dann zusammen an den Rocksaum der Regierung gehängt, um von dort Unterstützung zu erhalten. Sie tranken alle tief aus dem Brunnen des offiziellen Schutzes, den die Regierung ihnen verlieh. Sie hatten die eigentliche Aufgabe der Religion völlig aus den Augen verloren: die Menschen zu retten. Die Regierung verlangte als Gegenleistung für diese Unterstützung, dass diese buddhistischen Schulen ihre politischen Entscheidungen mittrugen. So wurden Regierung und Religion unzertrennlich.

Nichiren schrieb seine Abhandlung Rissho Ankoku Ron (deutsch: Über das Etablieren der richtigen Lehre für Frieden im Land) aus dem Wunsch heraus, das Leiden der Menschen zu beenden. Er ließ sie am 16. Juli 1260 dem Herrscher Hojo Tokiyori überbringen, der zwar schon im Ruhestand, aber immer noch der mächtigste Mann in Japan war. Zugestellt wurde das Werk durch das Amt Yadoya Nyudos, eines Regierungsbeamten von Kamakura, der Tokiyori unterstand. Tokiyori war 1246 im Alter von 20 Jahren als Herrscher an die Macht gekommen. Schnell schlug er jegliche Opposition nieder und festigte die Macht des Hojo-Clans. Seine innovative Regierung arbeitete daran, die Korruption in der Kriegerklasse auszurotten. Zudem praktizierte er den Zen-Buddhismus, und im jungen Alter von dreißig Jahren trat er als Herrscher in den Ruhestand. Dafür gab er gesundheitliche Gründe an. Er trat dem Zen-Orden bei und bezog seinen Wohnsitz im Saimyo-ji, einem Tempel der Rinzai-Schule.

Obwohl er offiziell nicht mehr regierte, blieb Tokiyori doch so einflussreich wie zuvor, obwohl er nun hinter den Kulissen operierte. Er zeigte sich seit dem großen Erdbeben von 1257 wegen der Naturkatastrophen, Hungersnöte und Seuchen sehr besorgt, die das Land in den letzten Jahren heimsuchten. Man berichtet, er soll einst geklagt haben: „Ist das die Schuld der Regierung? Geschieht es deshalb, weil die Regierenden nur an ihren persönlichen Vorteil denken? Was für einen Irrtum haben wir begangen, dass Himmel und Erde so zornig auf uns sind? Was könnte das für ein Vergehen sein, dass die Menschen so sehr leiden müssen?“

Nichiren hatte wahrscheinlich die Berichte über Tokiyoris Beunruhigung gehört. Er hatte auch Tokiyori getroffen und mit ihm gesprochen, bevor er ihm die Rissho Ankoku Ron überreichen ließ. Was Nichiren über Tokiyori gehört und gesehen hatte, bewog ihn sicherlich dazu, sich Tokiyori als geeigneten Empfänger für seine formelle Anklage gegen die Staatsmacht auszuwählen. Der bedauernswerte Zustand der Gesellschaft und das Leid der Menschen veranlassten Nichiren, die Rissho Ankoku Ron zu verfassen, die folgendermaßen beginnt: „Einst sprach ein Reisender voll Kummer diese Worte zu seinem Gastgeber: In den letzten Jahren gab es ungewöhnliche Erscheinungen am Himmel und merkwürdige Ereignisse auf der Erde sowie Hungersnöte und Seuchen, die alle Gebiete des Kaiserreichs betreffen und sich im gesamten Land ausbreiten. In den Gassen liegen Ochsen- und Pferdekadaver und die Gebeine verstorbener Menschen füllen die Straßen.“ (Die Schriften Nichiren Daishonins, Band 1, Seite 7).

Dieses wirkliche menschliche Leid ist der Ausgangspunkt des Buddhismus, dessen Ziel es ist, eben dieses Leid zu lindern. Beim Schreiben der Rissho Ankoku Ron beschloss Nichiren, bei den Worten für „Land“ oder „Nation“ jenes chinesische Zeichen am allermeisten zu verwenden, das aus dem Piktogrammfür „Volk“ oder „die Menschen“ besteht, das wiederum von einem Rechteck umrahmt wird. Damit bevorzugte er diese Bedeutung und verwendete deshalb nicht so häufig die eigentlich geläufigeren Zeichen für „Land“, die einmal das Zeichen für Herrscher enthalten oder eine Hand, die eine Lanze hält, die ein Gebiet oder eine Grenze beschützt. (Beide Zeichen werden ebenfalls rechteckig eingerahmt.) Von den 71 Stellen, in denen das Wort „Land“ oder „Nation“ in der Rissho Ankoku Ron auftaucht, sind 56, das heißt 80 Prozent, in dem chinesischen Zeichen gehalten, das „die Menschen“ in einem Rechteck umfasst. Dies ist ein deutliches Zeichen dafür, was für einen überragenden Stellenwert die Menschen in Nichirens Denken und Schriften einnahmen.

In der Rissho Ankoku Ron verwendet Nichiren die Form eines Dialogs zwischen einem Gast, der den Zustand der Welt beklagt, und einem Gastgeber, der den Buddhismus vertritt. Dieses Format zeigt, dass der Buddhismus durch die Inspiration und die Übereinstimmung verbreitet wird, die aus dem persönlichen Dialog entsteht, der wiederum auf glasklarer Logik basiert und nicht auf Zwang oder Druck. Nichiren wandte sich mit seiner Protestnote nicht so sehr an jenen Tokiyori, der ein mächtiger politischer Herrscher war, sondern an ihn als menschliches Wesen – eine Führungsperson mit Leiden und Sorgen, wie jeder sie hat – aus dem aufrichtigen Wunsch heraus, ihn die Grundsätze des Buddhismus zu lehren.

Nichiren hoffte, dass er damit Tokiyori zum korrekten Weg des Humanismus erwecken und ihm damit einen Regierungsstil ermöglichen könnte, der den Menschen die meisten Wohltaten brächte. Nichiren versuchte niemals, von der Regierung Schutz und Unterstützung zu erhalten. Nach seiner Begnadigung von seiner Verbannung nach Sado schien sich zum Beispiel seine Voraussage zu bewahrheiten, eine Invasion von einem ausländischen Aggressor stünde unmittelbar bevor. Die Regierung befürchtete einen baldigen Überfall der Mongolen; deshalb bot sie Nichiren an, für ihn einen Tempel unter der Voraussetzung zu bauen, dass er für den Schutz und die Sicherheit der Nation bete. Hätte er sich bei den politischen Machthabern einschmeicheln wollen – hier wäre wohl die beste Gelegenheit dazu gewesen. Doch Nichiren lehnte dieses Angebot rundheraus ab.

Die Rissho Ankoku Ron enthält den folgenden Wortwechsel: Der Gastgeber erklärte, es sei,wenn man auf der Stelle Ruhe und Stabilität in die Gesellschaft bringen möchte, absolut entscheidend, die Verleumdung des buddhistischen Gesetzes in diesem Land zu stoppen. Der Gast fragt dann zurück, ob dies bedeute, dass jene Priester und andere, die das Gesetz verleumden und die Verbote des Buddha verletzen, zum Tode verurteilt werden müssten. Der Gastgeber stellte daraufhin klar, dass man einfach den niederträchtigen Priestern keine Almosenmehr gebenmüsse, und schon wäre dieWelt diejenigen los, die das Gesetz verleumden.

Nichiren erwähnte diesen Punkt, um die Regierung dazu zu bewegen, ihren Schutz und ihre Alimentierung von Zen, Reines-Land und anderen buddhistischen Schulen zu beenden und die korrupten Bande zwischen Religion und Staatsmacht zu durchschneiden. In heutigen Begriffen wäre das, worüber Nichiren spricht, das Prinzip der Trennung von Staat und Kirche. Ihm war die Idee zuwider, dass das Schicksal der Religion vom Gutdünken des Staates abhängen sollte.Mit dieser Überzeugung wollte Nichiren das Wahre Gesetz verbreiten, indem er jede Lehre durch Dialog und Debatten mit den verschiedenen buddhistischen Schulen auf deren Gültigkeit überprüfte. Wenn ein religiöser Orden sich um den Schutz durch den Staat bemüht, dann ist das ein klares Zeichen seiner Degenerierung.

Nichiren warnte auch in der Rissho Ankoku Ron, dass die beiden noch nicht eingetretenen Unglücke – interner Aufruhr und Invasion von außen – unfehlbar eintreten werden, sollten die irrigen buddhistischen Lehren nicht verworfen werden. Das war keine bloße Vorhersage einer unmittelbar bevorstehenden Katastrophe, sondern darin trat die tiefe Weisheit aus der Betrachtung des Lebensgesetzes hervor, wie es in den Schriften aufgezeichnet ist. Es war eine Warnung, die auf seinem ungeheuren Mitgefühl basierte und auf seinem aufrichtigen Entschluss, jedes weitere Leiden, das auf die Menschen zukommen könnte, zu verhindern. Seine Schlussfolgerung drückt Nichiren in der folgenden Textpassage der Rissho Ankoku Ron aus: „Deshalb müssen Sie schnell die Grundsätze verändern, die Sie in Ihrem Herzen hegen, und das Eine Wahre Fahrzeug annehmen, die einzige gute Lehre [des Lotos-Sutra].“ (Die Schriften Nichiren Daishonins, Band 1, Seite 32). Wie kann man zielsicher Frieden in ein Land bringen, um eine Gesellschaft zu verändern, die von Unglück und Leid erdrückt wird? Alles beginnt mit einem einzigen Menschen, betont Nichiren, der die Wahrheit in seinem oder ihrem Herzen verankert. Das „Eine wahre Fahrzeug“, die „einzige gute Lehre“ – damit meint er das Lotos-Sutra, jene Lehre des Mahayana, die für das Leben als den höchsten Wert und für dessen Würde eintritt und uns beibringt, dass alle Lebewesen im Grunde Buddhas sind.Wenn jedes Individuum zu dieser innewohnenden Buddhaschaft erwacht und diese im Einklang mit dem Mystischen Gesetz enthüllt, dann wird der Ort, an dem diese Person verweilt, ein leuchtendes Buddhaland.

Der Buddhismus Nichirens verfolgt das Ziel, Frieden und Wohlstand in einer Gesellschaft zu schaffen, indem er einzelne Menschen – die ja die treibende Kraft in einer Gesellschaft und die Hauptgestalter ihrer jeweiligen Zeit sind – mit den inneren Mitteln ausstattet, aus allen Unternehmungen siegreich hervorzugehen. Die Rissho Ankoku Ron enthüllt das fundamentale Prinzip, um dies zu erreichen. Da der Buddhismus alle Lebewesen als Buddhas respektiert, findet er in jedem Einzelnen eine absolute Würde und ein grenzenloses Potenzial. Dieselben Ideale bilden auch die unverrückbare philosophische Basis der Demokratie.

Außerdem: Sobald wir unsere innewohnende Buddhaschaft hervorbringen, entwickeln wir Mitgefühl für andere. „Das Eine Wahre Fahrzeug, die einzige gute Lehre [des Lotos-Sutra] annehmen“ – das bedeutet gewissermaßen, alle vorurteilsgetrübten und unvollständigen Ansichten über Leben und Menschheit aufzugeben und zu einem Respekt für die unantastbare, allerhöchste Würde
des Lebens zurückzukehren. Es bedeutet auch, seinen Egoismus abzulegen und sein Leben von Mitgefühl bestimmen zu lassen, indem wir den wahren Humanismus zu unserem Fundament machen. Darin finden wir das universale Prinzip, das uns den Schlüssel für Frieden und Wohlstand für die Menschen liefert.

