Eine Welt aufbauen, in der niemand zurückgelassen wird

24. August 2020, Artikel von SGI-Präsident Daisaku Ikeda, The Times of India

 

In diesem Jahr jährt sich das 75-jährige Bestehen der Vereinten Nationen, die als Antwort auf die beiden globalen Konflikte des 20. Jahrhunderts gegründet wurden. Durch ihre Bemühungen wurden erhebliche Verbesserungen erzielt, beispielsweise im Bereich der Beseitigung von Armut und Hunger sowie im Bereich der Förderung der Menschenrechte und der Bildung.

Doch heute befindet sich die Welt wieder in einer schweren Krise. Neben dem Klimawandel bedroht die beispiellose Pandemie des neuartigen Coronavirus das Leben, den Lebensunterhalt und die Würde der Menschen mit tragischen Folgen.

Es ist wichtiger denn je, dass Regierungen über Landesgrenzen hinweg zusammenarbeiten, um auf diese Herausforderungen zu reagieren. Wir müssen die Zusammenarbeit im Bereich der Prävention stärken und einen kooperativen Rahmen schaffen, um die verheerenden wirtschaftlichen Auswirkungen zu bewältigen.

Ich denke, es ist wichtig, dass wir uns um das akute Leiden der vielen einzelnen Menschen kümmern, das von dem Umfang ökonomischer Verluste oder anderer quantifizierbarer Indikatoren verdeckt werden könnte. Wenn wir uns darum bemühen zusammenkommen, um nach Lösungen zu suchen, sollte für uns im Mittelpunkt stehen, niemals jene zurückzulassen, die in Not sind.

In dieser Hinsicht verdienen, meiner Meinung nach, die Einsichten des Gründungspräsidenten der Soka Gakkai, Tsunesaburo Makiguchi, die er in seiner Schrift Jinsei chirigaku (Die Geografie des menschlichen Lebens) 1903 dargelegt hat, unsere Aufmerksamkeit. Zu Makiguchis Zeiten wurde die Welt von den Kräften des Imperialismus und Kolonialismus verwüstet, und es galt größtenteils als natürlich, Wohlstand auf Kosten anderer Gesellschaften zu erlangen. Er warnte vor einem wirtschaftlichen Wettbewerb nach dem Motto „Nur der Stärkste überlebt“, der sich unaufhörlich beschleunigen könnte und forderte einen Übergang zu humanen und humanitären Wettbewerbsmethoden, die darauf basieren, dass jede und jeder „danach strebt, nicht nur das eigene, sondern auch das Leben anderer zu schützen und zu verbessern“.

In der Welt des 21. Jahrhunderts, in der Globalisierung und ökonomische Integration sehr viel weiter fortgeschritten sind als zu Zeiten Makiguchis, ist die Notwendigkeit einer solchen Veränderung größer als je zuvor.

Makiguchis Denken gründete in dem Bewusstsein, dass diese Welt vor allen Dingen ein Ort ist, an dem wir gemeinsam und miteinander verbunden leben. Die Welt besteht aus einander überlagernden und miteinander verwobenen Aktivitäten zahlloser Menschen und ihren Strömungen wechselseitiger Beeinflussung.

Von der Geburt an ist jeder einzelne Mensch mit der gesamten Welt verbunden. Wenn wir diese Realität außer Acht lassen,
verlieren wir die Existenz derer aus den Augen, die unter ernsten Bedrohungen und gesellschaftlichen Verwerfungen leiden. Was Makiguchi als problematisch empfand, war unsere Tendenz, unser Verhalten auf die Annahme zu stützen, dass unser Leben unabhängig ist von dem der anderen. Er erklärte, dass es daher absolut notwendig sei, dass wir uns ganz bewusst
einem gemeinsamen und geteilten Leben verschreiben.

Auch heute noch versuchen Menschen durch militärischen, politischen und ökonomischen Wettbewerb, Sicherheit und Wohlstand auf Kosten anderer zu erlangen. Dennoch sind wir zweifellos imstande, neue Ansätze zu entwickeln, um Herausforderungen zu begegnen, indem wir eine weltumspannende Solidarität im Handeln erzeugen.

Da Klimawandel und Coronavirus Themen sind, die alle und jeden von uns betreffen, bergen sie ein großes Potenzial und
können als Katalysatoren fungieren, um eine ganz neue Solidarität und Bewegung entstehen zu lassen. Im Zentrum dieser Herausforderung steht in der Tat die Verpflichtung, niemanden zurückzulassen – das zentrale Versprechen, das aus den nachhaltigen Entwicklungszielen der UN-Agenda 2030 hervorgeht.

Indem wir, wo immer wir uns auch befinden, getreu dieser Verpflichtung handeln, können wir diese beispiellose Krise gemeinsam überwinden und einen Paradigmenwechsel bewirken. Dies wird der Menschheit vollkommen neue Horizonte eröffnen.