Unser Umgang mit der Vergangenheit bestimmt den Blick auf die Zukunft

aus einer Serie von Essays von Daisaku Ikeda, die von Mai 2006 bis April 2007 in der Japan Times erschienen sind

Darüber zu sprechen, was früher wirklich geschah, ist ein Akt der Hoffnung für die Zukunft. Daher schulden wir es den jungen Generationen des 21. Jahrhunderts, über den Hass des Krieges und über das Friedensversprechen zu reden, so wie es sich am 15. August 1945 im Leben vieler Menschen eingeprägt hat.

Eine Umfrage, die letztes Jahr in Japan durchgeführt wurde, zeigte bestürzende Ergebnisse: Nur 45 % der Japaner in ihren Zwanzigern
und knapp 26 % der Jugendlichen wussten, wann genau der Zweite Weltkrieg zu Ende ging. Und auf die Frage, ob sie glaubten, dass Japan zu ihren Lebzeiten in den Krieg ziehen werde, antworteten 15 % der Befragten in ihren Zwanzigern mit „ja“. Einer von vier Jugendlichen rechnet damit, Krieg zu erleben. Zwischen diesen Ergebnissen besteht ein direkter Zusammenhang. Eine gesunde Einschätzung der Zukunft ist ohne das genaue Wissen der Vergangenheit nicht möglich.

Der 15. August 1945 war für Japan der Tag der Niederlage im Zweiten Weltkrieg. Gleichzeitig war es für die Menschen in Asien ein
Tag der Befreiung von der grausamen Herrschaft des japanischen Militarismus. Auch viele Japaner fühlten sich befreit. Nie werde ich
den Anblick meines Vaters vergessen, wie er, gesundheitlich bereits angeschlagen, die Namen seiner vier eingezogenen Söhne aufsagte
und dabei murmelte „bald werden sie zu Hause sein“.

Für die Japaner von heute sollte der 15. August ein Tag sein, an dem das Versprechen erneuert wird, anhaltenden Frieden zu schaffen.
Und es sollte ein Tag sein, an dem der Entschluss erneuert wird, zur Stabilität und zum Wohlstand Asiens beizutragen.

Das Leid, das den Menschen in Asien durch den japanischen Militarismus zugefügt wurde, ist zu groß und zu tief, um jemals völlig
gesühnt zu werden. Japan muss mit klaren Worten und ernsthaften Aktionen seiner Verpflichtung nachkommen, niemals die Fehler der
Vergangenheit zu wiederholen. Und dies sollte auf eine Art und Weise geschehen, die das Vertrauen der Menschen in Asien gewinnt.

Die ernsthafte Auseinandersetzung mit den Geschichtsrealitäten und den damals begangenen Verbrechen ist kein Masochismus oder
entwürdigend. Es ist vielmehr eine mutige und ehrenwerte Tat.

Das japanische Volk verzichtet in seiner Verfassung auf den Kriegseinsatz und den Besitz von Atomwaffen. Dies ist eine wesentliche
Voraussetzung, um das Vertrauen unserer asiatischen Nachbarländer zu gewinnen. Der Verlust auch nur einer dieser Voraussetzungen
würde die Region destabilisieren und die Sicherheit Japans gefährden.

Die Nutzen, die Japan aus Asien erhalten hat, sind unermesslich. Den Nass-Reisanbau, das chinesische Schriftsystem, Bau- und Ingenieurtechnik, medizinische Behandlungsmethoden, Pharmakologie, Denksysteme und Glaubensüberzeugungen – dies sind nur einige der kulturellen Reichtümer, die aus Asien nach Japan kamen, insbesondere von unseren Nachbarn aus China und von der koreanischen Halbinsel.

Wir haben ihnen nicht nur all diese Dinge oder Ideen zu verdanken. Seit alten Zeiten haben Menschen aus ganz Asien ihre Talente,
ihr Wissen und ihre Energie nach Japan gebracht und mitgeholfen, die Basis für seine Existenz zu schaffen. Es ist wichtig, dass wir eine
größere historische Perspektive einnehmen und uns dieser tiefen und alten Verbindungen mit den asiatischen Ländern bewusst bleiben.
Wir verdanken ihnen ein immenses kulturelles Erbe.