Die Rissho Ankoku Ron wurde also eingereicht, doch Hojo Tokiyori ignorierte sie. Einem Bericht zufolge soll ihm in dem Moment, als er diese Abhandlung gerade lesen wollte, ein Bediensteter gesagt haben, Nichiren sei ein stolzer und arroganter Priester, der andere verachte und nur die Festigung seiner eigenen buddhistischen Schule im Sinn habe. Dies, so hätte man ihm, dem Bediensteten erzählt, sei das einzige Motiv hinter dieser Abhandlung. Tokiyori, wird berichtet, soll sich dann entschieden haben, es nicht zu lesen.Was immer auch die tatsächlichen Umstände gewesen sein mögen, fest steht, dass Tokiyori Nichirens Nachricht nicht ernst nahm. Dazu kam noch, dass einige Würdenträger rund um Tokiyori den Inhalt von Nichirens Werk entstellten und vor den Priestern der Reine-Land-Schule sowie anderen buddhistischen Schulen verunglimpften. Die Priester von Kamakura waren sowieso schon ziemlich verärgert über Nichirens Bemühungen, die Fehler in ihren Lehren aufzudecken. Als sie erfuhren, dass Nichiren es gewagt hatte, diese Kritikpunkte in einer Protestnote an Tokiyori festzuhalten, erreichte ihr Zorn einen Siedepunkt. Als Folge davon war Nichirens Leben immer mehr in Gefahr.

Nichiren war sich der Tatsache sehr wohl bewusst, dass er sich zur Zielscheibe von Verfolgungen machen würde, sollte er die Rissho Ankoku Ron Tokiyori überreichen. Obwohl er sich über diese sehr wahrscheinliche Konsequenz im Klaren war, legte er los und ermahnte die Herrscher des Landes. Diese Tat war aus einem tiefen Einfühlungsvermögen in das Leid der Menschen geboren, das er fühlte, als wäre es sein eigenes. Echtes Mitgefühl geht über das einfache Miteinander-Teilen der Sorgen des Anderen hinaus. Es ist mehr als das gemeinsame Jammern darüber, mehr als bloße Sympathie- und Trostbekundungen. Diejenigen, die wirklich mit den anderen fühlen, handeln mit Wagemut und Stärke, um den Menschen einen Weg aus ihrem Elend zu eröffnen. Solche Menschen besitzen eine Furchtlosigkeit, die in ihrem tiefen Mitgefühl ihre Wurzel hat – und sie besitzen einen Glauben und eine Überzeugung, die sie niemals klein beigeben lassen.

Am Abend des 27. August, vierzig Tage nachdem Nichiren die Rissho Ankoku Ron eingereicht hatte, wurde seine bescheidene Behausung bei Matsubagayatsu in Kamakura von einer Bande von Nembutsu-Anhängern angegriffen. Dieses Ereignis wurde als die Verfolgung von Matsubagayatsu bekannt. Nichiren Vorhersage bewahrheitete sich. Die Woge der Verfolgungen, die für den Rest seines Lebens über ihn hereinbrechen würde,war nun losgerollt.


Auszüge aus: Neue Menschliche Revolution, Band 4

Shakyamuni
Die tatsächlichen Lebensdaten Shakyamunis sind unbekannt1. Alte chinesische Texte wie die Zhou Shi Yi Ji (Aufzeichnung von Wundern in dem Buch von Zhou)2 und die Chun Qiu (Frühlings- und Herbst-Annalen)3 legen seinen Tod in die Zeit zwischen etwa 949 und 609 vor Christus. Doch die meisten heutigen Wissenschaftler glauben, er sei irgendwann etwa um das vierte bis fünfte Jahrhundert vor Christus gestorben. Trotzdem existieren über diesen Punkt bis heute viele unterschiedliche Meinungen.

Folgendes jedoch gilt als gesichert: Shakyamuni wurde als Prinz der Shakya 4geboren. Sein Familienname war Gautama. Später, als er die Erleuchtung erlangt hatte, nannten ihn seine Anhänger schließlich Gautama-Buddha oder Shakyamuni. Letzteres bedeutet „Weiser der Shakya“.

Shakyamuni war der Sohn von König Shuddhodana und Königin Maya, den Herrschern der Shakya. Er wurde in den Lumbini-Gärten5 geboren, als seine Mutter auf dem Weg von Kapilavastu zum Haus ihrer Eltern war. Man nimmt an, dass Maya eine Woche später starb. Daher wurde Shakyamuni von jüngster Kindheit an von seiner Tante mütterlicherseits, Mahaprajapati, aufgezogen. Das war der Beginn des ereignisreichen Lebens von Shakyamuni. (…)

Obwohl das Königreich seines Vaters klein war, wuchs Shakyamuni in einer Umgebung auf, der es an nichts fehlte. Er wurde sowohl in den Geisteswissenschaften wie in der Kriegskunst unterrichtet. Für jede Jahreszeit stand ihm ein anderer Palast zur Verfügung. Diener mit Sonnenschirmen waren stets zur Stelle, um seinen Kopf vor den brennenden Sonnenstrahlen zu schützen. Während der Regenzeit sorgten stets Dienerinnen, Tänzerinnen und Musikantinnen für ihn und unterhielten ihn auch, so dass er nicht hinaus musste. Er lebte in größter Geborgenheit und mit allem Komfort.

Doch er war ein außergewöhnlich sensibler junger Mensch und schließlich begann er, unter schweren geistig-psychischen Qualen zu leiden. Oft ging er am Rand des Teichs im Palastgarten spazieren, tief in Gedanken über das Leben versunken. (…)

Die buddhistische Überlieferung geht davon aus, dass eine Reihe von Vorfällen, die als „die vier Begegnungen“ bezeichnet werden, Shakyamuni zu der Entscheidung motivierten, das profane Leben zu verlassen.

Als er sich eines Tages durch das Osttor des Palastes zu einem Ausflug nach draußen wagte, begegnete er einem alten Mann. Als er ein andermal durch das Südtor hinausging, traf er einen Kranken, und als er wieder ein andermal das Westtor passierte, sah er einen Toten. Eines Tages dann ging er durch das Nordtor hinaus. Dabei kreuzte ein Asket seinen Weg. Diese Begegnung berührte ihn sehr. Er brachte die Entschlossenheit auf, seinem Prinzentitel zu entsagen und zog auf der Suche nach Erleuchtung in die Welt hinaus.

Die Geschichte der „vier Begegnungen“ hat sich wahrscheinlich nicht exakt so abgespielt, sondern es handelt sich um eine Ausschmückung, die später hinzugefügt wurde. Trotzdem: Betrachtet man sie aus der Gesamtheit der Lehren des Buddhismus, dann muss Shakyamunis Motiv, dem weltlichen Leben zu entsagen, tief mit seinem Wunsch nach einem Weg verbunden gewesen sein, mit dem man die grundlegenden menschlichen Leiden von Alter, Krankheit und Tod überwinden konnte.

Shuddhodana spürte, dass sein Sohn und Erbe daran dachte, sich einem religiösen Leben zu verschreiben. Einer Quelle zufolge arrangierte der König, dass Shakyamuni die schöne Yashodhara heiratete, um seinen Sohn davon abzubringen, sein Zuhause zu verlassen. Die beiden hatten schließlich einen Sohn namens Rahula, der später einer der zehn wichtigsten Schüler Shakyamunis wurde und als „Bester in der unauffälligen Ausübung“6 galt. Die meisten Menschen in Shakyamunis Umgebung glaubten, er würde seine Unruhe verlieren, nachdem er geheiratet und einen Erben hervorgebracht hatte. Doch die Seelenqual des jungen Prinzen hörte nicht auf. Tatsächlich nahm sein innerer Konflikt zu, je mehr er an seine Verantwortung dachte, den Thron zu besteigen.

„Die Menschen kämpfen gegeneinander und töten sich gegenseitig. Sie versuchen, durch militärische Macht über den anderen zu herrschen. Doch selbst die majestätischste Militärgewalt ist dazu verdammt, eines Tages durch genau dasselbe Mittel zerstört zu werden, mit dem sie andere bezwang. Niemand von uns kann den Leiden des menschlichen Daseins entkommen – Alter, Krankheit und Tod. So ist es sicherlich am allerwichtigsten, den Weg zu suchen, wie wir uns von diesen Leiden befreien können“, dachte er.

Statt in einer Welt zu leben, die von militärischer Macht beherrscht wurde, suchte er den wahren Weg des Humanismus. So entschloss er sich, sein Leben als Prinz aufzugeben und sich auf die Suche nach der ewigen Welt des Geistes zu begeben. (…)

Der König ergriff sofort Maßnahmen, um Shakyamuni daran zu hindern, von zu Hause fort zu gehen und ein religiöses Leben zu führen. Er verschaffte seinem Sohn noch größeren Luxus und noch mehr Annehmlichkeiten als zuvor und befahl seinen Dienern, den Prinzen mit Abwechslung und Annehmlichkeiten zu überhäufen. Doch Shakyamuni blieb entschlossen. Schließlich verbot der König seinem Sohn völlig, sich außerhalb der Palastmauern zu bewegen.

Doch nichts konnte das Feuer von Shakyamunis suchendem Geist auslöschen. Eines Nachts schlüpfte er in Begleitung eines treuen Dieners auf seinem Pferd durch die strikten Kontrollen und verließ die Stadt Kapilavastu. Es gibt unterschiedliche Quellen darüber, wie alt Shakyamuni zu diesem Zeitpunkt war: Einige behaupten, er sei 19 Jahre alt gewesen, andere geben 29 Jahre an.

Shakyamuni reiste nach Süden durch das Königreich Koliya und überquerte den Fluss Anouma. Dort legte er alle Kleider und allen Schmuck ab, die ihn als Prinz erkennbar machten, und vertraute sie seinem Diener an. Auch die Zügel seines Lieblingspferdes gab er weg. Er schnitt sich die Haare mit der Klinge seines Schwertes und wandte sich an seinen Diener: „Von jetzt an gehe ich alleine weiter. Kehre bitte zum Palast zurück und sage meinem Vater und meiner Frau, dass ich nicht nach Kapilavastu zurückkommen werde, bis ich das Ziel erreicht habe, für das ich mein weltliches Leben aufgab.“ (…)

Nachdem Shakyamuni sich überlegt hatte, bei wem er studieren sollte, wandte er sich schließlich an einen brahmanischen Einsiedler, von dem es hieß, er sei ein Meister der meditativen Versenkung. Durch diese Ausübung, so sagte man damals, konnte man seinen reinen, unverdorbenen Geist von materiellen Abhängigkeiten befreien.

Der weise Einsiedler, den Shakyamuni zu seinem ersten Lehrer auserkoren, hatte durch jene Meditation die Stufe erreicht, die als „Reich, in dem nichts existiert“ bezeichnet wurde – ein Zustand der Leere, in dem man von allen weltlichen Bindungen frei war. Unter seiner Anleitung widmete sich Shakyamuni der Ausübung, und innerhalb kurzer Zeit erreichte er dasselbe Niveau wie sein Lehrer. Doch er spürte, dass diese Lehre keine grundsätzliche Lösung für die Fragen von Leben und Tod lieferte.

Er wählte einen anderen Lehrer, ebenfalls einen Einsiedler und Meister der Meditation, der durch die Ausübung „das Reich, in dem weder Denken noch Nicht-Denken ist“, erreicht hatte – einen Zustand ohne geistige Aktivität. Wiederum meisterte Shakyamuni rasch diese Ausübung, doch auch sie führte ihn nicht zum Ziel seines religiösen Lebens.

