Wirklichkeit und Weisheit

Ein bekanntes Sprichwort von Konfuzius lautet: „Mit 40 Jahren war ich nicht mehr verwirrt.“ Selbst für einen weisen Menschen wie Konfuzius dauerte es also viele Jahre, um sich von Illusionen zu befreien. Der Begriff Illusion bezeichnet einen Zustand, in dem die Art und Weise wie wir Dinge wahrnehmen und beurteilen, verfremdet ist. Man könnte auch sagen, dass Illusionen den Spiegel unseres Herzens verzerren, in dem andere Menschen und unsere Umstände reflektiert werden.

Nicht selten lassen sich unsere Schwierigkeiten auf solche Illusionen, also verfehlte Wahrnehmungen, Missverständnisse, Vorurteile oder Spekulationen zurückführen. Zu erkennen, was Illusion und was Wahrheit ist, fällt schon in Bezug auf das eigene Leben nicht leicht und ist umso schwieriger, wenn es um grundlegende Probleme der Gesellschaft geht.

Der Buddhismus erklärt, dass es für Menschen fünf Arten des Sehens gibt, beispielsweise mit dem Auge des gewöhnlichen Sterblichen oder mit dem Auge des Buddhas. Erleuchtet zu sein bedeutet, die Welt mit dem Auge des Gesetzes von Ursache und Wirkung und dem Auge des Buddhas zu sehen. SGI-Präsident Daisaku Ikeda erläutert dazu: „Was in Wirklichkeit zählt, ist die Fähigkeit, in die Tiefe zu schauen und die wahre Natur der sich verändernden Phänomene unmittelbar zu erkennen. Ein Buddha beherrscht diese Art zu sehen.“ (Vorlesungen über das Lotos-Sutra, S. 101)

„Die wahre Natur aller sich ständig verändernden Phänomene“ — das ist aus Sicht des Buddhismus die Realität oder Wirklichkeit. Realität ist also, dass sich alles ständig verändert und dabei doch immer Ausdruck der mitfühlenden Gesetzmäßigkeit von Ursache und Wirkung bleibt. Realität ist deswegen auch, dass alle Umstände sich verändern lassen, wenn wir selbst neue Ursachen setzen. Die Fähigkeit, diese Realität zu erfassen und ihr gemäß zu leben und zu handeln, ist nichts anderes als Weisheit.

So fragt Nichiren in einem Brief, ob nicht „der Weg zur Buddhaschaft in den zwei Elementen Wirklichkeit und Weisheit liegt? Wirklichkeit meint die wahre Natur aller Phänomene und Weisheit bedeutet, diese wahre Natur zu erhellen und zu manifestieren. Wenn also das Flussbett der Wirklichkeit unendlich breit und tief ist, wird das Wasser der Weisheit darin unaufhörlich fließen. Wenn diese Wirklichkeit und Weisheit verschmelzen, verwirklicht man die Buddhaschaft in seiner jetzigen Gestalt.“ (Die Schriften Nichiren Daishonins, Band 1, S. 925)

Dies ist das buddhistische Prinzip der Verschmelzung von Wirklichkeit und Weisheit (jap.: Kyochi Myogo). Nichiren definierte die wahre Natur des Lebens als Nam-Myoho-Renge-Kyo und verkörperte seine eigene Erleuchtung – die Verschmelzung von Wirklichkeit und Weisheit – im Gohonzon. Der Gohonzon zeigt uns also die wahre Natur der sich ändernden Phänomene. Wenn wir daher mit starker Überzeugung Nam-Myoho-Renge-Kyo rezitieren, verschmilzt unser Leben mit dem Gohonzon und wir bringen die Lebenskraft und Weisheit unserer innewohnenden Buddhanatur hervor. Nichiren sagt: „Wenn der Himmel klar ist, dann wird die Erde erhellt.“ (Die Schriften Nichiren Daishonins, Band 1, S. 471). Als Folge unserer buddhistischen Ausübung beginnt unsere Weisheit zu strahlen und wir können klar sehen, welche die beste Richtung ist, in die wir gehen sollten.

Dies erläutert Daisaku Ikeda wie folgt: „Leben in jeder Form ist die Manifestation von Nam-Myoho-Renge-Kyo. Das gesamte Universum ist das Mystische Gesetz – alles in der Natur, Musik, Tanz, Theater, Poesie, Glanz, das sprühende Leben, Geburt und Tod, Leiden und Freude, beständiger Wandel, Fortschritt und die höchste Freude des Mystischen Gesetzes. Alles als Manifestation von Myoho-Renge-Kyo zu sehen, bedeutet, das wahre Wesen aller Phänomene wahrzunehmen. Das ist die Weisheit des Buddhas. (…) Mit dem Licht dieser Weisheit können wir die Dunkelheit der Illusion vertreiben, die aus Unkenntnis entsteht. In diesem Sinne ist unser Leben selbst hell. Wir sollen den Ort, an dem wir leben, hell und strahlend machen. Wenn wir zum Licht werden, kann es keine Dunkelheit an diesem Ort geben, ganz gleich, was geschieht.“ (Vorlesungen über das Lotos-Sutra, S. 104 und S. 108)