In den letzten Jahren hat sich die Idee einer Ostasiatischen Staatengemeinschaft entwickelt. Im Jahr 2005 wurde zum Beispiel der erste
Ostasiengipfel in Kuala Lumpur abgehalten. Ein wichtiges Ergebnis war die Erklärung, die Gespräche auf höchster Ebene fortzusetzen, um schließlich eine Ostasiatische Staatengemeinschaft zu bilden.

Es gibt eine Anzahl von Themen zur menschlichen Sicherheit, die dringend eine grenzüberschreitende Kooperation benötigen – von
der Erhaltung einer intakten Umwelt bis zu Energiethemen und der Verbreitung von ansteckenden Krankheiten. Indem man solche Probleme angeht, entstehen konkrete Gelegenheiten, gemeinschaftliche Beziehungen in der Region aufzubauen.

Die Basis für die ersten Schritte der europäischen Integration bildete das Gefühl einer gemeinsamen Kultur. Asien ist sehr vielfältig
in seinen kulturellen und religiösen Traditionen sowie politischen Systemen. Aber ich glaube, dass es innerhalb der Region ein gemeinsames geistiges Erbe gibt, das die Harmonie zwischen den Menschen und zwischen Mensch und Natur hoch achtet. Damit meine ich eine Sichtweise der menschlichen Natur, bei der die eigene Identität erst durch die Vertrautheit mit anderen und den Einsatz für sie als erfüllt gelten kann. Dieser „Ethos der Koexistenz“ stellt Kooperation über Rivalität, Einheit über Zersplitterung und ein pluralistisches „Wir“ über ein isoliertes „Ich“.

Um die Anerkennung unserer gemeinsamen Vergangenheit zu fördern, wurden Versuche unternommen, neue Geschichtsbücher
für den Unterricht in ganz Asien zu entwickeln. Diese Bemühungen stecken fest, behindert durch nationalistische Gefühle in verschiedenen Ländern, aber sie sollten nicht aufgegeben werden. Hier können wir ebenfalls vom Beispiel eines kürzlich veröffentlichten gemeinsamen Französisch-Deutschen Geschichtslehrbuchs lernen: ein Projekt, das zuerst vom Europäischen Jugendparlament vorgeschlagen wurde.

Solche Projekte können ein Bewusstsein schaffen, das die Grenzen der einzelnen Staaten überschreitet. Staaten ändern sich durch
den Lauf der Geschichte. Was beständig ist, ist das Volk – also die Menschen und ihre Menschlichkeit.

Wenn wir uns Geschichte mit etwas Abstand betrachten, wird deutlich, wer Kriege anzettelt: Es sind stets autoritäre Führer und solche
Kräfte, die die Flammen des Konflikts für ihren eigenen Nutzen schüren. Und es sind immer die einfachen Bürger, die den Preis
dafür zahlen. Deshalb müssen wir die Konfrontation von „unserem Land“ gegen „deren Land“ überwinden und eine weltweite Solidarität
unter den Menschen bilden, die den dämonischen Missbrauch der Macht herausfordert, wo immer er geschieht.

Asien könnte ein Vorbild dafür werden, sich von einem System, das auf nationalen Interessen basiert, zu einem System zu verändern,
das auf den Interessen des Volkes basiert.

Es ist entscheidend, ein solides und vielschichtiges Netz der Freundschaft und des Vertrauens zu knüpfen, das die gewöhnlichen
Menschen fest miteinander verbindet. Besonders wichtig ist hierbei der Austausch zwischen jungen Menschen, die die Herausforderungen der Zukunft auf sich nehmen werden. Die Solidarität der jugendlichen Bürger Asiens – der Weltbürger – ist unser sicherstes Bollwerk gegen Krieg.

Wenn Menschen zusammen leben, sind Konflikte unvermeidbar. Krieg ist es nicht! Die Vorstellung, dass „wir einen Konflikt haben“
kann umgedeutet werden zu „wir teilen ein Problem“. Ein gemeinsames Problem kann man am besten durch gemeinsame Anstrengungen lösen. Anstatt auf Konfrontation zu gehen, sollten wir uns unserer gemeinsamen Zukunft zuwenden und uns geschlossen für das Wohlergehen der jungen Menschen einsetzen.

Unsere Sprache und Kultur, unser ethnisches und religiöses Erbe mögen verschieden sein; die Zukunft, die wir teilen müssen – die
Zukunft der jungen Menschen in jeder Gesellschaft – ist aber dieselbe.