Alter, Krankheit und Tod – allesamt wirkliche Leiden, die die Menschen quälen. Shakyamuni spürte deutlich, dass die Erleuchtung dieser Meister völlig untauglich war, wenn es darum ging, Lösungen für diese Fragen von Leben und Tod zu liefern. Für sie war die Meditation zum Selbstzweck geworden. (…)

Shakyamuni verließ seinen zweiten Lehrer, um seine Suche nach der wahren Erleuchtung fortzusetzen. Er suchte einen ruhigen Ort, um sich asketischen Praktiken zu widmen. Er erreichte das Dorf Sena im Bezirk Uruvela, das an den Ufern des Flusses Nairanjana lag, der westlich von Rajagriha verlief. Das Dorf besaß einen schönen grünen Wald. Dort beschloss Shakyamuni, mit seinen asketischen Ausübungen zu beginnen. Viele andere Asketen wohnten im Wald und hatten dasselbe Ziel.

Damals war in Indien der Gedanke weit verbreitet, dass der Körper schmutzig und nur der Geist allein rein sei. Der Körper hielte den Geist gefangen. Wenn man den Körper kasteite und sich dadurch körperlich schwächte, würde man die spirituelle Freiheit erlangen können.

Shakyamuni begann daher mit der Ausübung der Askese. Es war der Anfang eines unablässigen Kampfes mit sich selbst – ein Kampf, um die perfekte und umfassende Erleuchtung. Zu seinen Ausübungen gehörte es, lange zu fasten, auf Nagelbrettern zu liegen, auf dem Friedhof auf Leichenknochen zu schlafen und Schmutz zu essen. Andere Asketen, die sahen, wie Shakyamuni dort reglos lag, ohne wahrnehmbare Atmung, hielten ihn manchmal für tot. Die Härten, die er sich selbst zufügte, waren so mörderisch, dass niemand es mit ihm in der Ausübung der Askese aufnehmen konnte.

Shakyamunis Körper war schrecklich ausgezehrt. Die Rippen und Venen seines Oberkörpers traten schmerzhaft hervor. Seine Haut war mit Schmutz beschmiert und mit eiternden Stellen und Wunden bedeckt, die er im Laufe seiner asketischen Ausübung erlitten hatte. Sein Bart und seine Haare waren lang und ungepflegt. Nur seine Augen, zwar blutunterlaufen, leuchteten mit ungewöhnlicher Helligkeit und Klarheit.

Er hatte sich mehrere Jahre lang den asketischen Praktiken gewidmet und sich bis an die Grenzen des Erträglichen getrieben. Doch trotz all dieser Bemühungen war es ihm nicht gelungen, die Erleuchtung zu erlangen. (…)

Er erkannte, dass extreme Askese nicht zur angestrebten Erleuchtung führte. So beschloss er, diese Art der Ausübung aufzugeben. (…)

Nachdem Shakyamuni die Wälder verlassen hatte, stand er am Ufer des Flusses Nairanjana. Das Sonnenlicht spielte auf den Blättern der Bäume und schimmerte auf der Wasseroberfläche wie Diamanten.

Er lief unsicher zum Fluss hinab, um ein Bad zu nehmen. Er war durch die extreme Erschöpfung ganz benommen, doch das Wasser belebte ihn wieder. Er wusch sich den Schmutz ab, der sich während seiner asketischen Ausübungen angesammelt hatte. Er wollte noch einmal neu anfangen.

Sein Körper war so schwach, dass es ihn enorme Mühe kostete, aus dem Fluss zu steigen. Als er sich ans Ufer setzte und sein Haar glättete, erschien ein junges Mädchen namens Sujata aus dem nahe gelegenen Dorf und gab ihm etwas dünnen Milchbrei. Nach seinem langen Fasten nahm Shakyamuni ihn gerne an. Neues Leben begann in seinem ganzen Körper zu strömen. Nachdem er sich eine Weile ausgeruht und seine Kraft teilweise wiedererlangt hatte, machte er sich auf, um einen neuen Weg zu suchen, der ihn zur Erleuchtung führen könnte. Shakyamuni überquerte den Fluss Nairanjana und kam schließlich zu einem großen Lindenbaum. Er setzte sich unter dessen Zweige, legte die Beine übereinander und nahm den Lotossitz ein. „Ich werde in dieser Position bleiben, bis ich die wahre Erleuchtung erlangt habe, selbst wenn mein Körper bei diesem Versuch in der Hitze austrocknet“, schwor er sich und schloss dann sanft die Augen.

Von Zeit zu Zeit raschelten die Blätter des Lindenbaums im Wind, doch Shakyamuni, der in tiefe innere Versenkung eingetaucht war, rührte sich nicht. Shakyamuni setzte seine Meditation unter dem Lindenbaum fort. Buddhistischen Schriften zufolge begannen zu dieser Zeit Dämonen, ihn in Versuchung zu führen. Die verschlagenen Mittel, zu denen sie griffen, unterscheiden sich je nach buddhistischer Quelle, doch es ist interessant zu wissen, dass einige eine recht sanfte, subtile Methode anwendeten. So versuchte beispielsweise ein Dämon, Shakyamuni abzubringen, indem er ihm leise zuflüsterte: „Schau dir an, wie ausgezehrt du bist, wie blass dein Gesicht ist. Dein Tod steht bestimmt unmittelbar bevor. Wenn du hier weiter so herumsitzt, dann wäre es ein Wunder, wenn du überlebtest.“ Nachdem der Dämon auf die Gefahr, in der Shakyamuni sich befand, hingewiesen und ihn heftig bedrängt hatte, doch zu leben, versuchte er Shakyamuni zu überreden: Wenn er, Shakyamuni, den Lehren des Brahmanismus folge, könne er großen Nutzen ansammeln, ohne sich solchen Härten zu unterziehen. Shakyamunis Bemühungen, die Erleuchtung zu erlangen, seien sinnlos, erklärte der Dämon.

Diese Episode der Versuchung durch Dämonen steht für einen heftigen inneren Kampf Shakyamunis. Ihn befielen Zweifel, die seinen inneren Frieden zerstörten und seinen Geist in Aufruhr versetzten. Shakyamunis Körper war extrem geschwächt, seine Reserven fast völlig erschöpft, und auch das Gespenst des Todes suchte ihn heim. Seine Seelenqualen waren nun noch größer, denn er wusste ja, dass er durch seine strikten asketischen Ausübungen nichts erreicht hatte. Könnte sich nicht auch diese Bemühung, so dachte er, letztlich als sinnlos erweisen? Weltliche Begierden quälten ihn, Hunger und ein tiefes Schlafbedürfnis plagten ihn, Angst und Zweifel suchten ihn heim. Dämonen sind das Werk irdischer Begierden und Illusionen. Sie versuchen, den Geist derjenigen zu verunsichern, die den Weg zur wahren Erleuchtung suchen. Manchmal erscheinen Dämonen in Gestalt unserer Abhängigkeit von irdischen Begierden oder als Hunger oder als Müdigkeit. Ein andermal quälen sie den Geist in Gestalt von Angst, Furcht und Zweifeln. (…)

Doch Shakyamuni erkannte diese Erscheinungen korrekt als „teuflische Funktionen“ und rief eine starke Lebenskraft in sich hervor, die alle störenden und quälenden Gedanken hinwegfegte. Im Herzen rief er: „Dämonen! Ihr besiegt vielleicht einen Feigling, doch die Tapferen werden triumphieren. Ich werde kämpfen. Lieber werde ich im Kampf sterben, als geschlagen weiter zu leben!“

Damit wurde es wieder ruhig und friedlich in seinem Herzen. Die stille Decke der Nacht hüllte ihn ein. Über ihm funkelten zahllose Sterne mit reinem, kristallenem Glanz.

Nachdem Shakyamuni den Angriff der teuflischen Kräfte erfolgreich abgewehrt hatte, war seine Seele frisch und gestärkt und sein Geist so klar wie ein wolkenlos blauer Himmel. In diesem unerschütterlichen inneren Zustand, den er nun erreicht hatte, konzentrierte sich Shakyamuni auf seine Vergangenheit. Kaum hatte er Rückschau über sein gegenwärtiges Leben gehalten, da begannen Bilder aus seinem unmittelbar vorhergehenden Leben hervorzuströmen. Während er diese innere Suche fortsetzte, kehrten lebhafte Erinnerungen an zahllose frühere Existenzen eine nach der anderen zu ihm zurück. Und seine Erinnerung reichte noch weiter zurück: An zahllose Entstehungen und Zerstörungen des Universums.

Shakyamuni erkannte, dass seine gegenwärtige Existenz, so wie er unter dem Lindenbaum saß, Teil eines endlosen Kreislaufs von Geburt, Tod und Wiedergeburt war, der sich seit der Zeit ohne Anfang fortsetzte. So wurde er sich der ewigen Natur des Lebens klar bewusst, das die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft umfasst.

In diesem Augenblick verschwanden alle Ängste und Zweifel, die wie ein schwerer Bodensatz seit seiner Geburt in der Tiefe seines Lebens gesteckt hatten. Er war schließlich zu den tiefen, unerschütterlichen Wurzeln seiner eigenen Existenz vorgedrungen. Er fühlte, wie die Dunkelheit der Illusion, die ihn eingehüllt hatte, zusammenbrach und das strahlende Licht der Weisheit sein Leben erleuchtete. Er hatte in sich einen Zustand erschlossen, der ähnelte einem klaren, in alle Richtungen ungehinderten Blick von der Spitze eines Berggipfels. Mit diesem durchdringenden, konzentrierten inneren Blick wandte er dann sein Augenmerk auf das Karma aller Lebewesen. Bilder aller Arten von Menschen, die endlose Kreisläufe von Geburt und Tod durchlebten, erschienen vor ihm. Einige Menschen wurden ins Elend hineingeboren, andere dagegen in glückliche Umstände. Mit zielstrebiger Konzentration spürte Shakyamuni die Ursache dieser Ungleichheit auf.

„Wer mit dem Karma behaftet ist, unglücklich zu sein“, stellte er im Stillen fest, „hat in irgendeiner vergangenen Existenz durch Handlungen, Worte oder Gedanken böse Taten begangen und die Ausübenden des wahren Gesetzes (Dharma) verleumdet. Bindungen an falsche Ansichten bildeten die Grundlage für diese falschen Handlungen. Daher trugen diese Menschen das Karma, unglücklich zu sein, über den Tod hinaus in ihr nächstes Leben hinein. Im Gegensatz hierzu genossen diejenigen in späteren Existenzen Glück, die gut und tugendhaft in ihren Handlungen, Worten und Taten waren, die die Ausübenden des wahren Gesetzes (Dharma) nicht verleumdeten und sich aufgrund ihrer korrekten Ansichten entsprechend verhielten. Das jetzige Leben wird durch das Karma bestimmt, das man in vergangenen Existenzen angesammelt hat. Zukünftige Existenzen werden von unseren Handlungen in diesem Leben bestimmt.“

Shakyamuni erkannte dies nun klar. Er nahm deutlich das strenge Gesetz von Ursache und Wirkung wahr, das im Leben der Menschen durch den unendlichen Kreislauf von Leben und Tod hindurch wirkt. Während die Nacht um Shakyamuni herum tiefer wurde, setzte er seine gründliche spirituelle Suche mit dem Gefühl fort, dass er und das unendliche Universum sich vereinigten.

Die Morgendämmerung nahte. Genau in dem Augenblick, als der Morgenstern am Osthimmel zu leuchten begann, geschah etwas. Wie ein unendlicher, durchdringender Lichtstrahl brach Shakyamunis Weisheit plötzlich hervor und erleuchtete die ewige, unveränderliche Wahrheit des Lebens. Es fühlte sich fast so an, als hätte ein Stromschlag seinen Körper durchzuckt. Er zitterte vor Erregung, sein Gesicht leuchtete, und in seinen Augen standen Tränen. „Das ist es!“

In jenem Augenblick erlangte Shakyamuni eine tiefe Erleuchtung. Es war so, als hätte sich in seinem Leben eine Tür zum gesamten Universum geöffnet, und er war von jeglicher Illusion befreit. Er fühlte, dass er sich nun auf der Basis des Lebensgesetzes (Dharma) frei bewegen und handeln konnte. Es war ein Zustand, den er nie zuvor in seiner jetzigen Existenz erlebt hatte.

