Ursache und Wirkung

Unsere individuelle Persönlichkeit, unser Charakter und besonders auch die Umstände, in die wir geboren werden, bestimmen unser Leben und sind entscheidend für unser Glück oder Unglück. Das ist die allgemeine Auffassung – doch ist es wirklich so?

In der buddhistischen Weltsicht sind jegliche Gedanken, Worte und körperliche Handlungen Ursachen, die Wirkungen hervorrufen. So haben wir nicht nur durch Ursachen in der Vergangenheit unser jetziges Schicksal selbst geschaffen. Wir können auch durch neu gesetzte Ursachen unsere Zukunft frei gestalten. Im buddhistischen Menschenbild ist das Konzept von Ursache und Wirkung deshalb von zentraler Bedeutung.

Im alten Indien glaubte man, dass die Umstände der Wiedergeburt durch die guten und bösen Taten eines Menschen bestimmt würden – durch das sogenannte Karma (Sanskrit für „Tat“ oder „Handlung“). Nach diesem Verständnis von Ursache und Wirkung gibt es für jede gute Ursache eine Art „Belohnung“, für jede schlechte Ursache eine Vergeltung. Der Nichiren-Buddhismus bezeichnet dieses Konzept als allgemeine Kausalität. Stellen wir uns einmal vor, wir müssten für jede böse Tat aus der Vergangenheit eine entsprechende Wirkung erfahren. Dann bräuchten wir unendlich viel Zeit, vielleicht sogar mehrere Existenzen, um in den „Plus-Bereich“ eines glücklichen Lebens zu gelangen. Solange wir in dieser Sichtweise feststecken, werden uns notgedrungen Gefühle der Hoffnungslosigkeit und Ohnmacht quälen.

Nichiren jedoch war zutiefst davon überzeugt, dass jeder Mensch hier und jetzt ein glückliches Leben führen kann. Er errichtete eine Lehre, mit der wir unser „festgelegtes“ Karma oder Schicksal durchbrechen und unser Leben in eine positive Richtung entwickeln können. Wie er darlegte, liegt die grundlegende Ursache für unser Leiden in unserer eigenen Unfähigkeit, an die Existenz der Buddhanatur in uns selbst und anderen zu glauben. Diesen Zweifel bzw. Unglauben zu beseitigen und die Welt der Buddhaschaft hervorzubringen, stellt eine tiefergehende Kausalität [Ursache-Wirkungs-Prinzip] dar. Diese „größere Kausalität“, befähigt uns, unser Karma grundlegend zu verändern.

Wenn wir Nam-Myoho-Renge-Kyo vor dem Gohonzon rezitieren, zeigen wir den Zustand der Buddhaschaft und reinigen unser „negatives“ Karma. Dabei gleicht das Hervortreten oder Öffnen der Welt der Buddhaschaft einem Sonnenaufgang. Wenn die Sonne im Osten aufgeht, verblassen die Sterne bis zur Bedeutungslosigkeit, obwohl sie am Nachthimmel noch so lebhaft gefunkelt haben. Die Sterne symbolisieren die von uns gesetzten Ursachen aus der Vergangenheit. Auch wenn sie immer da sind: Sobald die Sonne der Buddhaschaft aufgeht, verlieren sie ihre Leuchtkraft. Der Einfluss der schlechten Ursachen aus der Vergangenheit verblasst und wir leiden nicht länger unter den negativen Wirkungen unseres Karmas.

SGI-Präsident Daisaku Ikeda erläutert dazu: „Das Prinzip der ‚größeren Kausalität‘ befreit die Menschen vom Karma oder Schicksal. Der Buddhismus erklärt das Karma, um zu zeigen, wie man es umgestalten kann. Außerdem beschränken wir den Blick nicht auf unser persönliches Karma. Wenn wir erst einmal die Ketten unseres eigenen Karmas abgeschüttelt haben, machen wir uns an die Befreiung der anderen, die ebenfalls an ihrem Karma leiden. Und letztendlich wenden wir uns der Aufgabe zu, das Karma der ganzen Menschheit zu verändern. Das ist der Weg zur Verwirklichung der Buddhaschaft für sich und andere.“ (Die Welt der Schriften Nichiren Daishonins, Band 2, Seite 41 ff.)