Offenbaren der ursprünglichen Identität

Manchmal können uns Schwierigkeiten so an unsere Grenzen bringen, dass wir förmlich daran zerbrechen. Selbst Nichiren machte diese Erfahrung: Wegen seiner humanistischen Überzeugungen wurde er verfolgt und beinahe getötet. Wie geht ein Buddha mit solch existenziellen Krisen um? Was können wir daraus lernen? Diese Fragen beantwortet das buddhistische Prinzip vom Ablegen der vorläufigen und vom Offenbaren der ursprünglichen Identität.

Weil er die Machthaber gegen sich aufgebracht hatte, wurde Nichiren schließlich von einem Trupp Soldaten festgenommen, die ihn zu seinem geplanten Hinrichtungsort führten. Er selbst blieb vollkommen gelassen. Abgesehen davon, dass sein Lebenszustand sogar seine Feinde beeindruckte und letztlich wohl zu seiner Begnadigung führte, versetzte ihn der drohende Tod erstaunlicherweise nicht in Angst oder Panik. Mit folgenden Worten beschreibt er, wie er die Situation wahrnahm: „Am zwölften Tag des neunten Monats (…) wurde diese Person namens Nichiren enthauptet. Seine Seele gelangte auf diese Insel Sado und nun (…) schreibt sie dies für seine nahestehenden Schüler.“ (Die Schriften Nichiren Daishonins, Band 1, Seite 340)

In dem Augenblick, als der Henker Nichiren enthaupten wollte, zeigte sich ein gleißender Komet am Nachthimmel. Erschreckt ließen die Soldaten von ihm ab. So wurde Nichiren in Wirklichkeit gar nicht hingerichtet. Doch empfand er den Augenblick, in dem er dem Tod ins Auge blickte, anscheinend so, als ob sein „altes“ Selbst gestorben wäre. Erst ab diesem Zeitpunkt begann er, Gohonzons einzuschreiben und seine wichtigsten Schriften zu verfassen. Die größte Krise seines Lebens führte also dazu, dass Nichiren seine Lebensaufgabe erfüllen konnte. Er wurde kein anderer Mensch, doch er offenbarte ein neues, größeres Selbst: seine Buddhanatur. Dieses wahre Selbst ist es, das er im übertragenen Sinne als „Seele“ bezeichnet.

Das bedeutet: Gerade wenn wir das Gefühl haben, in einer Sackgasse zu stecken, kann der gefühlte „Tod“ unseres kleinen, oberflächlichen Selbst der Weg zur Öffnung unserer Buddhaschaft sein. Eine solche Entwicklung der Persönlichkeit bezeichnet der Buddhismus als Ablegen der vorläufigen und Offenbaren der ursprünglichen Identität. Der Begriff vorläufige Identität wurde zunächst für denjenigen Shakyamuni verwendet, der die Erleuchtung erstmals in diesem Leben erlangt hatte. Erst das Lotos-Sutra offenbarte Shakyamunis ursprüngliche Identität: Er hatte bereits vor unvorstellbar langer Zeit die Erleuchtung erlangt – und verdeutlichte damit, dass die Buddhaschaft nicht eine erworbene Fähigkeit, sondern eine dem Wesen eigene Identität ist. Nichiren erinnerte sich angesichts der drohenden Hinrichtung an seine überaus wichtige Aufgabe für die Menschheit. So öffnete er seine Buddhaschaft und konnte gelassen bleiben und sogar Freude empfinden.

Wenn auch wir uns unserer Identität und Aufgabe als Bodhisattvas aus der Erde bewusstwerden, gibt es keine Mauer, die wir nicht durchbrechen können. Wir, die Bodhisattvas, wünschen uns von ganzem Herzen das Glück anderer Menschen und zeigen ihnen deshalb den Weg zu ihrer eigenen Buddhanatur. Dieser Wunsch und diese Tat bringen die unendliche Kraft des Buddha aus unserem Leben hervor. Menschen mit einem Aufgabenbewusstsein sind stark. Dadurch können sie allen Schwierigkeiten gelassen und angstfrei entgegentreten. Sie können ihre Probleme überwinden und dadurch eine tiefgründige Entwicklung als Mensch machen.

SGI-Präsident Daisaku Ikeda erläutert das Offenbaren der ursprünglichen Identität so: „Wie kann man solch einen starken Lebenszustand entwickeln? Ich glaube, dass dies der Kraft eines Schwurs zu verdanken ist. Wenn wir unser Leben der Erfüllung eines großen Versprechens [für Kosen-rufu] widmen, entwickelt sich unser Lebenszustand grenzenlos. Solch ein Versprechen hilft uns, die Dunkelheit zu vertreiben und in Übereinstimmung mit der wesentlichen Natur der Phänomene zu leben. Das Herz eines Menschen, der zu diesem ursprünglichen Schwur erwacht ist, kennt keine Hindernisse. Der Körper mag verletzlich sein, doch der Geist ist absolut unzerstörbar. Eine solche Kraft entwickelt jemand, der ein Leben des Mitgefühls führt.“ (Die Welt der Schriften Nichiren Daishonins, Band 1, Seite 218)