Nun begriff Shakyamuni: „Das ganze Universum ist demselben beständigen Rhythmus von Entstehen und Veränderung unterworfen. Dasselbe trifft auf Menschen zu. Wer jetzt ein Kleinkind ist, ist dazu bestimmt, zu altern und schließlich zu sterben und wiedergeboren zu werden. Nichts, weder in der Welt der Natur noch der menschlichen Gesellschaft, kennt auch nur einen Augenblick des Innehaltens oder der Ruhe. Alle Phänomene des Universums erscheinen und verlöschen – durch den Einfluss irgendeiner äußeren Ursache. Nichts existiert isoliert; alle Dinge sind über Raum und Zeit hinweg miteinander verbunden. Sie entstehen als Reaktion auf gemeinsame Kausalbeziehungen. Jedes Phänomen wirkt gleichzeitig sowohl als Ursache wie auch als Wirkung und übt einen Einfluss auf das Ganze aus. Und außerdem durchdringt ein Lebensgesetz beständig und konsequent diesen Prozess.“

Shakyamuni hatte das unvorstellbare Wesen des Lebens begriffen. Er war überzeugt, dass er sich durch dieses Gesetz (Dharma), dessen er sich nun bewusst geworden war, grenzenlos entwickeln konnte. Alle Verfolgungen, Hindernisse und Härten würden nicht mehr bedeuten als Staub im Wind. Shakyamuni dachte: „Die Menschen sind sich dieser absoluten Wahrheit nicht bewusst und leben in der Illusion, dass sie voneinander unabhängig existieren. Das macht sie letztlich zu Gefangenen ihrer Begierde und entfremdet sie dem Lebensgesetz, der ewigen unveränderlichen Wahrheit der Existenz. Sie tappen im Dunkeln und versinken in Unglück und Leid. Doch solche Dunkelheit rührt von den Täuschungen im eigenen Leben her. Diese geistige Dunkelheit ist nicht nur die Quelle alles Bösen, sondern auch die Grundursache für das Leid der Menschen unter den Realitäten von Geburt, Alter, Krankheit und Tod. Indem wir dieses Böse in unserem eigenen Leben – diese Täuschung und Dunkelheit – angehen, können wir den Weg zu wahrer Menschlichkeit und unzerstörbarem Glück öffnen.“

Während die Sonne über den Horizont stieg, begann ihr helles Licht den Morgennebel aufzulösen. Es war wirklich eine leuchtende Morgendämmerung des Glücks und des Friedens für die gesamte Menschheit. Shakyamuni war in die tiefe Freude eingetaucht, sich dieses Gesetzes bewusst geworden zu sein. Er beobachtete, wie sich das Licht eines neuen Morgens über das Land verbreitete. (…)

Eine Zeit lang genoss Shakyamuni die Freude, sich des Gesetzes (Dharma) bewusst geworden zu sein, doch bald begann er, sich große Sorgen zu machen. Er befand sich in einem schweren Konflikt: „Soll ich dieses Gesetz meinen Mitmenschen verkünden oder schweigen?“ Er saß im Schatten des Lindenbaums und grübelte viele Tage über diese Frage.

Niemals zuvor hatte jemand von diesem wunderbaren, unübertrefflichen Gesetz gehört, geschweige denn es verkündet. Ein riesiger Bruch klaffte zwischen der strahlenden Welt in seinem Wesen und der realen, ihn umgebenden Welt. Die Menschen lebten voller Qualen, fürchteten sich vor Krankheit, Altwerden und Tod; von Begierden verzehrt, stritten sie ständig miteinander. All dies rührte daher, dass sie das Lebensgesetz nicht kannten. Doch selbst wenn er ihnen zuliebe das Gesetz lehrte, wäre es möglich, dass niemand es verstehen würde. Shakyamuni fühlte sich völlig allein. Was er spürte, war die „Einsamkeit des Erleuchteten“, die nur kennt, wer das Verständnis eines tiefgründigen Prinzips oder einer Wahrheit erlangt hat, deren sich sonst niemand bewusst ist. (…)

Einer Überlieferung zufolge erschienen an dieser Stelle wiederum Dämonen bei Shakyamuni, um ihn zu quälen. Diese Episode kann man als weiteren Kampf mit den teuflischen Funktionen in seinem eigenen Leben verstehen, die ihn nun davon abbringen wollten, anderen das Gesetz (Dharma) zu lehren.

Shakyamuni konnte diesen Anfall von Zweifel und Zögern beim Gedanken, vorwärts zu gehen und das Gesetz zu verbreiten, kaum stoppen. Er quälte sich mit den Gedanken darüber, was er tun sollte. So peinigten teuflische Funktionen Shakyamuni weiter – selbst nachdem er ein Buddha geworden war. Sie wetteiferten miteinander, ihn durch die kleinste offene Stelle in seinem Herzen anzugreifen.

Ein Buddha ist kein übermenschliches Wesen. Er ist nach wie vor Problemen, Leiden, Schmerzen, Krankheit und der Versuchung durch teuflische Kräfte ausgesetzt. Deshalb ist ein Buddha ein Mensch mit Mut und Zähigkeit, jemand, der fortlaufend handelt und unaufhörlich gegen teuflische Funktionen kämpft.

Einem buddhistischen Text zufolge erschien der Gott Brahma dem immer noch unentschlossenen Shakyamuni und bat ihn eindringlich, allen Menschen das Gesetz zu verkünden. Diese Episode steht für die in Shakyamunis Leben aufkeimende Entschlossenheit, nun aufzustehen und seine Aufgabe zu erfüllen.

„Ich werde aufbrechen!“, entschloss er sich. „Wer lernen will, wird bestimmt zuhören. Wer nur ein wenig unrein ist, wird verstehen. Ich werde mich unter die Menschen begeben, die in Täuschung und Unkenntnis gefangen sind!“

Nachdem er diese Entscheidung getroffen hatte, spürte er, wie ihn eine Welle neuer Energie durchströmte. In dem Augenblick erhob sich für das Glück der Menschheit ein „großartiger Löwe“ in Gestalt eines einzelnen Menschen. Der Weise der Shakyas schritt energisch aus dem Wald heraus. Der Himmel, die Wolken, der Wald und der Fluss wurden in einen blendend goldenen Schimmer getaucht. Eine Brise wehte sanft durch die Äste. Die Natur schien seiner Reise mit einer schönen, frohen Melodie Beifall zu zollen.

 

 

1 Es gibt unterschiedliche Ansichten darüber, wann Shakyamuni-Buddha tatsächlich lebte und starb. Die meisten Historiker jedoch stimmen darin überein, dass er wahrscheinlich zwischen dem vierten und dem fünften Jahrhundert v. Chr. lebte. Alte Inschriften, die König Ashokas Thronbesteigung etwa dem Jahr 268 v. Chr. zuschreiben, machen diese Ansicht plausibel. Dennoch bleibt das Datum von Shakyamunis Tod umstritten, denn die Wissenschaftler sind sich nicht einig darüber, ob Ashoka 100 oder 200 Jahre nach Shakyamunis Tod lebte. Nichiren Daishonin bezeichnete seine Zeit, in der er lebte, als „den Anfang des Späten Tags des Gesetzes“. Er hielt sich an die damals herrschende Theorie über die Lebensdaten des Buddhas, wie sie in dem alten chinesischen Text der Zhou Shu Yi Ji (Aufzeichnung von Wundern in dem Buch von Zhou) dargelegt ist.

2 Zhou Shu Yi Ji (Aufzeichnung von Wundern in dem Buch von Zhou): Ein alter chinesischer Text, dessen Original verloren gegangen ist. Einzelheiten dazu sind unbekannt. In der Regel wird er der Zeit des Endes der Sechs Dynastien (222–589) zugeordnet. Nach anderen Werken, die dieses Buch zitieren, legte es an scheinend die Geburt Shakyamuni-Buddhas in das 24. Jahr der Regierungszeit des Königs Chao in der Zhou-Dynastie (1029 v. Chr.). Es hat Kontroversen über die Daten von Shakyamunis Tod und Geburt gegeben, und es gibt sie noch heute, doch Nichiren Daishonins Zeitgenossen hielten sich im Allgemeinen an den Bericht, wie er in diesem Buch zu lesen ist.

3 Chun Qiu (Frühlings- und Herbst-Annalen): Die erste chinesische chronologische Geschichte. Darin sind Ereignisse aufgezeichnet, die während der Zeit von 722 bis 481 v. Chr. mit dem Staat Lu zu tun hatten. Die Chronik ist einer der fünf Klassiker des Konfuzianismus.

4 Shakya: Ein kleines Volk, dessen Königreich sich am Fuß des Himalaja erstreckte, südlich des heutigen Zentral-Nepal.

5 Lumbini-Gärten: Sie befinden sich im heutigen Dorf Paderia in Süd-Nepal, nahe der Grenze zu Indien. Im Februar 1896 wurde eine von einem Tempel stammende Steinsäule König Ashokas im selben Dorf ausgegraben. Die Inschrift besagte, dass König Ashoka diesen Ort besucht und die Säule errichtet hatte, um der Geburt des Buddhas dort zu gedenken. Diese Entdeckung bewies, dass Shakyamuni tatsächlich ein realer Mensch und nicht bloß eine legendäre Gestalt gewesen war.

6 Unauffällige Ausübung: Eine Form der Ausübung, bei der man insgeheim gute Taten vollbringt, ohne dass andere davon wissen.


Auszüge aus dem Roman Neue Menschliche Revolution, Band 3

Gongyo und Daimoku
Das Rezitieren des Daimoku, das heißt das Rezitieren von Nam-Myoho-Renge-Kyo, wird als die wesentliche Ausübung, und das Rezitieren des Hoben– und Juryo-Kapitels als ergänzende, unterstützende Ausübung bezeichnet.

Der 26. Hohe Priester Nichikan verglich die Beziehung zwischen der wesentlichen und der ergänzenden Ausübung mit der Beziehung zwischen Nahrung und Gewürzen: wenn wir Reis oder Nudeln, unsere Grundnahrungsmittel, essen, verwenden wir gewöhnlich Gewürze wie Salz oder Essig, um den Geschmack zu betonen. Das Glück, das man sich durch die wesentliche Ausübung erschafft, ist schier unermesslich. Wenn man zusätzlich das Hoben– und das Juryo-Kapitel rezitiert, wird die Wirkung der wesentlichen Ausübung noch verstärkt und zeigt sich schneller.

Grundsätzlich besteht unser tägliches Gebet darin, Daimoku zu rezitieren und ergänzend das Hoben– und Juryo-Kapitel zu lesen. Das Glück, das durch das Rezitieren des Daimoku entsteht, ist unermesslich und grenzenlos. Allein in dem einmaligen Aussprechen von
Nam-Myoho-Renge-Kyo liegt unendliche Kraft. Nichiren sagt: „Wenn Sie deshalb die Worte des Daimoku einmal rezitieren, rufen Sie damit die Buddhanatur aller Lebewesen herbei und sie sammelt sich um Sie herum.“ (Die Schriften Nichiren Daishonins, Band 1, S. 164). Er sagt auch, dass das Glück, das durch einmaliges Aussprechen des Daimoku entsteht, dem des Lesens des gesamten Sutras gleich ist; wenn man zehnmal Daimoku rezitiert, entspricht das dem zehnmaligen Lesen des Sutras, hundert Daimoku entsprechen dem hundertmaligen Lesen des Sutras, tausend Daimoku entsprechen dem tausendmaligen Lesen des Sutras.

Deshalb ist es beispielsweise nicht unbedingt notwendig, das Sutra zu lesen, wenn man krank ist. Wenn man sich trotz Krankheit zwingt, ein vollständiges Gebet zu machen, kann sich der Zustand dadurch noch verschlechtern. Dadurch könnte uns die Freude am Glauben verloren gehen, und wir könnten uns im Gegenteil selbst schaden. Statt dessen ist es in solch einer Situation besser, einfach das Hoben-Kapitel und den Jigage-Teil des Juryo-Kapitels des Sutras zu lesen und Daimoku zu rezitieren oder sogar nur Daimoku zu rezitieren. Buddhismus ist Vernunft. Deshalb ist es wichtig, immer wieder eine weise Entscheidung zu treffen, um das tägliche Gebet jedes Mal mit Freude auszuführen. (…)

Die täglichen Gebete sind wie die Wurzeln, durch die ein Baum heranwachsen kann. Der Baum Ihres Lebens wird durch die Wirkung der wiederholten täglichen Gebete immer stärker und kräftiger. Möglicherweise kann man nicht von einem Tag zum anderen Veränderungen erkennen, aber die tägliche Nahrung einer beständigen Ausübung lässt das Leben eines Tages stark und ausladend werden wie ein großer Baum. Die beständige Ausübung führt zu einem Lebenszustand von absolut unzerstörbarem Glück. (…)

Einige von Ihnen werden sich sicherlich fragen, ob das Lesen von Teilen des Sutras, die man gar nicht versteht, überhaupt Nutzen bringen kann. Ich versichere Ihnen, dass durch diese Ausübung ganz bestimmt Glück entsteht. Nichiren sagt: „Ein Säugling kennt den Unterschied zwischen Feuer und Wasser nicht und kann Gift von Medizin nicht unterscheiden. Doch wenn er Milch saugt, wird er genährt und am Leben gehalten. Auch wenn jemand nicht so sehr in den [verschiedenen Sutras] bewandert ist […] – wenn man nur ein Schriftzeichen oder einen Satz des Lotos-Sutra hört, wird man unweigerlich die Buddhaschaft verwirklichen.“ (…)

Wenn wir mit suchendem Geist (jap. kyudo shin, wörtl. kyu = suchen, do = Weg, shin = Geist, Herz) die Bedeutung des Sutras auf der Grundlage unseres Gebetes studieren, gewinnen wir selbstverständlich mehr Vertrauen und vertiefen unseren Glauben. (…)

Wenn wir das Sutra und das Daimoku rezitieren, halten wir eine Zeremonie ab, in der wir den ursprünglichen Buddha und das höchste
Gesetz von Nam-Myoho-Renge-Kyo preisen. Man könnte sagen, dass unser Gebet ein Gedicht oder ein Lied höchsten Lobes für den Buddha und für Nam-Myoho-Renge-Kyo ist, das dem Universum zugrunde liegende Gesetz. Wenn wir beten, loben wir gleichzeitig das ewige Leben des Universums und die Buddhaschaft in unserem eigenen Leben. (…)

Wenn wir den Gohonzon verehren, öffnet sich auf der Stelle die Tür unseres Mikrokosmos zum Makrokosmos, und wir erleben ein erhabenes Gefühl großen Glücks – so als ob wir das ganze Universum überschauen könnten. Wir genießen ein Gefühl der Erfüllung und Freude und erfahren eine allumfassende Weisheit. Der Mikrokosmos verschmilzt mit dem Universum und beinhaltet es seinerseits.

Das Rezitieren des Sutras und des Daimoku ist eine „zeitlose Zeremonie“, die unser Leben von Grund auf erfrischt. Es ist daher wichtig, jeden Tag rhythmisch und klangvoll zu beten, so als ob ein weißes Pferd über den Himmel galoppierte. Ich hoffe, dass Sie so beten, dass sie danach körperlich und geistig entspannt und erfrischt sind.


Auszüge aus: Vorlesungen über das Lotos-Sutra

Über die Verwirklichung der Buddhaschaft in diesem Leben
Was gibt dem Leben tiefen Sinn? Was bedeutet wahres Glück? Der Buddhismus Nichiren Daishonins ist eine Lehre der Hoffnung, mit der wir einen einzigartigen, unzerstörbaren Glückszustand in uns errichten, ein höchst wertvolles Leben führen und gleichzeitig anderen Menschen hierzu verhelfen können. Jeder hat das Potenzial, die Buddhaschaft zu verwirklichen. Doch damit nicht genug: Wir können diesen erhabenen Zustand erreichen so wie wir sind und gewiss sein, dies noch in diesem Leben zu schaffen! Voller Klarheit weist der Buddhismus Nichiren Daishonins uns diesen wunderbaren Weg zur Erleuchtung.

Die tiefgründige Lehre des Daishonins Über die Verwirklichung der Buddhaschaft in diesem Leben war ein revolutionäres Konzept, welches das vorherrschende buddhistische Gedankengut sprichwörtlich auf den Kopf stellte. Heute ist es ein großartiges Prinzip mit dem kraftvollen Potenzial, unser Zeitalter grundlegend zu verändern und der modernen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts Perspektiven für eine hoffnungsvolle Zukunft zu eröffnen. (…)

Gleich im ersten Absatz von Über die Verwirklichung der Buddhaschaft in diesem Leben spricht der Daishonin klar und umfassend die grundlegende Philosophie zur Errettung und für das Glück der Menschheit an, die das Kernstück seiner Lehre darstellt:

„Wenn Sie sich von den Leiden aus Geburt und Tod befreien wollen, die Sie seit der Zeit ohne Anfang erduldet haben, und in diesem Leben unfehlbar die unübertroffene Erleuchtung erreichen wollen, müssen Sie die mystische Wahrheit erkennen, die allen Lebewesen ursprünglich zu eigen ist. Diese Wahrheit ist Myoho-Renge-Kyo. Daher befähigt Sie das Rezitieren von Myoho-Renge-Kyo, die allem Leben innewohnende mystische Wahrheit zu erfassen.“ (SND-1, 3)

Über die Verwirklichung der Buddhaschaft in diesem Leben ist eine wichtige Schrift, die die grundlegende Theorie und Praxis des Nichiren-Buddhismus erläutert. SGI-Mitglieder auf der ganzen Welt konnten ihr Verständnis der wesentlichen Lehren des Daishonins vertiefen, indem sie sich aufrichtig mit dieser Schrift als Leitfaden für Ausübung und Studium auseinandersetzten. Obwohl das Original nicht mehr existiert und weder das genaue Datum noch der Empfänger dieses Briefes bekannt sind, nimmt man an, dass er aus dem Jahr 1255 stammt und an Toki Jonin1 gerichtet war. Die Vermutung, er sei im Jahr 1255 verfasst worden – also kurz nachdem der Daishonin im Jahr 1253 öffentlich seine Lehre von Nam-Myoho-Renge-Kyo verkündet hatte – erscheint zutreffend, wenn man sich den Inhalt des Briefes vor Augen führt: Er erläutert die Bedeutung des Chantens von Daimoku für Theorie und Praxis.

Das Chanten von Daimoku, also das Rezitieren von Nam-Myoho-Renge-Kyo, stellt die Grundlage der Lehren des Daishonin und seines Lebenswerkes dar. Im Gegensatz zu den damals etablierten buddhistischen Schulen widmete sich der Buddhismus Nichiren Daishonins nicht der Anbetung einer bestimmten Gottheit oder eines Buddha. Das Ideal des Lotos-Sutra ist die Erleuchtung aller Menschen. Die Ausübung des Chantens von Nam-Myoho-Renge-Kyo ist das Mittel, das der Daishonin zur Erreichung dieses Ideals entwickelte. Das Chanten ermöglicht uns, die uns innewohnende Buddhanatur zu aktivieren und diese als Lebenszustand der Buddhaschaft auch nach außen hin sichtbar zu machen.

Das Daimoku im Buddhismus Nichiren Daishonins hat dabei zwei Aspekte: den Aspekt des Glaubens (Daimoku des Glaubens) und den der Ausübung (Daimoku der Ausübung). Daimoku des Glaubens bezieht sich auf den spirituellen Aspekt unserer Ausübung. Im Wesentlichen geht es dabei um die in unserem Herzen stattfindende Auseinandersetzung mit unseren Illusionen oder unserer Dunkelheit – um den Kampf gegen die negativen und zerstörerischen Kräfte in uns. Das bedeutet, die Finsternis zu durchbrechen, die unsere Buddhanatur umgibt, und mit der Kraft des Glaubens den Lebenszustand der Buddhaschaft hervorzubringen. Daimoku der Ausübung dagegen bezieht sich darauf, dass wir selbst Nam-Myoho-Renge-Kyo chanten und es gleichzeitig auch andere lehren. Hier geht es darum, sich als Beweis unseres spirituellen Kampfes gegen innere Illusionen und Negativität mit Worten und Taten um das eigene Glück und das Glück anderer zu bemühen.

Wenn wir Nam-Myoho-Renge-Kyo chanten, sprechen wir zum einen den Namen der Buddhanatur in unserem eigenen Leben und dem Leben der anderen Menschen aus; zum zweiten rufen wir diese Buddhanatur damit auch hervor. Wenn der Glaube unsere inneren Zweifel und Illusionen besiegt, tritt die Kraft unserer Buddhanatur durch den Klang unseres Daimoku aus dem Inneren an die Oberfläche und wird spontan in unserem Leben sichtbar2.

Der springende Punkt, der den Buddhismus des Daishonin von anderen buddhistischen Schulen der damaligen Zeit unterscheidet, ist die Einführung einer derart konkreten Ausübung, nämlich des Chantens, als Mittel zur Verwirklichung der Buddhaschaft. Von der erstmaligen Verkündung von Nam-Myoho-Renge-Kyo bis hin zu seinem Tod kämpfte der Daishonin voller Leiden – schaft dafür, die Menschen im ganzen Land diesen höchsten Weg der Erleuchtung zu lehren.

Gleich im ersten Absatz von Über die Verwirklichung der Buddhaschaft in diesem Leben spricht der Daishonin klar und umfassend die grundlegende Philosophie zur Errettung und für das Glück der Menschheit an, die das Kernstück seiner Lehre darstellt. (…)

Zusammengefasst enthält [dieser Abschnitt] folgende Aussage: Wenn wir in uns die mystische Wahrheit zum Vorschein bringen, die allen Lebewesen zu eigen ist, können wir uns vom endlosen Leiden aus Geburt und Tod befreien. Der Name dieser mystischen Wahrheit ist Myoho-Renge-Kyo – und das Mittel, sie sichtbar werden zu lassen, ist das Chanten von Myoho-Renge-Kyo.

Wie Nichiren schreibt: „Und dennoch: Wenn Sie Myōhō-Renge-Kyō rezitieren und daran glauben, aber das Gesetz außerhalb Ihrer selbst wähnen, dann nehmen Sie nicht das Mystische Gesetz an, sondern eine unterlegene Lehre.“ (Die Schriften Nichiren Daishonins, Band 1, Seite 3)

Das Konzept der Verwirklichung der Buddhaschaft in diesem Leben bezieht sich auf gewöhnliche Menschen, die innerhalb ihrer gegenwärtigen Existenz die Erleuchtung erlangen. In der Konsequenz heißt das außerdem, dass sie dies erreichen können so wie sie sind. Insofern ist Verwirklichung der Buddhaschaft in diesem Leben gleichbedeutend mit Verwirklichung der Buddhaschaft in der gegenwärtigen Form.

Diese Sichtweise steht in deutlichem Gegensatz zu den dem Lotos-Sutra vorausgehenden Lehren, wonach die Erleuchtung davon abhing, dass man sich zuvor zahllose Leben lang strengen Ausübungen gewidmet hatte. Der Lebenszustand der Buddhaschaft ist mit dem ewigen Mystischen Gesetz verschmolzen und durch unbegrenzte Weisheit sowie überfließendes Mitgefühl gekennzeichnet. Daher neigte man gemeinhin dazu, diesen Zustand als völlig getrennt und weit entfernt vom Leben gewöhnlicher Menschen zu betrachten, die ja in Illusionen gefangen waren. Um die Erleuchtung zu erlangen, so dachte man, müsse erst die tiefe Kluft zwischen dem geistigen Zustand eines Buddha und dem gewöhnlicher Menschen überwunden werden.

Der Buddhismus Nichiren Daishonins stellt klar, dass wir in unserer aktuellen Existenz, in die wir als Mensch hineingeboren wurden, das im Lotos-Sutra erläuterte Konzept der Verwirklichung der Buddhaschaft in der gegen wärtigen Form umsetzen können – d. h. die Buddhaschaft verwirklichen so wie wir sind. Das veranlasste den Daishonin, seine tiefgründige Lehre von der Verwirklichung der Buddhaschaft in diesem Leben zu erläutern. (…)

Warum misst der Daishonin dem jetzigen Leben der Menschen eine so große Bedeutung zu? Natürlich besitzen nicht nur die Menschen, sondern auch alle anderen Lebewesen die Buddhanatur und damit das Potenzial zur Verwirklichung der Buddhaschaft in der gegenwärtigen Form. Doch der Daishonin betont die Verwirklichung der Buddhaschaft in diesem Leben so stark, weil er stets zuallererst das Glück der Menschen im Blick hat.

Das menschliche Herz ist empfindsam, vielfältig und reich, und es vermag Unglaubliches zu leisten. Doch aus genau diesem Grund quält uns oft auch großes Leid. Denn ebenso kann das menschliche Herz gefangen sein in einer Endlosschleife von Negativität und Abwärtsentwicklung.

In vielen seiner Schriften betont der Daishonin immer wieder, wie wichtig und entscheidend das Herz bzw. die Geisteshaltung eines Menschen ist. In dieser inneren Sphäre des Lebens liegt – immer wieder – das Potenzial für die dramatische Wende vom Bösen zum Guten oder umgekehrt. Darum können wir die vom Daishonin dargelegte Lehre der Erleuchtung als einen Prozess ansehen, der mit einem inneren Wandel beginnt. Durch die Kraft des Glaubens können wir die negativen Funktionen in unserem Leben besiegen, die bestimmt sind von der jedem menschlichen Herzen innewohnenden fundamentalen Dunkelheit, und die positiven Funktionen des Lebens zum Vorschein bringen, die der Dharmanatur entsprechen: unsere Buddhaschaft.

 

Teil 2

„Wenn Sie daher Myōhō und Renge rezitieren, müssen Sie den tiefen Glauben aufbringen, dass Myōhō-Renge-Kyō Ihr eigenes Leben ist.“ (Die Schriften Nichiren Daishonins, Band 1, Seite 3)

„Entwickeln Sie tiefen Glauben und polieren Sie Ihren Spiegel fleißig bei Tag und bei Nacht. Wie Sie ihn polieren sollten? Nur durch das Rezitieren von Nam-Myōhō-Renge-Kyō.“ (Die Schriften Nichiren Daishonins, Band 1, Seite 4)

In Über die Verwirklichung der Buddhaschaft in diesem Leben erklärt der Daishonin ausführlich, dass wir die Erleuchtung ohne eine grundlegende Veränderung in der Tiefe unseres Lebens, d. h. ohne eine Veränderung in unserem Herzen und unserem Geist, nicht erlangen können.

Zunächst sagt er, dass die mystische Wahrheit, die in allen Lebewesen vorhanden ist, das Prinzip offenbart, „dass ein Lebensmoment und alle Phänomene sich gegenseitig umfassen.“ (Die Schriften Nichiren Daishonins, Band 1, Seite 3) Demzufolge verkörpert unser Leben bzw. unser Herz in jedem Augenblick alle Phänomene und durchdringt diese gleichzeitig. Dieser Lebenszustand kommt einer Verschmelzung mit dem Universum gleich.

Außerdem warnt der Daishonin davor, das Mystische Gesetz außerhalb unserer selbst zu suchen; denn dann werden wir nicht die Erleuchtung erlangen, wie viel Daimoku wir auch chanten mögen. Im Gegenteil, unsere buddhistische Ausübung verkommt so „zu einer endlosen, schmerzhaften Selbstkasteiung.“ (Die Schriften Nichiren Daishonins, Band 1, Seite 4) Er sagt in aller Klarheit: „Und dennoch: Wenn Sie Myōhō-Renge-Kyō rezitieren und daran glauben, aber das Gesetz außerhalb Ihrer selbst wähnen, dann nehmen Sie nicht das Mystische Gesetz an, sondern eine unterlegene Lehre.“ (Die Schriften Nichiren Daishonins, Band 1, Seite 3)

Als nächstes möchte ich drei Aspekte herausstellen, die die Lehre des Daishonin von der Verwirklichung der Buddhaschaft in diesem Leben so bedeutsam machen.

  1. Indem der Daishonin mit der Einführung des Chantens von Daimoku allen Menschen den Weg zur Erleuchtung in diesem Leben weist, begründet er erstmals eine wirklich humanistische Lehre. Die Tatsache, dass allen Menschen der Weg zur Erleuchtung offen steht, könnte man gewissermaßen als Voraussetzung für eine wahrhaft humanistische Religion betrachten. Hier zeigt sich meines Erachtens der Stellenwert des Prinzips der Verwirklichung der Buddhaschaft in diesem Leben im religiösen bzw. philosophischen Zusammenhang.
  2. Mit seinem Weg zur Verwirklichung der Buddhaschaft in diesem Leben ermöglicht uns der Daishonin, die unbegrenzte Kraft des Mystischen Gesetzes zur Grundlage unseres Lebens zu machen – d. h. ein stabiles und sicheres Leben zu führen, das uns mit Vertrauen und dem Mut zur Eigenständigkeit ausstattet. Das ist die Bedeutung des Prinzips der Verwirklichung der Buddhaschaft in diesem Leben für den einzelnen Menschen.Im Buddhismus Nichiren Daishonins bedeutet die Verwirklichung der Erleuchtung nicht, sich auf eine unvorstellbar lange Reise zu begeben mit dem Ziel, ein prachtvoller, gottähnlicher Buddha zu werden. Es geht vielmehr darum, eine Wandlung in der Tiefe des eigenen Seins zu vollziehen. Diese revolutionäre Sichtweise von Erleuchtung veränderte die traditionelle Auffassung vom Sinn der buddhistischen Ausübung grundlegend.Die Glaubensausübung zielt also nicht darauf ab, irgendwann in der fernen Zukunft den höchsten Gipfel der Erleuchtung zu erklimmen. Stattdessen geht es um einen stetigen inneren Kampf zwischen zwei gegensätzlichen Lebensrichtungen, der sich jeden Augenblick neu entscheiden kann: Bringen wir die uns eigene Dharmanatur zum Vorschein, oder lassen wir uns von unserer fundamentalen Dunkelheit und unseren Illusionen beherrschen? Die unermüdliche Bemühung, unser Leben zu polieren, ist die Essenz der buddhistischen Ausübung.

    „Das Lotos-Sutra ist der König der Sutras, der unmittelbare Weg zur Erleuchtung. Denn es erklärt, dass das Wesen unseres Lebens, das in jedem Augenblick entweder Gutes oder Böses hervorbringt, tatsächlich das Wesen des Mystischen Gesetzes ist. Wenn Sie mit tiefem Glauben an dieses Prinzip Myōhō-Renge-Kyō rezitieren, werden Sie in diesem Leben ganz sicher die Buddhaschaft verwirklichen. Darum sagt dieses Sutra: „Deshalb soll [man] nach meinem Verlöschen dieses Sutra annehmen und beibehalten; dieser Mensch wird sicher und ohne Zweifel den Weg des Buddha erlangen! Zweifeln Sie nicht im Geringsten.“ (Die Schriften Nichiren Daishonins, Band 1, Seite 5)

  3. Das Prinzip der Verwirklichung der Buddhaschaft in diesem Leben ist meines Erachtens so bedeutsam, weil es für die Menschen eine Quelle der Hoffnung ist. Es bahnt einer Veränderung des Schicksals der gesamten Menschheit den Weg. Das ist die ganzheitliche oder universelle Bedeutung dieses Prinzips. (…)

Wenn wir nicht die grundlegenden menschlichen Illusionen von Habgier, Ärger und Dummheit überwinden, werden wir die zahlreichen Probleme nicht lösen können, denen die Weltgemeinschaft sich heute stellen muss; dazu gehören Sorge um das Wirtschaftswachstum, eine inhumane Politik, internationale Konflikte, Kriege, die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich und zunehmende Diskriminierung. Die Schlussfolgerung aus meinen Dialogen mit führenden Denkern ist, dass die einzig wahre Lösung für die Menschen darin liegt, sich selbst zu verändern; der einzige Ausweg ist tatsächlich die „menschliche Revolution“.

Wenn man sich als Mensch verändern will, gibt es nur einen einzigen Weg: die innere Dunkelheit zu besiegen und die seit Ewigkeiten vorhandene Unverletzlichkeit und Würde im eigenen Leben wieder zu entdecken.

Wenn wir diese edle Geisteshaltung kultivieren, die allen Menschen ursprünglich zueigen ist, wird sich das Schicksal der Menschheit unmittelbar verändern. In dieser Überzeugung setzen wir Mitglieder der SGI uns für die Schaffung eines weltumspannenden Netzwerks des Guten ein.

 

 

1Toki Jonin: ein Laienanhänger des Daishonin. Er lebte in Wakamiya im Katsushika-Bezirk der Provinz Shimosa (Teil der heutigen Präfektur Chiba) und war ein Gefolgsmann Graf Chibas. Er war Empfänger zahlreicher Briefe des Daishonin (darunter auch Das Objekt der Widmung zum Be trachten des eigenen Lebens) und bewahrte diese sorgfältig auf.

2Nichiren Daishonin sagt: „Wenn Sie deshalb die Worte des Daimoku einmal rezitieren, rufen Sie damit die Buddhanatur aller Lebewesen
herbei und sie sammelt sich um Sie herum. In diesem Moment werden die Drei Körper Ihrer eigenen inneren Dharmanatur hervorgeholt und zeigen sich: Dharmakörper, Belohnungskörper und Manifester Körper. Dies wird Verwirklichung der Buddhaschaft genannt. Zur Veranschaulichung: Wenn ein Vogel im Käfig singt, versammeln sich alsbald die vielen Vögel des Himmels um ihn herum. Und wenn der Vogel im Käfig das sieht, strengt er sich an, um herauszukommen.“ (Die Schriften Nichiren Daishonins, Band 1, Seite 164)


Auszüge aus Daisaku Ikedas Vorlesung zu Nichiren Daishonins Schrift Über die Verwirklichung der Buddhaschaft in diesem Leben

Was ist Liebe?

Buddhistische Antworten von SGI-Präsident Daisaku Ikeda auf Fragen der Jugend

Die Schmerzen der Liebe sind ebenso vielfältig wie verschieden. Jeder Mensch hat seinen eigenen Charakter und seine eigene Persönlichkeit; jeder hat seine eigene Vergangenheit, ist anders aufgewachsen. Deshalb gibt es auch keine allgemein gültige Regel, die für die gesamte Menschheit zuträfe. (…) Für wen man sich entscheidet, hängt vom jeweiligen Charakter ab. Im Wesentlichen darf sich niemand in eure Privatangelegenheiten einmischen.

Als Mensch, der viele Jahre der Erfahrung hinter sich gebracht hat, möchte ich jedoch zu Anfangs betonen, wie wichtig es ist, sein Streben nach eigener Entwicklung nicht aus den Augen zu verlieren. (…)

Die Liebe sollte die Kraft sein, die euch hilft, euer Leben zu erweitern und euer ureigenes Potential mit frischer Vitalität und Dynamik hervorzubringen. Dies ist das Ideal der Liebe, aber wie schon das Sprichwort „Liebe macht blind“ sagt, verlieren die Menschen oft jede Objektivität, wenn sie sich verlieben.

Sollte die Beziehung, in der ihr seid, eure Eltern dazu veranlassen, sich zu sorgen, oder euch von euren Studien abhalten oder euch zu zerstörerischen Handlungen treiben, seid ihr und die Person mit der ihr zusammen seid, ein negativer Einfluss aufeinander und ein Hindernis füreinander. Keiner von euch wird glücklich werden, wenn ihr euch im Endeffekt gegenseitig verletzt. (…)

Wenn ihr das vernachlässigt, was ihr eigentlich tun solltet, eure Aufgabe im Leben der Beziehung wegen vergesst, seid ihr auf dem falschen Weg. In einer gesunden Beziehung ermutigen sich zwei Menschen gegenseitig, ihre jeweiligen Ziele zu verwirklichen, während sie ihre Hoffnungen und Träume miteinander teilen. Eine Beziehung sollte Quelle der Inspiration, der Belebung und der Hoffnung sein. (…)

Liebe ist eine komplexe Angelegenheit, die die Philosophie und die Einstellung zum Leben eines jeden Einzelnen widerspiegelt. Deswegen denke ich, dass man nicht unbedacht Beziehungen eingehen sollte. (…)

Trotzdem wird eine Beziehung, in der der Respekt fehlt, weder lange halten, noch werden diese zwei Menschen sich gegenseitig fördern, das Beste aus sich herauszuholen. (…)

Es ist gesünder von den Aspekten seines Partners zu lernen, die man bewundert und respektiert und sich um seine Entwicklung zu bemühen, als in vollkommener Verliebtheit eine Welt zu erschaffen, in der man nur zu zweit existiert. Der Autor des Buches „Der kleinen Prinz“, Antoine de Saint-Exupéry schrieb einst: „Liebe ist nicht, wenn zwei Menschen sich anstarren, sondern wenn zwei Menschen gemeinsam in die gleiche Richtung schauen“. Daraus folgt, dass eine Beziehung länger anhält, wenn beide Partner ähnliche Werte und Überzeugungen teilen. (…)

Wenn eine Beziehung zerbricht, scheint allzu oft die Leidenschaft, die sie einmal hervorbrachte wie eine Illusion. Was ihr euch durch das Lernen aneignet ist jedoch von größerer Dauerhaftigkeit. Es ist daher wichtig, eure intellektuelle Neugier stets zu fördern. (…)

Vieles im Alltag neigt dazu, langweilig und gewöhnlich zu sein. Es kann beschwerlich sein, sich Tag für Tag stetig zu bemühen. Es wird nicht immer Spaß machen. Wenn man sich dann verliebt, scheint alles aufregend und spannend, als würde man die Hauptrolle in einem Roman spielen.

Aber wenn ihr euch nur aus Langeweile verliebt, und ständig von eurem Weg, den ihr eigentlich gehen solltet abspringt, ist die Liebe nichts als eine Flucht. Was ihr da tut, ist ein Rückzug in eine Traumwelt, in dem Glauben, dass das, was unwirklich ist, die Wahrheit ist. Und selbst wenn ihre die Liebe als Flucht nutzt, wird die Euphorie nicht lange halten. Wenn überhaupt etwas übrigbleiben sollte, werden es wahrscheinlich mehr Probleme und Gefühle des Leids und der Traurigkeit sein. Wie sehr ihr es auch versucht, ihr könnt vor euch selbst nicht weglaufen. Wenn ihr schwach bleibt, wird das Leiden euch begleiten, wohin ihr auch geht. Ihr werdet keine Freude erfahren, wenn ihr euch nicht im Inneren ändert. Freude ist nichts, was euch ein anderer, auch kein Geliebter geben kann. Ihr müsst sie allein erschaffen. Und der einzige Weg dies zu tun, ist es, euren eigenen Charakter und eure Kapazität als Menschen zu entwickeln; euer Potential zu maximieren. Wenn ihr euer Wachstum und euer Talent um der Liebe willen opfert, werdet ihr absolut keinen Freude finden. Wahre Freude wird dadurch erreicht, dass man sein volles Potential erkennt. (…)

Ich möchte noch hinzufügen, dass es euch und euren Partnern gegenüber sehr respektlos ist, wenn ihr eine Beziehung beginnt, um vor etwa zu flüchten. (…)

Jeder von euch hat eine kostbare Aufgabe zu erfüllen, die nur er oder sie erfüllen kann. (…) Seine Aufgabe zu vernachlässigen und nur nach persönlichem Vergnügen zu suchen, ist ein Zeichen von Egoismus. Eine egoistische, selbstbezogene Person kann einen anderen Menschen gar nicht wirklich lieben.

Wenn ihr jemanden aufrichtig liebt, könnt ihr euch durch diese Beziehung zu einer Person entwickeln, deren Liebe die ganze Menschheit umfasst. Eine solche Beziehung stärkt, erhebt und bereichert eurer Leben vom Innersten. Schließlich sind die Beziehungen, die ihr entwickelt, eine Widerspiegelung eures inneren Lebenszustandes. Das gleiche gilt für Freundschaften. Genau in dem Maße, in dem ihr euch jetzt poliert, könnt ihr auf herzliche Beziehungen in der Zukunft hoffen.

 

Teil 2

Diese Liebe ist dann wie ein Auto ohne Bremsen. Selbst wenn man aussteigen will, ist es unmöglich. Selbst wenn man es bereut, eingestiegen zu sein, wird der Wagen nicht anhalten. In vielen Fällen gehen die Menschen Beziehungen ein und haben das Gefühl, frei und unabhängig zu sein, finden sich aber zu irgendeinem Zeitpunkt als Gefangene dieser Beziehung wieder.

Jeder von euch ist unendlich kostbar. Daher hoffe ich, dass ihr euch selbst die größtmögliche Achtung gewährt. Bitte wählt keinen Weg, der euch zum Leiden bringt, sondern wählt einen, der euch zum Wohlergehen führt.

Die Wahrheit ist, dass die ideale Liebe nur zwischen aufrichtigen, reifen, unabhängigen Menschen zustande kommen kann. Es ist daher wesentlich, dass ihr erst einmal daran arbeitet, euch zu entwickeln. (…)

Es ist erniedrigend, ständig nach der Billigung des Partners zu suchen. Einer solchen Beziehung fehlt wahre Fürsorge, Tiefe und sogar Liebe. Wenn ihr euch in einer Beziehung wiederfindet, in der ihr auf eine Art behandelt werdet, die euch nicht zusagt, dann habt ihr hoffentlich den Mut und die Würde, euch zu entschließen wegzugehen, statt in einer unglücklichen Beziehung zu verweilen – auch wenn ihr riskiert, verspottet zu werden.

Wahre Liebe zeigt sich nicht durch zwei Menschen, die aneinander kleben. Sie kann zwischen zwei Menschen entstehen, die sich ihrer eigenen Person sicher sind. Ein oberflächlicher Mensch wird oberflächliche Beziehungen führen. Wenn ihr wahre Liebe erfahren wollt, ist es wichtig, zuerst ernsthaft eine starke Persönlichkeit zu entwickeln. Wahre Liebe zeigt sich nicht darin, dass man alles tut, was der andere will oder eine Rolle spielt, die nicht die eigene ist. Wenn jemand euch wahrhaftig liebt, wird er oder sie euch nicht zu irgend etwas zwingen, was ihr nicht wollt, noch wird er oder sie euch in gefährliche Situationen verwickeln. (…)

Wenn ihr auf Ablehnung stoßt, habt bitte die Kraft und Überzeugung zu denken: „Es ist deren Schaden, wenn sie nicht anerkennen können, was für ein wundervoller Mensch ich bin!“ (…)

Bitte lasst euch durch ein gebrochenes Herz nicht entmutigen. Sagt euch, dass ihr nicht so schwach und zerbrechlich seid, als dass eine solche Kleinigkeit dazu imstande wäre, euch fertig zu machen. Ihr glaubt vielleicht, dass niemand mit der betreffenden Person vergleichbar ist, aber wie wird der Vergleich ausfallen mit den nächsten hundert, tausend, zehntausend Menschen, die ihr kennenlernt? Ihr könnt nicht mit Gewissheit verkünden, dass es niemanden geben wird, der diese Person bei weitem übertrifft. Während ihr euch entwickelt, ändert sich die Art der Betrachtung anderer Menschen ebenso.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass viele von euch schon tief verletzt wurden. Vielleicht habt ihr das Gefühl, nicht weitermachen zu können, mit einem zerfetzten Selbstbewusstsein. Aber ihr dürft niemals glauben, wertlos zu sein. Es gibt keinen Ersatz für euch. Ihr seid wertvoller als alle gesammelten Schätze des Universums. (…)

Es ist wichtig für euch, dass ihr stark werdet. Denn wenn ihr stark seid, wird jedes Leid dienlich sein, und das was euch Leid verursacht, wird euer Leben reinigen.

Nur wenn ihr die Tiefen der schmerzlichen, zermürbenden Leiden erfahrt, könnt ihr anfangen, die wahre Bedeutung des Lebens zu verstehen. Gerade weil ihr großes Leid erfahren habt, ist es unbedingt erforderlich, dass ihr weiterlebt. Es ist wichtig, in Bewegung zu bleiben. Wenn ihr eure Traurigkeit als eine Quelle des Wachstums nutzt, werdet ihr eine tiefer fühlende und offenere Persönlichkeit werden – ein noch wundervolleres „Ich“.

 


Auszüge aus: Zukunft Leben

Was bedeutet Kosen-rufu?

Buddhistische Antworten von SGI-Präsident Daisaku Ikeda auf Fragen der Jugend

Die Verbreitung des Mystischen Gesetzes von einer Person zur nächsten ist Kosen-rufu. Genauso die Verbreitung von 10.000 zu 50.000. Aber bei Kosen-rufu geht es nicht um Zahlen; es ist ein Prozess, ein ewiger Fluss. Kosen-rufu ist nichts, was zu einem bestimmten Zeitpunkt aufhört. Wir werden uns nicht eines Tages hinsetzen und sagen: „Nun ja, jetzt ist Kosen-rufu beendet.“ Es würde nicht nur den spirituellen Tod bedeuten, wir würden auch unsere Motivation zur menschlichen Revolution verlieren. Kosen-rufu ist unendlich. Obwohl wir versuchen können, es zu beschreiben, indem wir bestimmte Bedingungen definieren, die erfüllt werden müssen, hat Kosen-rufu in Wahrheit keine gesetzte Form. (…)

‘Kosen’ bedeutet ‘weit verkünden’. ‘Weit’ impliziert, zur Welt frei herauszusprechen, mit einem immer größeren und immer weiteren Spektrum von Leuten. ‘Verkünden’ bedeutet, die eigenen Ideale, Prinzipien und die eigene Philosophie kundzugeben. Das ‘Ru’ von ‘rufu’ bedeutet fließen, ‘ein Strom wie der eines großen Flusses’ und ‘fu’ bedeutet, ‘sich ausbreiten, wie ein ausgerolltes Tuch’.

Die Lehre des Mystischen Gesetzes hat nichts mit dem Auftreten, der äußeren Form oder Stolz zu tun. Es fließt frei zu allen Menschen auf der ganzen Welt. Wie ein sich entfaltendes Tuch breitet es sich aus und bedeckt jeden. Also bedeutet ‘rufu’ , frei fließend, alle erreichend. Wie ein Tuch, wird auch Kosen-rufu mit vertikalen und horizontalen Fäden gewebt. Die vertikalen Fäden repräsentieren das Weitergeben der Lehren Nichiren Daishonins vom Meister zum Schüler, von den Eltern zum Kind, von älteren zu jüngeren Mitgliedern. Die horizontalen Fäden repräsentieren die unvoreingenommene Verbreitung dieser Lehren, nationale Grenzen, soziale Klassen und alle anderen Unterscheidungen überschreitend. Einfach gesagt, ist Kosen-rufu die Bewegung, allen Menschen, aller Klassen und Nationen, durch die korrekte Philosophie und Lehre Nichiren Daishonins, den grundlegenden Weg zum Glück hin und das höchste Prinzip von Frieden, mitzuteilen. (…)

Zum Beispiel glaubt jeder Verkäufer sein Produkt – sei es ein Fernseher, Schnellgerichte oder frisches Gemüse – sei das beste und bemüht sich, dass möglichst viele Menschen darüber Bescheid wissen und es kaufen. Dies ist in gewissem Sinne ein Beispiel für die weite Verbreitung (Kosen-rufu) des eigenen Glaubens. Schulverwalter glauben, ihre erzieherische Institution repräsentiere die besten Methoden und brächte Schüler von höchster Qualität hervor, und sie möchten, dass so viele Menschen wie möglich davon erfahren. Ihre Aktivitäten, die Schule zu fördern, konstituieren auch die weite Verbreitung ihres Glaubens. (…)

Wir können nicht alleine leben, isoliert von unseren Mitmenschen. Im Japanischen wird das Wort ‘Mensch’ (jap. ningen) mit zwei chinesischen Schriftzeichen geschrieben, die, wenn sie kombiniert werden, ‘zwischen Leuten’ bedeutet. Es sind unsere Interaktionen mit anderen, durch die wir unser Leben polieren und als Menschen wachsen. Daher ist es nur natürlich, dass wir versuchen sollten, das Verständnis von der Philosophie, das Ideal von dem wir glauben, das korrekteste und gültigste zu sein, mit so vielen Menschen wie möglich zu teilen und es zu fördern. Es ist unsere Pflicht und auch unser Recht. Es ist die Natur der Tiere, Essen nur für sich zu sammeln. Wenn wir die Mittel, die wir gefunden haben, mit denen wir das Glück erreichen können nur für uns behielten und sie nicht mit anderen teilten, würde dies bedeuten, dass wir den Zuständen von Animalität (Selbstsucht) oder Hunger (Gier) erlegen sind. Der Wunsch, die Wahrheit mit anderen zu teilen, die Mittel, um glücklich zu werden mit anderen zu teilen, ist das Kennzeichen der Philosophie, der Erziehung, der Kultur und des Buddhismus. (…)

Kosen-rufu bedeutet, mit unseren Mitmenschen durch Herz zu Herz Dialoge und Freundschaft verbunden zu sein, gemeinsam mit ihnen danach zu streben, den Weg zu finden, um bessere und glücklichere Menschen zu werden. Dieses Bündnis von Individuen, die zusammen für das Glück aller arbeiten, bildet Kosen-rufu.

 


Auszüge aus: Zukunft Leben

Menschliche Revolution

Buddhistische Antworten von SGI-Präsident Daisaku Ikeda auf Fragen der Jugend

„Eine große menschliche Revolution im Leben eines Einzelnen kann das Schicksal einer ganzen Nation und der gesamten Menschheit verändern.“

Die menschliche Revolution ist nichts außerordentliches oder von unseren täglichen Leben getrenntes. Lasst mich euch einige bekannte Beispiele geben.

Sagen wir mal, da gibt es einen jungen Knaben, der seine ganze Zeit damit verbringt, zu spielen statt zu lernen. Eines Tages entschließt er sich dazu, sich darum zu bemühen, seine zukünftigen Chancen im Leben zu verbessern, und er beginnt, seine Studien ernst zu nehmen. Das ist menschliche Revolution. (…)

Oder es gibt einen Vater, der nur an seine kleine Welt denkt – an sich, seine Familie und seine Freunde. Dann entscheidet er sich eines Tages dazu, seine engen Grenzen ein wenig zu erweitern und eine helfende Hand jenen hinzuhalten, die krank sind oder leiden, ernsthaft darüber nachdenkend, was er tun kann, um zu helfen, damit sie Freude im Leben finden können. Das Ergebnis ist, dass er anfängt, an Aktivitäten teilzunehmen, die solchen Zwecken dienen. Das ist menschliche Revolution.

Mit anderen Worten bezieht sich die menschliche Revolution darauf, seinen Blick über das eigene eingeschränkte gewöhnliche Alltagsleben zu erheben und danach zu streben, sich dafür einzusetzen, etwas Erhabeneres, Tiefgründigeres, Allumfassenderes zu erreichen. (…)

Werdet ihr einen Schritt nach vorn gehen oder seid ihr damit zufrieden, wo ihr jetzt steht? Alles in eurem Leben wird durch diese Entscheidung bestimmt. (…)

Die Zeiten, in denen wir die intensivsten Leiden, unerträgliche Qual und scheinbar unüberwindbar festgefahrene Situationen erfahren, sind tatsächlich großartige Möglichkeiten, um unsere menschliche Revolution voran zu treiben. Wenn ihr die Art von Person seid, die dazu neigt, Vorsätze schnell dahin zu schmelzen zu lassen, wenn ihr es schwierig findet, eure Ziele zu verfolgen, dann erneuert einfach euren Entschluss jedes Mal dann, wenn ihr das Gefühl habt, abzudriften. Wenn ihr mutig weiterkämpft, mit Nachdruck vorwärts geht, ungeachtet der Rückschläge und Enttäuschungen, stets mit dem Gedanken behaftet: „Dieses Mal schaffe ich es! Dieses mal siege ich!“, dann werdet ihr letzten Endes eure menschliche Revolution ohne Zweifel vollenden. (…)

Das Leben ist eine komplizierte Sache. Wir werden durch die verschiedensten Faktoren bestimmt – unsere Persönlichkeit, unsere Gewohnheiten, unser Karma, unseren familiären Hintergrund. Es ist sehr schwierig, sich von diesen Faktoren oder Einflüssen frei zu machen, Sie sind alle miteinander verflochten und verknüpft.

Das Leben saust vorbei. Viele verbringen ihre Tage damit, geschäftig herum zu rennen, vollgesogen mit kleinen trivialen Sorgen und oberflächlichen Bedenken. Viele kommen nicht über die sechs niederen Pfade hinaus – die Welten von Hölle, Hunger, Animalität, Ärger, Ruhe und Entzücken. Wie auch immer, wenn wir uns vornehmen, diese niederen Lebenszustände zu durchbrechen und die Zustände von Bodhisatwa und Buddhaschaft zu erreichen, indem wir größeres Mitgefühl in unserem täglichen Handeln und Benehmen zeigen, dann unternehmen wir eine ‘Handlungs’-Revolution – menschliche Revolution. (…)

Es gibt viele Arten von Revolutionen: politische, wirtschaftliche, industrielle, wissenschaftliche, künstlerische, Verteilungsrevolutionen, kommunikative Revolutionen und viele mehr. Jede hat ihre eigene Bedeutung und oft ihre Notwendigkeit. Aber egal was man verändert, die Welt wird sich nicht bessern, solange die Menschen selbst – die leitende Kraft und der weisende Anstoß hinter allen Bemühungen – selbstsüchtig und ohne Mitgefühl bleiben. In dieser Hinsicht ist die menschliche Revolution die fundamentalste von allen, und gleichzeitig ist sie die, die für die Revolution der Menschheit am nötigsten ist. (…)

Das Wort ‘Revolution’ bedeutet ‘Umsturz’. Revolution bedeutet eine plötzliche und dramatische Veränderung. Allmähliche Veränderung über die Jahre, in denen wir wachsen und reifen, ist Teil des natürlichen Prozesses im Leben. Aber die menschliche Revolution ereignet sich, wenn wir die normale Wachstumsgeschwindigkeit überschreiten und eine rapide Veränderung zum Besseren hin erleben. Der Prozess der menschlichen Revolution ist eine Verbesserung, die durch Stetigkeit gekennzeichnet ist und uns befähigt, uns unser Leben lang und durch alle Ewigkeit hindurch zu wachsen und uns zu entwickeln. Wir werden auf unserer Reise in die Selbstvervollkommnung niemals an Grenzen stoßen oder einen toten Punkt erreichen. Glaube ist der Motor, die treibende Kraft für unsere stetige menschliche Revolution. (…)

Es wurden von alters her unzählige solcher Bücher geschrieben, genauso Bücher, die dazu konzipiert waren, zur Selbstverbesserung und Selbstvervollkommnung zu inspirieren. Wenn die menschliche Revolution durch das Lesen allein bewerkstelligt werden könnte, wenn wir unser Karma durch die Kraft von Worten allein ändern könnten, wäre es tatsächlich ein leichtes Vorhaben.

Die SGI verfolgt keine abstrakte intellektuelle Doktrin, aber eine komplette und tatsächliche menschliche Revolution – eine Revolution, in der Menschen ihre grundlegendsten Einstellungen und Denkweisen ändern und ihr Denken, ihre Handlungen und ihr Leben auf das höchste Gut hin ausrichten. Diese Revolution findet im wesentlichen dann statt, wenn unser Leben im Buddhazustand ist. Wenn wir unser Leben mit dem erleuchteten Leben des Buddhas vereinen, können wir die innewohnende Kraft anzapfen, um uns in einer grundlegenden Weise zu ändern. (…)

Menschen haben die einzigartige Kapazität, nach Selbstvervollkommnung und persönlicher Entwicklung zu streben. Wir können uns eine Richtungsänderung unseres Lebens vorstellen, anstatt uns nur treiben zu lassen. Wenn Menschen davon sprechen, erfolgreich zu sein, meinen sie meistens Status und Prestige in der Gesellschaft zu erlangen. Aber unsere menschliche Revolution zu vollziehen, ist eine viel tiefgründigere Bestrebung, denn sie beinhaltet, unser Leben von innen her zu verändern und zu erheben. Die erzielte Umformung ist ewig und viel, viel wertvoller und kostbarer als sozialer Status oder Prestige. Ein Mensch ist ein Mensch. Niemand ist übermenschlich. Deswegen ist es das Wichtigste, einfach der beste Mensch zu werden, der ihr sein könnt. Wie sehr ihr euch auch mit Ruhm, gesellschaftlichem Rang, akademischer Bedeutung, Wissen oder Reichtum schmückt, wenn ihr innerlich verarmt oder bankrott seid, wird euer Leben fruchtlos und leer sein. Was für eine Person seid ihr, wenn ihr all dieser Äußerlichkeiten beraubt werdet, wenn ihr ungeschminkt dasteht, mit nichts als eurer eigenen Menschlichkeit? Die menschliche Revolution ist die Herausforderung, unser Leben am Kern selbst zu verändern.

 


Auszüge aus: Zukunft Leben

Mahayana-Buddhismus und die Zivilisation des 21. Jahrhunderts (Video und Text)
Vortrag von SGI-Präsident Daisaku Ikeda, gehalten am 24. September 1993 an der Harvard Universität, Boston, USA.

Video (Länge: 17:54 Minuten; Sprache: japanisch mit englischen oder deutschen Untertiteln)

Text (deutsche Übersetzung des Vortrags)